Altpapier vom Freitag

Von: katrin
12. Dezember 2008

ARD für Fortgeschrittene: Beliebte ARD-Serien gibt es online nicht zu sehen, beliebte ARD-Moderatoren kann man dort dagegen hören – aber dafür immer seltener in der ARD.

Sieben Seiten ist der Text lang, in dem das ARD-Jahrbuch sich Gedanken über «Ein nur noch seltenes Paar» macht: «Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Jugend – Strategien gegen den Generationenabriss» lautet sein Untertitel. Eine «jugend-affinere» (diese Anführungszeichen sind nicht von uns!) Gestaltung des Programms sei bereits «in Aussicht gestellt» (diese sind von uns).

Gespannt sein darf man jetzt auf das Strategiepapier, das die Intendanten der GVK im April dieses Jahres zugesagt haben. Es wäre wünschenswert, wenn es neben grundsätzlichen Aussagen bereits auch konkrete Vorschläge enthalten würde, die sich schon bald programmlich umsetzen lassen.


Schreibt Volker Giersch, der Vorsitzende der GVK (Gremienvorsitzendenkonferenz), am Ende. Und während man hier also gespannt ist auf etwas in Aussicht Gestelltes, das vielleicht sogar so konkret werden könnte, dass es sich vielleicht sogar bald umsetzen lassen könnte, sind andere Entscheidungen bereits getroffen worden. Eine etwa, die «Türkisch für Anfänger» betrifft und von der ‘FR’ benannt wird:

«Eine vierte Staffel ist nicht geplant, da durch die Umstrukturierung des Sendeplatzes 18.50 Uhr keine Sendezeit mehr zur Verfügung steht», sagte die zuständige Redaktionsleiterin vom Bayerischen Rundfunk, Bettina Reitz.

Die Sendezeit steht nämlich ab April 2009 der Daily «Made in Germany» zur Verfügung. Ob «Made in Germany» bis dahin dem Sender zur Verfügung steht, ist eine andere Frage.

Und über die rhetorische Ausdrücklichkeit, mit der eine Serie namens «Türkisch für Anfänger» von einer Serie namens «Made in Germany» abgelöst wird, wollen wir lieber gar nix sagen. Reden wir also besser über die ARD-Online-Strategie. Oder besser nicht:

Und was zeigt Das Erste in seiner Mediathek gerade nicht? Genau: die kompletten Folgen von «Türkisch für Anfänger», weder die alten, noch die neuen – obwohl es durchaus Grund zur Vermutung gäbe, dass die Serie im Netz endlich das Publikum fände, das die ARD sonst nicht vor die Glotze kriegt.

Schreibt Peer Schader im ‘FAZ’-Fernsehblog . Nachdem er zu Beginn bereits geseufzt hatte: «Manchmal hab ich das Gefühl, der ARD ist einfach nicht mehr zu helfen.»

Da seufzen wir doch heute lautstark mit. Denn da wäre ja nicht nur die Sache mit «Türkisch für Anfänger». Sondern auch die mit dem Internet-Radiosender byte.fm .

Der hatte zu Beginn seiner Karriere – die vor genau einem Jahr begann – die Sendung «Ocean Club» von der RBB-Welle Radio Eins übernommen, aus «Solidarität», heißt es in der ‘taz’ , hätten die Macher die Aufzeichnung «weitergereicht». Als man in der ARD davon erfuhr, hatte diese Solidaritätsabgabe jedoch ein Ende.

Diese Entscheidung ist juristisch gesehen natürlich völlig korrekt, denn Radio Eins finanziert die Sendung und hat alle Rechte. Unter anderen Aspekten ist das Verbot nicht plausibel: byte.fm hören täglich 7.000 bis 8.000 Menschen – für den Sender erfreulich, aber nach ARD-Maßstäben nicht die Welt. Zudem handelt es sich um ein ehrenamtlich produziertes Kulturprogramm im besten öffentlich-rechtlichen Sinne, und wenn dies geschmückt wird durch eine gebührenfinanzierte Sendung, ist das kein Widerspruch zu dem Zweck von Gebühren. Das sieht man teilweise wohl auch bei Radio Eins so. Die Entscheidung, dass der «Ocean Club» nicht mehr bei byte.fm laufen darf, sei nicht im Haus gefallen, sondern auf ARD-Ebene, heißt es in Potsdam.

Wieso die ARD byte.fm als Konkurrenten betrachtet, scheint keiner recht zu wissen – schließlich sind es zu einem Gutteil ihre Moderatoren, die sich dort engagieren. Sie könnte also (fast) all das haben, was byte.fm hat. Beziehungsweise: hat es ja eigentlich schon. Das will sie nun aber gar nicht mehr haben: Zum Jahresende wird z.B. ‘Der Ball ist rund’ von HR-(und nebenbei byte.fm-)Moderator Klaus Walter abgesetzt.

Was uns das sagt? Immerhin eines: Die Inhalte wandern gar nicht, wie es immer so hübsch suggeriert wird, von selbst ab ins Internet. Nein, nein: Die werden abgewandert.

Erschienen in der Netzeitung

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