Hegemann-Kiste

Februar 12th, 2010 § 0

Die Hegemann-Kiste wirft für mich hier mal wieder die Frage auf: Sagst du da jetzt auch noch was zu oder nicht? Ich habe das Buch nicht gelesen, insofern kann ich leider nicht beurteilen, ob der Hype gerechtfertigt ist oder nicht. Klar ist dagegen: Eigentlich sollten Journalisten eher ungern an solchen Hypes teilnehmen – was sie allerdings mit jedem weiteren Text zum Thema, egal ob pro oder contra, naturgemäß tun. Und ich hier also ebenfalls tue. Aus dem Dilemma kommt man vielleicht auch nicht heraus außer durch Schweigen. Das jedoch stünde den Medien nunmal schlecht zu Gesicht, schließlich ist das Drüberreden sozusagen ihre Kernkompetenz.

Die Plagiatsvorwürfe sind jedenfalls kein Grund, sich daran zu freuen, dass hier irgendjemand irgendwem auf den Leim gegangen sei. Denn einem Autor auf den Leim geht in dem Sinne jedes Porträt eines Autors. Nicht nur, weil es, praktisch betrachtet, dem Gros der Literaturkritiker schlichtweg schwerer fällt, ein Buch zu kritisieren, dessen Autor sie schon einmal kennen gelernt haben (was natürlich auch mit Respekt zu tun hat, keine Frage). Sondern auch, weil die kritische Betrachtung des Werks durch eine Lifestyle-Betrachtung der Person ersetzt wird. Genauso hat es das Urheberrecht allerdings vorgesehen. Der Jurist Johann Nikolaus Friedrich Brauer kommentiert 1809:

Indem das SchriftEigenthum nicht bey dem Eigenthum des Stoffs, worauf die Gedanken abgedruckt sind, stehen bleiben darf, weil damit allein dem Verfasser nicht gedient wäre, und dem Verleger auch nicht, sondern hauptsächlich das Eigenthum der Gedanken in sich aufnehmen muß, kann es nur durch eine Rechtsdichtung zu Stande kommen, welche diesen innern und geistigen Gegenstand wie einen äusseren und sinnlichen behandelt, und jeden Abdruck der Gedanken noch für Vertreter der Persönlichkeit des Verfassers gelten läßt.

Doch zurück zu Hegemann. Wenn “Axolotl Roadkill” wirklich ein echtes Wahnsinnsbuch ist: bitte, freut mich, dann nur her mit der Überschwänglichkeit! Und zwar ganz egal, wer das geschrieben hat. Allein: Weil just das – den Text und die Person zu differenzieren – quasi unmöglich geworden scheint, kommen jetzt diese Täuschungsvorwürfe. Sie meinen mithin das Falsche. Und von Foucault scheint ohnehin noch nie einer was gehört zu haben (vermutlich, weil sich die Funktion Autor die Haare nicht so zärtlich aus der Stirn streicht). Interessant ist, dass sich einer der vermeintlich Abgeschriebenen, gegen eine solche Identifizierung im besten Sinne wehrt. Wie übrigens auch Thomas von Steinaecker. Das ist natürlich ein hehrer, aber kaum denkbarer Ausweg aus der “Rechtsdichtung”.

Ebenfalls verkehrt ist die Ansicht, Hegemanns Zusammenklauberei bedeute irgendeine neue Art der Literaturproduktion oder eine vermeintlich laxe Haltung der jüngeren Generation gegenüber Urheberrechten. Im Gegenteil: Um Remix, Sampling, Mash-Up oder wie immer man es nennen mag, geht das Konzept des geistigen Eigentums im Kern (wie man das juristisch formuliert und exekutiert, ist freilich eine andere Frage). Man lese doch bitte mal in Fichtes “Beweis der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks”, die der grundlegenden Diskussion um 1800 entscheidende Argumente lieferte:

Was aber schlechterdings nie jemand sich zueignen kann, weil dies physisch unmöglich bleibt, ist die Form dieser Gedanken, die Ideenverbindung, in der, und die Zeichen, mit denen sie vorgetragen werden.
Jeder hat seinen eigenen Ideengang, seine besondere Art, sich Begriffe zu machen und sie untereinander zu verbinden: dies wird, als allgemein anerkannt, und von jedem, der es versteht, sogleich anzuerkennend, von uns vorausgesetzt, da wir hier keine empirische Seelenkunde schreiben. Alles, was wir uns denken sollen, müssen wir nach der Analogie unserer übrigen Denkungsart denken; und bloss durch dieses Verarbeiten fremder Gedanken, nach der Analogie unserer Denkart, werden sie die unsrigen: ohne dies sind sie etwas Fremdartiges in unserem Geiste, das mit nichts zusammenhängt und auf nichts wirkt. [...] Da nun reine Ideen ohne sinnliche Bilder sich nicht einmal denken, vielweniger anderen darstellen lassen, so muss freilich jeder Schriftsteller seinen Gedanken eine gewisse Form geben, und kann ihnen keine andere geben als die seinige, weil er keine andere hat; aber er kann durch die Bekanntmachung seiner Gedanken gar nicht Willens seyn, auch die Form gemein zu machen: denn niemand kann seine Gedanken sich zueignen, ohne dadurch, dass er ihre Form verändere: Die letztere also bleibt auf immer sein ausschliessendes Eigenthum.

Dass an dieser Form oft noch eine Reihe von Menschen mitfeilt, ist wiederum nichts Ungewöhnliches. Man nennt diese Menschen üblicherweise Lektoren. Und wenn man Glück hat, dann nennt sich einer dieser Lektoren eben Carl Hegemann.

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