Unsinn und Nachrichten

Februar 15th, 2014 § 0 comments § permalink

The Daily Beast zählt upworthy.com zur amerikanischen „New New Left“, die New York Times meint, die Seite sei „designed to spread the love for stuff that matters“, und das US-Wirtschaftsmagazin Fast Company beschreibt die Seite als „kind of like a soulful Buzzfeed“. Da ist was dran, wobei der Begriff „soulful“ die Sache nicht ganz trifft, denn die Upworthy-Macher zeichnen sich weniger durch Seele und Gefühle als vielmehr durch Haltung und eine eigene Meinung aus. Upworthy-Mitgründer und -Herausgeber Adam Mordecai zum Beispiel schreibt in seinem upworthy-Profil:

I want my gay friends to be able to get married. I want my undocumented friends to gain citizenship. I want everyone to have healthcare. I want the media to do their job. And I want politicians to learn shame.

Selbstredend schlägt sich der politische Anspruch in den Inhalten nieder; die aktuellen Aufmacher von Upworthy lauten zum Beispiel:

»Old White Guy Drops A Monster Speech On Anti-Gay Football Teams. Seriously Impressive Performance.«

»What Happens To Some Kids When They Go To Work In This Famous Industry Is Awful«

»One Of Putin’s Homophobic Spokesmen Is Shamed On ‚The Daily Show,‘ And That’s The Least Awesome Part«

Nun kann man darüber streiten, ob man den massenhaften Konsum bunter Bildchen und kurzer Filmchen wirklich als politischen Diskurs begreifen kann, der infiltriert werden muss. Man kann darüber streiten, ob eine derart zerstreute Unterhaltung tatsächlich Auswirkungen auf Meinungen und Haltungen haben kann. (Ich selbst bin mir da nicht sicher, weshalb ich längst mal über Upworthy schreiben wollte.) Was man aber nicht kann: Man kann Upworthy keinesfalls als »Blödelseite« titulieren. Das würde auch nie einer machen? Oh doch, die die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel.

Anlass des SZ-Artikels ist die Tatsache, dass die Nutzerzahlen von Upworthy – nach einem geradezu unglaublichen Anstieg im vergangenen Jahr – plötzlich um die Hälfte gesunken sind. Grund dafür, das hat die SZ auch ganz brav bei Bloomberg abgeschrieben gelesen (ohne den Text zu verlinken, denn das würde die User ja nur zum Wegklicken animieren), ist eine Algorithmen-Änderung bei Facebook, denn von dort kommt durchschnittlich die Hälfte der Upworthy-Nutzer. Der Bloomberg-Text zitiert Vermutungen, dass diese Änderung ziemlich unverblümt auf Upworthy ziele – weil Facebook es entweder generell nicht goutiere, dass jemand sein Geschäftsmodell auf dem »sozialen Netzwerk« aufbaue; oder weil Facebook von Upworthy endlich auch mal Geld sehen will. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Facebook den Algorithmus ändert, und schon früher lag der monetäre Verdacht nahe, wie Bloomberg-Autorin Megan McArdle schreibt:

Then Facebook changed the rules, and suddenly those followers were worth a lot less. Meanwhile, Facebook expanded its advertising offerings, leading to suspicions that the algorithm change was aimed at making page owners pay to promote their content.

Das scheint die SZ aber genauso wenig mitbekommen oder verstanden zu haben wie die Bloomberg-Metapher des Bauens auf fremdem Grund, deshalb wird das Schrauben an den Algorithmen in der SZ etwas anders erklärt, nämlich mit einer weiteren groben Fehleinschätzung des Autors, der Upworthy-Inhalte kurzerhand zum »Unsinn« erklärt:

Mehrfach im Jahr arbeiten die Facebook-Ingenieure an den Algorithmen, zuletzt im Januar 2014. Die Änderung zuvor, Anfang Dezember, war es, die Upworthy auf Facebook aus dem Schaufenster in die Abstellkammer verbannte. Dabei hat Facebook legal und auch verständlich gehandelt – die Firma wollte weniger Unsinn und mehr ernsthafte Nachrichten verbreiten.

Es ist wahrlich bemerkenswert, wie man einen Artikel über Upworthy und Facebook schreiben kann, ohne überhaupt seriös zu erklären, was Upworthy ist, ohne wenigstens am Rande die Frage nach der Ideologie der Klickzahlen zu stellen (die bei Upworthy tatsächlich nicht alles sind) und ohne die politische Implikation der Facebook-Algorithmen auch nur marginal zu reflektieren. Ich kann ehrlich keinen Journalisten ernstnehmen, der das Geschäftsmodell seines Arbeitsgebers derart inhaliert hat, dass er nurmehr ökonomisch und kaum mehr kritisch zu denken in der Lage ist. Die Pointe des Textes verrät das ein weiteres Mal, denn auch sie handelt nicht von Information oder gar kritischem Bewusstsein, sondern einzig und allein von Marketing:

Und doch haben die Kalifornier mit dem Schritt viel weniger ihren Sinn für gute Berichterstattung bewiesen als ihre große Macht über die Nachrichtenauswahl. Für Medienunternehmen kann dies nur bedeuten, sich nicht zu sehr auf Facebook und andere Netzwerke zu verlassen. Es muss noch andere Wege geben, um in die Köpfe der Leser zu gelangen.

Ja, ja, diese Wege muss es wohl geben. Ich hätte da sogar eine Idee: Wie wär´s denn einfach mal mit weniger Unsinn und mehr ernsthaften Nachrichten?

In eigener Sache: LiteraturInnen

Mai 24th, 2013 § 0 comments § permalink

Seit beinahe zehn Jahren arbeite ich als freie Autorin für diverse Print- und Onlinemedien. Gleichsam von Anfang an stand ich dabei auf zwei verschiedenen Beinen: Ich habe einerseits über Medien (aka Fernsehen und Internet) geschrieben und andererseits über Literatur. Leichter fällt mir Ersteres, auch und gerade weil es sich nicht um mein Leib- und Magenthema handelt und ich also irgendwie anders als Andere darüber zu schreiben scheine; mein Herz hängt jedoch zweifelsohne an der Literatur, und zwar mehr denn je. Ich bin, um es kurz und kulturpessimistisch zu sagen, glücklich, wenn ich ein Buch lese, und oft völlig genervt, wenn ich mehrere Stunden vor irgendeinem Bildschirm verbracht habe (außer natürlich, es handelt sich um eine Grimme-Sitzung!). Und gefühlt wird das immer schlimmer. Das Dumme ist nur: Die politische Kritik ist bei Medienthemen überaus gefragt – sowohl im Netz als auch auf Papier kann man damit relativ einfach Punkte machen –, in der Literaturkritik dagegen alles andere als en vogue.

Da ich Literatur jedoch für das vielleicht politischste (kann man dieses Wort eigentlich steigern?) Medium überhaupt halte und ohnehin schon seit Jahren vorhabe, endlich ein ordentliches Literaturblog zu beginnen, ist es „LiteraturInnen“ geworden: ein Literaturblog, das sich mit einem politischen Thema, nämlich mit Frauen und Literatur beschäftigt. Als ich mir über diese Ausrichtung klar war, war ich im Grunde bloß bass erstaunt, dass es ein solches Blog nicht längst schon gibt.

„LiteraturInnen“ ist nur bedingt als „affirmative action“ zu verstehen: Tatsächlich waren Frauen jahrhundertelang von der Produktion von Literatur ausgeschlossen und zugleich deren beliebter Gegenstand. Auch das Lesen galt für Frauen bis ins 19. Jahrhundert als gefährliche Angelegenheit. Heute dagegen sind Frauen schlechthin die Zielgruppe des Buchmarkts. Als junge, gutaussehende Autorin hat man es, so heißt es, leichter, einen Verlag zu finden denn als mittelalter Mann. Kann sich frau darüber glücklich schätzen? Oder bedeutet diese Hausse des Weiblichen womöglich just das Gegenteil? Welchen Einfluss auf das Schreiben, auf die Literatur, auf den Buchmarkt hat dieser plötzliche Sprung vom Außenseiter zum Superstar? Was hat man von so etwas wie dem „Fräuleinwunder“ zu halten? Warum kennt jeder Literaturkundige Chinua Achebe, aber kaum einer sein weibliches Pendant Buchi Emecheta? Wer ist Buchi Emecheta? Werden weibliche Autorinnen anders porträtiert und medialisiert als männliche Autoren? Schreiben, wie die berühmte Frage lautet, Frauen wirklich anders? Über all das und noch einiges mehr will ich auf „LiteraturInnen“ nachdenken.

Coming as soon as possible: www.literaturinnen.de

Schon online: der zugehörige Twitterkanal.

Nicht rot, sondern tot

Mai 12th, 2013 § 0 comments § permalink

Die englische Sprache kennt das Wort „drinkard“ nicht. Dennoch trägt eines der wichtigsten Bücher der nigerianischen Literatur – jenes Buch, das gemeinhin an den Anfang der schriftlichen (englischsprachigen) und womöglich deshalb international bekannt gewordenen nigerianischen Literatur gesetzt wird – den Begriff „drinkard“ im Titel. Ich spreche von Amos Tutuolas Roman „The Palm-Wine Drinkard and his Dead Palm-Wine Tapster in the Deads´ Town“. In den deutschen Übersetzungen ist von diesem Neologismus, der den Trinker („drinker“) mit dem Säufer („drunkard“) verschmilzt bzw. exakt auf der Grenze zwischen beiden zu verorten ist, nichts mehr zu hören. Auf Deutsch heißt der Roman in allen greifbaren Übersetzungen schlicht und einfach „Der Palmweintrinker“. Amazon besitzt sogar die dreiste oder eben bloß desinteressierte Respektlosigkeit, das Buch unter dem Titel „Der Palmweintrinker und sein roter Palmweinzapfer in der Totenstadt“ zu führen (bei buecher.de und booklooker dasselbe, siehe Google).

Nein, der Palmweinzapfer des nach hiesigen Kategorien zweifellos alkoholabhängigen Ich-Erzählers – „Ich trank Palmwein von morgens bis abends und von abends bis morgens. Ich konnte damals kein gewöhnliches Wasser mehr trinken, nur Palmwein“ – ist nicht rot, sondern schlicht und einfach tot, weil er von der Palme gefallen ist. Deshalb – hier würde man sagen: Er ist auf Entzug – begibt sich ja der Ich-Erzähler auf eine mehrjährige Reise, während der er für „Erste-Welt“-Verhältnisse allerlei seltsamste (aka „magische“) Abenteuer bestehen muss, um den Palmweinzapfer aus der Stadt der Toten zurückzuholen (was ihm nicht gelingt).

Nun gut, das Wort „drinkard“ mag nicht allzu leicht zu übersetzen sein (wie wäre es mit „Trinkbold“ oder „Betrinkter“ oder „Trunkener“?). Allerdings liest man in der Übersetzung von Walter Hilsbecher – immerhin nicht der Untalentierteste – gleich auf der ersten Seite noch so ein dickes Ding. Im Original bezeichnet sich das Ich als „expert palm-wine drinkard“. Hilsbecher macht daraus einen „Palmweintrinker, wie er im Buch steht“. Das ist wahrlich ein mehr als bemerkenswerter Vergleich, denn Palmweintrinker standen damals gerade in keinem Buch, da sie keinen Gegenstand der Literatur darstellten. Dass nicht wenige derjenigen, die über den Roman geschrieben haben, dessen Fundierung in der oralen Tradition betont haben, war Hilsbecher offensichtlich egal. Für ihn handelt es sich also um einen „Palmweintrinker, wie er im Buch steht“. (Ich habe bereits andere deutsche Ausgaben des Romans bestellt und bin gespannt, wie diese Stelle dort lautet.)

Mit diesem Beispiel trifft man allerdings mitten in die Debatte über dieses Buch, das 1952 erschien. Im Ausland, vor allem in den USA und in Großbritannien, wurde Tutuola dafür hoch gelobt; als Paten fungierten T.S. Eliot und Dylan Thomas. Im eigenen Land jedoch warf man ihm vor, die Vorurteile der „Ersten Welt“ über den „dunklen Kontinent“ zu bestätigen. Tatsächlich hat Tutuola den Roman nicht, wie ein Artikel korrekt bemerkt, im Englisch des 18. Jahrhunderts geschrieben, sondern in Pidgin-Englisch, dem Englisch also, das die Kolonialherren ihren Sklaven beibrachten. Tutuolas englischer Verlag Faber and Faber griff an überraschend wenigen Stellen ein, und das offenbar wirklich nur zur besseren Verständlichkeit (z.B. „at all“ statt „atal“), wie eine abgedruckte Manuskriptseite in der Erstausgabe ostentativ ausstellt.

Ob man damit die „Primitiviät“ der nigerianischen Literatur oder gerade das Gegenteil beweisen wollte, lässt sich heute freilich nicht mehr sicher sagen. Das Nachwort der deutschen Ausgabe des Verlags Wolfgang Rothe ist jedenfalls ein bemerkenswertes Beispiel für ach so gutgemeinte Völkerverständigung, die sich am Ende als pure Arroganz entpuppt. Es stammt von Janheinz Jahn, der sich ohne Frage verdient gemacht hat um die Vermittlung afrikanischer Literatur, und schwadroniert merkwürdige Dinge über den „afrikanischen Geist“ und dessen „unmittelbaren Kontakt mit dem Unbewussten“. Die finale eurozentristische Pointe, die „den Afrikaner“ endgültig als zurückgeblieben ausweist, heißt: „Sollte es uns nicht ganz gelingen [dass wir uns „in jene über-reale Welt [des Romans] hinüberschwingen“], geben wir dieses Buch getrost unseren Kindern: sie werden uns helfen.“

Dass Tutuola in „The Palm-Wine Drinkard and his Dead Palm-Wine Tapster in the Deads´ Town“ die eigenen Yourba-Mythen in die Sprache der Kolonialisten transferiert, also ganz bewusst einen „clash of cultures“ herbeiführt, scheint dagegen keiner Erwähnung wert. Auch die Tatsache, dass der Autor ganz sicher nicht der „uneducated African who came out of the bush with a manuscript under his arm“ war, hörte man damals offensichtlich nicht gern. Trotz all der Anzeichen für die explizite Schriftlichkeit des Romans – Majuskeln, Anführungszeichen, Einschübe und so weiter – beharrt auch Jahn vehement darauf, dass es sich hier um „Sprache und keine Schreibe“ handle. Ich finde leider keine Jahreszahl in dieser Ausgabe, aber man ahnt zum Glück, wie lange her und also überholt diese Worte sind.

(Ich halte im Herbst vier Vorträge über die nigerianische Literaturgeschichte und packe meine Recherche und Vorüberlegungen hier ins Blog – to whom it may concern…)

Die Abschaffung des Zufalls durch D.

Dezember 30th, 2012 § 2 comments § permalink

Jedes Jahr gibt es ein paar Bücher, die man sehr, sehr gerne besprochen hätte, aber schlichtweg bei keiner Zeitung unterbringt (was verschiedene Gründe haben kann: mal zieht kein Redakteur, mal handelt es sich nicht um eine sogenannte Novität, mal wollte man auch gar nicht darüber schreiben, weil man nicht kompetent genug ist). Diese Bücher bleiben gewissermaßen ‚privat‘, weil der Kritiker sich darüber nicht öffentlich äußert. Zudem hat es mit diesen Büchern oft eine besondere Geschichte auf sich, zumindest in meinem Fall, da ich tatsächlich eher selten dazu komme, ‚privat‘ zu lesen und diese Bücher also sehr bewusst auswähle.

Mit diesen Sätzen fing der gestrige Text an, und eigentlich sollten diese „besonderen Geschichten“ auch sein Thema werden – wenn ich denn noch dazu gekommen wäre vor lauter Jakob Wassermann. Was gestern fehlte, wird also heute wenigstens teilweise nachgetragen. Ein weiteres ‚privates‘ Buch war in diesem Jahr der Roman „Die Abschaffung des Zufalls“ von Patrick McGuiness. Die Lektüre dieses Buches verdankt sich weder dem Autor (den ich zuvor nicht kannte) noch dem Thema (Sommer und Herbst 1989 in Bukarest), sondern schlicht und einfach der Tatsache, dass mir dieses Buch von jemandem empfohlen wurde, dessen Geschmack mich interessiert. Man darf das nicht unterschätzen: Wer öffentlich Bücher bespricht, der bekommt plötzlich keinerlei Literaturtipps mehr, einfach weil Freunde und Bekannte sich nicht getrauen, ihren Geschmack auf diese Weise gleichsam öffentlich machen, aus Furcht, ich würde das als banal oder oberflächlich abtun. Was natürlich Blödsinn ist: Ich finde es immer interessant, aber niemals peinlich, was Menschen lesen. Selbstverständlich, das würde ich durchaus behaupten, verrät es etwas über deren Wesen und Charakter – aber nichts, was verurteilenswert wäre (wobei ich keine Freunde habe, die Sarrazin o.ä. verteidigen; wie ich darauf reagierte, weiß ich tatsächlich nicht).

„Die Abschaffung des Zufalls“ jedenfalls stammt aus der Hand von D. – und das kam so: D. ist Verlagsvertreter in einem der wichtigsten Verlage Deutschlands und arbeitete früher bei einer der wichtigsten Buchhandlungen in München. Die Bekanntschaft beruht auch auf familiären Beziehungen, die allerdings um einige Ecken gehen und hier zu erläutern also deutlich zu weit führen würden. Heute lebt D., wenn ich mich recht erinnere, in Frankfurt; viel zu viele Jahre haben wir ihn nicht gesehen, bis wir ihn endlich – eben in seiner Rolle als Verlagsvertreter – auf der Frankfurter Buchmesse wiedertrafen. Mittlerweile ist es fast das Erste, was wir denken, wenn wir die Messe betreten: Wir müssen D. am Verlagsstand besuchen. Jedes Mal versprechen wir uns dann, dass wir uns auch unter dem Jahr einmal wiedersehen sollten – und schaffen es doch nicht. Weshalb auch auf der nächsten Buchmesse einer der ersten Gedanken wieder ihm gelten wird. Kurz gesagt: Ich würde mir nie erlauben, D. als Freund zu bezeichnen, aber auf ihn freue ich mich mit am meisten, wenn ich mich auf die Buchmesse freue, weil er ein herzlicher Mensch mit einem guten Kopf ist.

Überhaupt hat es Vorteile, ein paar Verlagsvertreter quasi ‚privat‘ zu kennen, wenn man auf der Buchmesse unterwegs ist. Das sind nämlich beinahe die einzigen, die einem nichts ‚andrehen‘ wollen. Deren Aufgabe sind die Buchhändler, weshalb sie auf den Markt noch einmal einen ganz anderen Blick haben, der mich selbstverständlich immer interessiert. Auch ihren Wert für die Verlage darf man keinesfalls unterschätzen, schließlich sind sie diejenigen an der ‚Front‘: Eine gute Kritik ist schön und gut,aber nix wert, solange der Vertreter das Buch nicht den Buchhändlern verkaufen kann.

Vertreter haben aber nicht nur jedes Mal ein Plätzchen zum Sitzen sowie Kaffee und Wasser parat – was auf der Buchmesse überlebenswichtig sein kann –, sondern auch recht umgehend die Frage „Magst Du ein Buch?“ auf den Lippen. Einfach weil sie wissen, dass die richtigen Bücher in der richtigen Peer-Group gut aufgehoben sind. Das ist der Moment, in dem ich üblicherweise um eine Empfehlung bitte, denn wenn jemand das gesamte Verlagsprogramm vom ersten bis zum letzten Wort wirklich gut kennt, dann sind das die jeweiligen Vertreter. Einfach weil sie wissen müssen, was sie da verkaufen. Das ist eine Menge Arbeit, die oft nicht gesehen wird und mich jedes Mal beeindruckt, weil sie ein relativ breites, im besten Sinne zeitgenössisches Wissen erzeugt.

D. nannte auf meine Frage erst einmal die wichtigen Bücher der Saison seines Verlags, bis ich um eine persönliche Empfehlung bat. Ohne lange zu überlegen nannte er „Die Abschaffung des Zufalls“ von Patrick McGuiness. Und genau dafür bin ich ihm dankbar: Dieser Roman erzählt vom letzten Sommer und Herbst, bevor die Diktatur in Rumänien endet, allerdings wähnt man sich eher in einer apokalyptischen Agenten-Schrulle als in einem ja quasi historischen Roman. Es beginnt damit, dass der Ich-Erzähler, ein britischer Ja-was-Eigentlich eine Stelle als Englisch-Dozent in Bukarest erhält, auf die er sich nie beworben hat, geschweige denn dass er jenes Vorstellungsgespräch geführt hätte, das immer wieder lobend erwähnt wird. Wohnung wie Büro übernimmt er von seinem mysteriösen Vorgänger  Belanger, ohne dass er Türschild oder Möbel wechselt: Er schlüpft gleichsam in dessen Identität, auch die Geliebte von Belanger wechselt einfach zu ihm. In Bukarest ist von Anfang an und ständig Leo O´Heix an seiner Seite, der nicht nur der „größte Schwarzhändler“ der Stadt ist, sondern auch an einem Buch namens „Stadt der verlorenen Wege“ schreibt: „eine urbane Elegie, ein Requiem für eine Stadt“. Bald beginnt das Ich eine Affäre mit der Politgrößten-Tochter Cilea, zudem lektoriert er die zweifachen (eine für hier, eine fürs feindliche Ausland) Memoiren des Schriftstellers Sergiu Trofim (ein Abbild des ehemals real existierenden Silviu Brucan), dann lernt er ein paar Oppositionelle kennen, die plötzlich verschwinden. Hinter den Sinn jener dauernden nächtlichen Anrufe kommt er erst spät, wie er ohnehin, so meint man, gerade noch mit dem Erzählen nachkommt, aber niemals mit dem Begreifen. Dass am Ende keineswegs die Guten von den Bösen säuberlich geschieden sind, kommt der Wahrheit dieser Zeit vermutlich deutlich näher als jede historische Auflistung der Ereignisse (Diktatur weg, Demokratie da). Im Grunde wusste ich aber, wie immer, schon nach dem ersten Absatz, dass der Rat von D. ein guter war:

Im Rumänien der 1980er Jahre war Langeweile nichts Harmloses, sondern etwas Hochbrisantes: Sie benebelte und quälte die Menschen; sie war der Grund, über den die Tage knirschten wie ein Bootskiel über den Kieselstrand. Im Westen ist Langeweile gleichbedeutend mit unerfüllter Zeit, in der man die Musik des Lebens aus den Ohren verliert. Die Langeweile in einem totalitären Staat ist etwas anderes. Sie ist die unablässige Erwartung, getrübt von der Ahnung ihrer Unerfüllbarkeit. Die Vorfreude und das Ereignis verbinden sich zu einer Endlosschleife von Spannung und Enttäuschung.

Platzhalter des Grauens

Dezember 27th, 2012 § 5 comments § permalink

Mitte Dezember hatte ich ja noch versucht, ein halbwegs gutes Wort für Martina Gercke einzulegen, indem ich das Vorhandensein verdächtig vieler Textstellen einer ähnlich banalen Story in Gerckes Roman „Holunderküsschen“ als typisches Merkmal sog. „Frauenliteratur“ vorstellte. Doch offenbar habe ich da weit gefehlt. Nun gibt es nämlich eine Videobotschaft der Autorin [Update: Der Link führt aktuell auf eine Fehlerseite, da das Video mittlerweile von der Homepage entfernt wurde], die meiner Meinung mehr enthüllt, als sie verbirgt.

Dass diese Ansprache kein regelrechtes Schuldeingeständnis werden sollte, ist klar; das wäre juristisch wohl wirklich unklug. Wie dieser Text allerdings von Anfang an die Verhältnisse zu verdrehen versucht, finde ich eher unanständig. Gercke spricht von „Ereignissen“, „die in den vergangenen Wochen ihren Lauf nahmen“, als hätte sie damit rein gar nichts zu tun. Auch wenn sie über das Plagiieren spricht, geschieht das zunächst einmal im Passiv: „Mir wurde vorgeworfen, fremde Textstellen verwendet zu haben“. Ein aktives Ich taucht dagegen auf, als Gercke behauptet, sie habe sich anlässlich des „enormen Drucks“ auf sie und ihre Familie „dazu entschlossen, meine Bücher vorübergehend aus dem Verkauf zu nehmen“. Jenseits dessen, dass man mit Plagiatsvorwürfen behaftete Bücher aus dem Verkauf nehmen sollte, weil sie mit Plagiatsvorwürfen behaftet sind, und nicht, weil deren Autoren deshalb angefeindet werden, entspricht diese Aussage ohnehin nicht der Wahrheit, zumindest wenn man dem Random House-Justitiar Rainer Dresen glauben darf, der im buchmarkt-Interview berichtete:

Als wir zahlreiche, zum Teil wörtliche Übereinstimmungen feststellen mussten, haben wir dies dem mvgverlag mitgeteilt. Dieser hat professionell und höchst ehrenwert reagiert und das Buch umgehend aus dem Vertrieb genommen.

Auch der anschließenden Behauptung von Gercke – „Ich bin froh, euch mitteilen zu können, dass die Vorwürfe auf anwaltlicher Ebene erörtert und in beiderseitigem Einvernehmen geklärt wurden“ – widerspricht Dresen aktuell, und zwar äußerst unmissverständlich:

Rainer Dresen: Mein letzter Stand war, dass mir der Gercke-Anwalt einen Einigungsvorschlag übersandte, den ich in zahlreichen Punkten abgeändert und ihm ein paar Tage vor Weihnachten zurückgeschickt habe. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm oder seiner Mandantin gehört, was ja auch ok ist, schließlich hatten wir Weihnachten, da herrscht üblicherweise Stillstand der Rechtspflege.

Buchmarkt: Von einer Einigung also keine Rede, oder?

Rainer Dresen: Wenn der Anwalt zu all meinen Vorschlägen „Ja“ sagt, ich das irgendwie auch noch von ihm erfahre, bevor ich mein Angebot wieder zurückziehe und wir beide ein Papier unterzeichnen, dann erst haben wir eine Einigung. Bisher aber habe ich nichts gehört oder gelesen und schon gar nichts unterschrieben.

Ich mag Gercke gar nicht vorwerfen, dass sie von den juristischen Dingen wenig Ahnung hat. Das Spannendste ist ohnehin, was nun folgt und Gercke als „offene und transparente“ Erklärung, „wie es überhaupt zu den beanstandeten Textstellen kommen konnte“, bezeichnet. Das ist sowas von verschlimmbessernd und verräterisch, dass es wohl wahr sein muss. Martina Gercke schildert also, wie sie die Arbeit an einem Buch beginnt (Idee, Figuren, Handlungsablauf) – und wie es dann weitergeht:

Um in dieser schwierigen Phase meiner schriftstellerischen Arbeit Handlungsabläufe kurz zu skizzieren beziehungsweise festzuhalten, habe ich gelegentlich Platzhalter benutzt. Das bedeutet, dass ich während des Schreibens leihweise Texte aus anderen Quellen benutzt habe. Diese sollten selbstverständlich bei der letzten Überarbeitung meines Manuskripts wieder entfernt werden. Zu meinem großen Bedauern habe ich an dieser Stelle handwerklich nicht sauber gearbeitet und einige Platzhalter stehen gelassen.

Das muss man sich wahrlich auf der Zunge zergehen lassen: Martina Gercke bedauert mithin nicht, dass sie ein Buch aus anderen Büchern zusammen gebastelt hat, sondern nur, dass sie diese „Platzhalter“ am Ende nicht ordentlich getilgt hat. All das gipfelt in dem Satz:

Ich habe die Platzhalter nicht bewusst stehen gelassen.

Dass Wolfgang Tischer vom Literaturcafé mittels des Hashtags #ausredenfuersabschreiben nun ein bisschen Schabernack treibt, kann ich nur zu gut verstehen. Ich weiß ehrlich auch nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll.

Küsschen des Grauens

Dezember 13th, 2012 § 2 comments § permalink

Die Kunstgattung, von der ich am wenigsten, ja, im Grunde und ehrlich gesagt gar nichts verstehe, ist die Musik. Da kenne ich mich einfach überhaupt nicht aus und kann folglich auch nie mitreden, wenn die Namen der neuesten Bands so leichthändig wie kennerisch hin und her geworfen werden. Nur ein bisschen besser sieht es in Sachen Kino aus. De facto gibt es bloß einen Namen, der mich alle Hebel in Bewegung setzen lässt, um seinen neuesten Film auf einer ordentlichen Leinwand zu sehen, und das ist Darren Aronofsky. Was der macht, verstehe ich und finde ich im besten Sinn des Wortes großes Kino; schon der Gedanke an „Requiem for a dream“ oder „The Fountain“ macht mich glücklich schaudern. Bei einigen anderen RegisseurInnen denke ich: Hm, müsstest du dir eigentlich angucken, aber dann vergesse ich es irgendwie – was wohl aussagekräftig genug ist.

Das nur vorweg, um dem jetzt Folgenden im Vorfeld die peinliche Schärfe zu nehmen: Eines der Kinoerlebnisse, an die ich mich am besten erinnere, ist „Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ (deshalb der Vorspann, der beweisen soll, dass ich keinen ganz grottigen Geschmack habe). Das lag nicht an dem Film selbst (den fand ich damals ziemlich unerträglich), sondern an einer jungen Frau, die in der Reihe hinter uns saß. Schon in den ersten Minuten klingelte ihr Telefon. Da ahnte man, dass sie eine ganz andere Zuschauerin sein würde, denn sie grabbelte nicht verschämt nach dem Handy, um es stumm zu schalten, sondern um abzuheben und ins Telefon zu zischen: „Ich bin im Kiinooo!“ – „Im Kiiiiiiinooooo!“ Diese ‚Entfremdung‘ setzte sich auch während des Films fort. Machte eine Figur ein lächelndes Gesicht, hörte man von hinten ein leises Giggeln; und guckte eine traurig, ertönte ein mitleidig lautes „Oh!“.

Ich würde (wenn ich es nur hätte) viel Geld verwetten, dass diese Frau heute ein großer Fan der Autorin Nele Neuhaus ist, denn Neuhaus verwechselt das Erzählen von Geschichten ebenfalls mit der Aneinanderreihung von Geschmacksverstärkern, die noch dazu gerne diejenigen Klischees bedienen, die in der Schublade mit der Aufschrift „dumpf“ zu finden sind. Ich mag hier gar keine Aufzählung beginnen, denn sonst schreibe ich mich nur wieder in Rage, weil ich wirklich mit nichts schlechter umgehen kann als mit Texten, die ich für dumm halte und die meiner Meinung nach unverkennbar bösartige Züge tragen. Das mögen die AutorInnen alle gar nicht so meinen, das weiß ich schon. Aber es steht nunmal in ihren Büchern, und als Literaturkritikerin kann und muss mir herzlich egal sein, was der Autor ‚eigentlich‘ sagen wollte. Denn ich lese ja, was er geschrieben hat. Und auf der literarischen Brennsuppn, wie man hierzulande sagt, bin ich eben auch nicht dahergschwommen.

Nun versuche ich also gerade, mein Neuhaus-Trauma zu überwinden, da kommt ein Plagiatsskandal daher, der mich weder überrascht noch zur Verteidigung des Urheberrechts ansetzen lässt und mich erneut mitten in die Abgründe der deutschen Buchproduktion stürzt. Martina Gercke, eine Autorin die sich als Selfpublisherin von seichten E-Books einen Namen machte und dann bei einem Verlag unterkam, der all das auch noch druckte (verkauft sich schließlich!), soll von der deutschen Übersetzung eines anderen sog. „Frauenromans“ abgeschrieben haben. Offenbar hatten Amazon-KommentatorInnen zuerst auf die verblüffenden Parallelen aufmerksam gemacht, mittlerweile liegt ein PDF mit Vergleichsstellen vor. Und das hat es wirklich in sich. Nur ein Auszug:

Martina Gercke: Holunderküsschenmvg Verlag, München 2012 Sophie Kinsella: Sag’s nicht weiter, LieblingWilhelm Goldmann Verlag, München 2004
(2) S. 15  Zufrieden betrachte ich mein Spiegelbild im Fenster. Ja, ich sehe aus wie eine klassische Businessfrau. Meine Haare […] sind sorgfältig glatt geföhnt, ich trage dezente Perlenohrringe und eines dieser typischen, schmal geschnittenen Kostüme […]. S. 9  […] und wenn ich mein Spiegelbild so im Fenster betrachte, sehe ich doch wirklich aus wie eine Top-Businessfrau. Meine Haare sind glattgeföhnt, ich trage dezente Ohrringe […] und das raffinierte neue Jigsaw-Kostüm.
(3) S. 21 f.  Zu allem Überfluss ist mein Haar, das ich heute Morgen so sorgsam glatt geföhnt hatte, ganz kraus. Typisch! S. 17  Zu allem Überfluss ist mein Haar, das ich heute Morgen so sorgsam glatt gegelt habe, ganz kraus. Typisch.

 

Wolfgang Tischer von literaturcafe.de hat die Autorin noch im Juli dieses Jahres über ihren Erfolg befragt („Wie man einen Bestseller ohne Verlag schreibt“). Anfang Dezember, als die Beschwerden über die Dopplungen lauter wurden, fühlte er sich offenbar ein bisschen verpflichtet, die Sache zu kommentieren. Er beginnt:

Die deutsche Selfpublisher-Szene scheint ihren Skandal zu haben, der obendrein noch alle Vorurteile über Selbstverleger zu bestätigen scheint.

Das finde ich allerdings eine falsche Behauptung bzw. die übliche Eröffnung der üblichen Fantasie vom Grabenkampf, da Amazon bekanntermaßen über keine derartigen Kontrollmechanismen verfügt (obwohl das vermutlich keine allzu schwierige Angelegenheit darstellte für ein Unternehmen, das Unmengen digitalisierter Inhalte speichert und also auch vergleichen können müsste). Hier ist schließlich ein Verlag gescheitert; eines jener Unternehmen also, die sich stets und immer wieder ihrer lektorischen Qualitätsarbeit rühmen. Der Random-House-Justitiar Rainer Dresen bedankt sich im Interview mit buchmarkt.de sogar ausdrücklich bei „dem Netz“ für die Aufklärung:

Das Ermutigende an dem Fall ist doch: Über den Vorgang wurden wir aus dem Netz, von Leserinnen beider Bücher, informiert.

Tischer jedenfalls, der den Fall später als seinen „schlimmsten Irrtum“ in dem Jahr 2012 bezeichnete, scheint in seinem Kommentar ehrlich konsterniert zu sein:

Dass Martina Gercke abgekupfert haben soll, scheint mir nach wie vor unvorstellbar. Ich habe eine nette, offene und kluge Gesprächspartnerin erlebt, die selbst nach wie vor vom eigenen Erfolg überrascht zu sein schien. Ganz offen hat sie gestanden, dass sie negative Kritik sehr heftig trifft.

Dass er, wie er kurz vor diesen Sätzen zugibt, das Buch gar nicht gelesen hat, finde ich zwar mehr als merkwürdig, ja, richtiggehend unseriös. Dennoch liegt er vermutlich völlig richtig mit seiner Einschätzung. Ich kann mir gut vorstellen, dass Martina Gercke tatsächlich nicht wusste, was sie da tat (was sie, klar, nicht vor Strafe schützt). Nicht nur, weil ich andauernd mitbekomme, welch geringe Kenntnis viele Menschen vom Urheberrecht haben („das Foto ist aus dem Internet, das darf man ja nehmen“). Sondern auch, weil all diese Sätze, die sich im einen wie anderen Buch finden, selbst auf eine gewisse Art Plagiate sind. Abgeschrieben von den viel zu vielen Hirnlosigkeiten, die in den viel zu vielen Klischeeschubladen lagern.

Ich habe es leider nicht gezählt, aber wie oft in Nele Neuhaus´ neuestem Buch „Böser Wolf“ irgendein Geruch aus dem nahen Wald „strömt“, geht wahrlich auf keine Kuhhaut. AutorInnen wie Gercke, Kinsella, Neuhaus schreiben immer nur auf, was sie denken, dass man so sagt, denkt, fühlt, meint oder gar ‚empfindet‘ (das journalistische Äquivalent ist wohl der Bratwurstjournalismus). Ich wette also nochmal: Sätze wie „Sie erstarrte. Ihr Herz begann zu rasen, ihre Knie wurden weich und sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen“ oder „Dieser gutaussehende Fremde mit den irritierend blauen Augen hatte völlig unerwartet etwas in ihrem tiefsten Innern berührt“ oder „Inka war eine starke, selbstbewusste Frau, die großen Wert auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit legte“ (alle Beispiele: „Böser Wolf“) finden sich so oder so sehr, sehr ähnlich in jedem zweiten sog. „Frauenroman“. Bei keiner einzigen dieser Publikation handelt es sich nämlich um ein Original, sondern immer schon um die Fortschreibung altbekannter und oft genug restaurativer Banalitäten, die ich – zugegeben – am liebsten in keinem Verlagsprogramm und in keiner Hand einer Leserin sehen würde.

Exzellenzinitiative. Oder: whisper it – Amazon?

Dezember 10th, 2012 § 0 comments § permalink

Ausgerechnet in diesem Jahr, da ich meinen Ärger am Deutschen Buchpreis auf eine Weise kundgetan habe, die nicht wenige Leute idiotisch fanden, gewann Ursula Krechel die Auszeichnung, und tatsächlich ist „Landgericht“ zweifellos das literarisch intelligenteste Buch auf der sogenannten Short List. Als eine Verlegerin eines kleinen Verlags kurze Zeit später mir gegenüber den Verdacht äußerte, die Jury habe diesen Roman womöglich wegen des sowohl kommerziell als auch pädagogisch wertvollen Themas und weniger wegen seiner literarischen Qualität ausgezeichnet, war ich erst einmal sprachlos. Dass sich der Nationalsozialismus in Deutschland besonders gut verkauft, weiß jeder, der sich eine Galerie der SPIEGEL-Titelblätter oder das Bärtchen auf der aktuellen Bestsellerliste zu Gemüte führt. Der Buchpreis-Jury wollte ich eine solch zynische Argumentation jedoch niemals unterstellen.

Ob die Vermutung nun stimmt oder nicht, mag hier dahingestellt bleiben. Tatsache ist, dass der Deutsche Buchpreis zwar als kommerziell erfolgreiche Unternehmung gelten darf; die eigentliche Aufgabe eines Preises – die Auszeichnung einer herausragenden Arbeit – erfüllt er jedoch absolut nicht, obwohl er genau das von Anfang an und strikt von sich behauptet:

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung jährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den besten Roman in deutscher Sprache aus.

Die Gewinnerbücher seit 2005 sind keine schlechten Bücher, versteht mich nicht falsch; es sind Bücher, die ich vielleicht politisch, selten nur handwerklich kritisieren kann. Aber keines davon ragt, wenn überhaupt, literarisch allzu weit heraus aus der Masse der Neuerscheinungen des jeweiligen Jahres. Und das ist dann eben durchaus politisch zu verstehen: wenn alljährlich ein eher mittelmäßiges literarisches Werk („Landgericht“ ausgenommen) zum Buch des Jahres erklärt wird.

Ein britischer Literaturagent scheint einen ähnlichen Unmut – ob zurecht oder nicht, kann ich kaum beurteilen – verspürt zu haben: Vor knapp zwei Jahren hat der Literaturagent Andrew Kidd die Gründung eines neuen Preises für englischsprachige Literatur verkündet. Dieser Preis ist mit 40.000 Pfund Sterling nicht nur ziemlich hoch dotiert, sondern wird auch ziemlich vollmundig als wirklich allein auf Qualität bedachte Auszeichnung beschrieben. Sein Ziel ist es, „to establish a clear and uncompromising standard of excellence“. Und noch einmal: „The sole criterion will be excellence.“

Gegen wen sich die Initiative richtet, weiß jeder Brite. Kidd selbst hatte die Installierung des neuen Preises mit dem Qualitätsverlust beim Man Booker Prize (ehem. Booker Prize) und dessen Fokussierung auf die „readability“ begründet. Der Guardian-Blogger Richard Lea packt die konservativ-kulturpessimistische Haltung dieser Argumentation in seinem Artikel recht trefflich am Schopfe, wenn er das Zielpublikum des neuen Preises beschreibt:

Anyone who’s ever cried themselves to sleep over the death of contemporary culture, the depredations of modern life and the triumph of the market over Art – otherwise known as the Booker prize – can rejoice.

Auch das Pikanteste an der Sache nennt Lea beim Namen. Der neue Preis heißt bislang so schlicht wie eitel „The Literature Prize“, doch dabei soll es nicht bleiben. Heute verkündeten die Organisatoren, dass sie nun einen Sponsor für das Preisgeld gefunden hätten. Wer das ist, wird allerdings erst im Februar 2013 bekannt gegeben, gleichzeitig soll der Preis einen neuen Namen – den jenes Sponsors, vgl. den Booker Prize – erhalten. Das ist ein ziemlich geschickter PR-Schachzug, denn die britische Presse nimmt deutlich reger teil an Diskussionen über Literatur, Kommerz und Preisvergaben als die deutsche. Auch Guardian-Autor Lea möchte – er sei wohl zu sehr Kind der Thatcher-Ära oder auch „just not focused enough on ‚the very highest level of artistic achievement‘“, schreibt er – am Ende seines Artikels doch ganz gerne wissen, „which particular devil the Literature Prize has supped with. Is it global finance, environmental mongers of doom or – whisper it – Amazon?“ Man darf also wirklich gespannt sein, in wessen Namen diese Exzellenzinitiative im kommenden Frühjahr gestartet werden wird.