Männer für Mauser

Mai 28th, 2016 § 0 comments § permalink

Ich weiß nicht, wie viele Leserbriefe zur Berichterstattung über den Prozess gegen den ehemaligen Rektor der Münchner Musikhochschule wegen sexueller Nötigung bei der Süddeutschen Zeitung eingegangen sind und ob darunter auch welche waren, die sich für die Klägerinnen ausgesprochen haben. Publiziert hat sie SZ jedenfalls nur solche, die das Urteil für ein Unding halten – die entsprechende Überschrift gab es gratis dazu: „Münchens Kulturwelt ist entsetzt“. Die Auswahl der Briefe mag auch populistischen Kriterien gehorcht haben, denn unter den Schreibern finden sich drei prominente Namen, und derjenige mit den meisten akademischen Titeln erhielt denn auch die farbliche Hervorhebung.

SZ_MauserMichael Krüger, Hans Magnus Enzensberger und Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer sprechen sich also entschieden für Siegfried Mauser und gegen die Rechtmäßigkeit des Urteils aus – obwohl sie, das unterstelle ich hier mal, dem Prozess nicht beigewohnt haben und die Aussagen der Nebenklägerinnen also höchstens aus der Zeitung kennen.

Über das „Frauenproblem“ der Bayerischen Akademie der Schönen Künste – dessen Präsident Borchmeyer einmal war und Krüger aktuell ist – habe ich mich bereits an anderer Stelle geäußert, daher hier nur kurz zusammengefasst (und ohne manche kolportierten Äußerungen der beiden Herren über die Weiblichkeit weiterzuplappern): Sowohl Programm als auch die Zusammensetzung der Mitglieder der Akademie lässt darauf schließen, dass Frauen vielleicht Objekt der Schönen Künste sein können, aber lieber nicht deren Subjekt. Dass Borchmeyer dementsprechend die patriarchalen Machtstrukturen in universitären Einrichtungen abstreitet und damit gleich im selben Atemzug die Aussage der Frau in Zweifel zieht, überrascht mich deshalb wenig.

Doch dass eine Professorin sich erst fast sieben Jahre nach der angeblichen sexuellen Nötigung zur Anzeige entschließt, um sich als ,Untergebene‘ des Rektors keine beruflichen Nachteile einzuhandeln – also erst auf sein Ausscheiden aus dem Amt warten musste -, leuchtet mir ganz und gar nicht ein.

Nun kenne ich weder den Angeklagten noch die beiden Nebenklägerinnen, deshalb kann ich nicht einschätzen, ob sich da tatsächlich jemand gegen Mauser verschworen hat. Natürlich kann es sein, dass jemand Rache üben wollte. Hans Magnus Enzensberger allerdings hegt da keinerlei Zweifel, schließlich weiß er bestens Bescheid über das typisch weibliche Verhalten:

Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen. Sie wissen sich der überforderten Justiz virtuos zu bedienen.

Wie schrieb der Focus noch so schön? Genau:

Jeder zweite Frauenmord wird vom Partner verübt.

Welch hübsche Metapher Enzensberger dafür wohl fände? Und wie entsetzt ist eigentlich Münchens Frauenwelt? Ach, stimmt, darum geht es hier ja gar nicht.

Boko Haram

Mai 14th, 2014 § 0 comments § permalink

Endlich ist Boko Haram wieder in aller Munde, und hinter diesem Namen liest man üblicherweise in Klammern die Übersetzung „westliche Bildung verboten“. Das klingt logisch und umgehend glaubhaft als Selbstbeschreibung einer islamistischen Terrorgruppe. Allein, so einfach ist die Sache nicht; offenbar sind sich nicht einmal alle Hausa (die Ethnie, deren Sprache diese Bezeichnung entstammt) einig, was dieser Begriff eigentlich bedeuten soll. Die Schwierigkeit liegt weniger in dem Wort „Haram“ – auch wenn üblicherweise der Zusatz „nach islamischem Recht“ fehlt, obwohl es just das beschreibt: dass etwas nicht Scharia-konform ist. Es geht mithin um „boko“, ein Hausa-Wort, „originally meaning sham, fraud, inauthenticity, and such which came to represent western education and learning“ (Paul Newman). Das Wort machte also einen Bedeutungswandel durch, von „Betrug“ zu „westlicher Bildung“.

Man kann sich ungefähr denken, wann das geschah: als die britischen Kolonialisten mit jeder Menge evangelikaler Missionare im Gepäck in das Gebiet des heutigen Nigeria kamen, nach und nach Richtung Norden vordrangen, dort mächtige Kalifate unterwarfen und 1914 schließlich drei „Protektorate“ zu einem Land namens Nigeria vereinigten. Zwar hat der Westen nicht nur die muslimische Bevölkerung (die Hausa und die Fulani) betrogen, doch waren und blieben sie die einzigen, die sich nicht – wie etwa die Igbo im Südosten oder die Yoruba im Südwesten – christianisieren lassen wollten und also stets die – nicht zahlenmäßig, sondern bürokratisch – Unterlegenen waren und blieben, während das Land die wichtigen Schritte in Richtung Unabhängigkeit unternahm. Die Aussage, dass westliche Bildung im Hausa-Islam verboten ist, stellt folglich kaum mehr als eine Tautologie dar, denn „westliche Bildung“ kann im Falle Nigeria umstandslos mit dem Christentum gleichgesetzt werden. Und was das Christentum da angerichtet hat, verursacht bis heute immer wieder Bürgerkriege; der brutalste davon der Biafra-Krieg von 1967 bis 1970, dessen Urszene den aktuellen Ereignissen verdammt ähnlich sieht. Auch damals begann alles mit Pogromen gegen Andersgläubige im Norden.

Ich halte den Roman „Half of the Yellow Sun“ (der Titel bezieht sich auf die Flagge Biafras) von Chimamanda Ngozi Adichie nicht in allen Teilen für gelungen (aber das sagt sich eben so widerwärtig leicht aus einer deutschen Perspektive). Und doch wirft schon der Trailer der Verfilmung ein paar Blitzlichter auf ein Land, in dem westliche Bildung nicht verboten ist, sondern vielmehr die einzige Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs darstellt.

Meine zweite Waschmaschine
Oder: Bauknecht ist jetzt Whirlpool

April 24th, 2014 § 6 comments § permalink

Gerade als wir dachten, es erfolgreich ignorieren zu können, dass unsere Waschmaschine ganz zweifellos gefährlich klingende Geräusche machte, krachte es irgendwo in ihrem Inneren zweimal scharf und metallisch. Ich drückte hysterisch den Stopp-Knopf. Ich zog den Stecker, und damit war das Ende der Bauknecht besiegelt. Ihr Leben war kein schlechtes, auch wenn es damit begann, dass ich sie gleich bei ihrem ersten Lauf fürchterlich demütigte, indem ich vergaß, zuvor die Feststellschrauben zu entfernen. In jeder weiteren Version, die F. von dieser Geschichte erzählt, hüpft die Bauknecht noch höher (spätestens beim überübernächsten Mal wird F.´s Hand in Kopfhöhe deuten) und bedrohlicher durch unser kleines Bad. Bedienungsanleitungen sind nunmal nicht mein Ding, schon nach dem ersten Halbsatz schaltet mein Gehirn einfach ab und ich bekomme es nicht mehr in Gang, solange ich solch ein Papier in Händen halte. Gleiches gilt für Handytarife, Verträge und ähnliche bürokratische Prosa: Das sind derart langweilige Texte, dass ich sie schlichtweg nicht verstehe. Wegen eben dieser widerwilligen Unfähigkeit habe ich auch die Suche nach dem preiswertesten Waschmaschinenmodell schnell wieder aufgegeben – die Frage reduzierte sich folglich auf einen Gegensatz, dessen Ungegensätzlichkeit als typisches Merkmal unsere Tage gelten darf, nämlich auf: Mediamarkt oder Saturn? Auch die Antwort ist vermutlich ziemlich zeitgemäß: Mediamarkt, weil der ist näher. Und am besten wieder eine Bauknecht, denn die mochte ich irgendwie, und im Grunde sind ja eh alle Marken dasselbe.

Als Frau in einer Waschmaschinen-Abteilung ist man ein doppeltes Objekt der Begierde: einerseits von einkaufenden Männern, weil Waschmaschinen zu den wenigen technischen Gerät gehören, mit denen umzugehen – so die Unterstellung – Frauen gewohnter und also erfahrener sind (während Spülmaschinen lieber von Männern adoptiert werden, warum auch immer); und andererseits von Verkäufern, die mittels desselben Klischees ein Gespräch auf Augenhöhe inszenieren, allerdings ohne mit einem weiteren ‚männlichen‘ Technikverständnis konkurrieren zu müssen. Vor beidem habe ich mich ein wenig gefürchtet, denn tatsächlich haben Waschmaschinen keine besonders guten Erfahrungen mit mir, und zudem habe ich in meinem Leben noch nie eine Waschmaschine gekauft (die erste war ein Geschenk meiner Eltern, vor immerhin 12 Jahren), weshalb ich mich für durchaus anfällig für die Vorführung ‚männlichen‘ Technikverständnisses hielt.

Der Verkäufer ließ im Mediamarkt auch nicht lange auf sich warten. Allein, das war gar kein Verkäufer, sondern ein Vertreter von Samsung, der mich also gar nicht beraten, sondern mir bloß eine Samsung-Maschine verkaufen wollte. Ich weiß nicht, ob es mittlerweile zum Usus gehört, dass neben (mehr oder weniger) unabhängigen Verkäufern, deren Rat wenigstens ich in Waschmaschinenangelegenheiten unbedingt bedarf, auch Unternehmensabgesandte auf Kunden losgelassen werden, um ganz gezielt zu desinformieren. Mir war der Samsung-Mann schon vorher aufgefallen, und mir war auch aufgefallen, dass er mich ins Visier genommen hatte, weshalb ich ihn auf seine nette Frage, ob er mir helfen dürfe, gleich auf seine Samsung-Zugehörigkeit angesprochen habe. Auch habe ich ihm sofort, vermutlich etwas überfallartig, eröffnet, dass ich auf keinen Fall ein Samsung-Produkt erwerben würde, weil ich damit wiederholt schlechte Erfahrungen gemacht hatte (Mobiltelefon und Laptop). Da zog er die Technikkarte: Na, wenn ich mich auf derart subjektive Erlebnisse verließe und von Fakten nichts wissen wolle, dringe er mit seinem Expertenwissen natürlich nicht durch … Ich ließ ihn also sein Expertenwissen anhand eines Vergleichs zweier Trommeln – ich habe die Fachbegriffe vergessen, pardon, und warum die eine besser sein sollte, als die andere, weiß ich auch nicht mehr – demonstrieren und entließ ihn, da er sein nächstes Opfer bereits ausgemacht hatte.

Doch auch dieser Käufer ließ sich offensichtlich nicht für dumm verkaufen, weshalb wir beide endlich ohne den Samsung-Mann dastanden und uns gegenseitig berieten (seine Siemens hat 20 Jahre gehalten!). Dann kam eine Verkäuferin, der ich sogleich meine vermeintliche Entschiedenheit für Bauknecht kundtat. Dann der Schock: „Bauknecht ist jetzt Whirlpool“, sagte sie (nein, eigentlich sagte sie: „Bauknecht ist jetzt Wörlpuhl“). Und nun? „AEG“, sagte sie, zeigte uns eine Maschine, beriet uns – und hatte in nicht einmal fünf Minuten zwei Maschinen verkauft (der Samsung-Mann war nach fünf Minuten noch nicht einmal zu seinem Trommelvergleich gekommen) – vermutlich zu ihrer Überraschung, weil sie den anderen Käufer und mich wohl anfangs für ein Paar gehalten hatte, da wir nett beisammen standen und plauderten. Der AEG-Co-Käufer wohnt, wie wir beim quasi parallelen Ausfüllen der Bestellzettel feststellten, nur ein paar Häuser weiter. Dass wir uns noch nie gesehen haben, mag in Berlin normal sein, aber sicher nicht in München. Und vielleicht ist das das eigentlich Zeitgemäße an dieser Geschichte: Dass nun Keine-Samsung unbekannterweise gleich doppelt in derselben Straße steht.

In eigener Sache: LiteraturInnen

Mai 24th, 2013 § 0 comments § permalink

Seit beinahe zehn Jahren arbeite ich als freie Autorin für diverse Print- und Onlinemedien. Gleichsam von Anfang an stand ich dabei auf zwei verschiedenen Beinen: Ich habe einerseits über Medien (aka Fernsehen und Internet) geschrieben und andererseits über Literatur. Leichter fällt mir Ersteres, auch und gerade weil es sich nicht um mein Leib- und Magenthema handelt und ich also irgendwie anders als Andere darüber zu schreiben scheine; mein Herz hängt jedoch zweifelsohne an der Literatur, und zwar mehr denn je. Ich bin, um es kurz und kulturpessimistisch zu sagen, glücklich, wenn ich ein Buch lese, und oft völlig genervt, wenn ich mehrere Stunden vor irgendeinem Bildschirm verbracht habe (außer natürlich, es handelt sich um eine Grimme-Sitzung!). Und gefühlt wird das immer schlimmer. Das Dumme ist nur: Die politische Kritik ist bei Medienthemen überaus gefragt – sowohl im Netz als auch auf Papier kann man damit relativ einfach Punkte machen –, in der Literaturkritik dagegen alles andere als en vogue.

Da ich Literatur jedoch für das vielleicht politischste (kann man dieses Wort eigentlich steigern?) Medium überhaupt halte und ohnehin schon seit Jahren vorhabe, endlich ein ordentliches Literaturblog zu beginnen, ist es „LiteraturInnen“ geworden: ein Literaturblog, das sich mit einem politischen Thema, nämlich mit Frauen und Literatur beschäftigt. Als ich mir über diese Ausrichtung klar war, war ich im Grunde bloß bass erstaunt, dass es ein solches Blog nicht längst schon gibt.

„LiteraturInnen“ ist nur bedingt als „affirmative action“ zu verstehen: Tatsächlich waren Frauen jahrhundertelang von der Produktion von Literatur ausgeschlossen und zugleich deren beliebter Gegenstand. Auch das Lesen galt für Frauen bis ins 19. Jahrhundert als gefährliche Angelegenheit. Heute dagegen sind Frauen schlechthin die Zielgruppe des Buchmarkts. Als junge, gutaussehende Autorin hat man es, so heißt es, leichter, einen Verlag zu finden denn als mittelalter Mann. Kann sich frau darüber glücklich schätzen? Oder bedeutet diese Hausse des Weiblichen womöglich just das Gegenteil? Welchen Einfluss auf das Schreiben, auf die Literatur, auf den Buchmarkt hat dieser plötzliche Sprung vom Außenseiter zum Superstar? Was hat man von so etwas wie dem „Fräuleinwunder“ zu halten? Warum kennt jeder Literaturkundige Chinua Achebe, aber kaum einer sein weibliches Pendant Buchi Emecheta? Wer ist Buchi Emecheta? Werden weibliche Autorinnen anders porträtiert und medialisiert als männliche Autoren? Schreiben, wie die berühmte Frage lautet, Frauen wirklich anders? Über all das und noch einiges mehr will ich auf „LiteraturInnen“ nachdenken.

Coming as soon as possible: www.literaturinnen.de

Schon online: der zugehörige Twitterkanal.

Vermischtes über Literaturblogs und 2012

Dezember 10th, 2012 § 2 comments § permalink

Die JournalistInnen unter den LeserInnen dieses Blogs werden vermutlich gleich zu einem lauten Gähnen ansetzen – die mögen also einfach weghören, wenn ich nachher zu einem kurzen Loblied auf den englischen und den amerikanischen Online-Journalismus ansetze. Mir geht es hier auch gar nicht um Szene-Themen wie Datenjournalismus oder Twitter als Nachrichtenkanal. Ohnehin weiß ich nicht bzw. zweifle sogar ernsthaft daran, dass man den deutschen Journalismus ins Netz rettet, indem man englische oder amerikanische Modelle kopiert. Was mich viel mehr verwundert: Deutschland ist in der Welt doch am bekanntesten für seine Bürokratie, für seine Kultur und für seinen Willen zur Arbeit. Und gerade diese Themen kommen nicht vor, wenn man über die Zukunft des Journalismus im weltweiten Web sinniert. Konkreter und vielleicht etwas polemisch formuliert: Wieso haben die Briten und die Amerikaner eigentlich die bessern Literaturblogs als die Deutschen? Ich meine jetzt nicht die Buchblogger, die einen Daumen-rauf-Daumen-runter-Eintrag als „Rezension“ bezeichnen; und ich meine auch nicht die Branchenblogger, deren Akzent eher ein ökonomischer denn ein literarischer zu sein scheint (was absolut nichts Verwerfliches ist!).

Sondern ich meine Literaturblogs, wie sie zum Beispiel der Guardian oder The New Yorker hat. Selbst Amazon leistet sich in den USA Blogs, die unbedingt in meinen RSS-Reader gehören, allein um zu sehen, was und wie die das machen. Um es kurz zu sagen: I love it. Und ich wäre sowas von glücklich, wenn es nur etwas annähernd Gutes auf Deutsch gäbe. Gibt es aber nicht. In der Holtzbrinck-Buch-Community Lovelybooks hat man das eine Zeit lang versucht, aber mittlerweile aufgegeben – das war aber auch nichts Gescheites, sondern allererst  Juhu-PR. Von den Zeitungen, die sich überhaupt noch Blogs leisten, investiert keiner in die Literatur. Obwohl es da meiner Meinung nach sogar einiges zu holen gäbe: Der Buchmarkt befindet sich angeblich im Umbruch, weil das Digitale endlich auch nach der Literatur die Finger ausstreckt; zugleich verfügt Deutschland über ein einzigartiges Handelsnetz und die größten germanistischen Institute der Welt; von Büchern hat die deutsche Gesellschaft noch immer eine hohe Meinung, weil sie irgendwie zum „Kulturerbe“ gehören. Trotzdem steckt die Literatur im Netz noch immer in den Kinderschuhen, und fast könnte man meinen, sie wollte denen gar nicht entwachsen.

Nun muss man mir an dieser Stelle natürlich unbedingt vorwerfen, dass ich selbst in der besten Position wäre, das zu ändern. Und tatsächlich ist das einer der größten Wünsche, mit dem ich auch das kommende Jahr wieder beginnen werde: mehr über Literatur zu schreiben und deshalb gelesen zu werden. Doch auch 2013 wird mir das womöglich nicht gelingen, und die Erklärung dafür ist ganz einfach: Medienthemen gehen einfach besser als Literatur. Und, in meinem Fall: Ich hatte mit Texten über Literatur in diesem Jahr deutlich mehr Ärger als mit Medienthemen. Das ist schlichtweg das sensiblere Geschäft: Wer Bücher schreibt, setzt – so ‚falsch‘ oder banal das Ergebnis auch sein mag – immer noch sein Ich aufs Spiel. In den Medien scheint dagegen gerade das Gegenteil der Fall: Kaum ein Redakteur, eine Redakteurin, die ich treffe, der oder die nicht darüber meckert, dass er oder sie ja auch lieber ganz, ganz anders wollte, wenn er nur könnte, aber Du weißt schon, die Quote/Auflage/Klickzahlen …

Viel innovativer und mutiger waren in meinem Jahr 2012 stets die öffentlich finanzierten Medien: Die Stadt München sponsert den KLAPPENTEXT, mein kleines Münchner Literaturprogrammheft, obwohl ich manchmal nicht nach deren Gusto schreibe; die Stadtbibliothek München hat mir eine Katalogredaktion in die Hände gelegt, obwohl ich darin keinerlei Erfahrung habe; das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst hat mich mit der Konzeption eines Literaturportals für Bayern betreut, obwohl ich zuvor noch nie etwas ähnliches gemacht habe, sondern einfach weil alle gemerkt haben, dass ich für die Sache brenne und mir also den A… dafür aufreißen werde. Selbst hinsichtlich meiner typisch journalistischen Texte gilt das irgendwie: Die beste Redakteurin, die ich je hatte, arbeitet beim epd medien; der beste Redakteur beim FREITAG, dessen Finanzierung ebenfalls ein wenig anders liegt als bei anderen Zeitungen; eine meiner schönsten Wochen im Jahr verbringe ich im Grimme Institut in Marl, das nichts verkaufen muss. Und sollte mir all das irgendwann einmal tatsächlich ein einigermaßen anständiges Gehalt einbringen, ohne dass ich auch meine Abende und Wochenenden damit verbringen muss, dann hätte ich vielleicht sogar Zeit für ein ordentliches Literaturblog. Doch im Land der sogenannten Dichter und sogenannten Denker scheint es dafür einfach kein Geld zu geben.

Athen im September 2012

Oktober 1st, 2012 § 3 comments § permalink

Anfang September dieses Jahres war ich fünf Tage in Athen, zum klassischen Sightseeing. Es war mein erster Aufenthalt dort, aber darüberschreiben musste ich doch auf jeden Fall. Man nehme mir die Naivität der Touristin bitte nicht übel. Hier ist jedenfalls das etwas längere Ergebnis:

Ich habe meine Schuhe schon aus vielen Gründen ausgezogen. Bislang jedoch noch nie zu meiner eigenen Sicherheit. Genau das empfiehlt allerdings das Schild am Fuße der in den Stein gehauenen Treppe, die auf den Areopag in Athen führt. Die millionen Menschen, die in vergangenen Jahrhunderten die steilen Stufen hinaufgestiegen sind, haben den Fels so glatt poliert, dass nur nackte Sohlen sicheren Halt bieten. Wie viele mögen wegen unpassenden Schuhwerks auf der rutschigen Treppe schon ausgeglitten sein, sich die Knie geschürft, ein Gelenk verstaucht oder gar einen Knochen gebrochen haben? Doch niemand, auch wir nicht, beherzigt den Rat im Angesicht des rohen Brockens, der von sich aus nichts über seine frühere Funktion verrät.

Bereits die Ursprungslegende des Areopags spricht vom Blutvergießen und vom Scheitern; der Gott Poseidon erlebt hier eine seiner vielen bitteren Niederlagen. Weil Poseidons Sohn die Tochter von Ares geschändet hat und deshalb vom durchweg blutrünstigen Kriegsgott ermordet wird, strengt der Herr mit dem Dreizack einen Gerichtsprozess an – und verliert. Fortan heißt der Hügel nach dem Sieger der Verhandlung: Areopag, zu Deutsch Ares-Hügel. Ebenfalls auf dem Areopag entscheidet in Aischylos´ Orestie Athene über die Klage der Erinnyen gegen Orest, der seine Mutter umgebracht hat, um deren Mord an seinem Vater, ihrem Ehemann, zu rächen. Erneut ein Freispruch.

Viele Jahrhunderte später, da liegt die Gerichtsgewalt bereits in der Hand der Bürger und findet an anderem Ort statt, steht der Apostel Paulus auf dem Areopag und predigt über den Monotheismus und die Auferstehung der Toten. Ziemlich seltsame Thesen in den Ohren vieler Athener, die ihn genüsslich verspotten. Andere drücken ihre Zweifel laut Bibel ein wenig höflicher aus: „Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören.“ Für den Missionar auf Europa-Tournee war der Ares-Hügel offensichtlich ein kaum weniger rutschiges Parkett als für die Touristen der Gegenwart.

Noch heute nennt sich das oberste Gericht Griechenlands „Areopag“, natürlich tagt es nicht mehr auf dem Felsen, auch die Blutgerichtsbarkeit fällt nicht mehr in seinen Aufgabenbereich. Und so steht der steinerne Hügel nun als Pedestal für Ich-und-die-Akropolis-Fotografien zur Verfügung, denn Athens Wahrzeichen hat man, ein paar hundert Meter Luftlinie, von hier aus bestens im Blick. Schon fragt eine junge Frau mit französischem Akzent „Could you please …“. Sie streckt uns eine Kamera entgegen, schmiegt sich an ihren Begleiter und setzt ein Lächeln auf, das nicht uns gilt, sondern den späteren Betrachtern dieses Bildes, darunter nicht zuletzt ihr eigenes zukünftiges Ich, das milde zurücklächeln wird in Erinnerung an diesen heißen, hellen Athener Tag. Im Hintergrund gerät ein anderes Motiv ins Visier: Eine Dame hascht hilfesuchend nach dem Arm ihres Begleiters, weil auch ihre Schuhsohlen auf dem Felsen nicht haften wollen. Für den Abstieg wählen viele die moderne Treppe aus Metall.

Allein, der Tritt auf dem vermeintlich festen Boden am Fuße des Areopags fühlt sich zwar rutschfester, aber dennoch nicht sicherer an, und so erhält das Phänomen endlich einen Namen. Ein Syntagma, eine Wortverbindung und stehende Wendung, die wir uns in den folgenden Tagen desöfteren gegenseitig bestätigen werden. „Athener Schwindel“, sagt F., „Athener Schwindel“, nicke ich. Der war, genau, schon kurz nach dem Aussteigen aus dem Flugzeug zu spüren, stellen wir so nachträglich wie einvernehmlich fest, aber man dachte ja, das habe mit dem Reisen zu tun. Hat es also nicht. Es mag an diesen ellenlangen Wörtern aus fremden und zugleich vertrauten Schriftzeichen liegen. Und an den Felsen, Säulen und Wänden, die stetig in den Himmel wachsen (ich kann nicht hochsehen, ohne nach hinten zu taumeln). Und an der historischen Bodenlosigkeit, die die Stadt nicht nur metaphorisch erzittern lässt. Das letzte Mal bebte die Erde für alle Athener spürbar im Juni dieses Jahres; kleinere Ausschläge verzeichnet die Richterskala quasi täglich im gesamten griechischen Raum. Südlich des Peloponnes stoßen die eurasische und die afrikanische Platte aneinander. Durch diesen Spalt ist, irgendwann in der Kreidezeit, wohl der Fels auf die Welt gekommen, auf dem rund 100 Millionen Jahre später die Obere Stadt, die Akropolis, errichtet wird.

An jedem Tag erklimmen von früh morgens an, dicht gedrängt wie in einem Historienfilm, bunt gewandete Leiber aus aller Herren Länder den Anstieg zu der Ansammlung aus losen und wieder zusammengefügten Steinen. In (fast) voller Pracht zu bewundern sind heute nurmehr die Zeugen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert: die Propyläen und das Parthenon, der Nike-Tempel und das Erechtheion. Die Spuren der späteren Nutzung als byzantinischer, christlicher und islamischer Ort sowie der Zerstörung durch die Venezianer wurden im Dienste der Nation getilgt: Als Griechenland 1830 unabhängig wird, beginnt beinahe umgehend die Rekonstruktion der großen klassischen Zeit Athens; alles, was danach um- und hinzu gebaut wurde, wird niedergerissen.

Seither errichtet man die Antike neu, der Fachbegriff dafür lautet „Anastilosis“, „wieder aufstellen“. Am Ende sollen die Propyläen unversehrter in die Höhe ragen, als die Neuzeit sie je zu Gesicht bekam. Athener Schwindel!, denke ich – da erklingt hinter uns ein kehliger Laut. Mein Blick zurück fällt zwischen zwei gespreizte, schräg in der Luft paddelnde Schenkel, unter einen Rock, auf ein rotes Höschen, erst dann auf ein Gesicht, das mir jedoch nicht in Erinnerung bleibt – schon reicht ihr Begleiter seine Hand, um der Frau wieder auf die Beine zu helfen. Doch nicht nur der Tourist, auch der Archäologe verliert hier oben leicht den Boden unter den Füßen: Wollte man sich bis zum Ursprung der Zivilisation hinunter graben, bliebe am Ende nur ein Schutthaufen übrig.

Und auch die Rekonstruktion leidet an einem mehr als schmerzhaften Schönheitsfehler. Schon 1801 beginnt der Brite Thomas Bruce, 7. Earl of Elgin und damals britischer Botschafter in Konstantinopel, mit dem Abtransport des berühmten Parthenon-Frieses. Die Elgin Marbles gehören heute zu den großen Attraktionen des British Museum in London – während Athen nicht aufhört, auf die Rückgabe der Stücke zu pochen. Eine Forderung, die die Stadt mit der Errichtung des Akropolis-Museums, das im Jahr 2009 eröffnet, monumental untermauert. Das Gebäude steht auf Säulen, da in der Baugrube wie immer und überall in Athen die Historie zum Vorschein kam. Auf dem Vorplatz läuft man über Glasplatten, die den Boden durchsichtig auf die Geschichte machen. Athener Schwindel: Jeder Abgrund flüstert wie ein Versprechen, man möchte auf allen Geländern balancieren, um seine Worte zu verstehen. Keine Frage, dass wir uns abends für das Restaurant mit der weithin sichtbar angepriesenen „Roof Top“-Terrasse entscheiden. „Merkel strong for Greece“, sagt der Kellner zu uns, als wir unsere Nationalität zugeben. Wir verstehen nicht, was er uns damit bedeuten will.

Das schräg aufgesetzte Obergeschoß des Akropolis-Museums wiederholt das Parthenon in seiner Ausrichtung und seinen originalen Dimensionen. Wo Stücke als verloren gelten, sind die Wände leer. Was Elgin nach England brachte, wird in Abgüssen vorgestellt: zwei Drittel des erhaltenen Frieses sowie zahlreiche Metopen. Nur die eine der sechs Karyatiden, der zauberhaften Tänzerinnenfiguren des Erechtheion-Tempels, die Elgin ebenfalls nach Großbritannien verschiffte, wurde nicht rekonstruiert – eine kaum weniger sprechende Lücke. Gottfried Benn widmete den im Tanzschritt gefrorenen Mädchengestalten ein Gedicht, dessen Verse ich der britischen Karyatide gern ins Ohr flüstern möchte: „Entrücke dich dem Stein! Zerbirst/Die Höhle, die dich knechtet! Rausche/Doch in die Flur, verhöhne die Gesimse“. Was bleibt ihr anderes als die Flucht, da die Hoffnung, dass Europa jemals zurückzahlen wird, was Marmornes es Griechenland schuldet, wohl vergeblich ist.

Der frühere Bundespräsident Theodor Heuss nannte die Akropolis einen der drei Hügel – neben Golgatha und dem römischen Kapitol –, „von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat“. Die attische Demokratie – von Solon initiiert, von Kleisthenes reformiert, von dessen Neffen Perikles strategisch vollendet –, die auf der Akropolis ihre politische Ästhetik durchaus eitel präsentiert, war eine Antwort auf die sozialen Verwerfungen dieser Zeit. Zwei wichtige Säulen der neuen Staatsordnung sind der private Schuldenerlass und das Verbot der Versklavung (freilich nur der vollwertigen Bürger). In diesen Jahren setzt sich auch die Drachme als erste internationale Währung durch. Und zwar so erfolgreich, dass die Sinnlosigkeit, noch weitere Münzen mit der eingeprägten Eule ins prosperierende Athen zu tragen, wohl bereits im 4. Jahrhundert vor Christus durch den Komödiendichter Aristophanes sprichwörtlich wird. Dass die Sklaven, die das Silber für die Münzen in den Minen abbauen, diese Arbeit nicht überleben, fließt von vorneherein in die Human-Ressources-Berechnungen ein.

Knapp zweieinhalb Jahrtausende später hat sich die Bilanz ins grauenhafte Gegenteil verkehrt. Die 1830 erlangte Unabhängigkeit nützt dem Land nichts, denn es hat Schulden in Millionenhöhe. Die Macht der Gläubiger lässt nicht lange auf sich warten: Die Troika aus Frankreich, Russland und Großbritannien installiert eine Monarchie und schickt 1832 den gerade mal 17jährigen bayerischen Prinzen Otto nach Athen. Der hat, gleichsam als Re-Import, den Klassizismus, Manifestation deutscher Antiken-Verehrung, im Gepäck. 1836 legt er den Grundstein für sein Athener Schloss; der Entwurf stammt von Leo von Klenze, ausführender Architekt ist Friedrich von Gärtner. Vom Balkon dieses Gebäudes verkündet Otto zehn Jahre später seine Zustimmung zur konstitutionellen Monarchie. Seither heißt der Platz davor Syntagma-Platz, nach der auch für Athen markanten Verbindung von Demokratie und Aristokratie. 1934, zehn Jahre nach dem Ende der Monarchie, zieht das griechische Parlament in die ehemalige Königsresidenz. Vom Balkon aus sieht man heute keine jubelnden Volksmassen mehr, sondern höchstens protestierende. Der Begriff „Neokolonialismus“ ist angesichts der Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission in vieler Munde.

Der Fußweg von der Akropolis zum Nationalmuseum im Norden der Stadt dauert etwa eine halbe Stunde. Kleine Grüppchen von Polizisten, die – nach ihrer Ausrüstung zu urteilen – auf alles vorbereitet sind, aber scherzen, als sei gerade der Feierabend angebrochen, stehen wie zufällig an allen zentralen Plätzen und Kreuzungen herum. Was sie nicht sehen oder nicht interessiert: die vier jungen Leute auf dem breit gepflasterten Weg zwischen Akademie und Universität, von denen sich einer gerade eine Spritze in die Ellenbeuge setzt. Plötzlich ist die Wahrnehmung geschärft, und ich sehe sie: die vielen zerstörten Körper, die auf den Bürgersteigen entlang pendeln, mit Einstichen in den Armen und dem merkwürdigen Hochmut des Heroins in den Augen.

Auf der einstigen Prachtstraße „Straße des 18. Oktober“, kurz „Patission“ genannt, sehen wir nicht nur verrottende Läden, sondern auch: einen Menschen, der auf dem Boden liegt, Gesicht und Oberkörper unter einer Decke verbirgt und stattdessen eine große offene Wunde an seinem Unterschenkel zur Schau stellt. Das blanke Fleisch bleckt uns entgegen. Und wir sehen: eine Menge junger Menschen aus einer Seitenstraße neben dem Polytechnio, der Technischen Universität, laufen. Einer der Verfolger zieht einem Flüchtenden einen Holzprügel über den Kopf, auch dessen Haut wird aufplatzen. Das ist Exarchia, das Athener Viertel, in dem in den vergangenen Jahrzehnten viel zu viele junge Menschen gestorben sind.

Im November 1973 besetzen Studenten das Polytechnio, um gegen die Militärjunta zu protestieren. Bereits am vierten Tag findet der Streik ein Ende: In den frühen Morgenstunden lässt die Regierung die städtische Beleuchtung löschen, das Tor mit einem Panzer niederwalzen und das Gebäude von Soldaten stürmen; die Rede ist von 24 Toten. 1985 nehmen landesweite Unruhen hier ihren Anfang, nachdem ein 15jähriger Junge von Polizisten durch einen Kopfschuss getötet wird. 23 Jahre später geschieht das gleiche noch einmal, ein 15jähriger Junge, erschossen von Polizisten, in der Folge brennende Autos, Banken und Geschäfte. Exarchia liegt tatsächlich ex archia, jenseits der Macht. Die Polizei betritt das Viertel nicht mehr, die einen sagen: aus Kalkül, die anderen: aus Angst. Stattdessen werden die Zugänge überwacht und Ein- und Ausgehende kontrolliert, sofern man das für nötig hält. Die alles überragende Akropolis, von hier aus ist sie nicht zu sehen.

1963 schreibt Martin Heidegger in einem Brief an Erich Kästner: „Oft ist mir, als sei dieses ganze Griechenland wie eine einzige seiner Inseln – es gibt keine Brücke dahin.“ Dieser Satz kommt mir in den Sinn, als der Airbus in einer Höhe von 20 Metern über der Landebahn des Münchner Flughafens noch einmal durchstartet. „To tight“, erklärt der Pilot in einer Durchsage, er spricht von einem anderen Flugzeug auf der Bahn, von einer „Routinesituation“, und setzt beim zweiten Versuch endlich auf festem Boden auf. Die Zeitungen berichten, dass die Gespräche zwischen der griechischen Regierung und Vertretern der Troika wegen der Demonstrationen vor dem Ministerium mit zwei Stunden Verspätung begonnen hätten. Vom Athener Schwindel kein Wort.

Ruhe im Karton

Juli 17th, 2012 § 0 comments § permalink

Die herrschte hier ja in den vergangenen Monaten. Der Grund dafür heißt „Literaturportal Bayern“, und das kann man sich hier ansehen: www.literaturportal-bayern.de.