Jetzt fangen die Blogger auch schon damit an. Die schönen Zeiten, als man Blogs noch las, um zu anderen Blogs oder Texten anderer Autoren ge- und verleitet zu werden, scheinen zu Ende zu gehen. Auch in den einstigen “Online-Tagebüchern”, die sich teilweise zu ordentlichen Aufmerksamkeitsumverteilern gemausert hatten und eben deswegen den ordentlichen Medien gefährlich zu werden drohten, greift die Unsitte des Schottendichtmachens um sich.
Nun empfehlen also nicht mehr nur “Welt Online” und “Sueddeutsche.de” vor allem die Welt-Online- respektive Sueddeutsche.de-Artikel, sondern pflegen auch immer mehr Blogs, zuallererst die eigenen Inhalte zu verlinken. “Ähnliche Artikel” nennt sich die zugehörige Funktion. Eine glatte Lüge, denn “ähnliche Artikel” meint eigene Artikel. Die Professionalisierung der Blogs bringt es offenbar mit sich, dass auch hier die thematische Selbstreferenzialität zur systematischen mutiert.
Natürlich sollten Journalisten besser wissen, dass ein solches Gebaren nicht in Ordnung ist. Tun sie vielleicht auch. Macht aber nichts, denn Eigenwerbung – die freilich nicht als solche gekennzeichnet wird – findet trotzdem statt, sie ist sogar schon so allgegenwärtig, dass man sie gerne übersieht. Man will schließlich lieber nicht so genau hingucken, wenn sich ein Berufsstand gerade selbst ins Aus befördert. Wenn etwa die “Süddeutsche Zeitung” ihre Redakteure dazu bringt, Verlagswerbung zu dichten und diese im redaktionellen Teil zu platzieren; wenn in öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen und Magazinen eigene Produktionen besonders ausführlich und intensiv begleitet werden; wenn Anne Will mit ihren Gästen nach dem “Tatort” über die Arbeitsbedingungen bei Billig-Discountern diskutiert, die gerade Thema des Krimis waren oder wenn die TV-Magazine der Privaten ohnehin aus fast nichts anderem bestehen als der Berichterstattung über “Popstars”, “DSDS” und Dschungelcamp.
Solcher Protektionismus mag im Einzelfall jeweils gut begründet sein, als allgemeines Symptom gelesen zeugt er jedoch von Konkurrenzdruck, Existenzangst und einer daraus resultierenden Dysfunktionalität. Wenn Medien nicht mehr zwischen hier und dort, zwischen diesseits und jenseits vermitteln, sondern nurmehr auf sich selbst verweisen, haben sie den Namen Medien nicht mehr verdient.
Welche grotesken Folgen das haben kann, konnte man jüngst bei Sat.1 beobachten. Alexander Hold – nein, besser: “Alexander Hold” saß zu Gericht, ein Abiturient wurde des Mordes verdächtigt. Eine Freundin entlastete ihn, zur Tatzeit sei sie ihm begegnet, er habe sich auf dem Heimweg befunden, – er wollte noch seine Fernsehsendung sehen, ‘Genial daneben’”. Da rief der im Publikum sitzende Vater dazwischen: “Ja, das stimmt. Markus schaut jeden Samstagabend ‘Genial daneben’.” Und Markus ergänzte: “Ich wollte wirklich wegen der Sendung nach Hause.”
Es ist vermutlich des Fernsehens liebstes Alibi, weil es so schön selbstreflexiv ist: dass einer zum fraglichen Zeitpunkt vor der Glotze saß. Und auch der TV-Kommissar freut sich, da solche Alibis mit einer schlichten Frage nach dem Inhalt schnell zu überprüfen sind. Oder besser: waren. Denn in Zeiten von Festplattenrecorder und Online-Portalen ist diese Methode fraglich geworden. Bei “Alexander Hold” ging die Beweisführung allerdings aus anderen Gründen schief. Der Staatsanwalt fragte zwar brav nach Krimi-Protokoll: “Und worum ging’s diesmal? Was waren die lustigen Begriffe, die man diesmal bei ‘Genial daneben’ erraten musste?” Doch der Verdächtige blieb ehrlich: “Das weiß ich doch jetzt nicht mehr, das läuft doch immer gleich: Die Comedians müssen so eine knifflige Frage beantworten, aber welche Fragen das jetzt an dem Abend waren, weiß ich doch jetzt nicht mehr.” Gelogen war es trotzdem, bald stellte sich heraus, dass der “Genial daneben”-Fan tatsächlich der Mörder war.
So bleiben am Ende also eine ganze Reihe Fragen offen: Sind alle “Genial daneben”-Fans potenzielle Mörder? Oder wird man nur zum Kapitalverbrecher, wenn man seine Lieblingssendung einmal verpasst? Oder ist das Verpassen an sich bereits das Kapitalverbrechen? Wird “Alexander Hold” demzufolge bald nur noch Fälle zu verhandeln haben, die sich auf Nicht-Fernsehen zurückführen lassen? Und was passiert, wenn der Verdächtige dann behauptet, er habe zur Tatzeit “Alexander Hold” gesehen? Das wäre wirklich genial daneben.
Erschienen in epd medien Nr. 11 vom 11. Februar 2009
Genial daneben
Die galoppierende Selbstreferenzialität der Medien
Februar 11th, 2009 § 0