Reich oder arm macht keinen Unterschied

Von: katrin
4. Dezember 2008

Der Mensch steht im Mittelpunkt: Robert Fossiers unterhaltsam lehrreiches Geschichtsbuch über “Das Leben im Mittelalter”.

Die Klischees sind stets schnell bei der Hand. Wenn vom Mittelalter die Rede ist, setzen die Imaginationsketten immer wieder bei denselben Bildern von Rittern, Mönchen und Burgfräulein, von Leibeigenschaft, dunklem Zeitalter und dem Recht der ersten Nacht ein; ganz zum Trotz, dass ein Gutteil dieser Vorstellungen waschechte Erfindungen der Romantik sind, von Historikern und vor allem Schriftstellern, die sich im 18. und 19. Jahrhundert die Dinge so zurecht legten, wie es ihren Idealvorstellungen und Deutungsmachtansprüchen zupass kam. Dass diese literarische Propaganda noch heute unseren Blick auf die längst vergangene Epoche prägt und trübt, ist im Grunde kaum zu glauben. Meint zumindest Robert Fossier, und man muss sich mit ihm darüber erstaunen: Halten wir uns diese Epoche womöglich absichtsvoll vom Leib? Fossier jedenfalls bringt sie uns so nahe, wie das schon lange keiner mehr getan hat.

Der französische Mediävist will in seinem jüngsten Buch “Das Leben im Mittelalter” nämlich nicht nur in der historischen Mottenkiste aufräumen, sondern überhaupt – wie es sich für ein Mitglied der Annales-Schule gehört – eine ganz andere Geschichte erzählen: “Der Mensch, von dem ich rede, ist weder Ritter noch Mönch, weder Bischof noch ,Großer’ und auch nicht unbedingt Bürger, Kaufmann, Grundherr oder Gelehrter. Es geht vielmehr um den Menschen, der vom Regen, vom Wolf und vom Wein umgetrieben wird, vom Feuer, der Hacke, dem Nachbarn, der Predigt oder dem Segen.”

Fossiers Werk ist damit gleichermaßen Einspruch gegen die instrumentalisierte Historie wie gegen eine, die sich allein auf die Zeugnisse der Mächtigen verlässt: “Das Leben im Mittelalter” handelt von dem Dasein der “Kreatur Mensch”, diesem gar nicht so besonderen “Lebewesen unter allen anderen”, von dessen Ängsten, Nöten und Bedürfnissen jenseits aller Ständeordnungen und davon, wie nah uns diese sind. Zwar ist Fossier dafür lieber auf dem Land als in der Stadt unterwegs, eggt er lieber Felder als einen Kreuzzug zu unternehmen und haust er lieber in Hütten anstatt in Palästen – den Unterschied zwischen Reich und Arm hält er aber für ähnlich überbewertet wie den zwischen Heutigen und Damaligen. Sie waren alle auch nur Menschen, wie wir welche sind: “Im Gegensatz zu der von den meisten Mittelalterhistorikern vertretenen Ansicht bin ich davon überzeugt, dass der mittelalterliche Mensch uns weitgehend glich”, erklärt sich entsprechend der Autor.

Eine unzulässige Gleichmacherei? Aber nein. Denn mit dem Rückgriff auf die grundlegende Physis und Psyche des menschlichen Lebens treten die Differenzen und Distanzen konturierter und konkreter in Erscheinung. Natürlich gebar, spielte, aß, arbeitete, liebte, träumte, glaubte und starb man auch vor 500, vor 1 000 und vor 1 500 Jahren. Nur eben anders als jetzt – wie und warum anders, lauten daher die eigentlichen, interessanten Fragen.

Auf der Suche nach den Antworten bedient sich Fossier volkstümlicher Handbücher, statistischer Aufzeichnungen und anderer materieller Überreste; auf das zeitgenössische Vokabular und die Rhetorik horcht er ebenfalls sehr genau. Doch darf man sich “Das Leben im Mittelalter” keinesfalls als Fußnotenwildwuchs oder Jahreszahlendschungel vorstellen, im Gegenteil: Dieses Buch ist vermutlich Robert Fossiers persönlichstes, ein wahrhaftiges Alterswerk des 1927 Geborenen, das vor allem aus mehreren Jahrzehnten Forschung und Erfahrung schöpft und deshalb gut und gern auf Nachweise und Quellenangaben für jeden Halbsatz verzichtet.

So hat man zuallererst einen Essay und weniger ein ordnungsgemäßes Sachbuch in der Hand, einen Essay allerdings, der spannender ist als es die meisten Ritterromane, Mönchskrimis (“Der Name der Rose” selbstverständlich ausgenommen!) und Burgfräuleinschmonzetten sind.Weil Fossier sich redlich um die Entdeckung echter Erkenntnisse und um die Irritation oder gar Enttäuschung von Allerweltsweisheiten bemüht; weil er das Heute niemals aus dem Blick verliert auf seinen diskursiv verzweigten Wegen durch die Vergangenheit; und schließlich, weil er – herrlich französisch – mit seriöser Leichtigkeit und nettem Pathos (diesen Ton trifft die Übersetzung von Michael Bayer, Enrico Heinemann und Reiner Pfleiderer meist sehr gut) recht geschickt davon ablenkt, wie viel Romantik auch in seinem Buch und dessen Idealen vom “kleinen Mann” und der gleichsam von unten geschriebenen Geschichte steckt. Er ist eben auch nur ein Historiker, ein ausnehmend unterhaltsamer allerdings.

Robert Fossier: Das Leben im Mittelalter. Aus dem Französischen von Michael Bayer, Enrico Heinemann und Reiner Pfleiderer. Piper, München 2008. 496 S., 22,90 Euro.

Erschienen in der Berliner Zeitung, 4.12.2008.

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