Noch eine Talkshow: “2 + Leif”

Von: katrin
6. Februar 2009

Seit Jahr und Tag schreiben nicht wenige Journalisten gegen die TV-Talkshow an – doch die Sender wollen einfach nicht hören. So halten die einen die anderen Medien offensichtlich bei Laune, ohne einander könnte man wohl nicht mehr. Und nun ist schon wieder was passiert, diesmal beim SWR, der Blutdruck des publizistischen Teufelskreislaufs kann also weiter fröhlich ansteigen.
Ist ja auch nicht irgendeiner, der diesen Polittalk moderiert: Thomas Leif kommt nicht aus dem Vordergrund wie Illner, Will und Plasberg, sondern aus dem Hintergrund. Für den SWR war und ist Leif das große Aushängeschild (oder gar Alibi?), wenn es um politischen und/oder investigativen Journalismus geht. Ob das ihm oder seinem Sender nicht mehr genügte, muss an dieser Stelle dahingestellt bleiben, jedenfalls rückte Leif in den vergangenen Jahren öffentlichkeitswirksam in den Vordergrund. Er war einer der ersten, der eine Presenter-Reportage“ präsentierte, und brachte sich im vergangenen Jahr mit seiner Reportage „Quoten, Klicks & Kohle“ ins Gerede, in der er allzu eindeutig für die öffentlich-rechtliche Position im Disput über den Rundfunkänderungsstaats-vertrag warb.
Dass Thomas Leif nun eine eigene Sendung bekommt, die seinen Namen trägt, passt mithin in die Prominenz-Steigerungs-Strategie. Nur scheint man auf seine Personality noch nicht völlig zu vertrauen, der Polit-Talk heißt nicht einfach nur „Thomas Leif“ oder „Leif live“, sondern „2+Leif“. Es gibt also noch zwei Extras, deshalb pulsiert im Vorspann das „+“ auch so vital in Grün. Die Zahl hält Leif dagegen zwischen Daumen und Zeigefinger – man weiß nicht recht: wie ein Dia gegens Licht? Oder um anzuzeigen, wie klein seine beiden Gesprächspartner am Ende sein werden? Und einen Untertitel hat die Sendung auch, besonders glücklich wirkt Thomas Leif jedoch nicht, als er zu Beginn „Willkommen bei 2 + Leif: Argumente zählen“ aufsagen muss.
Die vielleicht wichtigsten aller Fragen, Tisch oder Tischchen?, wurde bei „2 + Leif“ zugunsten des Tisches beantwortet. Er steht auf der Bühne der Berliner Kulturbrauerei, ist hüft- und nicht kniehoch, Leif sitzt daran und lehnt darauf, aber ein Schreibtisch ist das auch nicht. Eher ein ehemals runder Tisch, in den man drei Halbkreise als Gesprächsbuchten gesägt hat. So dass er nun an ein modernes Office-Möbel erinnert und und nicht an einen Ort für gute Gespräche – die überdimensional ins Bild ragende Schreibtischlampe tut ein übriges.
Für die guten Gespräche soll dann wohl das Bier sorgen, das Leif in die Herrenrunde einbringt und als solide Grundlage für humorige Überleitungen betrachtet. Für Scholz gibt es ein alkoholfreies Pils mit Beinamen „Fun“, „Fun haben Sie sonst nicht in der SPD, aber vielleicht ist das heute für Sie ein kleiner Trost“, sagt Leif. Für Kauder darf´s ein Weißbier sein, mit „fast so viel Schaum wie die FDP gerade produziert“.
Auch über die Struktur hat man sich natürlich Gedanken gemacht. Am Anfang kommt ein Einspieler über die Hessen-Wahl tags zuvor; erst sitzt nur ein Gast bei Leif, der zweite kommt fünf Minuten später dazu. Zwischendrin sieht man eine Minireportage namens „Leif vor Ort“, in der Leif von Hubertus Heil und Ronald Pofalla wissen will, wieso man nicht noch einmal eine große Koalition anstrebe. Und am Ende spielt Leif mit seinen Gästen das Wenn-Dann-Spiel. Mit ähnlich rhetorischen Fragen wie zuvor, weshalb Scholz und Kauder weiterhin vor allem mit Widerspruch beschäftigt sind: Nein, Angela Merkel ist nicht sozialdemokratischer als die SPD; nein, das Konjunkturpaket ist nicht nur pure Psychologie; nein, das Ziel Schuldenabbau wurde nicht leichtfertig über Bord geworfen; nein, die CDU strebt nicht die Planwirtschaft an. Eine negative Suggestion ist eben auch nur Suggestion und zeitigt ebensowenig Folgen, die vermeintliche Provokation läuft ins Leere.
Das einzig investigative Moment – ein internes SPD-Papier über die Gemeinsamkeiten mit der Linken – ist nur kurz Thema, Scholz zählt schnell die Unterschiede auf und Leif gibt sich umgehend zufrieden. Wie viel zu oft während der hektischen Sendung. Hätte hier einer tatsächlich die Argumente zählen wollen, säße er noch immer ohne Rechenergebnis da.

Erschienen in epd medien.

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