„Endland“: Stories von Tim Etchells

Dezember 20th, 2009 § 0 comments

Die Filme von David Lynch zum Beispiel, oder die Inszenierungen von Christoph Marthaler: die versieht manch einer gerne mit dem vermeintlich schmuddelig gewordenen Etikett „Postmoderne“ oder „Dekonstruktion“, um anschließend nichts weiter darüber sagen zu müssen – als handelte es sich dabei nicht um „richtige“ Kunst, sondern „nur“ um eine abseitige Spielart, die mit dem Wesentlichen wenig zu tun habe. Allerdings ist das genaue Gegenteil der Fall: Lynch und Marthaler gehören zu denjenigen Künstlern, die sich absolut der Logik ihres Mediums anheim geben, um sie auf der Oberfläche ihrer Werke zu reflektieren, zu irritieren, zu zerstören und sich auf derbe, groteske und autoritäre Art zunutze zu machen. Intelligenter kann gute und unterhaltsame Kunst aktuell kaum sein.
Auf dieses postmoderne Gruppenfoto passte auch Tim Etchells, der Chef der Theatergruppe „Forced Entertainment“, die mit ihrem Sinn für Performativität schon länger und immer wieder für Furore sorgt. Es verwundert mithin, dass Etchells literarische Arbeiten hierzulande so lange unbeachtet blieben. Ohnehin und zum Glück hat das nun ein Ende: „Endland“ heißt der Band, der Tim Etchells´ Stories versammelt und eben im Berliner Diaphanes Verlag erschienen ist. Wenn Lynch also Film-Filme macht und Marthaler Theater-Theater, dann schreibt Etchells Literatur-Literatur: Er verhilft der Sprache zu ihrem Recht, indem er aus den Versatzstücken des Diskurses und entlang der Buchstaben eine neue Welt baut, die auf das Jenseits der Buchdeckel nur insofern Bezug nimmt, als sie sie unterminiert.
Das fängt schon mit dem Titel des Buches an, der den Ort der Handlung all der Kurzgeschichten benennt: Nur ein Buchstabe unterscheidet Endland von England, und das nicht einmal besonders deutlich. Deswegen heißt es bei Etchells auch nicht einfach „Endland“, sondern steht da immer „Endland (sic!)“, und wahrlich, es ist ein seltsamer, ein apokalyptischer Ort: Es scheint einen König zu geben, irgendwo herrscht ein Krieg, der nicht weiter beim Namen genannt wird, sich manchmal in der Ferne hörbar macht, manchmal mitten in der Story detoniert. Die Götter heißen Apollo 12, Haferbrei oder Spachtel, um Naomi Campbell zu gewinnen, nehmen sie sogar an Quizsendungen teil; die Menschen scheinen meist ziemlich kaputt, wenn sie nicht das Glück haben, in einer Pornoproduktion zu arbeiten, dann haben sie wenigstens das Pech, dass ihr Geburtstag wegdezimalisiert wird oder ihre Eltern erschossen werden. Das Überleben ist hier nicht unbedingt das Beste, das einem passieren kann.
Die einzelnen Stories sind Biografien im Schnell- oder sogar Schnellstdurchlauf, am Ende einer Aneinanderreihung kruder Fakten steht mindestens das Verschwinden in die Unsichtbarkeit, höchstens der Tod. Die mit Abstand kürzeste Geschichte in „Endland“ lautet: „Mortons größtes Problem war sein loses Mundwerk. Auch sein Bruder Kermit war ein ziemlicher Wichser. Es traf sich, dass in der Stadt*, in der sie beide in Endland (sic!) lebten, der Ausnahmezustand verhängt wurde. Die britische Armee übernahm die Kontrolle und die beiden wurden bald von einem Exekutionskommando erschossen“, am unteren Seitenrand steht noch: „*Liverpool“. „Frauentauscher“ wiederum beginnt: „Vargis war ein perverser Frauentauscher. Er tauschte seine Frauen gegen eine Menge Dinge, aber am Ende tauschte er sie einmal zu oft und der Kerl, mit dem er sie tauschte, wollte sie nicht mehr zurückgeben. Das war 1970, aber alle Jahreszahlen stimmen nur so ungefähr. Armer Vargis. Fortan war die Erde für ihn nur noch eine im All dahintreibende verkohlte und verlassene ausgebrannte Ödnis. Vargis begann Tupperware zu verkaufen. Er schnüffelte Feuerzeugflüssigkeit. Er ging mit Männern aus, die Frauenkleider trugen. Er las ‚poetische Bücher’© voll GROSSER WORTE.“
Mit Slang, juristischen Marken, Majuskeln und sogar Leerstellen durchsetzte Sätze, offensive Unsicherheiten in Verortungen und Zeitangaben, Referenz auf die uneinholbare Körperlichkeit mit reichlich Sex und Gewalt: Tim Etchells ist einer, der wie nur wenige andere verstanden hat, was Literatur ist und im besten Falle sein kann. Ein solches Spiel mit den Signifikanten muss man als Leser aushalten können – und sollte dies in jedem Fall tun, wenn man wirklich ein glücklicher Leser sein will.

Tim Etchells: Endland. Aus dem Englischen von Astrid Sommer. Diaphanes Verlag 2008, 234 Seiten, 19,90 Euro.

Facebook Like

Tagged

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *