Born Originals, how comes it to pass that we die Copies?

Januar 2nd, 2013 § 3 comments

Ich muss mal wieder ein „Leider noch immer nicht gelesen“ vorausschicken, und diesmal gilt es Dirk von Gehlens Buch „Lob der Kopie“, das mir für das Folgende eventuell hilfreich sein könnte. Ich habe das Buch allerdings noch nicht einmal erworben, da ich mir davon nicht allzu viel verspreche, weil dessen Ansinnen – die Definition „eines neuen Begriffs des Originals“ – in meinen Ohren ziemlich hirnrissig klingt: Begriffe mal schnell neu definieren zu wollen, zeugt bloß von Geschichtsvergessenheit; wenn das wirklich so einfach wäre, könnte ja endlich auch mal einer die Begriffe „Krieg“, „Rassismus“ oder „Armut“ neu definieren – was das Spezialgebiet von unseriösen PolitikerInnen und geldgeilen BeraterInnen ist, aber nicht von AutorInnen, die ich gerne lese.

Das „Lob der Kopie“ fehlt mir hier also hauptsächlich, um die Gegenrede auf irgendwelche Füße zu stellen. Bleibt mir mithin nur zu versuchen, ein paar disparate Beobachtungen irgendwie zusammen zu fassen. Auslöser dieses Textes ist der ja schon vielfach empfohlene und fälschlicherweise als „Rant“ gelobte Text „Das deutsche Fernsehen wird 60 — Warum es gescheitert ist“ von Michael Reufsteck auf fernsehlexikon.de. Im Grunde beklagt Reufsteck darin, dass den Fernsehmachern die Leidenschaft fehle. In seinen Worten:

Weder beim öffentlich-rechtlichen noch im privaten Fernsehen finden sich Macher, die ein Gefühl für Fernsehen haben und nicht nur kalkulierend die sichere Bank einfordern. Produzenten haben kaum eine Chance, für ein neues, innovatives Format einen Abnehmer zu finden. Dagegen ist die Chance groß, wenn es sich um ein Überflieger-Format aus dem Ausland handelt, oder noch besser: um ein Format, das es in ähnlicher Form sogar in Deutschland schon gibt und die Zuschauerresonanz deshalb absehbar ist. Aus diesem Grund gab es so lange überall Quizsendungen, bis die Quoten einbrachen, weil die Übersättigung eingetreten war. Ebenso lief es mit Talk- und Gerichtsshows. Mit amerikanischen Forensik-Serien. Derzeit erleben die Castingshows den kollektiven Quotenrückgang, weil es einfach zu viele von ihnen gibt. Und bei den Sendern verzweifelt man, weil man auf die Zeit danach nicht vorbereitet ist. Dazu hätte man ja mal was Neues ausprobieren müssen. Alle warten nur darauf, dass jemand anderem mal ein Zufallstreffer gelingt, damit sie den dann kopieren können.

Reufstecks Vorwurf gilt allein den Machern, und vor wenigen Minuten war ich noch versucht, laut auszurufen: „Auf dem Buchmarkt ist es ganz genauso!“ Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Selbstverständlich wird auch das Lese-Publikum seit einigen Jahren mit Regionalkrimis und Vampirromanen überschwemmt. Der moralische Haken an der Sache ist allerdings: Das funktioniert, die Menschen kaufen das. Mehr noch: Wer aktuell mit einem Lektor spricht, wird sich bald eines überaus großen Mitleids nicht erwehren können, denn quasi jeder Verlag in Deutschland (und vermutlich dem Rest der westlichen Welt) bekommt sogenannte „Mummy Porn“-Manuskripte gerade tonnenweise zugeschickt. Kurz gesagt: Es sind nicht nur die Vermarkter, die immer wieder das Gleiche einfordern, sondern auch die Autoren, die immer wieder das Gleiche anbieten. Und die Leser lesen dieses Gleiche auch immer wieder (siehe „Frauenromane“). Überall nurmehr Kopien. Und dabei entsteht leider ganz und gar nichts Neues.

Letzteres darf gerne auch als Kommentar zu der Creeper-Card-Sache verstanden werden. Wie Fefe schön down-to-earth darlegt, kann man ein solches Vorgehen aus den USA nicht schnell mal nach Deutschland immigrieren. Und wenn man es doch tut, kommt es eben, wie es kommen muss: Alle kopieren nur eine hohle Emotionalität, aber keiner kreiert etwas Neues. In Fefes Worten:

Ein Dutzend Menschen haben sich auf Twitter über diese Seite [im Wiki, „mit sexistischem Dummschwall“] empört. Niemand hat den Edit-Button gefunden. Und keiner rief bei der Hotline an.

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§ 3 Responses to Born Originals, how comes it to pass that we die Copies?"

  • Bitte doch das “Lob der Kopie” lesen. Ist ganz anders. Geht nicht ums Schnellneudefinieren, gar nicht.

    • katrin sagt:

      Ich habe ja auch nicht geschworen, das nie zu tun. Hat mich nur einfach bislang nicht gerissen, weil mir schlichtweg das Historische fehlt, das ich in dem Fall für absolut unabdingbar halte.

  • “Die schlimmste Armut ist Einsamkeit und das Gefühl, unbeachtet und unerwünscht zu sein.”

    Mutter Teresa

    Jeder sieht die Welt so, um sich selbst nicht überflüssig vorzukommen.

    Ein Weiser würde sagen:

    “Die schlimmste Armut ist, die Ursache der Armut nicht zu wissen.”

    Und Jesus würde sagen:

    “Die schlimmste Armut ist, die Ursache der Armut nicht wissen zu wollen.”

    http://www.juengstes-gericht.net

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