Solitary

Juli 26th, 2010 § 0

Die bekannteste Methode der Weißen Folter ist die sogenannte Isolationshaft, bei der das Opfer innerhalb eines Gefängnisses oder einer ähnlichen Einrichtung durch Methoden und Formen der sozialen Deprivation und der sensorischen Deprivation weitgehend von sozialen Bedürfnissen (unter anderem zwischenmenschlicher Kommunikation, Zeitungslektüre, Radio-, Fernsehkonsum) und von substanziell notwendigen organisch-sensorischen Sinneseindrücken (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten) abgeschnitten (depriviert) wird. Sie bewirkt unter anderem erhebliche Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit des vegetativen Nervensystems sowie der Wahrnehmung und der kognitiven Leistungsfähigkeit und zielt auf die Zerstörung des psychischen Gleichgewichts ab, um den Gefangenen etwa zu einem Geständnis, zur Zusammenarbeit mit seinen Folterern zu zwingen oder ihn psychisch zu zerstören.

Weitere Methoden der Weißen Folter sind beispielsweise der strafend eingesetzte Schlafentzug, Reizentzug (etwa Dunkelhaft oder langer Aufenthalt in einer Camera silens), Scheinhinrichtungen, auch weniger geläufige Folterarten wie Sauerstoffmangel-Folter oder Waterboarding, langfristiges Stehenlassen in angespannter Haltung (bei welchem das Opfer Schmerz durch die unnatürliche Dauer der Muskelanspannung bzw. Belastung erleidet, den es als durch sich selbst verursacht erleben soll), Kitzeln, Erregen von Übelkeit bei Menschen mit Kinetose sowie allgemein entwürdigende und entmündigende Behandlung: Nacktheit, gezieltes Verwahrlosen-Lassen, Verlangen totaler Unterordnung, Behandlung als „krank“ oder „gestört“ auch mit „Schocktherapien“ („Insulinschocktherapie“, „Elektrokrampftherapie“), Verletzung des Schamgefühls als sogenannte „Schamfolter“ und provozierte Desorientierung, z. B. durch Fixierung/Fesselung auf einem dreidimensional verstellbaren Drehsessel.

Im fließenden Übergang zur körperlich schädigenden Folter werden u. a. folgende Methoden angewandt: Schütteln (vgl. hierbei bereits beschriebene körperliche Schäden/Todesfolgen ähnlich denen des Schütteltraumas), bewusste Unterkühlung oder Überhitzung im Raum des Gefangenen (vgl. Dehydratationssyndrome), Beschallung der Gefangenen mit ohrenbetäubendem Lärm (vgl. Hörschäden wie bleibende Ohrgeräusche und objektivierbare Hörminderungen).

Stimmt, das ist ein Auszug aus dem Wikipedia-Artikel zum Stichwort „Weiße Folter“. Ganz zufällig beschreibt er aber auch überraschend viele Elemente der neuen Pro-Sieben-Show “Solitary”, die sich selbst so vorstellt:

Neun Kandidaten, sind auf jeweils acht Quadratmetern maximal zehn Tage und Nächte ganz auf sich allein gestellt. Kein Zeitgefühl, keine Kommunikation mit den Mitspielern – dafür warten jede Menge persönliche Herausforderungen in der neuen Prime Time Show „Solitary – Besieg dich selbst“. […] Pro Folge werden zwei Spiele gespielt, ein „Safety-Spiel“ und ein Entscheidungsspiel“. […] Das Entscheidungsspiel [in der ersten Folge]: Schlafenszeit für die Kandidaten. Doch in regelmäßigen Abständen [das ist falsch: Es handelte sich vielmehr um unregelmäßige Abstände, KS] werden sie von „Looking for freedom“ von David Hasselhoff geweckt. Anschließend müssen sie einen Code in eine Tastatur eingeben. Der Code wird von Runde zu Runde länger. Nur wer den Code richtig eingibt kann bis zur nächsten Runde ohne die wunderbare Musik weiterschlafen.

Das geschmacklose Essen bekommen die Kandidaten nicht, wenn sie Hunger haben, sondern, wenn die Regie der Show das will; zum Waschen steht nur eine Wasserschüssel bereit; Temperaturanstiege und -abfälle wurden bereits angekündigt. Im „Safety-Spiel“ der zweiten Folge ging es darum, in einer Box, deren Innenraum ich auf etwa 2 Kubikmeter schätzen würde, 90 Minuten abzusitzen (ohne Uhr). Im „Entscheidungsspiel“ mussten sich die Teilnehmer möglichst lange auf eine nach dem Vorbild eines Nagelbretts mit Dübeln gespickte Platte stellen. Dabei konnten sie wählen, ob sie diese „schmerzhafte Lektion“ barfuß, mit einer Luftblasenfolie oder Badelatschen ertragen wollen: „Wer wird sich im Entscheidungsspiel für den leichten Weg entscheiden? Und wer geht tatsächlich an seine Grenzen?“ fragte eine Stimme aus dem Off, die wohl nach Domina klingen soll und den Computer namens Alice darstellt, der für all diese „Spiele“ verantwortlich zeichnet.

Gewinnen kann man bei Solitary einzig und allein den Titel „Super-Solitary-Champion“. Was so viel bedeutet wie: Gewinnen kann man nur die von einem TV-Sender attestierte Aussage, dass man sich für einen Hauch Prominenz auch foltern lässt, und zwar länger und gehorsamer als alle anderen. Ob die Macher dieses Formats sich lautstark erheitern über die “Kandidaten”, wenn sie das Material zusammen schneiden, möchte ich mich lieber nicht fragen. Denn leider kann ich mir gut vorstellen, dass sie das tun. Dass die Teilnehmer jederzeit gehen können, wird jedenfalls immer wieder (und ich würde behaupten: mit Lust) betont, sowohl von „Alice“ als auch von der Moderatorin Sonya Kraus. Wie es eben immer läuft bei solchen Shows und Formaten: Der Hinweis darauf, dass alle freiwillig an diesen „Spielen“ teilnehmen, soll deren Existenz rechtfertigen und unangreifbar machen. Das mag bei Big Brother und ähnlichem vielleicht noch durchgehen, denn Artikel 1 der deutschen Verfassung mag in Grenzfällen Auslegungssache sein, so etwas wie die Würde ist tatsächlich schwer zu fassen. In Sachen Folter sind die Gesetze allerdings recht klar. Nochmal die Wikipedia, diesmal aus dem Artikel „Folter“:

Völkerrechtlich enthalten Artikel 5 der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen und Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention ein Folterverbot:
Art. 5: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“
Art. 3: „Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.“

Ob einer das freiwillig mit sich machen lässt oder nicht, ist also ganz egal: Folter ist verboten. Ich frage mich nur, wieso deren Methoden dann am Samstagabend als Primetime-Unterhaltung vorgeführt werden dürfen.

Nachtrag: Hier und hier sieht man das ähnlich.

Nach Prag und zurück II

Juli 9th, 2010 § 0

Im ersten Kapitel dieses Reiseberichts kam ich gerade einmal bis Prag. Was ich trotzdem noch nicht erzählt habe: Es war nicht das erste Mal, dass ich nach Prag kam; schon einmal, es muss die Klassenfahrt in der Neunten gewesen sein, war ich dort. Irgendwann im Laufe des Schuljahrs 1990/91 also. Und bis zu dem erneuten Mal in diesem Frühsommer 2010 dachte ich, dass ich mich an dieses erste Mal leider gar nicht erinnern könnte. Einzig und allein die Disco (am Wenzelsplatz?), in der wir einen Abend (oder mehrere?) verbrachten, hatte ich immer mal wieder vor Augen, und das hat wohl vor allem damit zu tun, dass damals dort einer meiner Klassenkameraden zu mir meinte, dass ich ja ganz gut tanzen könne. Was für ein Mädchen im Alter von 15 Jahren ein ziemlich bedeutsames Kompliment ist – weshalb diese Disco in meinem Kopf offenbar zum regelrechten Erinnerungsort avancierte.

Weiterlesen im Literaturblog Bayern …

powered by emotion: Die neue Kultur im SZ-Bayernteil

Juni 12th, 2010 § 0

Am liebsten würde ich den Artikel von Karl Forster hier ganz zitieren und einfach nur „Ohne Worte“ darunter schreiben. Geht aber nicht, deswegen eine kurze Zusammenfassung (das geht nämlich):

Der Text steht in der Beilage der heutigen Süddeutschen Zeitung, in der die Zusammenlegung des München- und des Bayernteils angekündigt und erklärt wird. „Hier leben heißt hier lesen“, lautet der Titel dieser Beilage. Ich habe bislang nur den Text von Forster gelesen, da es darin um den neuen Kulturteil geht, was mich naturgemäß interessiert hat.

Unschwer erkennbar ist, dass sich Forster hier rhetorisch um etwas bemüht, das er gar nicht zu leisten bereit oder auch imstande ist, nämlich die Kultur auf dem Lande genauso ernst zu nehmen wie die in der Stadt. Dafür sprechen nicht zuletzt die vielen Auchs in diesem Artikel. Beispielhaft etwa in dem Satz:. „Nun sollen auch jene Spielorte, die bis dato von den Regionalausgaben liebevoll betreut wurden, wirklich jedem Leser bekannt gemacht werden.“ Echt herzig, oder? Richtig schöner Kolonialstil.

Aber es wird noch besser. In der letzten Spalte erklärt Forster endlich, wie sich die neuen zwei Bayern-Kulturseiten von den alten unterscheiden sollen: Die neuen verstünden sich, so Forster „nicht so sehr als feuilletonistischer Rezensionsplatz [Anm. d. Verf.: Ich frage mich, wieso er nicht gleich von einer „Halde“ oder ähnlichem spricht, denn das will er uns ja offensichtlich bedeuten], das auch, aber vielmehr als raumgreifender, meinungsstarker Informationsdienst in Sachen Kultur.“ Neben allerlei Nähe suchenden Formaten wie Interview und Reportage solle es also schon auch Besprechungen geben, „in denen es allerdings weniger um die Demonstration journalistischer Allmacht gehen soll, als vielmehr um des Journalisten Liebe zum Sujet. Feuilletonistische Arroganz ist hier fehl am Platz.“

Kurz gesagt: Die Bayern-Kulturseiten werden nun powered by emotion. Das heißt: Autoren der Bayern-Kulturseiten der SZ müssen nun womöglich genau aufpassen, dass ihre Texte ja keine schwierigen Gedankengänge oder gar Fremdwörter enthalten. Solche Versuche, den Lesern Diffiziles – und das kann Kultur, oh Schreck!, manchmal sein, das ist ja das Großartige an ihr – verständlich zu machen, gelten ab sofort wohl als „feuilletonistische Arroganz“. Und kritische Verrisse vermutlich als „Demonstrationen journalistischer Allmacht“.

Man stelle sich einmal vor, derselbe Artikel kündigte Neuerungen im Politikteil an: „nicht so sehr als Platz für investigative Berichte, das auch, aber vielmehr als … Informationsdienst in Sachen Politik … des Journalisten Liebe zur Politik … Investigative Arroganz ist hier fehl am Platz.“ Das wäre hoffentlich einen schönen Aufschrei wert. Bei der Kultur aber interessiert es irgendwie niemanden, dass sie mehr und mehr als Lifestyle verstanden wird. Vielmehr finden die sog. Kulturjournalisten offenbar selbst, dass das Nicht-darüber-Nachdenken genau die richtige Herangehensweise an künstlerische Werke darstellt. Wo bitte soll die Kultur denn den Stolz aufs eigene Tun noch hernehmen, wenn selbst die Presse sie nicht mehr ernst nimmt, sondern ihr stattdessen lieber mit „Liebe“ und „Spaß“ begegnet?

Und überhaupt: Diese Anbiederung an die Leute, die es ohnehin nicht interessiert, mittels der Gleichsetzung von Feuilletonismus und Arroganz, ist mehr als nur peinlich. Das ist der gute alte Intellektuellenhass, den man nicht nur bestens kennt, sondern dem man in jüngster Zeit auch immer öfter zu begegnen scheint. Und heute auch in meiner Zeitung, na sowas.

Tage wie dieser: 10. Juni 2010, 0-24 Uhr

Juni 10th, 2010 § 0

adwidg 010610 turnschuh und blumenstrauß

Bis halb drei Uhr nachts an einer Besprechung des Films „Die Unwertigen“ gesessen, die bislang nur halb fertig geworden ist, für die ich aber immerhin schon den richtigen Ansatz gefunden habe.

Bis halb sechs Uhr wach gelegen wegen des Espressos, den ich gegen Mitternacht getrunken hatte und der zwar der Rezension auf die Sprünge half, mich in der Folge aber den Schlaf kostete. Weckerklingeln seit acht Uhr. Um elf im Büro gewesen, sehr zerfahren und mulmig im Bauch; zu heiß war es ohnehin.

Mittags einen Auftrag für einen Artikel über David Grossmann – er bekommt in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (schon wieder eine spannende Entscheidung dieser Jury!) – aus Zeitmangel leider nicht angenommen. Warme Cola getrunken, um wenigstens nicht dauernd gähnen zu müssen. Hat ein wenig geholfen.

Am Nachmittag ein Gespräch geführt, das für meine Schlaflosigkeit vielleicht auch ein bisschen mitverantwortlich war. Da war mir dann bald nicht mehr mulmig, sondern – ja, dafür fehlt mir jetzt irgendwie das richtige Wort.

Zuhause mehrere Stunden sinnlos auf irgendwelche Dinge auf dem Bildschirm des PCs gestarrt. Mit einem Glas Rotwein in der Hand. Nun nur noch ein Porträt der Münchner Literaturszene schreiben oder wenigstens andenken, dann schlafen.

Ein Tag wie dieser wäre mir vor zehn Jahren vermutlich gar nicht aufgefallen. Heute tut er das. Auch wenn ich noch nicht ganz genau weiß, woran das liegt. Fühlt sich jedenfalls gut an.

Zwei falsche Sätze über “die alarmbereiten”

Mai 23rd, 2010 § 0

Kathrin Rögglas Texte sind, zugegeben, schwer zu durchschauen und deshalb auch gar nicht so einfach zu beschreiben. Wenigstens ‘phänomenologisch’ sollten Literaturkritiker das allerdings hinbekommen. Tun sie aber offensichtlich nicht immer:

1. Maike Albath textete für den Deutschlandfunk über das Buch: “In sieben Kapiteln gibt sie [Röggla] die Rede verschiedener Figuren wieder, die sich jeweils auf ein unsichtbares Gegenüber beziehen. Dabei spielt sie verschiedene Szenarien durch und verwendet ausschließlich den Konjunktiv: …”. Anhand des folgenden Zitats erkennt man zwar, dass es sich mitnichten um einen Irrealis/Konjunktiv II handelt, wie Albath durch die Rede vom “Durchspielen” andeutet. Den wichtigsten Begriff aber unterschlägt die Rezensentin einfach: “die alarmbereiten” steht im Konjunktiv, ja, und zwar einzig und allein, weil es durchgehend in indirekter Rede geschrieben ist. Das wird in dieser Kritik tatsächlich überhaupt nicht erwähnt – was ehrlich kaum zu glauben ist, auch und gerade weil es das vermeintlich “unsichtbare Ich” durchaus ein wenig sichtbarer macht.

2. In Nicole Hennebergs FAZ-Rezension wiederum heißt es: “Nur in einer Geschichte (’die wilde jagd’) gibt sich ein reales Ich zu erkennen, ein Entführungsopfer, das aber bezeichnenderweise schweigt.” Und das ist nun richtiger Quatsch von Anfang bis Ende. Denn jede Geschichte dieses Buches funktioniert genauso: ein Ich schweigt und tut es doch nicht, eben weil es nie die eigene Rede, dafür stets die Rede seiner Gegenüber wiedergibt. Was für ein Unsinn es ist, bei einem Buch von einem “realen Ich” zu sprechen, das “sich zu erkennen gibt”, darüber will ich lieber gar nichts mehr sagen. Außer vielleicht: Hallo, das sind Buchstaben!

Noch viele Fragen offen: Benjamin Steins Roman “Die Leinwand”

Mai 14th, 2010 § 1

Natürlich beginnt man die Lektüre eines Buchs mit allerlei Vorurteilen im Kopf, das lässt sich ja überhaupt nicht leugnen. Man mag bestimmte Verlage lieber als andere, einfach weil sie einen in der Vergangenheit oft überzeugt haben (darüber habe ich ja hier schon einmal etwas gesagt). Und man ist bei manchen Themen oder auch Genres kritischer als bei anderen, woran auch immer das im Einzelfall liegen mag. Ich zum Beispiel horche sicherlich anders hin, wenn es um Medien, um Frauen oder um den Holocaust geht (das sind eben die Themen, auf die ich sensibel reagiere oder bei denen ich meine, mich auszukennen) oder wenn ich einen Bestseller in der Hand habe (weil diese tatsächlich von Millionen Menschen gelesen werden und also Diskurse prägen), siehe meine Vampir-Kritik in der Berliner Zeitung.

Bei Benjamin Steins Roman „Leinwand“ waren die Vorurteile durchweg positiver Natur: Es handelt sich um eine literarische Verarbeitung der Geschichte von Binjamin Wilkomirski, was für mich wieder einmal einen Fall von Wieso-hat-das-bislang-eigentlich-noch-keiner-gemacht-?! darstellte, das heißt: als Thema sofort einleuchtet und neugierig macht. Zudem hat Stein soeben ein Buch in einem meiner Lieblingsverlage herausgegeben und wurde für „Die Leinwand“ von dessen Verleger (den nicht nur mein Mann für den besten Verleger hält, den wir hierzulande haben) sehr gelobt. Und Komplexe wie Gedächtnis, Erinnerung, Identität interessieren mich sowieso immer, gerade wenn sie von einem gläubigen Juden verhandelt werden. Da konnte also eigentlich nichts mehr schief gehen, dachte ich.

Steins Roman kann man tatsächlich von zwei Seiten lesen, dafür muss man es wenden und um 180 Grad drehen, das Buch hat zwei Cover, auf dem einen steht „Die Leinwand. Amnon Zichroni“, auf dem anderen „Die Leinwand. Jan Wechsler“. Hinter beiden beginnt eine Ich-Erzählung: Zichroni ist dem Psychoanalytiker nachempfunden, der Wilkomirski (bei Stein: Minsky) einst ermunterte, seine Geschichte aufzuschreiben; Stein gibt ihm die Gabe, per Berührung die Erinnerung von Anderen selbst zu erleben. Jan Wechsler wiederum erinnert wegen der biografischen Daten (Kindheit in der DDR, Computer-Journalist, Hinwendung zum orthodoxen Judentum u.ä.) einerseits an den Autor selbst, wird im Laufe des Buchs aber andererseits als derjenige enttarnt, der Minskys Geschichte als falsch entlarvt (in der Realität: Daniel Ganzfried von der Schweizer Weltwoche).

Bei „Die Leinwand“ handelt es sich, grob gesagt, um eine Verteidigung oder wenigstens Ehrenrettung von Binjamin Wilkomirski. Im Interview mit dem BR sagt Stein auch, dass er das Wort „erfunden“ für die Holocaust-Biografie von Minsky nicht benutzen würde – schließlich bastelten wir alle unsere Identitäts-Legenden, bestehe Identität im Grunde aus nichts anderem; „zugestoßen“ träfe es vielleicht besser. „Was, auch diese Frage wälze ich heute, nach über zehn Jahren, noch immer, ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“ lautet Zichronis Überlegung angesichts des Schocks, der die Enthüllung von Minsky wahrer Vergangenheit für Minsky bedeutet. Stein versteht den Fall also als Fall einer so genannten false memory, deren ‘Korrektur’ mehr Schaden als Nutzen verursacht habe.

Nun gibt es in dem Buch aber noch Jan Wechsler, der ebenfalls zu merken beginnt, dass seine Biografie nicht stimmt, weil er sich anfangs schlichtweg nicht daran erinnern kann, dass er Minsky einst enttarnt hat. Auch für ihn scheint diese Enthüllung also offenbar eine traumatische Erfahrung gewesen zu sein, in deren Folge er sich eine neue Biografie zu Recht legte (die des Autors Benjamin Stein nämlich). Dass die nicht stimmt, scheint literarisch kaum ein Problem, sondern wird recht nüchtern konstatiert; Wechsler anerkennt es einfach irgendwann und gerät in keine allzu große Krise darüber (im Gegensatz zu Minsky, was unverkennbar eine Motivation des Buches ist). Und ebenso mehr oder weniger umstandslos kann er sich dann plötzlich auch an die Wahrheit erinnern. Und die lautet bei Stein, dass Wechsler (zumindest früher) ein gutes Stück rechts vom politischen Rand stand und allererst aus verletzter Eitelkeit (bei einer gemeinsamen Lesung stand Minsky im Mittelpunkt und für Wechsler interessierte sich niemand) die „Hetze“ gegen Minsky begonnen hatte. Was natürlich auf den realen Enthüllungsjournalisten Ganzfried zurück fällt. Der Satz „Was, auch diese Frage wälze ich heute, nach über zehn Jahren, noch immer, ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben lässt?“ soll also nur für Wilkomirski, nicht aber für Ganzfried in Anspruch genommen werden dürfen?

Ich bin mit dem Nachdenken darüber noch längst nicht fertig, wie man vielleicht merkt – was ja erst einmal für die Qualität dieses Buch spricht. Dass sich die ganze Identitätsverwirrung zwar formal in der zweiseitigen Lesbarkeit, sprachlich aber überraschend wenig niederschlägt, hat mich ebenfalls ein wenig irritiert – weswegen ich (was ich in solchen Fällen gerne tue, daraus mache ich auch kein Geheimnis) andere Rezensionen zurate ziehen wollte, um zu erfahren, ob ich eventuell etwas übersehen hatte. Und Wunder was: In fast keiner Kritik dieses Romans geht es um die Sprache – als hätte sie mit Identitätsgeschichten, mit dem Nachdenken über Lüge und Wahrheit einfach nichts zu tun. Stattdessen finde ich eine Ansammlung von Floskeln, die ich nicht nur teilweise für falsch halte, sondern die man genauso gut für die Besprechung anderer Romane aneinanderreihen könnte. Auch die These von „Die Leinwand“ wird im Grunde nicht diskutiert. Das ist mal wieder ein echter Trauerfall, denn der Roman hätte wahrlich Besseres verdient (ob ich das – für den Juni-KLAPPENTEXT – hinbekomme, ist jetzt freilich die große Frage). So viel jedenfalls für heute zum Zustand der Literaturkritik von heute.

Alte und neue Ufer

März 29th, 2010 § 0

In den vergangenen Monaten war es hier ziemlich still, ja. Auch der Facebook-App-Text war kein richtiger Blogeintrag, sondern ein Artikel für den Freitag, den ich eingestellt hatte, damit´s nicht ganz so armselig aussieht.

Es ist jedoch nicht so, dass nichts passiert wäre in dieser Zeit, im Gegenteil. Anfang Februar bekamen meine Altpapier-Kollegen und ich gesagt, dass Dnews unseren Vertrag nicht über den 8. März hinaus verlängern wird. Mich hat diese Nachricht nicht sonderlich überrascht: Die Redaktion war zwar immer sehr nett und hilfsbereit und durchweg sympathisch, aber irgendwie wirkte das Altpapier zwischen all den Nachrichten deren Auswahl mir im Übrigen gut gefällt, da die Sex&Crime-Quote überraschend niedrig ist fast schon wie ein Fremdkörper; vor allem, nachdem bereits im vergangenen Jahr die anderen Kolumnisten gekündigt worden waren, mit denen wir anfangs immerhin ein reelles Gegengewicht zu den reinen Facts bildeten. Es sah wohl so aus: Dnews generierte nicht das Mehr an Traffic, das man sich von uns vielleicht erhofft hatte, und auch das Altpapier profitierte nicht von der Einbettung in eine ziemlich blanke Newsseite was kaum verwundert: Altpapier-Leser sind medienaffine Menschen, die kennen die Neuigkeiten halt immer schon.

Mir persönlich hat diese Nichtverlängerung des Vertrags eine Entscheidung abgenommen, die ich schon länger im Kopf hin und her wendete. Und die nun also getroffen ist: Sollte das Altpapier weiter gehen, dann geht es das in Zukunft ohne mich. Das hat, wie ja alles, auch persönliche Gründe (inklusive Facebook-Entfreundung), vor allem aber damit zu tun, dass mir das Schnellschnellschreiben immer schon schwer, mit der Zeit aber immer schwerer fiel. Hatte ich ein Altpapier publiziert, dann beschäftigte mich dieser Text noch den ganzen Tag, eben weil ich ihn nie zuende denken konnte, hier und da noch ein Hinweis hingehört hätte, dieser oder jener Dreh mir plötzlich völlig umständlich oder unlustig vorkam. Mir ist es schlichtweg lieber, wenn ich selbst entscheiden kann, wann ein Text fertig ist und den Punkt gibt es, das weiß jeder Schreiber, und nicht meine Müdigkeit oder die Uhrzeit das übernimmt. Das geht nicht immer, schon klar, aber quasi als Dauerzustand habe ich´s einfach nicht gepackt, so einfach ist das.

Etwas leichter ist mir das natürlich gefallen, weil das Herzblut gerade sehr am kommenden Literaturportal Bayern hängt, das Anfang 2011 online gehen wird und das ich mitkonzipiert habe. Als Prolog dazu ging heute – nach mehreren Wochen des Kampfes mit Wordpress – das Literaturblog Bayern online, das den Aufbau des Portals begleitet und schon einige der angedachten Inhalte bereit stellt (allerdings in schlichtestem Design). Das bedeutet jetzt zwar ebenfalls viel Stress und viel Arbeit, aber zugleich viel Raum für Gedankenspinnereien, für gute wie schlechte Ideen und für Formatspielereien. Ich freue mich jedenfalls über jeden, der da mal vorbei schaut und am besten noch seine Meinung dazu abgibt, denn das Literaturportal Bayern wird eben kein statisches Portal werden, sondern ein lebendiges, an dem sich die Leser – also ihr – beteiligen sollen.

Das Aufhören beim Altpapier und das Anfangen beim Literaturportal Bayern bestätigt im Übrigen eine weiteres Mal meine Erfahrung, dass – zumindest was mich betrifft – Journalismus ich meine Journalismus, nicht PR zunehmend verstaatlicht wird, weil private Unternehmen ihn sich immer weniger leisten können. An dieser Stelle muss ich auch ein Lob aussprechen für das mich mal wieder niemand bezahlt: Das Bayerische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, das die ganze Sache initiiert hat, hat mir bei der Konzeption des Literaturportals Bayern die freieste Hand gelassen, die man sich nur denken kann. Und die Bayerische Staatsbibliothek, die das Projekt leitet, geht damit erstmals wirklich den Weg ins Web 2.0 bei Second Life und Twitter drohen schließlich keine juristischen Probleme mit Usercontent und will das auch unbedingt, selbst wenn die Programmierer deshalb Tage damit verbringen müssen, die sehr hohen Sicherheitsstandards der BSB zu gewährleisten. Danke dafür.

Der Druck.
Oder: Olympischer Journalismus 2010

Februar 14th, 2010 § 0

“War der Druck doch zu groß?”
“Was bricht über diese junge Frau jetzt herein?”
“Ist der Druck vielleicht ein bisschen zu groß geworden?”
“Inwieweit hat Sie das berührt, der Tod des georgischen Rodlers?”
“Hat Sie sich vielleicht doch ein wenig zu viel Druck gemacht?”
“Ist jetzt morgen ein Tag, wo die Damen entspannt sind?”
“Verspüren sie großen Druck?”
“Was hat denn geholfen, dass die Aufregung weniger wurde?”
“Der Druck ist unglaublich groß.”
“Das ist echtes Kampf-Eis!”
“Man spürt, sie haben einen solchen Druck.”
(Notate beim ARD-Livestream-Gucken)

Hegemann-Kiste

Februar 12th, 2010 § 0

Die Hegemann-Kiste wirft für mich hier mal wieder die Frage auf: Sagst du da jetzt auch noch was zu oder nicht? Ich habe das Buch nicht gelesen, insofern kann ich leider nicht beurteilen, ob der Hype gerechtfertigt ist oder nicht. Klar ist dagegen: Eigentlich sollten Journalisten eher ungern an solchen Hypes teilnehmen – was sie allerdings mit jedem weiteren Text zum Thema, egal ob pro oder contra, naturgemäß tun. Und ich hier also ebenfalls tue. Aus dem Dilemma kommt man vielleicht auch nicht heraus außer durch Schweigen. Das jedoch stünde den Medien nunmal schlecht zu Gesicht, schließlich ist das Drüberreden sozusagen ihre Kernkompetenz.

Die Plagiatsvorwürfe sind jedenfalls kein Grund, sich daran zu freuen, dass hier irgendjemand irgendwem auf den Leim gegangen sei. Denn einem Autor auf den Leim geht in dem Sinne jedes Porträt eines Autors. Nicht nur, weil es, praktisch betrachtet, dem Gros der Literaturkritiker schlichtweg schwerer fällt, ein Buch zu kritisieren, dessen Autor sie schon einmal kennen gelernt haben (was natürlich auch mit Respekt zu tun hat, keine Frage). Sondern auch, weil die kritische Betrachtung des Werks durch eine Lifestyle-Betrachtung der Person ersetzt wird. Genauso hat es das Urheberrecht allerdings vorgesehen. Der Jurist Johann Nikolaus Friedrich Brauer kommentiert 1809:

Indem das SchriftEigenthum nicht bey dem Eigenthum des Stoffs, worauf die Gedanken abgedruckt sind, stehen bleiben darf, weil damit allein dem Verfasser nicht gedient wäre, und dem Verleger auch nicht, sondern hauptsächlich das Eigenthum der Gedanken in sich aufnehmen muß, kann es nur durch eine Rechtsdichtung zu Stande kommen, welche diesen innern und geistigen Gegenstand wie einen äusseren und sinnlichen behandelt, und jeden Abdruck der Gedanken noch für Vertreter der Persönlichkeit des Verfassers gelten läßt.

Doch zurück zu Hegemann. Wenn “Axolotl Roadkill” wirklich ein echtes Wahnsinnsbuch ist: bitte, freut mich, dann nur her mit der Überschwänglichkeit! Und zwar ganz egal, wer das geschrieben hat. Allein: Weil just das – den Text und die Person zu differenzieren – quasi unmöglich geworden scheint, kommen jetzt diese Täuschungsvorwürfe. Sie meinen mithin das Falsche. Und von Foucault scheint ohnehin noch nie einer was gehört zu haben (vermutlich, weil sich die Funktion Autor die Haare nicht so zärtlich aus der Stirn streicht). Interessant ist, dass sich einer der vermeintlich Abgeschriebenen, gegen eine solche Identifizierung im besten Sinne wehrt. Wie übrigens auch Thomas von Steinaecker. Das ist natürlich ein hehrer, aber kaum denkbarer Ausweg aus der “Rechtsdichtung”.

Ebenfalls verkehrt ist die Ansicht, Hegemanns Zusammenklauberei bedeute irgendeine neue Art der Literaturproduktion oder eine vermeintlich laxe Haltung der jüngeren Generation gegenüber Urheberrechten. Im Gegenteil: Um Remix, Sampling, Mash-Up oder wie immer man es nennen mag, geht das Konzept des geistigen Eigentums im Kern (wie man das juristisch formuliert und exekutiert, ist freilich eine andere Frage). Man lese doch bitte mal in Fichtes “Beweis der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks”, die der grundlegenden Diskussion um 1800 entscheidende Argumente lieferte:

Was aber schlechterdings nie jemand sich zueignen kann, weil dies physisch unmöglich bleibt, ist die Form dieser Gedanken, die Ideenverbindung, in der, und die Zeichen, mit denen sie vorgetragen werden.
Jeder hat seinen eigenen Ideengang, seine besondere Art, sich Begriffe zu machen und sie untereinander zu verbinden: dies wird, als allgemein anerkannt, und von jedem, der es versteht, sogleich anzuerkennend, von uns vorausgesetzt, da wir hier keine empirische Seelenkunde schreiben. Alles, was wir uns denken sollen, müssen wir nach der Analogie unserer übrigen Denkungsart denken; und bloss durch dieses Verarbeiten fremder Gedanken, nach der Analogie unserer Denkart, werden sie die unsrigen: ohne dies sind sie etwas Fremdartiges in unserem Geiste, das mit nichts zusammenhängt und auf nichts wirkt. [...] Da nun reine Ideen ohne sinnliche Bilder sich nicht einmal denken, vielweniger anderen darstellen lassen, so muss freilich jeder Schriftsteller seinen Gedanken eine gewisse Form geben, und kann ihnen keine andere geben als die seinige, weil er keine andere hat; aber er kann durch die Bekanntmachung seiner Gedanken gar nicht Willens seyn, auch die Form gemein zu machen: denn niemand kann seine Gedanken sich zueignen, ohne dadurch, dass er ihre Form verändere: Die letztere also bleibt auf immer sein ausschliessendes Eigenthum.

Dass an dieser Form oft noch eine Reihe von Menschen mitfeilt, ist wiederum nichts Ungewöhnliches. Man nennt diese Menschen üblicherweise Lektoren. Und wenn man Glück hat, dann nennt sich einer dieser Lektoren eben Carl Hegemann.

Kritik an der Kritik: Aufmerksamkeitsdefizitstörung

Februar 3rd, 2010 § 0

Ich habe leider keine Statistiken darüber aufgestellt, aber manchmal kommt es mir doch so vor, als gehorchte die Kritik an der Kritik auch irgendwelchen saisonalen Gesetzen. Diesen Winter jedenfalls tritt sie wieder verstärkt auf (war das auch im vergangenen Winter so?). Wenn´s von draußen kalt heranweht, kühlt man eben langsam nach innen durch, und dann friert´s einen – das kenne ich auch – plötzlich umso doller angesichts des Blödsinns und/oder der Gemeinheiten, die man in manchen Zeitungen so zu lesen bekommt.

Den Auftakt bildete, soweit ich das im Blick habe, Oliver Gehrs in der November-2009-Ausgabe des Medium Magazins (frei online im Dummy Blog), “Hört bloß auf zu loben!” lautete die Überschrift, unter der er sich über all die elenden Superlative ausließ, die Literaturkritiker so gerne verwenden. Es geht darin auch im Bolanos “2666″, und in dem Fall muss ich ihm durchaus Recht geben: Das ist ein dolles Buch, keine Frage – aber ein “Meilenstein der literarischen Evolution” (ZEIT)? Hm. Auch finde ich – im Gegensatz zu Felicitas von Lovenberg (FAZ) – keinesfalls, dass man “für 2666 […] eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführen” muss (”bolanoesk” schlug von Lovenberg, wie einfallslos, vor).
Gehrs schreibt:

Ich weiß nicht, was los wäre, wenn sich andere Redaktionen mit solcher Inbrunst des Schwelgens hingeben würden. Wenn der Sportredakteur von einem Fußballspiel berichtete, wie es noch nie eins gegeben hat, der Autotester von einem Wagen, der mit Worten nicht mehr zu beschreiben ist, der Politikredakteur von einer Rede, die einen nicht mehr loslässt und der Medienjournalist von einer Sendung, die Geschichte schreiben wird.

Und da weist er auf ein Problem hin, das er dann leider nicht weiter ausführt. Ich glaube nämlich, der ganze Überschwang der Literaturkritiker rührt auch daher, dass sie sich bewusst oder unbewusst auch als Agenten der Literatur im Allgemeinen – und damit auch des Buchmarktes – sehen. Dass sie also glauben, sie müssten ihre Leser vom Lesen (i.e. Kaufen) an sich überzeugen, weil das ja keiner mehr tue (im Gegensatz zum Fußballspielegucken und Autofahren). Dass sie daran auch indirekt schuld sind, weil sie jedes Buch wieder über den Klee loben und sich der Leser folglich gar nicht mehr auskennen KANN, übersehen sie dabei geflissentlich. Wie auch – meine Meinung -, dass man sich bei Nicht-Lesern besser nicht anbiedern sollte.

Nicht weniger problematisch ist die Tatsache, dass manche Redakteure (nicht alle!) etwas anderes als überschwänglich Positives gar nicht mehr sehen wollen. Ich habe mit meinen Chefinnen da großes Glück, die wollen wirklich über die Bücher sprechen und keine Tipp-Texte. Nur einmal erging es mir anders, und das war ausgerechnet bei den LITERATUREN der Fall, von denen ich dachte, dass sie den Diskurs über Literatur tatsächlich führen wollten. War aber nicht so: Als ich im Vorgespräch über eine Kritik sagte, das Buch sei Kitsch (oder so ähnlich), hatte ich den Auftrag zur Besprechung auch schon verloren. Und Geld habe ich für die Lektüre natürlich auch keines bekommen. (Der Text erschien dann glücklicherweise in der Berliner, ich habe gute Chefinnen wie gesagt.)

Womit wir bei der zweiten Kritik an der Kritik wären, bei Jörg Sundermeiers “Warum es dicke Bücher schwer haben” in der Jungle World. Wenn ich mit dem Verleger nicht schon vorher einmal über dieses Thema geredet hätte, würde ich wohl jetzt in all meiner traurigen Naivität vor seinem Artikel sitzen. Sundermeier behauptet, dass Kritiker Bücher oft gar nicht komplett lesen; beim Buch eines Autors aus seinem Bekanntenkreis, das 1000 Seiten fasse (und sich entsprechend schwer tat, einen Verlag zu finden), hätten einige Rezensenten “sogar beim Verlag nach einer Kurzzusammenfassung ersucht”. Ich kann´s immer noch nicht glauben, ehrlich. Woher das kommt, ist allerdings einfach. Sundermeier:

1 000 Seiten anspruchsvolle Literatur wollen erstmal gelesen sein. Der Literaturkritiker, die Radioreporterin, der Experte vom Fernsehen, sie alle werden nach Zeilen und Sendezeit bezahlt, der Aufwand muss sich lohnen, und ein dünnes Bändchen liest sich nun mal schneller weg als ein dicker Wälzer. Wer vom Zeilengeld leben muss, liest und bespricht lieber viele anspruchslose Romane im Monat als nur einen anspruchsvollen.

Doch geht es ihm nicht nur um die ökonomischen Zwänge, sondern auch um die Qualität:

Leider sind die Kritiken nicht selten allein deshalb “meinungsstark” geschrieben, weil sich der Kritiker als kritischer Geist auszuweisen versucht. Der Kritiker bewirbt sich also selbst. Generell gilt: An die Stelle von textlichen Kriterien treten geschmäcklerische Urteile, auf die Einordnung in das Werk des Autoren wird zugunsten des Porträts verzichtet, manch ein kritischer Einwurf wird gleich ganz zugunsten der Nacherzählung des Medienspektakels um das Buch geopfert.

Womit wir bei der dritten Kritik an der Kritik wären, bei Torsten Körners Artikel “In der Spottgemeinschaft” aus der Funkkorrespondenz, der sich anlässlich von Dieter Wedels Fernsehfilm “Gier” über die Mechanismen der Medienkritik erregt.
Richtig ist daran, dass viel geätzt wird, viel Spott ausgeschüttet wird, was manchmal wahrlich unangenehm bis peinlich ist. Die Beispiele, die Körner aus der SZ nennt, haben mich auch gegruselt. Nur ist sein Text selbst alles andere als konsequent. Erst lobt der Autor Wedel dafür, dass er überhaupt noch anspruchsvolles Fernsehen mache – das hat aber meiner Meinung nach mit Kritik nichts zu tun, ein Werk will doch an den eigenen Ansprüchen gemessen werden, und nicht daran, dass es unter den Schlechten noch das Beste ist; sonst müsste man über den Boulevard ja kein Wort mehr verlieren, und das hielte ich für ziemlich falsch. Dann sagt Körner außerdem, dass man Person und Werk auseinander halten soll – was er ja gerade im Eingang seines Textes nicht gemacht hatte.
Die grundlegende These ist jedenfalls, und damit geht er beinahe mit Sundermeier d´accord, dass die Kritiker selbst den Mechanismen des Marktes gehorchen:

“Sie selbst müssen ihre Kritiken als Events anlegen, sie müssen auf Teufel komm raus unterhalten, sie sind vielfach eher Entertainer als Kritiker, sie verhalten sich zu ihrem Gegenstand eher wie Dieter Bohlen sich zu den Kandidaten seiner Castingshows verhält, sie klopfen Sprüche, gehobene Sprüche freilich.”

Hm. Also: Ja, unterhalten mag ich mit meinen Texten auch, und das mag auch Torsten Körner, würde ich annehmen. Sonst hätte er seine Argumente ja in Form von Stichpunkten und ohne jegliche Metaphorik präsentieren können. Hat er aber nicht gemacht, so nüchtern ist er dann doch nicht (z.B. schreibt er “Wedel ist auf jeden Fall kein Kerlchen, wie es viel zu viele gibt in diesem Geschäft. Er ist immer noch ein Kerl, der letzte Sonnenbrillenfürst unter Deutschlands kleinem Film- und Fernsehhimmel.”).

Zudem sieht er nicht, dass dieser Spott und dieses Ätzen gerade den Versuch darstellt, gegen diese ganze Sender-PR zu opponieren, indem man demonstriert, dass man eine eigene, i.e. andere Meinung hat. Dass also, wie Körner prinzipiell fordert, der Medienbetrieb auf diese quasi spiegelnde Weise in die Kritiken einfließt. Das ist falsch, keine Frage, weil es eben nicht mehr unabhängig ist. Ich glaube jedoch, Körner versteht das zu wenig systemisch – schließlich ist auch die Kritik Teil des Betriebs und insofern dessen Mechanismen natürlich ebenfalls unterworfen. Die SZ muss eben auch Quote machen. (Aber ja: Ein bisschen mehr Mühe könnte man sich dabei manchmal schon geben.)

Ich glaube ohnehin, das Problem ist von anderer systemischer Natur. Das macht das Beispiel von Felicitas von Lovenberg ja unmissverständlichst klar: Im Journalismus geht es nicht mehr (nur?) um die Leser, sondern darum, in die Geschichte einzugehen, indem man z.B. eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführt. Das heißt: an der ganz großen Historie mitschreibt. Die Eitelkeit ist eben ein schmaler Grat: Ohne wird man kaum Journalist werden, aber zuviel davon sorgt dafür, dass man sich eigentlich nicht mehr als solcher bezeichnen dürfte. Und unter den heutigen Bedingungen der quasi epidemisch verbreiteten Aufmerksamkeitsdefizitstörung wird dieser Grat tatsächlich immer schmäler. Aber es gibt ihn durchaus noch.

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