Gehversuche auf unsicherem Boden
Gwendoline Riley erzählt vom Erwachsenwerden in Manchester

Von: katrin
15. Mai 2009

Ans Hinfallen hat sich Esther längst gewöhnt. Schon in jüngeren Jahren hatte ihr eine Lehrerin mit Blick auf die vielen Schürfwunden den Rat gegeben, ihre Schuhe besser mit Nägeln auszustatten, um nicht dauernd den Boden unter den Füssen zu verlieren. Auch die Rückkehr ins heimische Manchester nach einem längeren Aufenthalt in den USA ist eine rutschige Angelegenheit.

Es ist Winter, es ist Schneematsch, es ist Eisesglätte. Der Weg zu ihrer Haustür scheint fast unüberwindbar, «am liebsten würde ich mich auf alle viere niederlassen und krabbeln; das wäre garantiert am sichersten». Drinnen warten, nicht weniger symbolisch, eine Menge unausgepackter Kisten, «die aus der Zeit stammen, als ich noch dachte, ich würde ganz weggehen», sowie ein Haufen leerer Gin-Flaschen. «Die solltest du wegbringen», mahnt Donna. «Schaff zumindest Platz für die neuen.»

Ungerührt und nebenbei


Tatsächlich geht das Leben der Anfangzwanzigerin genau so weiter wie vor ihrer Reise nach Übersee, die ohnehin keine Rolle spielt in diesem Buch. Das grosse Thema der dreissigjährigen britischen Autorin Gwendoline Riley ist ihre Heimatstadt Manchester. Deren Bars, Trottoirs und schrägen Bewohnern hat sie bereits in ihrem Debütroman «Cold Water» ein charmant pubertäres Denkmal gesetzt.

In ihrem Zweitling «Krankmeldungen» heisst die Erzählerin nun also Esther statt wie zuvor Carmel, der Ton jedoch ist derselbe prägnant lakonische. Auch Esthers Universum ist gegen alles, was man Lebensernst nennt, gut abgedichtet, es wird viel geredet, noch mehr getrunken und manchmal ein wenig geliebt.

«Ich sollte mit ein wenig mehr Relevantem aus meiner Geschichte aufwarten, ein paar Szenen aus meiner Vergangenheit», unterbricht sich Esther folglich bald. Die Episode vom gewalttätigen Ex-Freund ist allerdings nur eine unter vielen, den Rest ihrer elenden Biografie serviert sie ähnlich ungerührt und nebenbei. «Keine Sorge. Nachher kotze ich das Ganze wieder raus», beruhigt sie etwa ihren Begleiter, als sie beim Essen ordentlich zulangt. Und fügt im Stillen hinzu: «Er meint, ich hätte einen Witz gemacht.» Solche stummen Gegenreden gibt es viele in diesem Roman.

Aufmerksamer Blick


Gwendoline Rileys Zynismus ist stets derart ironischer Natur, in «Krankmeldungen» findet sich keine Spur jener pathetischen Pathologisierung, deren sich junge Autorinnen gerne bedienen. Im Gegenteil: «Ich bin nicht eitel, sondern einfach nur unsicher. Ich habe ein geringes Selbstwertgefühl», erklärt Esther. «Ich kann es bis zu einem bestimmten Ereignis in meiner Kindheit zurückverfolgen.» Nur würde diese Nabelschau wohl nichts daran ändern, es ist eben so, wie es ist, sagt dieses Buch. Und bewahrt gerade deshalb einen aufmerksamen Blick für die Momente, in denen die Bodenlosigkeit der Welt sicht- und beschreibbar wird.

Gwendoline Riley: Krankmeldungen. Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009. 204 S., Fr. 32.90.

Erschienen in Der Bund, 15. Mai 2009

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