Analog oder digital? Am besten beides.

Dezember 6th, 2011 § 0 comments

Heute war auf der Facebook-Pinnwand des Berliner Verbrecher Verlags eine Meldung zu lesen, die viele vor einigen Monaten niemals für möglich gehalten hätten. Sie lautete:

So, gerade haben wir die dritte Auflage des ersten Bandes der Mühsam Tagebücher in Druck gegeben.
Ein paar Exemplare aus der 2. Auflage sind noch lieferbar – und man sollte sich sputen mit der Bestellung, sollte man den Band garantiert vor Weihnachten im Postkasten beziehungsweise in der Buchhandlung vorfinden wollen!

Das Besondere daran ist nicht allein die Tatsache, dass ein Buch aus einem kleinen Verlag, das noch dazu satte 28 Euro kostet, in die dritte Auflage geht, sondern dass es sich ausgerechnet um dieses Buch handelt. Denn Mühsams Tagebücher kann man im Volltext auch kostenlos und zudem in einer recht gut gemachten WWW-Ausgabe lesen, nämlich auf der zur Edition gehörigen Website www.muehsam-tagebuch.de. Nicht wenige haben den Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier für verrückt oder lebensmüde erklärt oder wenigstens laut Zweifel angemeldet, als er verkündete, dass die Tagebücher Mühsams sowohl in einer gedruckten Lesefassung als auch in einer digitalen Version erscheinen werden, Letztere keinen Cent kosten und noch dazu umfangreicher als Erstere sein wird.

Doch Sundermeier ist, siehe oben, nicht auf den analogen Exemplaren sitzen geblieben, sondern darf im Gegenteil einen Erfolg verbuchen. Und das lässt sich nicht allein durch die Aufmerksamkeit erklären, die dem ungewöhnlichen Projekt zuteil geworden ist (u.a. auch von mir, siehe „Zurück im Hypertext“) und freilich auf die Sprünge geholfen hat: Immer wieder stellen Studien fest, dass Menschen, die kulturelle Produkte kostenlos konsumieren (sei´s legal oder illegal), eher mehr denn weniger Geld für kulturelle Produkte ausgeben als andere Menschen. Zu dem Ergebnis kam soeben auch der Schweizer „Bericht des Bundesrats zur unerlaubten Werknutzung über das Internet“ (PDF, via e-book-news.de), der sich auf eine niederländische Studie stützt, in der unter anderem festgestellt wurde,

dass sich das Kaufverhalten von Tauschbörsennutzern nur minim von demjenigen anderer Personen unterscheidet; im Falle von Filmen und Spielen nehmen Tauschbörsennutzer gar mehr legale Angebote in Anspruch als Leute, die keine Tauschbörsen nutzen.

Für die Buchbranche bedeutet das: Sie muss sich stärker in der Schaffung von legalen Angeboten engagieren, statt weiter auf die Verhinderung einer so genannten „Kostenlos-Kultur“ zu setzen. Verlage müssen das Verhältnis von analog und digital produktiv machen (siehe Mühsams Tagebücher), statt die Mauern ständig höher zu ziehen. Schließlich ist es kaum verwunderlich, wenn Ebooks ohne DRM attraktiver sind, da DRM all das verunmöglicht, was man an gedruckten Büchern so schätzt: dass man sie verleihen, verschenken, verkaufen kann. Und schließlich ist es kaum verwunderlich, dass Ebooks illegal geladen werden, wenn man für die digitale Version eines Buches, das man analog bereits erworben hat, noch einmal bezahlen soll.

Das haben nun offensichtlich auch die Verlage Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard verstanden, denn sie machen die elende Entscheidung Entweder-Buch-Oder-Ebook endlich überflüssig, indem sie ein Sowohl-als-Auch anbieten, das eben nicht doppelt so viel kostet (Börsenblatt-Meldung). Mit ihrem Frühjahrsprogramm starten beide die Reihe HardcoverPlus: Jedes gedruckte Buch, das in dieser Reihe erscheint, enthält einen Code, mit dem man sich die Ebook-Version kostenlos herunterladen kann (nur einmal und versehen mit einem Wasserzeichen). Der Pressetext ist in beiden Vorschauen derselbe (da beide wenigstens teilweise unter der Decke von Zweitausendeins stecken), und er leuchtet unmittelbar ein:

Nach einem Tag am Bildschirm im Bett in einem echten Buch lesen. Auf dem Weg zur Arbeit im Reader weiter. Bücher, die man liebt, wie eh und je im Regal haben. Zwanzig Bücher auf dem Reader in den Urlaub mitnehmen. Bücher auch weiterhin verschenken können: Das ist HardcoverPlus.

Ich möchte behaupten: Das wird sich lohnen – nicht nur für die Leser, sondern vor allem auch für Haffmans & Tolkemitt und Rogner & Bernhard.

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