powered by emotion: Die neue Kultur im SZ-Bayernteil
Am liebsten würde ich den Artikel von Karl Forster hier ganz zitieren und einfach nur „Ohne Worte“ darunter schreiben. Geht aber nicht, deswegen eine kurze Zusammenfassung (das geht nämlich):
Der Text steht in der Beilage der heutigen Süddeutschen Zeitung, in der die Zusammenlegung des München- und des Bayernteils angekündigt und erklärt wird. „Hier leben heißt hier lesen“, lautet der Titel dieser Beilage. Ich habe bislang nur den Text von Forster gelesen, da es darin um den neuen Kulturteil geht, was mich naturgemäß interessiert hat.
Unschwer erkennbar ist, dass sich Forster hier rhetorisch um etwas bemüht, das er gar nicht zu leisten bereit oder auch imstande ist, nämlich die Kultur auf dem Lande genauso ernst zu nehmen wie die in der Stadt. Dafür sprechen nicht zuletzt die vielen Auchs in diesem Artikel. Beispielhaft etwa in dem Satz:. „Nun sollen auch jene Spielorte, die bis dato von den Regionalausgaben liebevoll betreut wurden, wirklich jedem Leser bekannt gemacht werden.“ Echt herzig, oder? Richtig schöner Kolonialstil.
Aber es wird noch besser. In der letzten Spalte erklärt Forster endlich, wie sich die neuen zwei Bayern-Kulturseiten von den alten unterscheiden sollen: Die neuen verstünden sich, so Forster „nicht so sehr als feuilletonistischer Rezensionsplatz [Anm. d. Verf.: Ich frage mich, wieso er nicht gleich von einer „Halde“ oder ähnlichem spricht, denn das will er uns ja offensichtlich bedeuten], das auch, aber vielmehr als raumgreifender, meinungsstarker Informationsdienst in Sachen Kultur.“ Neben allerlei Nähe suchenden Formaten wie Interview und Reportage solle es also schon auch Besprechungen geben, „in denen es allerdings weniger um die Demonstration journalistischer Allmacht gehen soll, als vielmehr um des Journalisten Liebe zum Sujet. Feuilletonistische Arroganz ist hier fehl am Platz.“
Kurz gesagt: Die Bayern-Kulturseiten werden nun powered by emotion. Das heißt: Autoren der Bayern-Kulturseiten der SZ müssen nun womöglich genau aufpassen, dass ihre Texte ja keine schwierigen Gedankengänge oder gar Fremdwörter enthalten. Solche Versuche, den Lesern Diffiziles – und das kann Kultur, oh Schreck!, manchmal sein, das ist ja das Großartige an ihr – verständlich zu machen, gelten ab sofort wohl als „feuilletonistische Arroganz“. Und kritische Verrisse vermutlich als „Demonstrationen journalistischer Allmacht“.
Man stelle sich einmal vor, derselbe Artikel kündigte Neuerungen im Politikteil an: „nicht so sehr als Platz für investigative Berichte, das auch, aber vielmehr als … Informationsdienst in Sachen Politik … des Journalisten Liebe zur Politik … Investigative Arroganz ist hier fehl am Platz.“ Das wäre hoffentlich einen schönen Aufschrei wert. Bei der Kultur aber interessiert es irgendwie niemanden, dass sie mehr und mehr als Lifestyle verstanden wird. Vielmehr finden die sog. Kulturjournalisten offenbar selbst, dass das Nicht-darüber-Nachdenken genau die richtige Herangehensweise an künstlerische Werke darstellt. Wo bitte soll die Kultur denn den Stolz aufs eigene Tun noch hernehmen, wenn selbst die Presse sie nicht mehr ernst nimmt, sondern ihr stattdessen lieber mit „Liebe“ und „Spaß“ begegnet?
Und überhaupt: Diese Anbiederung an die Leute, die es ohnehin nicht interessiert, mittels der Gleichsetzung von Feuilletonismus und Arroganz, ist mehr als nur peinlich. Das ist der gute alte Intellektuellenhass, den man nicht nur bestens kennt, sondern dem man in jüngster Zeit auch immer öfter zu begegnen scheint. Und heute auch in meiner Zeitung, na sowas.

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