Über Apps

Von: katrin
16. Februar 2010

Die meisten meiner Facebook-Freunde sind nicht besonders redselig, eigene Worte benutzen sie eher selten, wenn sie eingeloggt sind. Müssen sie auch gar nicht, denn ein Gutteil ihrer Kommunikation erledigt die Plattform in ihrem Namen für sie: Michael* ist jetzt ein Fan von Isarszene und Dieter jetzt mit Anika befreundet. Zu Konrad passt am besten die Stadt München, Bettina ist schizophren und Ferdinand ein Lutscher, Torsten wird im kommenden Jahr viel Sex haben und Melanie hat gerade eine Kuh gefunden.

All diese Aussagen wurden automatisch erstellt, nachdem der jeweilige Nutzer hier- oder dorthin geklickt hatte, ohne dem ein weiteres Wort hinzufügen zu müssen. Michael etwa auf den Button “Ein Fan werden” und Dieter auf “Freundschaftsanfrage bestätigen”. Konrad, Bettina, Ferdinand und Torsten wiederum haben je an eine Quiz-Anwendung benutzt, von denen tausende bei Facebook kursieren, die in gleichsam horoskopischer Manier – “Welche Stadt passt am besten zu dir?”, “What´s your mental disorder?”, “Welche Süßigkeit bist du?”, “Das beschert dir 2010″ – per multiple-choice-Fragebogen Charaktere zu konturieren vorgeben. Und Melanie? Die hat auf “Help Cow” geklickt, als ihr digitaler Stellvertreter-Bauer gerade ihre virtuelle Scholle beackerte und eine einsame Kuh aus Nullen und Einsen des Weges kam. Melanie spielt Farmville, wie über 73 Millionen (in Worten: dreiundsiebzig Millionen) andere Facebook-Mitglieder auch, mehr als ein Fünftel aller dort Registrierten also, Tendenz selbstverständlich steigend.

Seitdem sich Facebook im Mai 2007 für die Anwendungen von Drittanbietern öffnete, steigt die Zahl und Vielfalt der Applications – von denen Farmville freilich mit Abstand die erfolgreichste ist – täglich. Etwas Besseres hätte der “social community” nicht passieren können: Die Benutzer von Farmville zum Beispiel spielen Bauernhof, sie machen eine grüne Flash-Wiese urbar, indem sie umgraben, säen und ernten, umgraben, säen und ernten, umgraben, säen und ernten, und das am besten alle paar Stunden. Der permanente Traffic von wenigstens 20 Prozent aller Mitglieder wäre damit schon einmal garantiert; die Zahlen sprechen von durchschnittlich fast 30 Millionen täglichen Farmville-Usern.

Dass die zweite große deutsche Community StudiVZ nun ebenfalls in die Entwicklung von Applications investiert, während Twitter sich weiterhin schwer tut, seine Nutzer dauerhaft zu binden, eben weil der Microblogging-Dienst kaum Funktionalität außer seiner selbst zu bieten hat, bedeutet ja nichts anderes: Wer die mimetisch begabten Parasiten namens “Apps” herzlich willkommen heißt, wird schon bald mit ihnen in trauter Symbiose zusammenleben, da man sich gegenseitig nährt. Denn die zugrunde liegende Vernetzung stellt nurmehr eine Bühne, auf der gerockt und gewalzt werden will, deren Grenzen und offene Räume ausgestestet sein wollen, mit der Unfug und Genialisches getrieben werden muss, damit sie auch in Zukunft Zuschauer hat.

Und wer, wenn nicht Apple, wüsste das nicht am allerbesten. Das iPhone mag ein praktikables Telefon sein, die wahren “Killeranwendungen” jedoch, darüber sind sich alle einig, die dieses Gerät zum Must-Have machen, sind die Apps, die man darauf laden kann. Auch sie werden nur in vernachlässigbaren Mengen von Apple selbst entwickelt, der App-Store ist vielmehr ein weiteres gelungenes Beispiel für Crowd Sourcing. Und theoretisch bekommt die Crowd in dem Fall sogar Geld dafür.

Diese Apps können ungemein praktisch sein, wenn sie etwa die nächstgelegene Bushaltestelle oder den Namen und Interpreten des Songs herausfinden, der gerade irgendwo im Hintergrund läuft. Und sie können ungemein überflüssig sein, kaum mehr als inspirierte Tricks mit dem Touchscreen und den Sensoren des Telefons, die zuallererst zur theatralen Irritation der eigenen Umwelt dienen. Am liebsten stellen sie – wie eben auch Farmville, und zwar in geradezu vorbildlicher Weise – klassische Kulturtechniken dar: Ein iPhone kann mithilfe eines Apps zu einer Flöte oder einer Gitarre werden; zum Bierglas oder zum Passanten, den man nach dem Weg fragt; zum Vater, der einem das Verfertigen von Krawattenknoten erklärt, oder zur Puste, die eine Kerze ausbläst. Neuerdings verbessert ein iPhone-App sogar die Treffsicherheit von Jägern und Soldaten. Dagegen ist Farmville tatsächlich nur eine charmante Reminiszenz an unsere evolutionären Anfänge und jedes Facebook-Quiz nur eine ironisches Zitat der Sehnsucht nach einer eigenen Persönlichkeit.

Wenn der Computer, wie Constanze Kurz vom Chaos Computer Club bereits vor zwei Jahren meinte, „eine Art ausgelagertes Gehirn“ ist, dann bedeutet das iPhone kaum weniger als die Aufhebung unser gewohnten Sinnlichkeit. Apps ersetzen per Fingertipp nicht nur Musikinstrumente oder Fitnesstrainer, sondern auch den eigenen Geschmack für Wein, Kleidung, Essen und so weiter. Kurz gesagt: die eigene Erfahrung mit der Wirklichkeit, in der Gitarre spielen für Hornhaut sorgt, man sich auch einmal verläuft, den falschen Wein bestellt, ein unangesagtes T-Shirt trägt und eine Flamme selbst löschen muss.

Das ist kein Grund für Kulturpessimismus, denn solche mehr oder weniger praktischen Prothesen begleiten den Menschen von Anbeginn an – Homo sapiens nannte man ihn schließlich erst, nachdem er seine neuronalen und körperlichen Bedingungen als Einschränkungen begriffen hatte und an deren Aufhebung zu arbeiten begann. Dafür erfand er die Sprache und die Schrift, das Werkzeug, das Geld und alle anderen so genannten Medien. Seither wächst sein Gehirn nicht mehr, die körperliche Evolution ist weitgehend zum Stillstand gekommen, weil Wissen und Erinnerung zunehmend technisch und medial supplementiert werden. Was freilich nicht ohne Auswirkungen auf unser Bewusstsein bleibt; die Aufklärung und die bürgerliche Kleinfamilie etwa lassen sich ganz wunderbar in Zusammenhang bringen mit der Erfindung des Buchdrucks und der allgemeinen Alphabetisierung. Immerhin täuschen die iPhone- wie die Facebook-Apps über diesen Umstand, dass jede Anwendung immer auch ein Objekt benötigt, nicht mehr hinweg, sondern fragen je brav um Erlaubnis, ob auf das Nutzerprofil zugegriffen werden darf, bevor sie sich auf das Subjekt anwenden. So wird das Betriebssystem des iPhones wie des Menschen langsam aber sicher bis zur Unkenntlichkeit überwuchert von Apps. Von so etwas Prämodernem wie Eigenschaften wird hingegen endlich keine Rede mehr sein.

* Aus Datenschutzgründen wurden alle Namen geändert.

Erschienen in: Der Freitag, No. 2, 14. Januar 2010

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