Unsinn und Nachrichten

Februar 15th, 2014 § 0 comments

The Daily Beast zählt upworthy.com zur amerikanischen „New New Left“, die New York Times meint, die Seite sei „designed to spread the love for stuff that matters“, und das US-Wirtschaftsmagazin Fast Company beschreibt die Seite als „kind of like a soulful Buzzfeed“. Da ist was dran, wobei der Begriff „soulful“ die Sache nicht ganz trifft, denn die Upworthy-Macher zeichnen sich weniger durch Seele und Gefühle als vielmehr durch Haltung und eine eigene Meinung aus. Upworthy-Mitgründer und -Herausgeber Adam Mordecai zum Beispiel schreibt in seinem upworthy-Profil:

I want my gay friends to be able to get married. I want my undocumented friends to gain citizenship. I want everyone to have healthcare. I want the media to do their job. And I want politicians to learn shame.

Selbstredend schlägt sich der politische Anspruch in den Inhalten nieder; die aktuellen Aufmacher von Upworthy lauten zum Beispiel:

»Old White Guy Drops A Monster Speech On Anti-Gay Football Teams. Seriously Impressive Performance.«

»What Happens To Some Kids When They Go To Work In This Famous Industry Is Awful«

»One Of Putin’s Homophobic Spokesmen Is Shamed On ‚The Daily Show,‘ And That’s The Least Awesome Part«

Nun kann man darüber streiten, ob man den massenhaften Konsum bunter Bildchen und kurzer Filmchen wirklich als politischen Diskurs begreifen kann, der infiltriert werden muss. Man kann darüber streiten, ob eine derart zerstreute Unterhaltung tatsächlich Auswirkungen auf Meinungen und Haltungen haben kann. (Ich selbst bin mir da nicht sicher, weshalb ich längst mal über Upworthy schreiben wollte.) Was man aber nicht kann: Man kann Upworthy keinesfalls als »Blödelseite« titulieren. Das würde auch nie einer machen? Oh doch, die die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel.

Anlass des SZ-Artikels ist die Tatsache, dass die Nutzerzahlen von Upworthy – nach einem geradezu unglaublichen Anstieg im vergangenen Jahr – plötzlich um die Hälfte gesunken sind. Grund dafür, das hat die SZ auch ganz brav bei Bloomberg abgeschrieben gelesen (ohne den Text zu verlinken, denn das würde die User ja nur zum Wegklicken animieren), ist eine Algorithmen-Änderung bei Facebook, denn von dort kommt durchschnittlich die Hälfte der Upworthy-Nutzer. Der Bloomberg-Text zitiert Vermutungen, dass diese Änderung ziemlich unverblümt auf Upworthy ziele – weil Facebook es entweder generell nicht goutiere, dass jemand sein Geschäftsmodell auf dem »sozialen Netzwerk« aufbaue; oder weil Facebook von Upworthy endlich auch mal Geld sehen will. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Facebook den Algorithmus ändert, und schon früher lag der monetäre Verdacht nahe, wie Bloomberg-Autorin Megan McArdle schreibt:

Then Facebook changed the rules, and suddenly those followers were worth a lot less. Meanwhile, Facebook expanded its advertising offerings, leading to suspicions that the algorithm change was aimed at making page owners pay to promote their content.

Das scheint die SZ aber genauso wenig mitbekommen oder verstanden zu haben wie die Bloomberg-Metapher des Bauens auf fremdem Grund, deshalb wird das Schrauben an den Algorithmen in der SZ etwas anders erklärt, nämlich mit einer weiteren groben Fehleinschätzung des Autors, der Upworthy-Inhalte kurzerhand zum »Unsinn« erklärt:

Mehrfach im Jahr arbeiten die Facebook-Ingenieure an den Algorithmen, zuletzt im Januar 2014. Die Änderung zuvor, Anfang Dezember, war es, die Upworthy auf Facebook aus dem Schaufenster in die Abstellkammer verbannte. Dabei hat Facebook legal und auch verständlich gehandelt – die Firma wollte weniger Unsinn und mehr ernsthafte Nachrichten verbreiten.

Es ist wahrlich bemerkenswert, wie man einen Artikel über Upworthy und Facebook schreiben kann, ohne überhaupt seriös zu erklären, was Upworthy ist, ohne wenigstens am Rande die Frage nach der Ideologie der Klickzahlen zu stellen (die bei Upworthy tatsächlich nicht alles sind) und ohne die politische Implikation der Facebook-Algorithmen auch nur marginal zu reflektieren. Ich kann ehrlich keinen Journalisten ernstnehmen, der das Geschäftsmodell seines Arbeitsgebers derart inhaliert hat, dass er nurmehr ökonomisch und kaum mehr kritisch zu denken in der Lage ist. Die Pointe des Textes verrät das ein weiteres Mal, denn auch sie handelt nicht von Information oder gar kritischem Bewusstsein, sondern einzig und allein von Marketing:

Und doch haben die Kalifornier mit dem Schritt viel weniger ihren Sinn für gute Berichterstattung bewiesen als ihre große Macht über die Nachrichtenauswahl. Für Medienunternehmen kann dies nur bedeuten, sich nicht zu sehr auf Facebook und andere Netzwerke zu verlassen. Es muss noch andere Wege geben, um in die Köpfe der Leser zu gelangen.

Ja, ja, diese Wege muss es wohl geben. Ich hätte da sogar eine Idee: Wie wär´s denn einfach mal mit weniger Unsinn und mehr ernsthaften Nachrichten?

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