„All the News That’s Fit to Print“ lautet seit über 100 Jahren der Slogan der „New York Times“. Als im November 2008 die Yes Men – eine Gruppe Aktivisten, die seit Jahren im Fleisch der Marktwirtschaft herumstacheln – nach eigenen Angaben über eine Million optisch getreue Fälschungen der alten Tante in Umlauf brachten, stand stattdessen „All the News We Hope to Print“ links oben zu lesen. Zu diesen wünschenswerten Nachrichten gehörten nicht nur das Ende des Irakkriegs, die Verstaatlichung der Energiefirmen und die Anklage von George W. Bush wegen Hochverrats, sondern auch die Spalte namens „Corrections: For the record“.
In der ersten dieser Korrekturen fürs Protokoll entschuldigte man sich im Namen der „Times“ dafür, stets von „special interest“ gesprochen zu haben, wenn von den Interessen bestimmter Bürgergruppen die Rede gewesen sei, und stets vom „Nachgeben“, wenn die Politik diesen Interessen gefolgt sei – während im Zusammenhang mit Unternehmensinteressen nie von einem „Nachgeben“ die Rede gewesen sei. „Die Times bedauert, dass unser Sprachgebrauch den Eindruck erweckt haben könnte, dass die Interessen von Unternehmen wichtiger sind als jene der Bürger“, lautete der letzte Satz dieser wunderschönen wünschenswerten Nachricht. Die Yes Men kennen das Original ihrer frechen Kopie – und die Medien als solche und überhaupt – offensichtlich sehr genau.
„Dank an THE YES MEN für die Inspiration durch ihre New York Times“, ist auf der ersten Seite der Falschausgabe der „Zeit“ zu lesen, die am 21. März in Deutschland in Umlauf gebracht wurde. Auch dort tut einer so, als spräche er im Namen des Originals, er nennt sich Matthias Trocken – als Referenz an den echten Vize-Chefredakteur der „Zeit“, Matthias Naß. In dem Editorial namens „Warum das so ist – Die ZEIT hat sich verändert“ ist von journalistischer Rhetorik allerdings keine Rede. Stattdessen davon, dass die „Zeit“ sich in der Vergangenheit „mehr als Teil der Macht verstanden denn als ihr kritischer Gegenpart“ verstanden habe, und davon, „dass unsere Chefredakteure und ich als stellvertretender Chefredakteur in zahlreichen Elitezirkeln vertreten waren, die die Öffentlichkeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Ich selbst habe seit 1997 an den sogenannten Bilderberg-Konferenzen teilgenommen.“ Und davon natürlich, dass sich das nun ändern werde. Das also sind die Nachrichten, die sich die deutschen Nachahmer wünschen.
Das völlige Ausbleiben jeglicher medialer Reflexion in der Falschausgabe ist natürlich symptomatisch. Im Gegensatz zum New Yorker Original musste man beim
deutschen Nachfolger auch nicht lange raten, um zu erfahren, wer dahintersteckt, im Gegenteil. Bereits auf der ersten Seite findet sich ein regelgerechtes Impressum, „DIE ZEIT, Neu gegründet 2010, c/o Attac Bundesbüro“ heißt es da, die Attac-Pressestelle gab zudem, damit es auch wirklich keiner verpasst, eine Pressemeldung heraus. Auf der zugehörigen Fake-Website www.die-zeit.net finden sich im Kopf der Seite sowie beinahe unter jedem Artikel Links, die auf die Seite von Attac führen. So gut und im Sinne der Menschheit das auch gemeint sein mag: Das sind keine Techniken der Aufklärung, sondern Techniken der Propaganda. Diese Falschausgabe der Zeit ist zuallererst eine Attac-Werbebroschüre und leider erst im zweiten Schritt ein Dokument, das von einer besseren Welt träumt. Den Vorwurf des „embedded journalism“, den die Autoren vor allem gegen den Polit- und Wirtschaftsjournalismus erheben, müssten sie sich selbst also kaum weniger lautstark machen. Tun sie aber nicht.
„Unsere Aufgabe als Journalisten besteht nicht darin, mit am Tisch zu sitzen, sondern zu berichten und kritische Fragen zu stellen“, heißt es entsprechend unbedarft am Ende von Matthias Trockens Als-Ob-Läuterungs-Editorial. Das unterschriebe man natürlich sofort und gerne – wenn man sich nur sicher sein könnte, dass Attac damit nicht wieder nur die Bösen, sondern auch sich selbst meint. Und das kann man nach dieser Falschausgabe leider nicht.
Erschienen in epd medien, No. 24, 28.3.2009
Embedded bei Attac: Der faule Zauber des Als-Ob
März 28th, 2009 § 0