Druckerschwärze aus Deutschland
Der Chamisso-Preisträger Artur Becker

März 5th, 2009 § 0

Artur Becker ist wahrlich kein Dramatiker. Die Geschichte eines Doppelmords, die anderen Autoren zur ganz großen Tragödie geriete, destilliert er in seinem jüngsten Roman „Wodka und Messer“ zur halbseitigen Anekdote: „1967, als Kuba sieben Jahre alt wurde, verlor Tante Ala auf ihrer eigenen Hochzeit in Wilimy das linke Auge …“ Dass Kubas Vater zuvor seine eigene Ehefrau und deren vermeintlichen Liebhaber, Alas Bräutigam, erstach, ist nur eine Episode unter vielen anderen, nicht weniger mythisch-mirakulösen. Im Gegenlicht dieser wilden Fabulierereien erscheinen die Dialoge fast wie seltsam leblose Fremdkörper, das ungebändigte Erzählen liegt dem Schriftsteller mehr als das Inszenieren eines braven Hintereinanders von Handlung, die Gegenwart ist bei ihm zuallererst als erinnernde, als von der Vergangenheit durchsetzte präsent.

Das ist schließlich das große Thema seines Lebens: Sein erster Roman, „Der Dadajsee“ von 1997, erzählte von einem polnischen Arbeiter, der nach langen Jahren in Deutschland in die Heimat zurückkehrt. In seinem jüngsten und bislang umfangreichsten, „Wodka und Messer“, geht es um eben dasselbe. Jakub, genannt Kuba, floh zu Zeiten der Solidarnosc als Dissident nach Berlin – nun kehrt er heim, um dem Tod seiner damaligen Geliebten und der eigenen Herkunft auf den Grund zu gehen.

Wenn man Artur Becker auf das autobiografische Moment jeder Literatur anspricht, sagt er „Ja, ja, ich unterschreibe das sofort.“ Wie sollte er es auch leugnen? Als 16-Jähriger – da hatte er in seiner Heimat Polen gerade als Lyriker debutiert – folgte er seinen Eltern nach Deutschland. Dem Vater seien die wiederholten „dämlichen Gespräche“ mit dem Geheimdienst zuviel geworden, auch die Mutter fürchtete die Ausweitung anti-oppositioneller Maßnahmen. „Wir hatten zuhause Druckerschwärze, die man aus Deutschland geschmuggelt hat, wir hatten sehr viele Zeitungen, Broschüren und Plakate, die heimlich gedruckt wurden. Ich bin mit der ganzen Solidarnosc-Geschichte aufgewachsen, richtig aufgewachsen.“

Dass er seine Heimatlandschaft, die Masuren, 1985 verlassen musste, nennt Becker „natürlich eine Vertreibung aus dem Paradies“. Kein Wunder, dass er sich immer wieder dahin zurückschreibt. „Das Schreiben ist auf jeden Fall eine große Therapie, das hilft mir zu überleben. Ich glaube, ich erzähle so viel von der Vergangenheit und von der Geschichte meiner Landsleute, weil ich mir einbilde, ich könnte damit so viele Geschichten und Menschen retten.“ Das spätbarocke Sofa, auf dem er für das Gespräch Platz genommen hat, steht ihm besonders gut in diesem Moment.

Könnte man Fremdheit an dererlei Oberflächlichkeiten festmachen, dann fiele auch Beckers unzeitgemäße Gestalt ins Auge. Der Krawattenknoten sitzt perfekt, die Schuhe sind blank poliert, der Dreiteiler wirkt maßgeschneidert, Pomade hält die ehemals schwarzen, nun angegrauten, kinnlangen Locken aus dem Gesicht, selbst der Siegelring scheint im Licht glänzend zu reflektieren. Das sieht nicht nach dem 40-Jährigen von heute aus, der er unzweifelhaft ist. Vor allem, da er die elegante Form auch im Dialog beherrscht, man also überrascht feststellt, wie selten eine solch höfliche Entspanntheit und konzentrierte Aufmerksamkeit eigentlich geworden ist.

Was nicht bedeutet, dass Artur Becker nicht gern ins Grundsätzliche driftet. Dann ist von Sokrates und von Thomas von Aquin die Rede, wird Giordano Bruno gelobt und zwischendrin nicht nur einmal der polnische Dichter Czesław Miłosz zitiert. Lauter Vernünftige also, darin jedoch äußerst Ungehorsame. Vorbilder, natürlich, er selbst ist schließlich auch keiner, der sich vor der eigenen Meinung ziert. Über die EU zum Beispiel: „Man hat in Polen einfach Moskau gegen Washington getauscht und Warschau gegen Brüssel. Dieser Apparat ist riesig, und an einer solchen Bürokratie sind schon so viele Staaten zugrunde gegangen.“

Von literarischen Regeln hält er ebenfalls sichtlich wenig, wer die Ordnung sucht in seinem jüngsten Roman, der wird es schwer haben. „Wodka und Messer“ ist in zehn „Teile“ gegliedert, von denen einige kaum mehr als eine Seite dauern, andere dagegen in zahlreiche – teils nummerierte, teils betitelte, teils nummerierte und betitelte, teils weder nummerierte noch betitelte – Einzelabschnitte untergliedert sind. Von den sprechenden Messern, geisterhaften Omnibussen, mörderischen Seen, wunderheilenden Ex-Rabbis-jetzt-Priestern und wiederauferstehenden Toten ganz zu schweigen. „Ich kenne es aus meiner Kindheit, dass tote Dinge einen Namen hatten und sprechen konnten. Das wurde von vielen Rezensenten ja sehr kritisiert“, erklärt Becker. „Aber die werden sich wundern, wenn sie eines Tages alt sind und mit manchen Dingen zu sprechen anfangen.“

Es war im Jahr 1989, da der Schriftsteller nicht nur die politische Wende in Europa erlebte, sondern auch die eigene literarische unternahm – wofür er nun mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet wird, der eben jene Autoren würdigt, die auf Deutsch schreiben, obwohl es sich dabei nicht um ihre Muttersprache handelt. „Ich dachte mir damals: Deine Seele ist sowieso ziemlich chaotisch, also musst du zumindest auf dem Schreibtisch Klarschiff machen. Und dann fiel die Entscheidung für die deutsche Sprache.“ Als „dienstliche“ Sprache, wie er hinzufügt, denn zur Heimat taugt sie nicht, diesen Glauben hat er aufgegeben. Seine Identität ist eben keine einfache Sache, sondern von jener doppelten Natur, die er auch Kuba andichtet, wenn er in dessen Bauch den Embryo des Zwillingsbruders beherbergt. Kubas Spitzname „Doppelnabel“ passte deshalb auch auf Becker selbst, der in den Anfangsjahren der Emigration stets mit zwei Pässen reiste, „den deutschen zeigte ich den deutschen Grenzbeamten, den polnischen den polnischen“. Dieses andauernde Einreisen hat freilich längst ein Ende, die Remigration findet allein in seinen Büchern statt, ist eine rein literarische Angelegenheit, ohne Option auf Verwirklichung. „Ich kann nicht mehr zurück“, sagt Artur Becker, „das wäre eine unendliche Reise.“

Erschienen in: Berliner Zeitung, 5.3.2009

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