Vermischtes über Literaturblogs und 2012

Dezember 10th, 2012 § 2 comments

Die JournalistInnen unter den LeserInnen dieses Blogs werden vermutlich gleich zu einem lauten Gähnen ansetzen – die mögen also einfach weghören, wenn ich nachher zu einem kurzen Loblied auf den englischen und den amerikanischen Online-Journalismus ansetze. Mir geht es hier auch gar nicht um Szene-Themen wie Datenjournalismus oder Twitter als Nachrichtenkanal. Ohnehin weiß ich nicht bzw. zweifle sogar ernsthaft daran, dass man den deutschen Journalismus ins Netz rettet, indem man englische oder amerikanische Modelle kopiert. Was mich viel mehr verwundert: Deutschland ist in der Welt doch am bekanntesten für seine Bürokratie, für seine Kultur und für seinen Willen zur Arbeit. Und gerade diese Themen kommen nicht vor, wenn man über die Zukunft des Journalismus im weltweiten Web sinniert. Konkreter und vielleicht etwas polemisch formuliert: Wieso haben die Briten und die Amerikaner eigentlich die bessern Literaturblogs als die Deutschen? Ich meine jetzt nicht die Buchblogger, die einen Daumen-rauf-Daumen-runter-Eintrag als „Rezension“ bezeichnen; und ich meine auch nicht die Branchenblogger, deren Akzent eher ein ökonomischer denn ein literarischer zu sein scheint (was absolut nichts Verwerfliches ist!).

Sondern ich meine Literaturblogs, wie sie zum Beispiel der Guardian oder The New Yorker hat. Selbst Amazon leistet sich in den USA Blogs, die unbedingt in meinen RSS-Reader gehören, allein um zu sehen, was und wie die das machen. Um es kurz zu sagen: I love it. Und ich wäre sowas von glücklich, wenn es nur etwas annähernd Gutes auf Deutsch gäbe. Gibt es aber nicht. In der Holtzbrinck-Buch-Community Lovelybooks hat man das eine Zeit lang versucht, aber mittlerweile aufgegeben – das war aber auch nichts Gescheites, sondern allererst  Juhu-PR. Von den Zeitungen, die sich überhaupt noch Blogs leisten, investiert keiner in die Literatur. Obwohl es da meiner Meinung nach sogar einiges zu holen gäbe: Der Buchmarkt befindet sich angeblich im Umbruch, weil das Digitale endlich auch nach der Literatur die Finger ausstreckt; zugleich verfügt Deutschland über ein einzigartiges Handelsnetz und die größten germanistischen Institute der Welt; von Büchern hat die deutsche Gesellschaft noch immer eine hohe Meinung, weil sie irgendwie zum „Kulturerbe“ gehören. Trotzdem steckt die Literatur im Netz noch immer in den Kinderschuhen, und fast könnte man meinen, sie wollte denen gar nicht entwachsen.

Nun muss man mir an dieser Stelle natürlich unbedingt vorwerfen, dass ich selbst in der besten Position wäre, das zu ändern. Und tatsächlich ist das einer der größten Wünsche, mit dem ich auch das kommende Jahr wieder beginnen werde: mehr über Literatur zu schreiben und deshalb gelesen zu werden. Doch auch 2013 wird mir das womöglich nicht gelingen, und die Erklärung dafür ist ganz einfach: Medienthemen gehen einfach besser als Literatur. Und, in meinem Fall: Ich hatte mit Texten über Literatur in diesem Jahr deutlich mehr Ärger als mit Medienthemen. Das ist schlichtweg das sensiblere Geschäft: Wer Bücher schreibt, setzt – so ‚falsch‘ oder banal das Ergebnis auch sein mag – immer noch sein Ich aufs Spiel. In den Medien scheint dagegen gerade das Gegenteil der Fall: Kaum ein Redakteur, eine Redakteurin, die ich treffe, der oder die nicht darüber meckert, dass er oder sie ja auch lieber ganz, ganz anders wollte, wenn er nur könnte, aber Du weißt schon, die Quote/Auflage/Klickzahlen …

Viel innovativer und mutiger waren in meinem Jahr 2012 stets die öffentlich finanzierten Medien: Die Stadt München sponsert den KLAPPENTEXT, mein kleines Münchner Literaturprogrammheft, obwohl ich manchmal nicht nach deren Gusto schreibe; die Stadtbibliothek München hat mir eine Katalogredaktion in die Hände gelegt, obwohl ich darin keinerlei Erfahrung habe; das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst hat mich mit der Konzeption eines Literaturportals für Bayern betreut, obwohl ich zuvor noch nie etwas ähnliches gemacht habe, sondern einfach weil alle gemerkt haben, dass ich für die Sache brenne und mir also den A… dafür aufreißen werde. Selbst hinsichtlich meiner typisch journalistischen Texte gilt das irgendwie: Die beste Redakteurin, die ich je hatte, arbeitet beim epd medien; der beste Redakteur beim FREITAG, dessen Finanzierung ebenfalls ein wenig anders liegt als bei anderen Zeitungen; eine meiner schönsten Wochen im Jahr verbringe ich im Grimme Institut in Marl, das nichts verkaufen muss. Und sollte mir all das irgendwann einmal tatsächlich ein einigermaßen anständiges Gehalt einbringen, ohne dass ich auch meine Abende und Wochenenden damit verbringen muss, dann hätte ich vielleicht sogar Zeit für ein ordentliches Literaturblog. Doch im Land der sogenannten Dichter und sogenannten Denker scheint es dafür einfach kein Geld zu geben.

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§ 2 Responses to Vermischtes über Literaturblogs und 2012"

  • Alex sagt:

    Ersetze „Literatur“ durch „Film“ und ich könnte deine ersten drei Absätze exakt so übernehmen. Ich plane seit einem halben Jahr eine umfangreiche Blogserie zu dem Thema, bin aber über die Recherchephase noch nicht hinausgekommen, selbst mit regulärem 9to5-Job.

    Und wenn ich jetzt noch wüsste, welche der zwei Redakteurinnen du meinst. 😉

  • katrin sagt:

    Oh, ich meinte Diemut (mit Ellen habe ich nur ein, zweimal gesprochen). Mir ging es auch weniger ums Redigieren an sich (da stehen die beiden einander bestimmt in nichts nach, nehme ich an) als vielmehr um das grundlegende Vertrauen, den Respekt und das Interesse, das einem vom epd im Allgemeinen und von Diemut damit eben im Besonderen entgegengebracht wird.

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