Das Publikum will es so!

Januar 11th, 2010 § 0

Was mich ja immer wieder erstaunt: Wie viele Menschen in den Medien arbeiten, obwohl sie das, was sie da gerade tun, nicht besonders gern zu mögen scheinen. Oder wenigstens für ziemlich bescheuert halten. Tucholsky hat das mal so schön auf den Reim gebracht:

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: “Das Publikum will es so!”
Jeder Filmfritze sagt: “Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!”
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
“Gute Bücher gehn eben nicht!”

Und was soll man sagen: Genau so ist kommt es mir wirklich vor.
Der erste Fall, der Unternehmer interessiert mich von den Dreien noch am wenigstens. Der zweite Fall, der Filmfritze, aus verständlichen Gründen dann doch schon mehr. Die Presse hat dafür eine oftmals eher peinliche Lösung gefunden: Über schlechte Kinofilme wird meistens gar nicht erst berichtet, über schlechte TV-Produktionen macht man sich meistens ironisch lustig – offenbar im Bewusstsein, dass man daran ohnehin nichts ändern kann.
Der dritte Fall wiederum, der Verleger, geht mir dagegen ehrlich an die Nieren. Das mag keine intellektuelle Berechtigung haben, sondern in rein persönlichen Vorlieben begründet sein, weil mir Bücher eben doch noch ein wenig näher am Herzen liegen als das Fernsehen (das im Gegenzug definitiv das kulturell spannendere Medium darstellt, aktuell zumindest).
Die Verlage, die sich nurmehr über Wasser halten können, indem sie Nicht-Bücher produzieren – und damit meine ich keinesfalls die Schmonzetten, sondern die so genannten “Geschenkbücher” (allein das Wort schon!) sowie jene so genannten “Ratgeber”, die nichts anderes als strukturierte Volksverdummung darstellen – diese Verlage werden immer mehr. Nun mag der Rationalist gerne kommen und mich darauf hinweisen, dass Verlage eben privatwirtschaftlich organisiert werden und also sehen müssen, wo sie bleiben. Danke, ist mir auch klar. Ich trauere trotzdem.
Noch schlimmer finde ich manchmal allerdings – womit wir dann doch beim Publikum wären -, dass diese Bücher tatsächlich in Massen gekauft werden (was nur niemandem auffällt, weil man sie nicht in die Bestsellerlisten lässt). Vor allem jene Bücher, die irgendwelches krudes (meist auch noch in fürchterlichem Deutsch verfasstes) Zeug von der Geheimwissenschaft, der Erleuchtung und dem Anderen Wissen quacksalbern. Da erzählt den Lesern einer etwas von unterdrückten Wahrheiten und dem bösen gesellschaftlichen Mainstream, der dagegen mit übelsten Mitteln ankämpfe – und diese Leser merken gar nicht, dass sie gerade ordentlich verschaukelt werden; dass sie gerade fröhlich mittenmang mitpaddeln im Mainstream. Dabei könnte man darauf ganz einfach kommen: Man müsste nur auf das Verlagslogo gucken und würde dann umgehend feststellen, dass der Anti-Mainstream gerade mächtig Mainstream ist (oder zählt man Bertelsmann, Heyne und ähnliche etwa neuerdings nicht mehr dazu?). Will es das Publikum also wirklich nicht anders?
Ich glaube, es war Robert Menasse, der jüngst mal wieder darauf hinwies, dass mit Dummen keine Demokratie zu machen ist.

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