Die Intiativen der Bürger

Juni 10th, 2012 § 3 comments § permalink

Am kommenden Wochenende können sich die Münchner Bürger für oder gegen eine dritte Startbahn aussprechen. So lautet zumindest die übliche Zusammenfassung der anstehenden Wahl. De facto ist die Angelegenheit um einiges komplexer: Tatsächlich dürfen wir darüber abstimmen, ob die Stadt ihre Möglichkeiten als Gesellschafterin der Flughafen München GmbH dafür nutzt, sich für oder gegen eine dritte Startbahn auszusprechen. Zudem hat man nicht nur ein Kreuz, sondern derer drei: Erstens kann man dafür oder dagegen stimmen, dass die Stadt den Plänen zustimmt. Zweitens kann man dafür oder dagegen stimmen, dass die Stadt den Plänen nicht zustimmt. Und drittens muss man eine der beiden Entscheidungen favorisieren, falls beide Bürgerentscheide mehrheitlich mit Ja oder mit Nein beantwortet werden. Man könnte also durchaus den Eindruck gewinnen, hier ginge es weniger um direkte Demokratie als vielmehr um direkte Bürokratie.

Doch das ist nicht mein eigentliches Problem. Mein eigentliches Problem ist: Meine Entscheidung – ich werde gegen die dritte Startbahn stimmen – geschieht mehr aus Gefühl denn aus echtem Wissen. Ich kann schlichtweg nicht einschätzen, ob diese Zunahme an Arbeitsplätzen, die die Flughafen GmbH selbstredend verspricht, wirklich eintreten wird und wie wichtig das für München wäre. Und so treffe ich die Wahl vor allem aus dem Bauch heraus, anhand meiner persönlichen Meinung, dass bereits jetzt zu viel geflogen wird bzw. zwei Startbahnen eigentlich genügen sollten; anhand meines Missfallens über die Tatsache, dass die Anwohner des Flughafens keine Stimme bei dieser Wahl haben; und anhand der Rhetorik, die die Startbahn-Befürworter an den Tag legen (von den sieben Argumenten meinen fünf im Grunde dasselbe, nämlich die Sicherung des sog. Wirtschaftsstandorts, und mit diesem Argument hat man in der Vergangenheit leider schon allerhand Schmarrn durchgesetzt), und anhand der Menschen, die ihr Gesicht für die eine oder andere Seite in die Kamera halten. Allerdings erscheinen mir all diese Argumente nicht unbedingt geeignet, um meiner staatsbürgerlichen Pflicht wirklich sinnvoll nachzukommen.

Nun kann ich in Startbahn-Angelegenheiten noch gut damit leben, dass die meisten Menschen allererst im eigenen, privaten Interesse handeln und nicht das große gesellschaftliche Ganze im Blick haben. Jedoch ist die Münchner Bürgerinitiative nicht die einzige, die gerade von sich reden macht. Und die beiden Beispiele, die nun folgen, bestärken mich in meinem Zweifel an der direkten und meiner Vorliebe für die repräsentative Demokratie leider ein weiteres Mal. Da ist einmal der kleine Ort Insel, in dem zwei Männer leben, die wegen mehrfacher Vergewaltigung im Gefängnis saßen und nun resozialisiert werden sollen. Doch ein Gutteil der Bürger, allen voran ihr Bürgermeister von der CDU (den ich deshalb für politisch absolut ungeeignet halte), fordert per Bürgerinitiative die Entfernung der beiden Männer aus Insel, und schlägt dabei deutlich über die Stränge, weshalb die beiden Männer zwischenzeitlich unter Polizeischutz stehen.

Zum Anderen ist da der Stadtteil Wahren in Leipzig, in dem 70 Asylbewerber angesiedelt werden sollen, damit sie endlich nicht mehr in der bisherigen menschenunwürdigen Gemeinschaftsunterkunft leben müssen (i.e. damit ihnen endlich nicht mehr die Kakerlaken nachts in die Ohren krabbeln). Die Wahrener Anwohner wollen nicht, dass „die“ bald auch hier leben und protestieren deswegen öffentlich dagegen. „Unser Anliegen ist auf jeden Fall“, erklärte eine Sprecherin, „keine Gemeinschaftsunterkünfte in Wohngebieten anzusiedeln“, und erhielt dafür den spontanen Applaus der Umstehenden. Dass man auch in Gemeinschaftsunterkünften nichts anderes tut als wohnen und eine solche Unterkunft deshalb ganz hervorragend in ein Wohngebiet passt, wird mit diesem Satz also in Abrede gestellt. „Wohnen“ kann und darf in Leipzig-Wahren offenbar nur, wer die richtigen genetischen Merkmale aufweist. Wie weit solche „Bürgerinitiativen“ manchmal gehen, darüber können die Roma in Osteuropa eine Menge erzählen; zumindest diejenigen, die die regelmäßigen Pogrome, die sich ebenfalls den Willen der Volksmehrheit ans Revers heften, überleben.

Man muss also gar nicht für die repräsentative Demokratie eine Lanze brechen, sondern für die Demokratie als solche, die eben nicht allein die Herrschaft der Mehrheit meint (damit macht man es sich definitiv zu einfach), sondern auch – womöglich bald ihre wichtigere Funktion – den Schutz der Minderheiten vor dieser Mehrheit. Und das kann nur die repräsentative Demokratie. Denn, in den Worten von Otfried Höffe, „eine Demokratie, die selbst für die grundlegenden Menschenrechte Mehrheiten zulässt, verletzt ihre Legitimität.“ Dass nämlich die NPD gerne überall mitmischt, wenn „das Volk“ sich seines Unbewussten mittels Bürgerinitiativen entledigen will, ist kein Zufall und auch keine Trittbrettfahrerei und keine Unterwanderung, wie es einige Zeitungen darstellen. Im Gegenteil: Da haben sich schlicht und einfach Menschen mit demselben (meiner Meinung nach: anti-demokratischen) Anliegen gesucht und gefunden. Mir macht das Angst.

Kurzer Einwurf über die „Verwerter“

Mai 4th, 2012 § 3 comments § permalink

[Aktualisiert]

Mir ist relativ egal, ob die Piratenpartei nun „für“ oder „gegen“ das Urheberrecht ist. Ich halte das ohnehin nicht für viel mehr als ein Verständigungsproblem: Die „Piraten“ wollen ein „anderes“ Urheberrecht, was manch einer – und das sicher nicht zu Unrecht – mit einer Abschaffung gleichsetzt. Denn was viele „Piraten“ nicht verstehen, und ich fürchte leider, das geschieht aus purer Unkenntnis: Das Urheberrecht lässt sich nicht trennen von der Erfindung des Subjekts um 1800. Wer daran rüttelt, rüttelt also nicht bloß an ein paar Gesetzen, sondern an der bürgerlichen Gesellschaft als solcher. Das kann man natürlich im Sinn haben – darf sich dann allerdings nicht wundern, wenn dieser anti-staatliche Reflex, gerade in Deutschland, sehr genau beobachtet wird und exakt jene Klientel anzieht, wegen der man solche Bewegungen, gerade in Deutschland, so genau beobachtet.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte: Die Rede von den bösen „Verwertern“ nervt langsam, und zwar ziemlich. Ich würde vermuten, eine ähnliche Genervtheit war auch die Ursache für Melanie Mühls FAZ-Artikel über die „Privilegienmuschi“ Julia Schramm (die nicht einmal die Verantwortung für ihre Reaktion übernehmen will: „Doch wurde ich von vielen darum gebeten, zu einigen der Vorwürfen in dem Artikel der Journalistin Melanie Mühl Stellung zu beziehen.“). Ich jedenfalls bin ganz froh, dass es die Verwerter gibt. Dass sich also jemand darum kümmert, dass meine Texte unter die Leute kommen, mir dafür einen festen Satz zahlt und das Risiko dafür übernimmt, dass die Leute dafür tatsächlich Geld ausgeben. Ich habe genug Erfahrung mit selbst verantworteten Projekten, dass ich um jede Verwaltungsarbeit, die ich nicht übernehmen muss, eine Dankbarkeit empfinde, die sich fast nicht in Worte fassen lässt. Meine Steuererklärung mache ich noch immer selbst – das ist der eine Tag Bürokratismus im Jahr, den ich mir leiste, um mir wieder endgültig sicher zu sein, dass eine noch höhere Dosis meiner Kreativität einen fürchterlichen Schaden zufügen würde. Damit, dass andere an der Verwertung meiner Ideen und Texte verdienen, habe ich ehrlich überhaupt kein Problem. Denn sie tragen die Verantwortung dafür, sei es finanziell, sei es juristisch. Das bisschen Geld, das die Berliner Zeitung, der Freitag, die Stuttgarter Zeitung mit mir verdienen, gönne ich ihnen ehrlich von Herzen. Ohne solche „Verwerter“, wäre ich niemals das geworden, was ich heute bin: eine zwar schlecht verdienende, mit ihrem Job aber überaus zufriedene Autorin.

(Sorry, das musste mal gesagt werden.)

Nachtrag am 5. Mai: Was ich mehr schlecht als recht mit „anti-staatlich“ umschreibe, hat Richard Herzinger in seinem Blog deutlich prägnanter und ausführlicher umrissen.

In eigener Sache

März 15th, 2012 § 1 comment § permalink

Es mag an der Digitalisierung der Kommunikation oder ganz schlicht an dem Dasein als freier Journalist liegen, dass ich oft melancholisch an die Studentenzeit zurückdenke: Was konnte ich da noch alles lernen! Jetzt liegt die eigene Weiterbildung allein in meinen Händen, und Zeit bleibt dafür ohnehin keine. Deswegen bin ich immer recht glücklich, wenn ein Projekt des Weges kommt, das mir etwas Neues erzählt, mir andere Blickwinkel eröffnet, mich zum Lesen, Denken, Wissenwollen drängt.

Ein solches Projekt ist seit zwei Jahren das Literaturportal Bayern, das mir einiges beigebracht hat, ohne dass ich sicher sagen könnte, dass ich das nächste Mal alles besser machen könnte. Und ein solches Projekt ist seit ein paar Wochen die Veranstaltungsreihe „Stimmen der Roma“, deren begleitende Publikationen (Katalog und Blog) ich redaktionell betreue – was eine Menge Arbeit macht, wie man zweifellos an der Stille merkt, die hier in den vergangenen Wochen herrschte.

Dabei geht es nicht nur um die Sammlung und Ordnungen der ganzen Materialien für jenen Katalog, der vermutlich über 60 Seiten haben wird, sondern vor allem – was mich ja immer am meisten interessiert – darum, den richtigen Ton für dieses Thema zu finden, das eines der spannendsten ist, die ich in den vergangenen Jahren beackert habe. Immer wieder sprechen Sinti- und Roma-Künstler wie -Wissenschaftler von der Spannung zwischen der Bewahrung der eigenen Kultur und deren Öffnung für die Mehrheitsgesellschaft – ein aktuelleres, brisanteres Thema kann ich mir kaum vorstellen. Und über die deutsche Geschichte erfährt man während der Recherche ebenfalls einiges, das mir bislang noch völlig unbekannt war. Es ist schlichtweg unglaublich, wie ‚erfolgreich‘ man die Sinti und Roma aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt hat.

Und jetzt noch der Banner zur Werbung:

Apropos Integrität

Januar 11th, 2012 § 2 comments § permalink

Die Leichtigkeit, mit der manche die Politik kritisieren, während sie selbst sich das Leben so einfach wie nur möglich machen, ist wahrlich verblüffend. Beispiele dafür gibt es mehr als genug, ja, viel zu viele: Man verlangt den totalen Datenschutz, stattet sich aber zugleich großzügig mit Apple aus; man jammert über den Verfall des stationären Buchhandels, legt sich aber selbstredend einen Kindle zu; man kritisiert Google und Facebook, ist aber gleichzeitig nirgends so präsent wie in diesen beiden Netzwerken. Nicht dass jemand nun meint, ich plädierte für die Abschaffung all dieser Gadgets und Techniken, das liegt mir tatsächlich fern. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass man die Verantwortung für sein Tun nicht einfach mit dem Hinweis auf Adorno oder ein „Ist ja nirgends besser“ loswird. In meinen Augen ist die hehre Hoffnung, dass der Bürger des 21. Jahrhunderts per Konsum eine bessere Welt kreiert, jedenfalls gründlich gescheitert. Es kann ja sein, dass es theoretisch möglich wäre, allein: Die meisten tun das nicht, im Gegenteil. Konsum scheint die meisten Menschen vielmehr von all ihrer Verantwortung freizusprechen. Als hätten sie sich ihrer einfach mit der Bezahlung entledigt.

Womit ich bei dem zweiten Grund dieses Textes wäre, denn das ist der Hinweis von The Millions auf diese Folge von „This American Life“, in der der „Monologist“ Mike Davies von seinem Besuch bei den iPhone-Fabriken in China erzählt: Einst ein Apple-Gläubiger mausert er sich darin zum Blasphemiker. Mir geht es seit einigen Wochen ähnlich, und dazu muss man nicht nach China fahren: Ich besitze ein iPhone (aber – vermutlich nicht mehr als ein peinlich gewissenhafter Hinweis an dieser Stelle – wenigstens keinen Kindle, sondern einen Sony-E-Reader) und fühle mich stetig unwohler damit, einfach weil ich nicht so tun kann, als wüsste ich nicht, dass es unter Arbeitsbedingungen entsteht, die ich nicht gutheißen kann und deshalb eigentlich nicht verantworten möchte. Aber genau das tue ich, wenn ich mir so ein Telefon zulege, denn natürlich bin ich für diese Bedingungen mitverantwortlich, ich bezahle sogar dafür, dass sich daran möglichst wenig ändert. So viel zum demokratischen Potential des Konsums: Wikipedia listet fast 150 Millionen verkaufte iPhones, und das heißt auf Deutsch: fast 150 Millionen Mal die Entscheidung für individuellen Luxus und gegen Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Und wir wollen unserem Bundespräsidenten erzählen, was Integrität und persönliche Verantwortung bedeutet? Really?

P.S. um 23.50 Uhr: Natürlich darf man den Bundespräsidenten für sein Verhalten kritisieren, auch wenn man ein iPhone besitzt. Nur finde ich die Verve, mit der das geschieht, doch merkwürdig angesichts dessen, dass andere Dinge – wie etwa die Arbeitsbedingungen der iPhone-Zusammenbastler – nicht mal annähernd dieselbe Aufmerksamkeit erfahren. Das wäre doch schön: wochenlange, unausgesetzte und aufgeregte Aufmacher-Berichterstattung von Spiegel Online über Apples ‚Engagement‘ in China. Dann dürfte sich die Presse vielleicht auch endlich wieder als „Vierte Gewalt“ bezeichnen. Aber, klar: Das kostete SpOn vermutlich Klicks, denn davon wollen SpOn-Leser natürlich lieber nichts wissen, weil es sie ja selbst beträfe.

Verarmung des Geistes

November 28th, 2011 § 3 comments § permalink

Man kann viel über die Auswirkungen des WWW und der Digitalisierung auf die Produzenten von wissenschaftlichen und künstlerischen Werken fabulieren. Nicht selten werden sie gescholten, weil sie auf ein derart von der Realität längst überholtes Recht wie das Urheberrecht beharren. Jenseits dessen, dass ebendieses Recht unsere bürgerliche Gesellschaft grundiert und dessen Abschaffung deshalb ganz zurecht sehr kritisch beäugt wird, vergessen viele der Propheten eines „social contents“, dass längst die nackte Angst in der Geistesbranche herrscht. Denn diese Geistesbranche existiert ohnehin nur noch, weil sie ihre Mitarbeiter so schlecht als irgend möglich bezahlt und ihnen zudem mehr und mehr Arbeit aufhalst (die Arbeit derjenigen nämlich, die bereits komplett eingespart wurden).

Und bevor mich hier jemand des „Jammerns auf hohem Niveau“ zeiht: Mir geht es gar nicht um die konkrete Höhe des jeweiligen Gehalts, sondern allererst darum, dass diese Erniedrigungen, von denen ich hier nur fünf Beispiele anführen will, ganz offensichtlich System haben und also womöglich ein erstes Zeichen dafür darstellen, wohin die Reise gehen wird.

1) Ein Literaturkritiker berichtet, dass die Neue Zürcher Zeitung in den Jahren, die er nun schon für diese Zeitung schreibe, bereits dreimal das Zeilenhonorar gesenkt habe.

2) Ein promovierter, wissenschaftlich arbeitender Angestellter im öffentlich Dienst erhält ein Gehalt entsprechend der Entgeltstufe E 9, das sind etwa 1500 Euro netto (oder gut 9 Euro netto, unbezahlte Überstunden nicht eingerechnet). Befristeter Vertrag? Aber klar, was anderes gibt´s doch gar nicht mehr, um das Recht auf die Verbeamtung abzuwenden; es gebe schließlich keine Stellen mehr, sondern nur noch zeitlich begrenzte „Projekte“. Sein Doktortitel, nein, der ändere daran nichts, so eindeutig die Regelung auch sei. [Siehe Wikipedia: E 9 bis 12: „Beschäftigte mit abgeschlossener Fachhochschulausbildung (Bachelor bzw. Dipl.) und entsprechenden Tätigkeiten“; E 13 bis 15: „Beschäftigte mit abgeschlossener wissenschaftlicher Hochschulausbildung (Universitäts-Dipl. oder Master) und entsprechenden Tätigkeiten“.]

3) Ein Professor fragt seine Assistentin, was sie eigentlich verdiene. E 13, sagt die, das sind rund 2000 Euro netto. Ui, sagt der Professor, als ich Assistent war, waren das aber noch einige hundert Euro mehr (die Ablösung des BAT durch den TVL hat dahingehend ganze, nämlich buchstäblich erniedrigende Arbeit geleistet). Und die Arbeit, fügt er noch hinzu, war damals doch sehr viel weniger. (Aktuell kann man wohl 60-70 Wochenstunden rechnen, das bedeutet nicht einmal 8 Euro pro Stunde netto.)

4) Die Artikel eines freien Journalisten werden neuerdings und ohne sein vertragliches Einverständnis in einer anderen Zeitung desselben Verlagshauses ein weiteres Mal publiziert. Für die Zweitveröffentlichung erhält er zehn Prozent des ursprünglichen Honorars, d.h. einen Betrag zwischen 8 und 18 Euro.

5) Ein Mann mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium und einer entsprechenden Tätigkeit im öffentlichen Dienst berichtet, dass sein Vertrag nicht verlängert worden, er also ab November arbeitslos sei. Aber er sei doch bereits seit elf Jahren hier? fragt man zurück. Ja, schon, sagt er, aber die Verträge seien jeweils nur auf ein oder ein halbes Jahr befristet gewesen, weshalb daraus kein Rechtsanspruch erwachse. Welche Entgeltstufe er denn habe? Tja, neuerdings E6 (knapp 2400 Euro brutto), nachdem man ihn jüngst von E9 heruntergestuft habe. Objektive Gründe habe es dafür keine gegeben, nein, er sei definitiv keine Kinderpfleger/in, Heilerziehungspflegehelfer/in, Familienpfleger/in, Hauswirtschafter/in, Sozialassistent/in, Dorfhelfer/in oder Altenpflegehelfer/in (Erklärung der Entgeltstufe 6 laut Wikipedia), sondern verrichte vielmehr einen Job, der genau der Definition von E13 entspreche. Der offizielle „Grund“ lautete Geldmangel. Und der zugehörige Hinweis: Das tue einem natürlich leid, aber er müsse den Vertrag zu den neuen Kondition ja nicht verlängern, sondern könne selbstredend auch aufhören, hier zu arbeiten.

Soll heißen: Wenn hierzulande all diejenigen, die ihren Dienst in Wissenschaft und Kultur gestellt haben, tatsächlich angemessen bzw. nach Tarif bezahlt würden, dann gäbe es diese Wissenschaft und diese Kultur schon längst nicht mehr. Deshalb nur eine Bitte an die Verantwortlichen: Macht die Geistesinstitute dieses Landes doch besser einfach dicht, wenn ihr sie euch nicht leisten wollt, statt weiter von der Not der Leute zu profitieren und sie zu demütigen.

Ja – leider

September 27th, 2011 § 1 comment § permalink

Schon verwunderlich, dass noch niemand eine Kulturgeschichte der Affäre geschrieben hat. Denn die würde noch einmal anderes ans Licht bringen als die politische Historie. Allein die nationalen Unterschiede! In den USA etwa versteht man den Begriff recht buchstäblich als außerehelichen Verkehr und sucht deshalb, wenn Wahlen anstehen und ein Kandidat aus dem Feld geräumt werden soll, zuallererst unter der Gürtellinie beziehungsweise nach Spermaflecken an Frauenkleidern und/oder auf Hotelzimmerteppichen. In Italien wiederum ist das Wort längst nicht so negativ behaftet – und offensichtlich bekümmert sich das Volk eher wenig sowohl um die sexuellen als auch um die finanziellen Beziehungen seines Staatschefs. Der Zusatz „poco polito“, nicht ganz sauber, den man der Angelegenheit namens „affare“ im Italienischen schon geben muss, damit die Verwerflichkeit benannt ist, hört sich nicht zufällig so harmlos an, liebt man dieses Land doch gerade für la dolce vita, die sich um die Hygiene eher wenig Sorgen macht.

Und die Deutschen? Ach, da bleibt einem nur ein Seufzen über die viel zitierte Prüderie. Wo der Rest der Welt das duftige Genitale beschnüffelt, um fündig zu werden, da schnuppern die Deutschen immer wieder nur auf der Hinterseite. Deutsche Schimpfwörter, das weiß die Sprachwissenschaft, zeichnen sich vor allen anderssprachigen durch ihre Vorliebe fürs Anale aus – und ins selbe Horn blasen auch die Affären, die man sich hierzulande ausdenkt, um missliebige Kandidaten aus dem Rennen zu werfen. Der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel zum Beispiel wollte im Jahr 1987 die Landtagswahl so unbedingt gewinnen, dass er den Bild-Zeitungs-Reporter Reiner Pfeiffer engagierte. Und was fiel dem ein? Natürlich die Diskreditierung des SPD-Konkurrenten Engholm als Homosexueller.

Das andere große deutsche Tabu, das Pfeiffer freilich ebenfalls ins Feld führte, ist der Betrug des Amtsträgers am Staat. Das ist es also, was man hierzulange als außereheliche Affäre begreift und tatsächlich immer wieder zu außergewöhnlichen Erregungen führt. Engholm wurde von Pfeiffer anonym der Steuerhinterziehung bezichtigt, aber auch später und bis heute ist das der Stoff, aus dem man hofft, Skandale zimmern zu können: Minister, die ihre Putzfrauen schwarz bezahlen, den Dienstwagen oder das Dienstflugzeug für private Zwecke nutzen und dann womöglich noch den Lebenspartner mitnehmen. Jüngster und ziemlich peinlicher Höhepunkt dieser langen Reihe bürokratischer Skandale, die nie so recht welche werden wollten, ist die GEZ-Anmeldung von Bernd Hilder, seines Zeichens Chefredakteur unter anderem der Leipziger Volkszeitung und Wunschkandidat der sächsischen Landesregierung für den Posten des MDR-Intendanten. Das Kreuz, das er in das Ja-Kästchen gesetzt hat, um zu bestätigen, dass er seine Geräte angemeldet hat, soll er angeblich um ein „leider“ ergänzt haben. Bei der Wahl fiel Hilder schließlich mit Pauken und Trompeten durch – nicht wegen dieses „leider“, wie es heißt, sondern wegen des Drucks, den die CDU im Vorfeld ausgeübt hat. Nun tönt das Lob der Staatsferne wieder laut – und doch schienen ein paar Beamte zu hoffen, Hilder just mit dessen eigener Staatsferne eins auswischen zu können.

Das bürokratische Fehlverhalten ist offensichtlich das einzige, was uns geblieben ist, nachdem man – sofern man nicht Charlotte Roche heißt – die Bürger nicht einmal mehr mit Analitäten noch hinterm Ofen vorlocken kann. Oder hat das eine einfach nur im anderen überlebt? Auch darauf ließe sich tatsächlich mit einigem Recht antworten: Ja, leider.

Es nervt.

Juni 18th, 2011 § 3 comments § permalink

Es gab wohl mal eine Zeit, da interessierte man sich für Werbung, da sie die wichtigsten Details eines Produkts vermittelte und einen also befähigte, eine Entscheidung auf rationaler Grundlage zu treffen. Seit aber mehr Produkte als Käufer vorhanden sind, hat Werbung mit sachlicher Information nur noch sehr selten etwas zu tun. Im Gegenteil beschränkt sie sich allererst darauf, den Kunden auszutricksen: Ich klicke auf einen Link – und ein PopUp erscheint. Ich melde mich zu Facebook an – und eine Freundin empfiehlt ohne ihr Wissen eine Fanpage. Ich gucke eine Fernsehsendung – und die begründet sich allein in der Vermarktung von Produkten. Ich mache meine Mails auf – und werde hier zur Optimierung meiner Website (ohne dass ich mich je für diesen angeblichen Newsletter angemeldet hätte), da zum Linktausch aufgefordert.

Längst fühle ich mich in unzumutbarer Weise belästigt, und das ist eigentlich verboten, siehe z.B. § 7 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb („Unzumutbare Belästigungen“), der besagt:
(1) Eine geschäftliche Handlung, durch die ein Marktteilnehmer in unzumutbarer Weise belästigt wird, ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für Werbung, obwohl erkennbar ist, dass der angesprochene Marktteilnehmer diese Werbung nicht wünscht.

Und dass ich diese Werbung nicht wünsche, ist ja unzweifelhaft erkennbar, wenn ich auf einen redaktionellen Link klicke, eine (zumindest offiziell) redaktionell gestaltete Fernsehsendung einschalte, meine E-Mail-Adresse abrufe (die ich einer Firma namens website.de niemals übermittelt habe). Nur interessiert das die Werbetreibenden herzlich wenig, meine Rechte als Kunde sind ihnen schlichtweg piepegal. Wie verzweifelt die Marktwirtschaft ist, da sie zu derartigen Übertölpelungen greifen muss, kann man sich ausrechnen.

Ich nehme an, die meisten sind wie ich nurmehr genervt und klicken das Zeug so schnell wie möglich weg bzw. löschen solche Mails umgehend. Was natürlich nichts hilft, denn je weniger eine einzelne Werbung bringt, desto (vermeintlich) perfidere Methoden müssen sich die Unternehmen ausdenken, um ihre Botschaft an Mann und Frau zu bringen. Und da kommen sie dann vermutlich doch nie an, denn ich bin der Überzeugung, dass das Übermorgen, in dem von diesem Video des Elektrischen Reporters Mario Sixtus die Rede ist, schon fast Heute ist: