Eure Psychologisierung kotzt mich an

Mai 17th, 2012 § 18 comments

Ja, auch ich habe den Aufruf „Wir sind die Urheber“ gelesen und versuche seither, mir eine Meinung darüber zu bilden. Andere sind da schon weiter. Thierry Chervel zum Beispiel, der hat nämlich bereits eine Meinung oder denkt das zumindest. Deswegen hat er eine „Antwort auf Sibylle Lewitscharoff und auf die Autoren des Urheber-Aufrufs“ verfasst (Hervorhebung nicht von mir). Erstere hat in der FAZ ebenfalls einen Text zum Thema veröffentlicht; diesen Text darf man gerne kritisieren, dafür gibt es Gründe genug. Jedoch impliziert die Rede von der „Antwort“, es handle sich hier um einen Dialog auf Augenhöhe. Und das ist nun leider absolut nicht der Fall. Ich lese hier nur Anmaßung.

Ohnehin zweifle ich ernsthaft daran, dass Chervel denselben Urheber-Aufruf wie ich gelesen hat. Denn der erste Satz seines Textes lautet: „6.000 Autoren sprechen sich gegen das Internet aus.“ Und eine merkwürdigere Paraphrase dieses Aufrufs habe ich bislang nirgends gelesen.

Was Chervel verwundert: Dass Autoren sich für das Urheberrecht in die Bresche werfen, obwohl sie das doch gar nicht nötig hätten, weil sie nicht primär davon leben (sondern von Lesungen u. ä.). Nun geht es mir genau andersherum: Ich finde es prinzipiell erst einmal sympathisch, ja, mithin vertrauenserweckend, wenn Leute sich für oder gegen etwas engagieren, obwohl sie sich davon keine persönlichen Vorteile versprechen. Aber gut, das kann man so oder so sehen. Chervel hat sowieso beschlossen, statt Argumente in den Ring zu werfen, lieber mittels weiterer Buchstaben-Fettungen ein wenig herum zu psychologisieren:

Warum sind es also gerade die Autoren, die dagegen aufstehen?
Es hat mit einem tief sitzenden Widerwillen zu tun.

Sein Beweis:

Die wenigsten Autoren, die den Aufruf unterzeichnet haben, sind bisher dadurch aufgefallen, dass sie sich mit dem Internet auseinandergesetzt haben.

Und das ist eine tatsächlich beeindruckende Aussage, denn das würde ja bedeuten, dass Chervel 6.000 AutorInnen daraufhin überprüft hat, ob und wie sie sich mit dem Internet auseinandersetzen (und ob das seinen Ansprüchen genügt). Ich getraue mich zu behaupten, dass er das nicht getan hat. Muss er auch gar nicht, schließlich sollen die AutorInnen ja „dadurch auffallen“ (nur ihm oder allen anderen?). Was er weiß:

Das Problem dieser Autoren mit dem Netz ist weniger, dass es ihre Einnahmen als dass es ihr Selbstbild als Autor in Frage stellt.

Denn:

Das Netz hat längst eine andere Praxis und einen anderen Begriff der Autorschaft entwickelt, mit dem sich so gut wie keiner der bekannteren Schriftsteller in Deutschland (Rainald Goetz ausgenommen) überhaupt nur gedanklich auseinandergesetzt hat, geschweige denn, dass deutsche Autoren damit experimentieren würden.

Und da wusste ich dann wirklich nicht mehr, ob ich lachen oder weinen sollte. Literatur bedeutet meiner Meinung nach nichts anderes, als den Begriff der Autorschaft und das Medium, das man dafür benutzt, zu reflektieren. Und – Überraschung! – das tun auch alle wirklich guten SchriftstellerInnen, sogar „gedanklich“, auch und gerade wenn das Wort „Internet“ deshalb noch lange nicht in ihren Texten vorkommt. Denn nicht das WWW ist ihr Medium, sondern allererst die Sprache, wo immer sie auch vorkommt (also durchaus auch im Netz; deswegen bloggen ja einige AutorInnen, selbst wenn Chervel das nicht wahrhaben will; dass nicht-bloggende AutorInnen im Gegenzug als gleichsam reaktionär vorgestellt werden, halte wiederum ich für reaktionär).

Warum ist es also gerade Chervel, der dagegen aufsteht? Es hat wohl mit einem tief sitzenden Widerwillen zu tun: Da er glaubt, das Selbstbild eines Autors bestehe darin, „als Künder, als isoliert schwebende und schillernde und von unten angestaunte Blase der Originalität“ (Hervorhebungen von mir!) wahrgenommen werden zu wollen, verwundert es selbstredend kaum, dass er Intertextualität nicht als literarisches Prinzip begreifen kann, sondern als Demonstration von Arroganz missversteht, und es deshalb offenbar gar nicht mehr erwarten kann, bis „Insiderspielchen […] durch Hyperlinks ausgebremst“ werden.

All das steht, wohlgemerkt, beim Perlentaucher, der sich im Untertitel „Das Kulturmagazin“ nennt. Dazu lässt sich wohl nur eines sagen: Die Literatur hat längst eine andere Praxis und einen anderen Begriff der Autorschaft entwickelt, mit dem sich so gut wie keiner der bekannteren Internet-Publizisten in Deutschland überhaupt nur gedanklich auseinandergesetzt hat.

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§ 18 Responses to Eure Psychologisierung kotzt mich an"

  • […] Künstler und die Digitalkopie – Das bedingungslose Grundeinkommen ist ultraliberal und sozial – Eure Psychologisierung kotzt mich an – Nachtrag – Linksammlung […]

  • DAMerrick sagt:

    Wer ist denn diese Literatur? Oder anders gefragt, was wollen Sie sagen?

    Ich verstehe was Chervel sagen will, „Wir sind die Urheber“ haben mehrheitlich Menschen unterschrieben die Bücher verfassen. Sie bezeichnen sich als Autoren.
    Durch das Internet ist aber jeder Autor der längere Texte verfasst, Charvel nimmt die Blogs als Präsedenzbeispiel. Womit er ja auch Recht hat.

    Denn die Autoren der Unterschriftaktion blicken herablassend auf die, welche in Blogs „urhebern“. So als wären Blogs gar keine urheberrechtliche Leistung, sondern man könnte Urheber, resp. Autor, nur sein wenn man ein Buch schreibt.

    Die Literatur hat sicher keinen Begriff entwickelt, Literatur ist nur ein Oberbegriff für Geschriebenes (einfach gesagt). Auch Blogger sind Literaten, auch Blogger spielen mit Sprache, nutzen deren Feinheiten und sind mit daran beteiligt diese weiterzuentwickeln.

    Und Sprache ist nicht das Medium, Sprache ist das Werkzeug. Das Medium ist das Buch, oder der Blog oder die Zeitung. Was auch immer. Und genau an dieser stelle kommt die Mauer zu tragen, Autoren die meinen nur Papier gäbe das Recht sich Urheber nennen zu dürfen.
    Siehe dazu auch den Aufruf von Sven Regener und das Konzept des Leistungsschutzrecht.

    • theo sagt:

      „Durch das Internet ist aber jeder Autor der längere Texte verfasst“

      Was für ein Schmarrn. Dann wäre auch jeder Grundschüler, der einen Aufsatz verfasst, als „Autor“ zu bezeichnen.

      @Katrin Schuster: Guter Kommentar, danke!

      Ich weiß nicht, wen ich im Moment schlimmer finde: diese ganzen Nerds mit ihrer (als modern und ethisch deklarierten) Nassauer-Grundhaltung – oder die Möchte-Gern-Literaten wie Chervel, die meinen, sich an die Nerds heranwanzen zu müssen.

      • leo sagt:

        Wer ist denn sonst der Autor des Grundschulaufsatzes?

        Oder sehen Sie nur Urheber von besonders angesehenen (von wem eigentlich?) Texten als „Autoren“?

        • theo sagt:

          Wenn Sie bloggende Hausfrauen oder von mir aus Aufsatz schreibende Grundschüler als „Autoren“ bezeichnen wollen – nur zu. Sie können auch auf Töpfe schlagen und sich „Komponist“ oder „Musiker“ nennen. Und wenn wir alle dann „Autoren“, „Komponisten“ und „Musiker“ sind, können wir ja auch als solche uns an der Diskussion beteiligen. Was vor allem bequem ist, denn im Unterschied zu den Profis kann uns die Honorierung ja egal sein.

          Kürzlich schrieb ein Piratenfan, er als Programmierer sei ebenso Autor wie die Tatort-Drehbuch-Autoren. Da ist sie dann wieder, die Nerd-Hybris. Ebenso die Hobbymusiker unter den Piraten, die Sven Regener belehren wollten, wie er sein Geschäfts zu betreiben habe.

          Von nichts ne Ahnung, aber das dann am liebsten per Dos-Attacke dokumentieren.

          • horst sagt:

            Wer bestimmt, was ein Autor, ein Komponist, ein Musiker oder eine Literatur ist?
            Und woher kommt ihre Agressivität?

          • Andreas sagt:

            Ach theo,
            kommen Sie aus dem elitären Olymp der Buchstabenmixer?
            Definieren Sie bitte doch mal ihren „Autor“ oder schauen Sie beim Duden nach:“lateinisch auctor = Urheber, Schöpfer, eigentlich = Mehrer, Förderer, zu: augere (2.?Partizip: auctum) = wachsen machen, mehren“.
            Ab welchem „Schöpfungsniveau“ wird man denn von Ihnen als Autor anerkannt?

            Ist ein Blogger, ein Programmierer und JA, EIN GRUNDSCHÜLER nicht auch ein Schöpfer?

            Lieber einen guten Aufsatz lesen, als das Geschwurbsel mancher „anerkannten“ aktuellen „Autoren“.

  • Thomas sagt:

    Genialer Kommentar! Als ein seit den frühen 90ern im Netz aktiver und (vor einem Jahrzehnt) promovierter Literaturwissenschaftler, der in der politischen Frage selbst unentschieden ist, finde ich es sehr wichtig, auf das Autor-Text-Reflexions-Verhältnis hinzuweisen. Es ist allerdings immer schon der Fluch der Geisteswissenschaften gewesen, dass jede/r glaubt, über jedes Thema mitreden zu können, ohne sich mit den entsprechenden Sachverhalten intensiv auseinandergesetzt zu haben. Wie überhaupt die bisweilen doch arg überzogene anti-intellektualistische und anti-elitäre Attitüde in den Netzgemeinden manchmal absurde Blüten treibt – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

    • katrin sagt:

      Stimme bei den Blüten völlig überein. Ich halte diese jüngste Blüte allerdings für keine andere Geschichte, sondern ein weiteres Kapitel :-)

  • Erbloggtes sagt:

    Und im Vergleich „anti-intellektualistische und anti-elitäre Attitüde“ gegen intellektualistische und elitäre Attitüde gewinnt wer?

  • bugsierer sagt:

    als einer, der seit fast 40 jahren im kulturbereich tätig ist und den sprung ins web 2.0 et all als einer der wenigen meiner generation geschafft hat, kann ich chervel nur beipflichten: die meisten künstler haben wenig ahnung vom netz. ich habe diese 6000 namen auch nicht durchgecheckt, aber ich surfe aus purem interesse oft und viele künstler websites an und es ist in 8 von 10 fällen ein jammertal. am besten machen es die jungen, die etablierten versagen bis auf wenige ausnahmen.

    ähnliches bild sehen wir in den medien, bei den journalisten. die haben zwar im letzten jahr etwas aufgeholt, aber auch sie haben es eigentlich verpennt. man schaue sich nur mal die tausenden von schluddrig aufgesetzten journo accounts bei twitter an. ganz zu schweigen von den verlegern mit ihren brutal hohen renditen. hätten sie sich vor 10 jahren mit dem netz befasst, stünden sie jetzt nicht so im schilf.

    was mich am meisten erstaunt: ausgerechnet die was-mit-medien-branche hats verpennt. ein ingenieur oder ein cnc-maschinist oder ein immobilienmakler wäre weg vom fenster, hätte er sich der digitalisierung und dem netz in dem mass verweigert, wie es die was-mit-medien-branche tut.

    • katrin sagt:

      Und Du findest es nun bedauerlich, dass diejenigen, die keine Ahnung vom Netz haben, noch immer nicht weg vom Fenster sind? Ehrlich: Ich verstehe nicht, warum es einige so aufregt, wenn Menschen lieber ohne das Web leben wollen bzw. sich da nicht so gut auskennen. Ich käme niemals auf die Idee, das jemandem vorzuwerfen – warum denn auch?! Da kann ich also Chervel ebenfalls nicht ganz folgen: Wieso es per se schlecht sein sollte oder gar auf mangelnde Qualität der künstlerischen Produktion hinweist, wenn eine/r vom Netz keine Ahnung hat.

      • bugsierer sagt:

        nein, aber ich bin erstaunt über den umstand, dass ausgerechnet die medienbranche fast als
        letzte und nicht als erste in das neue medium einsteigt. aber egal. jeder autor musste sich auch vor dem internet mit seinen produktionsbedingungen auseinandersetzen. mit verträgen und lesungen, mit besuchen von buchmessen, interviews für die presse, zusammenarbeit mit lektoren und übersetzern, usw. tat er das nicht, war er entweder ein genie oder erfolglos. mit dem netz haben sich diese produktionsbedingungen fundamental verändert und sie werden es noch viel mehr tun, wir sind ja quasi noch am anfang.

        ich habe kein problem damit, jemandem sein unwissen in sachen netz vorzuwerfen, sofern das netz für seinen beruf relevant ist. in 80% aller berufe IST das netz mehr oder weniger relevant. warum sich ausgerechnet autoren darum foutieren, verstehe ich nicht. ohne kenntnis des web können sie schlicht nicht seriös mitdiskutieren, z.b. über die ausgestaltung eines neuen urheberrechts oder über die tatsächlichen probleme von filesharern.

        ich stelle die frage von chervel mal anders: wie sollen autoren eigentlich noch relevante geschichten schreiben können, wenn sie diese neue und gigantische kulturtechnik einfach ausblenden? wie willst du in 5 jahren ein tatort drehbuch schreiben, wenn du keine ahnung vom netz hast?

        eine ähnliche frage müssen sich auch lehrer und eltern gefallen lassen: wie wollt ihr eure kinder erziehen und bilden ohne ahnung vom netz?

  • Schaps sagt:

    In der Urheberrechtsdebatte geht es doch darum, dass durch das Netz viel mehr Möglichkeiten Urheber zu werden existieren und es gleichzeitig viel schneller passiert, dass man dagegebn verstößt. Dieser Tatsache mit der Haltung entgegenzutreten das Urhebberrecht noch zu verschärfen, das wird doch kritisiert. Und wenn dann noch solche Ideen wie das Leistungsschutzrecht dazukommen, wird die Wut vieler vorher Unbeteiligten noch geschürt. Das sind die Aufschreie seit einiger Zeit. Die Debatte ist definitiv im Patt. Die „Urheber“ wollen den Status Quo behalten, der aber nur durch den Verlust von Freiheiten erhalten werden kann und die „User“ wollen ihre Freiheiten behalten. Die „Urheber“ sollten es nicht auf sowas wie ein Volksbefragung ankommen lassen, die werden sie verlieren.

  • […] erster Baustein mag mein Blogartikel über Chervels „Antwort auf Sibylle Lewitscharoff“ dienen. An diesem Perlentaucher-Text haben […]

  • meykosoft sagt:

    „Denn nicht das WWW ist ihr Medium, sondern allererst die Sprache, wo immer sie auch vorkommt…“

    „Wer in grauer Vorzeit am Lagerfeuer die besten Geschichten erzählte, war, wie anzunehmen ist, meist beliebt und geachtet. Egal, ob er mündlich überlieferte Legenden, Märchen oder selbst Erlebtes erzählte. Wer eine Geschichte an seinem Feuer als Erster erzählte, war derjenige, der sie in die Welt der Zuhörer brachte und somit war er auch der eigentliche Urheber…“

    mehr dazu:
    http://www.freitag.de/community/blogs/meyko/urheber-am-lagerfeuer

  • […] findet etwas Anderes statt: Die gesamte Branche wird ein ums andere Mal als reformunwillig und fortschrittsfeindlich denunziert beziehungsweise fingiert. Und zwar am […]

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