Versammelte Untugenden
Oder: Nach 46 Seiten war mit „Toggle“ Schluss

Januar 15th, 2012 § 2 comments

Es hat wohl jeder Leser seine eigene Liste von auktorialen Untugenden, die ihm die Lektüre eines Romans gründlich verleiden. Bei mir ganz oben stehen: Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge. Deswegen meide ich sowohl jede Art von Fantasy als auch die meisten Krimis, denn da bekomme ich schon vom Hingucken Pickel, weil Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge üblicherweise zu den Königsdisziplinen dieser Genres zählen. Allerdings bekommen die beiden aktuell ernsthafte Konkurrenz von dem Roman „Toggle“, der in Sachen Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge ebenfalls einige wahre Meisterleistungen vollbringt. Und das beginnt, wie immer, bereits im ersten Satz:

Die Bold Lane in West-Lancashire, zwanzig Meilen nördlich von Liverpool, war entgegen ihrem Namen schmal und von dichtem Buschwerk gesäumt.

Ganz offensichtlich will der Autor Florian Felix Weyh uns hier mit seinen Englischkenntnissen beeindrucken – Stichwort Klugscheißerei –, und zwar auf Teufel komm raus, sonst würde er den Satz nicht derart umständlich konstruieren, dass der Leser noch einmal nach vorne springen muss, um die Bezugnahme auf den Straßennamen zu verstehen. Weyh hätte schließlich auch mit den Worten „Entgegen ihrem Namen war die Bold Lane …“ beginnen können, aber da hätte er vermutlich nur halb so viel Aufmerksamkeit für seine Weltläufigkeit bekommen.

Besonders schön daran finde ich allerdings, dass die eitle Geste peinlich in die Hose geht. Denn „bold“ bedeutet ausschließlich auf Schriften bezogen „fett“ oder „breit“, laut der drei Lexika, die ich gerade konsultiert habe (zwei verschiedene Langenscheidts und das Oxford Advanced Learner´s Dictionary), im geografischen Gebrauch jedoch „abschüssig“ oder „steil“. Und das Wort „lane“ evoziert ebenfalls keine Großzügigkeit, sondern meint im Gegenteil einen Feldweg, einen Pfad, eine Gasse, Fahrspur oder Schneise. Dass die Bold Lane „schmal und von dichtem Buschwerk gesäumt“ ist, entspricht ihrem Namen mithin voll und ganz. Und der Autor hat statt seiner Englischkenntnisse nur seine des Englischen ganz und gar nicht mächtige, dafür umso verzweifelter wirkende Hoffnung auf Bewunderung bewiesen.

Der oben zitierte erste Satz ist nicht Teil der ersten Kapitels, sondern Teil des Prologs, der – Stichwort Geheimnistuerei – irgendetwas von einer geheimen Aktion mit irgendwelchen GPS-Kapseln raunt, von der der Leser nichts begreift, ja: keinesfalls etwas begreifen soll und darf, damit er neugierig wird auf den Rest des Buches. Es tut mir leid, aber: Ein Autor, der mir sein Werk nicht anders als durch künstliche Verrätselungen schmackhaft machen kann, der kann mir wirklich gestohlen bleiben.

Fehlten noch die Lexikon-Dialoge. Damit meine ich Gespräche (worunter ich auch Selbstgespräche aka innere Monologe zählen würde), die nicht der Handlung dienen, sondern allein der Informationsvergabe. „Toggle“ ist voll davon. Nehmen wir zum Beispiel Nikolaus Holzwanger, die Hauptfigur. Irgendwann am Anfang müssen irgendwie die Fakten über diesen Mann genannt werden – nur wie? Brillante Idee: Tun wir einfach so, als ließe Holzwangers Chefin sie in einer launigen Unterhaltung fallen. Was eigentlich der Authentizität dienen soll, tut de facto genau das Gegenteil. Das ist sowas von erfunden:

„Herr Doktor Holzwanger“, sagte Melissa förmlich, „Sie sind 47 Jahre alt, promovierter Mediziner, nur durch einen Zufall bei Toggle Inc. gelandet …“

Sie fragen sich nun, was bitte Toggle Inc. sein soll? Das haben wir gleich, dafür gibt es schließlich die beiden Studenten, die gescannte Bücher Korrektur lesen:

Dann sagte Erik: „Womit machen die eigentlich ihr Geld?“
„Wer? Toggle?“
Erik nickte.
„Werbung“, antwortete Marco. „Hier liegt irgendwo eine Broschüre mit der Firmengeschichte rum. Spannend.“

Erik ist zwar nur mäßig interessiert, doch Marco lässt sich von seiner lexikalischen Funktion nicht abbringen:

„Um darauf zurückzukommen, Toggle lebt von Werbung, Nummer eins im Internet, weltweit. Umsatz irgendwas in Milliardenhöhe, Gewinne auch nicht ohne.“
[…]
„Die Gründer – Mann, die waren so alt wie wir! – glaubten eigentlich, nur Geld verdienen zu können, wenn sie ihre Suchtechnologie an große Firmen verkauften, für interne Datenbanken und so. Taten sie auch, aber das spielte eine untergeordnete Rolle. Denn einer kam plötzlich auf die Idee, dass man die Werbung an die Suchergebnisse anhängen könnte … und zwar so, dass sie inhaltlich zum gesuchten Thema passte. Das war der Durchbruch.“

Nein, diese Worte entstammen nicht jener oben erwähnten herumliegenden Broschüre mit der Firmengeschichte, sondern dem Munde einer Figur. Behauptet zumindest der Autor – weshalb ich ihm kein Wort mehr glaube und „Toggle“ nach 46 Seiten und vermutlich für immer zur Seite lege. Dafür ist mir meine Zeit definitiv zu schade.

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