Die Lücke, die der Teufel ließ

Oktober 31st, 2011 § 27 comments

Auf Spiegel Online findet sich heute, anlässlich des Flirts der CDU mit dem Mindestlohn, eine Geschichte über Minilohn-Branchen, sie heißt „Deutschland, deine Nixverdiener“. Begleitend zum Artikel gibt es ein Flash-Element, in dem die genauen Zahlen verpackt sind, das sieht so aus:

Dass es im unteren rechten Eck so weiß ist, illustriert den blinden Fleck dieser Auflistung freilich ganz wunderbar. Denn da fehlt tatsächlich was. Was mit Medien nämlich.

Ich kann hier leider nur mit meinen ganz privaten Zahlen aufwarten, immerhin diese bedeuten mir allerdings, dass auch die Printmedien (ich weiß: bei Radio und TV ist´s besser) eine Minilohn-Branche sind. Da redet man freilich nicht allzu gerne drüber, weil man ja als erfolgreicher Freiberufler dastehen mag. Aber de facto hat man als freier Autor, sofern man auf Integrität bedacht ist und also nicht für die PR-Branche arbeitet, ständig Geldprobleme und kann man davon nur leben, wenn man diesen Beruf tatsächlich lebt, das heißt: Wenn man auch die Wochenenden und den Feierabend darauf verwendet. Wenn ich mir den Stundenlohn für eine Literaturkritik ausrechne, dann liege ich in manchen Fällen (1230 Seiten Kermani!) vermutlich sogar im unteren Bereich der Spiegel-Online-Beispiele.

Darauf, dass auch diese Geschichte einmal erzählt wird, wird man allerdings wohl noch lange warten müssen. Und so zeugt auch weiterhin nur der weiße Fleck von den Verschwiegenheiten.

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§ 27 Responses to Die Lücke, die der Teufel ließ"

  • rolf sagt:

    Ist das der Grund, warum viele neben ihrer Festanstellung schreiben und dieses Hobby quasi als zweiten Beruf ausüben, ohne Steuernummer, aber mit viel Enthusismus? Ich habe einige Autoren kennen gelernt, die so leben, weil sie das Geld aus ihrer Arberi als Angestellte zum Leben benötigen, aber das Schreiben, das sich Einbringen und kreativ sein nicht lassen können. Ich habe Hochachtung vor den jenigen, die es wirklich zum Beruf machen und auf die Absicherung einer Festanstellung verzichten.

  • katrin sagt:

    Kann sein, ja. Ich arbeite ja auch nicht mehr nur frei, sondern bin zur Hälfte angestellt. Auf die freie Hälfte wollte aber auch ich niemals verzichten, denn natürlich hat das Freiberufler-Dasein auch seine Vorteile (die sind oben natürlich zu kurz gekommen).

  • Anonym sagt:

    Wieviel ist eine Literaturkritik denn wert?

  • […] Schuster bemängelt, dass bei Berichten über chronisch unterbezahlte Berufe ausgerechnet der Journalismus immer unter den Tisch fallen gelassen […]

  • jens sagt:

    Die anderen Beispiele zeigen alle Angestelltenverhältnisse. Dass man als Selbstständiger mal mehr, mal weniger erfolgreich ist, insbesondere wenn dann noch eine individuelle Ethik hinzukommt, in der PR offensichtlich verrucht ist, ist nicht so überraschend. „Irgendwas mit Medien“ passt schon formal so gar nicht in die Reihe der Beispiele. Zumal das Image, dass sie beiläufig erwähnen, ja durchaus relevant ist. Es gibt ja mehr als eine Branche, in der Menschen bereit sind, für weniger zu arbeiten, wenn das Image stimmt; seien es Berufe im Kreativbereich oder auch im karitativen. Auch hier wieder ein gewaltiger Unterschied zu den Beispielen, die alle Berufe darstellen, die man nicht wegen der Außenwirkung ergreift.

    • katrin sagt:

      Es geht eben gerade nicht um Erfolg, sondern ums Geld, das gern damit verwechselt wird! Ich halte mich selbst (das einzige Beispiel, das mir gerade bei der Hand ist) für durchaus ‚erfolgreich‘, weil seit Jahren mehr Arbeit da ist, als in einen Acht-Stunden-Tag passt. Nur zahlt sich das eben nicht aus, wenn man für einen Text von 3500 Zeichen mit 130 Euro brutto entlohnt wird. Damit sich der „Erfolg“ auch finanziell bemerkbar macht, müsste man also schneller, d.h. schlampiger arbeiten. Oder für Schmarrnblätter wie NEON schreiben …

      Dass die so genannten „Kreativen“ ihren Job nur wegen der „Außenwirkung“ ergreifen, ist meiner Meinung nach ein subjektives Vorurteil – genauso wie die Annahme, dass Metzgern, Floristen, Friseuren diese „Außenwirkung“ gleichgültig ist.

  • Sanníe sagt:

    Der Grund, warum das da nicht auftaucht, wird sein, daß es hier ja um Löhne geht.

    Sorry, ich war selbst selbständig und mein Freund ist es heute noch. Aber Mindesteinkommen für Selbständige wird es auch in Zukunft nicht geben.

  • katrin sagt:

    Lieber Jens, liebe Sanníe,

    ich weiß doch, dass es da um Löhne geht – ich habe es mir in einem Kurzschluss dennoch erlaubt, auf die Medien hinzuweisen. Wir können auch gerne über Redakteursgehälter reden, die (ich kenne nur ein paar Beispiele) auch nicht gerade rosig sind und deren Empfänger sicher keine 35-Stunden-Woche haben, sondern eher das doppelte arbeiten.
    Ich will auch kein Mindesteinkommen für Selbständige (oder vielleicht doch, hm…), mir ging es nur darum, mal wieder die schlechte Bezahlung von (freien) Journalisten zu thematisieren, die bei solchen Texten über angeblich ach so böse Branchen jedes Mal irgendwie unter den Tisch fällt.

  • Elena sagt:

    Auch bei jungen angestellten Redakteuren sieht es doch nicht anders aus. Mir hat noch niemand einen Tarifvertrag angeboten. Bis auf ein Stellenangebot waren alle Angebote sogar deutlich drunter (jetzt sind es etwa 32 Prozent unter Tarif, und das war nicht das schlechteste…)

    Kürzlich hatte ich bei einer Nachrichtenagentur ein Vorstellungsgespräch und wurde nach meinem Gehaltswunsch gefragt. Wohlwissend, dass es weniger Urlaub und mehr Arbeitszeit gegeben hätte, habe ich eine Summe unter Tarif genannt, weil ich von von Kollegen wusste, was diese verdienen. Es sei dreist, dass ich als Jungredakteurin (nettes Wort) solch eine Summe fordere. Mehr als 2300 brutto würden die eigenen Ex-Volos nicht verdienen, wenn sie aus dem Volo kommen (und de facto fertige Redakteure sind)…

  • Frei? sagt:

    Doch, die Geschichte wurde schon ein paar Mal erzählt, sehr eindringlich von Hilal Sezgin: http://www.taz.de/!31116/

  • Jeeves sagt:

    Ist das Jammern auf erhöhtem Niveau?
    Ich bin seit 40 Jahren selbständig, komme seit etwa 10 Jahren gerade so über die Runden und ich jammer‘ nicht. Schon gar nicht in meinem Blog.

    • katrin sagt:

      Nein, warum sollte ich denn jammern? Eigentlich hat mich nur der weiße Fleck bei Spiegel Online gereizt. Ich arbeite sehr gerne frei, wie ich oben schon gesagt habe. Nur fällt es mir ziemlich schwer, die Entrüstung mancher Zeitungen über Minilöhne ernst zu nehmen, wenn sie selbst eben solche zahlen.

  • meykosoft sagt:

    Auch kein Jammern 😉
    Ich bekam letzte Woche überraschend die Anfrage aus einer Redaktion, ob ein Text aus meinem Blog gegen ein Honorar abgedruckt werden dürfe. Nach kurzem Zögern stimmte ich zu und fragte betont unbedarft, ob ich mir meinen Porsche denn nun schon bestellen könne oder in welchem Bereich sich das Honorar bewegen würde…
    „Ja, ne,- für `n Eis würd `s reichen.“
    Meine Frage: „Waffel oder Becher?“
    Wurde mit: „Na, eher für `n Becher.“

    Spannend …

  • Unbekannt sagt:

    Ich jammere! Und zwar über die viel zu kleine Schrift hier im Blog. Bitte bitte bitte, mach den Text doch ein paar (können auch mehr sein!) Pixel größer!

  • Claus sagt:

    Der Verweis auf andere selbstständige Berufe wird hier oft gebracht, hakt aber an einer entscheidenden Stelle.

    Natürlich verdienen auch andere Selbstständige oft wenig. Aber dann liegt der Grund dafür darin, dass sie keine Aufträge haben.

    Im Journalismus aber ist das Preisniveau inzwischen so in den Keller gegangen (Ich kenne die Preise – bin selbst festangestellt, war aber auch mehrere Jahre freier Journalist), dass es zu der bizarren Situation kommt, dass manche freie Journalisten zwar viele Aufträge haben, aber dennoch kaum über die Runden kommen – schon gar nicht, wenn sie ihre Arbeit ordentlich erledigen (und kein PR machen)

  • Chris sagt:

    Netter Hinweis. Zwar nichts neues, aber wird auch tatsächlich öfter vergessen. Die Zusammenhänge finde ich allerdings interessant:
    Denn es wird gemeckert bei „gekauften“ Artikeln von Lobbygruppen (siehe taz) und das durchaus zu Recht. Und es wird gemeckert bei schlecht recherchierten Artikeln – ebenfalls durchaus zu Recht.
    Aber wenn ich als Leser qualitativ hochwertigen Journalismus haben will, muss ich auch dafür bezahlen. Damit Journalist_innen die Möglichkeit haben lange genug zu recherchieren und sauber zu arbeiten, brauchen sie eine angemessene Entlohnung. Das wäre auch eine Investition in die demokratische Bildung. Die Dimension im Journalismus ist also größer als nur die – zu Recht angemahnte – Entlohnung alleine.

  • Zahnwart sagt:

    Danke für die Anmerkung, dass es Redakteuren meist auch nicht besser geht. Das geht nämlich im (gerechten) Furor der unterbezahlten Freien meist ein wenig unter: dass die Redakteure nicht der Feind sind sondern mit im gleichen Boot sitzen. Und, ja, es ist eine Schande.

  • Dude sagt:

    Jein, Zahnwart.

    Gerade Jungredakteure verdienen zwar zum Teil unmoralisch deutlich unter Tarif – aber sie leiden dabei doch noch auf höherem Niveau. 1- oder 2-Jahresverträge, also ein wenig Planungssicherheit, Krankenversicherungsbeitrag und vermögenswirksame Leistungen vom Arbeitgeber, vertraglich festgeschriebener Urlaub, vielleicht auch mal eine Sonderzahlung… dem können freie eigentlich nur ihre größere Freiheit bei der Gestaltung ihres Berufs entgegen setzen. Die mit sinkender Bezahlung aber auch wieder zusammenschrumpft.

    Ich wage zu behaupten: Redakteure haben es im Vergleich zu Freien „geschafft“, benehmen sich Freien gegenüber oft auch so und werden so auch öfter von Freien wahrgenommen. Um es mal ziemlich zugespitzt zu formulieren.

  • Dude sagt:

    Nachtrag: Wenn DJV, ver.di und die übrigen Verdächtigen Tarifrunden bestreiten, entsteht von außen schnell der Eindruck, es gäbe da doch ein Streben nach Gerechtigkeit. Nur wird da für eine Minderheit von Journalisten gekämpft. Weil ja Freie und Presseleute ohne Tarifbindung (und die sind zahlreich, ich vermute: die Mehrheit) von der ganzen Sache gar nichts haben.

  • Die Lücke sagt:

    Man müsste die Löhne sammeln. Freiwillig (die Niedrigverdiener melden sich hoffentlich als erste) und dann „abschrecken“, Fächer zu studieren, wo man nicht über die Runden kommt oder als Zwangsfreiberufler oder Subsubsubsubsubunternehmer endet.

    Sowas wäre schnell programmiert, und vermutlich noch schneller abgemahnt. Also bräuchte es Protektion und in diesem Falle vielleicht auch eine Infrastruktur um die Zahlen parallel meinungsverstärkend auch real zu sammeln. Z.b. ein Büro der Linken wo man zwei Lohnabrechnungen vorlegt wenn man seine Zahlen (trotzdem noch anonym) „verbürgt“ haben will.

    Die Linke und Gewerkschaften (DJV und die bei Verdi) scheinen nicht grade Computer-Freunde. Piraten, digiges u.ä. sehen sowas wohl nicht als volksverbessernden Computer-Einsatz an sondern wollen vielleicht lieber gewählt werden oder Kaffekränzchen bei Regierenden halten statt Macht legal konstruktiv zu verüben, auch wenn man nicht gewählt wurde.

    Die Zeilenhonorare sind seit einer Weile (und vielleicht schon länger) schon Thema. Teilweise dann auch mit der Drift das Freie nicht besonders gut verdienen.
    Das die Festen nicht ewig wie Horst Schlämmer Freibier und Würstchen bekommen und bei der nächsten Konjunkturkrise vielleicht auch Zwangs-Freiberufler werden realisieren die nicht. Und Schweinezyklen gibt es, seit es Schweine gibt (vorher auch, aber da hätte man sie anders genannt).

  • lisza sagt:

    ich denke, es gibt genügend akademische berufe, in denen man zu denen gehören kann, die extrem wenig verdienen. ich bin selbständige rechtsanwältin und lebe unter h4. ich würde gerne angestellt arbeiten, aber man bietet mir bisher nur mini-jobs (400€) für 40 stunden (nein natürlich stehen die nicht offiziell im arbeitsvertrag)an und sagt mir ganz unverblümt ins gesicht, dass ich als frau sowieso niemals für mehr angestellt werde, da ich viel zu teuer bin (könnte ja kinder bekommen…)
    klar, es gibt auch gegenbeispiele. die gibts auch bei journalisten. ne freundin von mir hat einen ganz hervorragend dotierten redakteursposten ergattert. ich kenne allerdings auch eine berufskollegin, die jetzt bei walmart arbeitet… tja, sie verdient dort wenigstens was.

  • Helmut sagt:

    Das Problem sind irgendwo auch die Leute, die für die angesprochenen Hungerlöhne arbeiten. Nachdem inzwischen jeder Job in der Systemgastronomie besser bezahlt wird, kann niemand behaupten, er sei dazu gezwungen. Zu Honorarangeboten, die schlicht beleidigend sind, muss man eben klar NEIN sagen und gegebenenfalls vorübergehend die Branche wechseln!

    Die Verlage können sich nicht ewig mit Hobby-Journalisten über Wasser halten. Irgendwann merkt der dümmste Leser, dass er hier mit „Dünnem“ verschaukelt wird. Der Zusammenbruch der Printmedien geht nur etwa zur Hälfte auf das Konto des Internets. Die andere Hälfte der Katastrophe hat meines Erachtens die massive Verschlechterung der inhaltlichen Qualität verursacht.

  • Schreiberling sagt:

    Eine Frage in die Runde: Warum geht denn immer gleich die Integrität verloren, wenn ein freier Schreiber auch PR-Texte schreibt? Wo ist das Problem, wenn ein Reisejournalist einer Agentur Fachartikel für Verschraubungssysteme zuliefert? Oder der IT-Fachjournalist das Kundenmagazin eines Energieversorgers betreut?
    Gibt es hier ernsthaft die Gefahr der in der Tat tunlichst zu vermeidenden Beeinflussung?

    Ich bekomme umgehend schlechte Laune, wenn die Agentur-Zuarbeit sofort mit dem Integritäts-Flammwerfer gegrillt wird…

    • katrin sagt:

      Es tut mir leid, wenn ich für schlechte Laune gesorgt habe – das wollte ich natürlich nicht.

      Ich kann nur von mir sprechen: Mir geht es nicht allein um die Gefahr der Beeinflussung, sondern auch ums „Geschmäckle“. Bei den Fällen, die Sie anführen, ist das allerdings von vorneherein gegeben: Dass sowohl Reise- als auch IT-Journalismus in den seltensten Fällen „sauber“ laufen, wissen wir beide. Aber anderswo ist das ja nicht anders: Dass die SZ in ihrem eigenen Feuilleton ihre eigenen Bücher bewirbt, indem sie sie „rezensiert“, finde ich genauso zweifelhaft wie die Tatsache, dass Online-Artikel längst nicht mehr nach ihrem Inhalt, sondern nach den Klicks, die sie erreichen, bewertet werden. Aber da machen wir jetzt ein ganz großes Fass auf, das wir vielleicht besser geschlossen halten sollten …

  • […] Schuster bemängelt, dass bei Berichten über chronisch unterbezahlte Berufe ausgerechnet der Journalismus immer unter den Tisch fallen gelassen […]

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