Noch viele Fragen offen: Benjamin Steins Roman “Die Leinwand”

Von: katrin
14. Mai 2010

Natürlich beginnt man die Lektüre eines Buchs mit allerlei Vorurteilen im Kopf, das lässt sich ja überhaupt nicht leugnen. Man mag bestimmte Verlage lieber als andere, einfach weil sie einen in der Vergangenheit oft überzeugt haben (darüber habe ich ja hier schon einmal etwas gesagt). Und man ist bei manchen Themen oder auch Genres kritischer als bei anderen, woran auch immer das im Einzelfall liegen mag. Ich zum Beispiel horche sicherlich anders hin, wenn es um Medien, um Frauen oder um den Holocaust geht (das sind eben die Themen, auf die ich sensibel reagiere oder bei denen ich meine, mich auszukennen) oder wenn ich einen Bestseller in der Hand habe (weil diese tatsächlich von Millionen Menschen gelesen werden und also Diskurse prägen), siehe meine Vampir-Kritik in der Berliner Zeitung.

Bei Benjamin Steins Roman „Leinwand“ waren die Vorurteile durchweg positiver Natur: Es handelt sich um eine literarische Verarbeitung der Geschichte von Binjamin Wilkomirski, was für mich wieder einmal einen Fall von Wieso-hat-das-bislang-eigentlich-noch-keiner-gemacht-?! darstellte, das heißt: als Thema sofort einleuchtet und neugierig macht. Zudem hat Stein soeben ein Buch in einem meiner Lieblingsverlage herausgegeben und wurde für „Die Leinwand“ von dessen Verleger (den nicht nur mein Mann für den besten Verleger hält, den wir hierzulande haben) sehr gelobt. Und Komplexe wie Gedächtnis, Erinnerung, Identität interessieren mich sowieso immer, gerade wenn sie von einem gläubigen Juden verhandelt werden. Da konnte also eigentlich nichts mehr schief gehen, dachte ich.

Steins Roman kann man tatsächlich von zwei Seiten lesen, dafür muss man es wenden und um 180 Grad drehen, das Buch hat zwei Cover, auf dem einen steht „Die Leinwand. Amnon Zichroni“, auf dem anderen „Die Leinwand. Jan Wechsler“. Hinter beiden beginnt eine Ich-Erzählung: Zichroni ist dem Psychoanalytiker nachempfunden, der Wilkomirski (bei Stein: Minsky) einst ermunterte, seine Geschichte aufzuschreiben; Stein gibt ihm die Gabe, per Berührung die Erinnerung von Anderen selbst zu erleben. Jan Wechsler wiederum erinnert wegen der biografischen Daten (Kindheit in der DDR, Computer-Journalist, Hinwendung zum orthodoxen Judentum u.ä.) einerseits an den Autor selbst, wird im Laufe des Buchs aber andererseits als derjenige enttarnt, der Minskys Geschichte als falsch entlarvt (in der Realität: Daniel Ganzfried von der Schweizer Weltwoche).

Bei „Die Leinwand“ handelt es sich, grob gesagt, um eine Verteidigung oder wenigstens Ehrenrettung von Binjamin Wilkomirski. Im Interview mit dem BR sagt Stein auch, dass er das Wort „erfunden“ für die Holocaust-Biografie von Minsky nicht benutzen würde – schließlich bastelten wir alle unsere Identitäts-Legenden, bestehe Identität im Grunde aus nichts anderem; „zugestoßen“ träfe es vielleicht besser. „Was, auch diese Frage wälze ich heute, nach über zehn Jahren, noch immer, ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“ lautet Zichronis Überlegung angesichts des Schocks, der die Enthüllung von Minsky wahrer Vergangenheit für Minsky bedeutet. Stein versteht den Fall also als Fall einer so genannten false memory, deren ‘Korrektur’ mehr Schaden als Nutzen verursacht habe.

Nun gibt es in dem Buch aber noch Jan Wechsler, der ebenfalls zu merken beginnt, dass seine Biografie nicht stimmt, weil er sich anfangs schlichtweg nicht daran erinnern kann, dass er Minsky einst enttarnt hat. Auch für ihn scheint diese Enthüllung also offenbar eine traumatische Erfahrung gewesen zu sein, in deren Folge er sich eine neue Biografie zu Recht legte (die des Autors Benjamin Stein nämlich). Dass die nicht stimmt, scheint literarisch kaum ein Problem, sondern wird recht nüchtern konstatiert; Wechsler anerkennt es einfach irgendwann und gerät in keine allzu große Krise darüber (im Gegensatz zu Minsky, was unverkennbar eine Motivation des Buches ist). Und ebenso mehr oder weniger umstandslos kann er sich dann plötzlich auch an die Wahrheit erinnern. Und die lautet bei Stein, dass Wechsler (zumindest früher) ein gutes Stück rechts vom politischen Rand stand und allererst aus verletzter Eitelkeit (bei einer gemeinsamen Lesung stand Minsky im Mittelpunkt und für Wechsler interessierte sich niemand) die „Hetze“ gegen Minsky begonnen hatte. Was natürlich auf den realen Enthüllungsjournalisten Ganzfried zurück fällt. Der Satz „Was, auch diese Frage wälze ich heute, nach über zehn Jahren, noch immer, ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“ soll also nur für Wilkomirski, nicht aber für Ganzfried in Anspruch genommen werden dürfen?

Ich bin mit dem Nachdenken darüber noch längst nicht fertig, wie man vielleicht merkt – was ja erst einmal für die Qualität dieses Buch spricht. Dass sich die ganze Identitätsverwirrung zwar formal in der zweiseitigen Lesbarkeit, sprachlich aber überraschend wenig niederschlägt, hat mich ebenfalls ein wenig irritiert – weswegen ich (was ich in solchen Fällen gerne tue, daraus mache ich auch kein Geheimnis) andere Rezensionen zurate ziehen wollte, um zu erfahren, ob ich eventuell etwas übersehen hatte. Und Wunder was: In fast keiner Kritik dieses Romans geht es um die Sprache – als hätte sie mit Identitätsgeschichten, mit dem Nachdenken über Lüge und Wahrheit einfach nichts zu tun. Stattdessen finde ich eine Ansammlung von Floskeln, die ich nicht nur teilweise für falsch halte, sondern die man genauso gut für die Besprechung anderer Romane aneinanderreihen könnte. Auch die These von „Die Leinwand“ wird im Grunde nicht diskutiert. Das ist mal wieder ein echter Trauerfall, denn der Roman hätte wahrlich Besseres verdient (ob ich das – für den Juni-KLAPPENTEXT – hinbekomme, ist jetzt freilich die große Frage). So viel jedenfalls für heute zum Zustand der Literaturkritik von heute.

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