Altpapier vom Donnerstag

Von: katrin
11. Dezember 2008

Wie kommen Familien ins Fernsehen? Und dürfen auch Sterbende da hinein? Die Antworten fehlen, die letzten Worte sind noch immer nicht gesprochen.

Eine Aufgabe würden wir den Medienjournalisten dieses Landes gerne mit auf ihren bald noch einsameren Weg geben: Schreibe bitte einer einmal einen guten, schönen und wahren Text über das Verhältnis von Realität und Reality.

Da doktert Ihr doch irgendwie schon länger dran herum. Da müsste doch jetzt endlich mal was echt Bewegendes bei `rauskommen. Zum Beispiel etwas, das eine Haltung jenseits der ironischen bezieht.

Der ‘FAZ’-Fernsehblog tastet sich langsam heran und hat deshalb eine Serie zum Thema gestartet (ja, eine echte Serie und keine Klickstrecke, auch wenn sich deren Prolog in der «FAS» las wie eine; die Bildergalerie der «FAZ» ist heute nämlich Google gewidmet).

«Wie kommt die Familie in die Dokusoap?» fragt Peer Schader in der aktuellen Folge . Die Suche nach der Antwort erwies sich jedoch als nicht sonderlich ergiebig.

Als ich in der vergangenen Woche ein paar Produktionsfirmen darum bat, mir zu erzählen, wie sie an ihre Protagonisten kommen, haben vor allem die für RTL tätigen unisono geantwortet: Dazu sagen wir nichts, bitte wenden Sie sich an RTL. Dort sagt man auch nicht viel, außer: «In der Sendung ‘Mitten im Leben’ werden echte Geschichten erzählt mit echten Protagonisten, die in den jeweiligen Geschichten im Fokus stehen.»

Bernd Graff von der «Süddeutschen» wiederum spürt dem Einfluss der Fiktion auf die Wirklichkeit hinterher. «Es gibt momentan so viel Blut und Gedärm auf unseren Fernsehschirmen wie in gut geführten Schlachthöfen. Das Organ, das noch nicht auf links ins Scheinwerferlicht gedreht wurde, müsste die Evolution erst noch entwickeln», stellt er fest.

Zum Glück hat ihm eine Studie (die entsprechende dpa-Meldung gibt´s beim «Stadt-Anzeiger») das Mutmaßen über die Folgen davon abgenommen, denn Graffs eigene Thesen kamen ja manches Mal nicht so besonders gut an.

Die Probanden, um es von der Leber weg zu sagen, waren umso ängstlicher, je mehr Arztserien sie schauten. Dafür aber fand die Studie heraus, dass die verängstigten Ärzte-Vielseher sich in ihren Ängsten besser in den Krankenhäusern betreut fühlten. Und jetzt die Diskussion:

Die sparen wir uns an dieser Stelle mal. Denn aufschlussreicher ist ohnehin das Interview , das der «Tagesanzeiger» mit dem Studienleiter Kai Witzel geführt hat.

Auch die andere Gelegenheit, die heute Anlass für eine oder gar mehrere Meinungen hätte geben können, verstrich ungenutzt. Stattdessen wird eher frei von der nüchternen Leber weg über die ungewohnt explizite britische TV-Dokumentation des Selbstmordes von Craig Ewert berichtet (z.B. ‘sueddeutsche.de’ , ‘Zeit Online’ , ‘FAZ’ ). Der «Tagesspiegel» weiß außerdem : In Deutschland ginge das nicht. Aber das war´s dann auch.

Wir hoffen also weiter. Und enden für heute mit Schiller:

Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
sie umflattert den fröhlichen Knaben,
den Jüngling locket ihr Zauberschein,
sie wird mit dem Greis nicht begraben;
denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

Erschienen in der Netzeitung.

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