Buchmesse 2012

Oktober 16th, 2012 § 0 comments § permalink

F. sagt, es sei eine sehr verquatschte Messe gewesen, und meint das ausschließlich positiv. Tatsächlich kommt es einem so vor, dass man jedes Jahr weniger Zeit mit Bücheranschauen, dafür umso mehr mit Reden verbringt. Ich kam mir in diesem Jahr zudem irgendwie ‚verpeilt‘ vor, weil ich überhaupt keine Ordnung in mein Stromern durch die Hallen bringen konnte, sondern von Anfang bis Ende irgendwie umher getrieben bin. Ich hatte ein paar Termine, das ja, aber ansonsten habe ich mich ziemlich passiv verhalten. (Man könnte auch viel banaler sagen: So unvorbereitet wie in diesem Jahr bin ich noch nie auf eine Buchmesse gefahren.)

Als D. angerufen hat, sie sei nun auf dieser Urheberrechtsdiskussion und ob wir uns dort treffen wollten, bin ich dorthin gegangen – und fand es seltsam, dass dieser Termin nicht ohnehin auf meiner Liste stand. Denn das Thema interessiert mich selbstredend, und auch die Teilnehmer der Diskussion haben ja Rang und Namen; auf dem Podium saßen nämlich der Autor Moritz Rinke, der Rowohlt-Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff (den ich um seinen Namen absolut beneide), der irights.info-Projektleiter Matthias Spielkamp und der Ja-Was-Eigentlich Sascha Lobo. Nur leider klang das um einiges vielversprechender als es dann war, denn der Börsenverein hatte sich entschieden, die sog. Diskussion nach dem sog. Korsakow-Prinzip zu führen. Und das heißt: Auf einer Pinnwand hängen ein paar Zettel mit vorformulierten Fragen, auf einer anderen Zettel mit den Namen der Teilnehmer, das Publikum bekommt Laserpointer in die Hand und entscheidet sich damit für eine Frage und einen zugehörigen Antworter. Dass die beiden Pinnwände das Podium rahmten und die Diskutanten also ziemlich aufpassen mussten, nicht aus Versehen von einem Laserpointer geblendet zu werden, macht eindrücklich deutlich, was für ein Blödsinn das Korsakow-Prinzip ist. Was so tut, als sei es besonders demokratisch, verlangsamt nicht nur den Meinungsaustausch (weil vor jeder Wortmeldung das Publikum befragt werden muss), sondern verhindert tatsächlich einen echten Dialog. „Das sieht das Korsakow-Prinzip nicht vor“, lautete etwa der Einspruch, als einer der Diskutanten auf einen anderen reagieren wollte. Ich war nicht bis zum Ende anwesend, da ich diese Form der sog. Auseinandersetzung wirklich grauenvoll fand, aber was ich gesehen habe, war der Austausch von exakt den Statements, die man erwartet hatte. Piraterie ist Diebstahl, es fehlen kundenfreundliche Modelle, man soll nichts verallgemeinern and so on. Ach, ach. (Hier der Bericht vom Buchreport.)

Kaum weniger enttäuschend finde ich den Virenschleuderpreis. Ich meine nicht die zugehörige Veranstaltung, auf der ich nicht war, sondern die Preisträger. In der Kategorie „Strategie“ haben die Hanser Literaturverlage für ihre Youtube-Kolumne mit Michael Krüger den Preis erhalten; in der Kategorie „Maßnahme“ der binooki-Verlag für seine Ich-und-Binooki-Bücher-Foto-Aktion. Mir sind diese beiden Preisträger unheimlich sympathisch – aber diese beiden Konzepte halte ich, gelinde gesagt, für alles andere als innovativ. Da ist mir der Verleger, dem das Wort „Ebook“ auf Teufel komm raus einfach nicht einfallen wollte, fast schon lieber, weil er gar nicht erst so tut, als wäre der Puls der Zeit sein natürlicher Lebensraum.

Was ich von den Verlagsvertretern – die immer diejenigen sind, die am besten Bescheid wissen – erfahren habe, lässt sich auf einen ziemlich simplen Nenner bringen: So schlecht, wie es in der Zeitung oft heißt, geht es dem Markt womöglich gar nicht. Denn nicht nur das Ebook verkauft sich in diesem Jahr besser als im vergangenen, sondern auch das gedruckte Buch. Wirklich bedroht sind nur die Buchhandlungen, allerdings könne man das durchaus auch als „Gesundschrumpfen“ bezeichnen. Die Dinge ändern sich eben, und wer 30 Jahre nicht in sein Geschäft investiert habe, müsse sich nunmal nicht wundern, wenn das Geschäft dann nicht mehr so gut gehe wie vor 30 Jahren. Ob das stimmt oder nicht, kann ich freilich nicht beurteilen.

Was ich dagegen weiß: Ich kann mir fast nichts Schöneres vorstellen als eine Verlegerin oder einen Verleger, die oder der über seine aktuellen und kommenden Bücher spricht. Von diesem kindlichen Stolz, dieser gründlichen Kenntnis und dieser absoluten Kritikfähigkeit sollten sich bitte, bitte alle anderen Branchen wenigstens ein Scheibchen abschneiden.

Und wer noch eine meiner Entdeckungen dieser Messe wissen will: hier bitte.

Der Nächste! Bitte!!!

Oktober 2nd, 2012 § 0 comments § permalink

Als ich vor einiger Zeit auf die Konferenz LitFlow aufmerksam wurde, fand ich diesen von der Bundeskulturstiftung finanzierten „Thinktank für die nächste Literatur“ erst einmal interessant, auch wenn es offensichtlich weniger um Literatur als solche (typisches Merkmal: besteht aus Buchstaben) als um deren marktgerechte Formatierung als „Storys“ gehen sollte. Und dann erschien im Perlentaucher ein Text von Stephan Porombka, einem der LitFlow-Organisatoren, der offensichtlich eine Art Keynote darstellen soll. Es ist, wie leider immer noch zu oft (vgl. z.B. das Buch „Die digitale Gesellschaft“), ein Text, der sich vor allem im Prophetischen und nicht im Faktischen gefällt. „Das Nächste, bitte!“ ist allererst eine Predigt und beginnt deshalb auch mit einer Weissagung, die wie jede religiöse Werbung um Jünger eine ganz andere, für Ungläubige bedrohliche Zukunft verspricht:

Dieses Jahr wird es in Frankfurt eine besondere Buchmesse geben. Nicht wegen der Anwesenden. Viel interessanter ist, was noch nicht da ist. Der Markt für literarische Produkte befindet sich in einem epochalen Umbruch. Und kaum jemand weiß, ob man im nächsten Jahr noch das machen wird, was man jetzt macht. Echte Sicherheit gibt es in der Buchbranche zwar ohnehin nicht. Aber so unsicher wie jetzt war es wohl noch nie.

Weiter geht es mit der Denunzierung der Anderen als blind und konservativ:

Tatsächlich haben die Neuerungen, die sich durch die Weiterentwicklung des Internet ergeben, für den gesamten Literaturbetrieb etwas zutiefst Verstörendes. Ökonomen nennen so etwas „disruptive Innovationen“. Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich nicht langsam und einigermaßen berechenbar etablieren. Disruptiv sind sie, weil sie plötzlich auftauchen und in kurzer Zeit das gesamte Marktgefüge so sehr verschieben, dass alles Etablierte in Frage gestellt wird. Das Problem für alle, die sich im Bestehenden selbstzufrieden eingerichtet haben: Sie können nicht richtig erkennen, was passiert.

Dass „disruptive Innovationen“ per defintionem nicht im Voraus erkennbar sind und es deswegen weitgehend egal ist, ob man sich „selbstzufrieden eingerichtet“ hat oder aufmerksam die Augen offen hält, ficht Porombka nicht an. Auch ist der Literaturbetrieb beileibe nicht so verstört, wie er denkt. (Und die Buchmesse dieses Jahres wird sich nicht allzu sehr unterscheiden von der im vergangenen und der im kommenden Jahr. Wer dort ist, trifft im Übrigen eine Menge Leute, die sich Gedanken über die Zukunft machen, und zwar alles andere als verstört und selbstzufrieden.)

In der Folge nennt Porombka drei Beispiele, um seine „These“ zu untermauern: den Kameramarkt, den Musikmarkt und den Journalismus. „Die großen Kultmarken sind fast vom Markt verschwunden“, sagt er über Ersteres, „Die Zeit der großen Labels ist vorbei“, über Zweiteres, und über Zeitungsverlage heißt es: „Viele begreifen, dass sich das Geschäft langsam aber sicher verkehrt hat. Eigentlich publiziert man digital. Daneben macht man auch noch Print-Ausgaben.“ Ob er diese Behauptungen belegen kann? Er tut es jedenfalls nicht, und ohnehin hege ich daran Zweifel: Natürlich hat es den ein oder anderen Kamerahersteller beim Umstieg aufs Digitale erwischt – die Topsellerliste von Amazon besteht jedoch weiterhin aus Canon, Nikon, Olympus und so weiter. Auch die Musikcharts listen fast ausschließlich die so genannten Majorlabels auf. Und das journalistische Geschäft hat sich nun wahrlich nicht verkehrt, denn weiterhin leidet das digitale Publizieren daran, dass es sich nur schwer finanzieren lässt bzw. aus lauter iPad-Texten besteht, weil die nunmal die meisten Klicks ernten.

Die Brockhaus-Passage lasse ich hier aus, denn da gebe ich Porombka gerne recht. Dann kommt allerdings eine äußerst ärgerliche Sache, die ich nicht mal mehr als Halbwahrheit verbuchen möchte. Erst moniert der Autor, dass Verlage die Ratschläge der Ökonomen ignorieren und die Ebook-Zahlen klein reden würden. Dann zeichnet er die vermeintliche Realität, die alle leugnen:

Mittlerweile erobern die elektronischen Bücher die Bestsellerlisten. Die New York Times hat im August gleich zehn Romane auf den vorderen Rängen gemeldet.

Und das ist nicht nur schwierig als Argument, da der deutsche Buchmarkt nunmal ganz anders strukturiert ist, sondern auch – die Formulierungen „im August“ und „auf den vorderen Rängen“ deuten das schon an – ein bisschen zu vage. Auf der Kombi-Bestsellerliste der New York Times finden sich nur ein paar wenige Bücher, die ausschließlich als Ebook vertrieben werden (eine genauere Aufschlüsselung kann ich nicht finden), aber eine Menge „Majorlabel“-Bücher. Ohnehin will Porombka, wenn ich das richtig verstehe und das bedeutet auch der Artikel, den er an dieser Stelle verlinkt hat, auf den Erfolg der Selfpublishing-Verlage hinaus. Die aber erobern nicht die Bestsellerlisten, sondern ‚nur‘ die Ebook-Bestseller-Listen (7 auf den ersten 25 Plätzen). Da ist also ein bisschen was durcheinander geraten.

Über Porombkas Prophezeiung einer „smarten Literatur“, die im Idealfall wie virale Werbekampagnen funktionieren soll, will ich mich wirklich nicht weiter äußern, denn während dieser Essay kein einziges Beispiel dieser smarten Literatur benennen kann, sondern deren Heraufdämmern ein ums andere Mal in allerlei Floskeln prophezeit, behauptet er gleichzeitig: „Im Literaturbetrieb der Gegenwart mangelt es aber an Phantasie für neue Publikations- und Vertriebsformen.“ Und das sagt mir nur, dass Porombka sich vermutlich nicht die Mühe machen wollte, sich mal ordentlich umzuschauen. Denn der ach so selbstzufriedene und zugleich angeblich schwer verstörte (wie das zusammengehen soll, weiß ich auch nicht) Literaturbetrieb hat durchaus ein paar Ideen (vor einem Jahr habe ich für den FREITAG mal ein paar gesammelt), die ich im Übrigen allesamt spannender (da genuin literarischer) finde als die Konzepte, um die es LitFlow zu gehen scheint.

Ein Bericht über die LitFlow findet sich auf faz.net. Der Text in der heutigen SZ über die Veranstaltung scheint mir auch gelungen, er steht aber leider – so viel zu Porombkas Online-First-These – nicht online.

Mumpitzmumpitz

September 26th, 2012 § 1 comment § permalink

Die Forderung, dass es mehr Verrisse in der Literaturkritik geben sollte, ist nicht neu – und ich habe mich da stets recht gerne angeschlossen, da auch meiner Meinung nach viel zu viel gelobhudelt (oder „lobgehudelt“?) wird, und oft versteht der Leser nicht einmal den Grund dafür, da der sich irgendwo hinter den Adjektiven „lakonisch“, eindringlich“ und „unverbraucht“ versteckt. Seit heute bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher, ob es tatsächlich mehr ‚schlechte‘ Kritiken braucht, denn eben habe ich das Negativ der Lobhudelei entdeckt. Nämlich den gleichermaßen bodenlosen Verriss von Clemens Setz´ neuem Romans „Indigo“ auf Spiegel Online.

Dessen Autor Sebastian Hammelehle beginnt mit ein paar verdrehten Gedanken über das Wort „Mumpitz“. Das ist natürlich ein arg konstruierter Einstieg und verrät auch das Urteil des Rezensenten bereits am Anfang – was ich aber beides absolut in Ordnung finde. Was dagegen nicht in Ordnung ist, ist der Rest des Artikels. Als er endlich bei dem Roman selbst angelangt ist, schreibt Hammelehle:

„Indigo“ erzählt die Geschichte einer Krankheit. Diese Krankheit ist in unserer realen Welt nicht bekannt. In der Welt des Romans hingegen ist sie ein medial begleiteter Skandal, trifft sie doch die jüngsten, die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Die Kinder. Name der Krankheit: Indigo.

Und das ist schon der erste Fehler. Denn „Indigo-Kinder“ ist durchaus ein Begriff aus unserer Gegenwart (es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag), der allerdings keine Krankheit bezeichnet, sondern angeblich spirituell besonders begabte Kinder benennt, erkennbar an ihrer blauen Aura. Dass ich diese Indigo-Kinder für völligen Eso-Quatsch halte, ist klar; und ich traue mich zu behaupten, Setz geht das ähnlich, sonst würde er diese Krankheit ja nicht auf deren Erfinder zurückwerfen: Es sind die Angehörigen der Kinder, die daran leiden (sie bekommen Kopfschmerzen, wenn sie sich nähern), und gerade nicht die Kinder selbst.

Da Hammelehle aus diesem seinem Unwissen jedoch kein Urteil über das Buch ableitet, finde ich das nicht weiter verwerflich, denn wir alle haben irgendwo Lücken. (Ich kenne dieses Indigo-Zeugs auch nur mehr oder weniger zufällig, weil ich mal über braune Esoterik recherchiert habe.) Worauf aber gründet er dann sein „Mumpitz!“-Urteil? Sehen wir weiter. In dem Indigo-Internat

tritt auch ein junger Mathematiklehrer seinen Dienst an. Sein Name: Setz. Er ist einer der Protagonisten dieses Buches.

Der Autor, der zufällig genauso heißt wie der Mathelehrer, führt seine Leser mit verschiedenen Erzählern, einer Vielzahl in den Text eingestreuten Verweisen und Fotos, mit scheinbar historischem Material, das beweisen soll, die Krankheit Indigo sei bereits uralt, und mit typografischen Spielereien (Fraktur, Schreibmaschinenschrift, Handlettering) in ein buntscheckig ausgekleidetes Vexierkabinett.

Was ich erst einmal spannend fände – wenn in einem Roman eine Figur auftritt, die des Autors Namen trägt, obwohl es zweifellos nicht um eine Autobiografie geht – findet Hammelehle offensichtlich irgendwie doof, das signalisiert sein ironisches „zufällig genauso heißt“. Warum er das doof findet? Keine Ahnung. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er sich mit der Unterminierung der Grenze zwischen Fiktion und Realität ohnehin schwertut? Schließlich sollen die „in den Text eingestreuten Verweisen und Fotos, mit scheinbar historischem Material“ keinesfalls „beweisen, die Krankheit Indigo sei bereits uralt“, sondern im Gegenteil auf die Gemachtheit von Wissenschaft hinweisen. Würde ich zumindest denken.

In der Folge lässt Hammelehle erahnen, dass Setz´ Roman seiner Meinung nach zu viel krude Details enthält. Auch da würde ich wieder sagen: erst einmal interessant – aber auf jeden Fall kein literaturkritisches Argument, sondern Geschmackssache. Das scheint Hammelehle auch geahnt zu haben, denn nun verlässt er die Pfade des Faktischen:

Fehlt noch was? Ja, Menschenfleischrezepte, Freimaurerei, aber auch der Einsatz von Marilyn-Manson-Songs in Guantanamo kommen nicht vor – fast schon eine Produktenttäuschung.

Und das ist nun wirklich ein No-Go: Irgendwas Dummes zu erfinden, was angeblich auch noch dazu passte, ist eine unseriöse Unterstellung und sonst gar nix.

Dann endlich taucht, wir sind schon fast am Schluss des Artikels angelangt, etwas auf, das wenigstens von Ferne Ähnlichkeit mit einer Argumentation hat:

Er baut ein Romanuniversum, in dem der Effekt ausschlagebendes [sic] Konstruktionsmerkmal ist. Die Stimmung der fast 500 Seiten umfassenden Geschichte steuert er dabei mit fortschreitender Dauer derart herunter, dass zuletzt das Gefühl vorherrscht, es mit einem Plot in völlig blut- und sauerstoffarmer Atmosphäre zu tun haben.

Was Hammelehle also offensichtlich stört, ist die Künstlichkeit (Effekt als ausschlaggebendes Konstruktionsmerkmal), der Mangel sowohl an „Stimmung“ (heruntergesteuert) als auch an echtem Leben („blut- und sauerstoffarme Atmosphäre“). Und das wundert mich dann doch. Denn in der Literatur geht es nunmal um Kunst, um Konstruktion und um Buchstaben. Mit Letzteren scheint Hammelehle tatsächlich wenig anfangen zu können, folgt man seiner Rezension von Ulf Erdmann Zieglers „Nichts Weißes“, deren Pointe lautet, „dass es für den großen deutschen Roman nicht vieler Buchstaben bedarf“. Na dann.

Unverständniserklärung

August 22nd, 2012 § 2 comments § permalink

Vor einigen Jahren, während einer Grimme-Woche, saßen wie jeden Abend mehr oder weniger alle Beteiligten in der Hotelbar, und irgendwann kam das Gespräch auf die Sendung „druckfrisch“. Ich war ehrlich überrascht über die Verve, mit der ein Kollege Denis Schecks Durchgang durch die Bestseller-Liste – die mir das liebste Element dieses Formats ist – verurteilte. In Deutschland, so sein Argument, dürfe man aus bekannten Gründen keine Bücher auf den Müll schmeißen, auch oder gerade nicht, wenn es sich dabei ‚nur‘ um eine Geste handelt (vernichtet werden diese Bücher ja vermutlich nicht). Ich war genau der gegenteiligen Auffassung: Es kursiert eine meiner Meinung nach horrende Menge an gedrucktem Mist mit mindestens reaktionären, teils sogar faschistischen Tendenzen, die ich nur zu gerne in die Tonne trete, da solche Bücher eben jenes demokratische Grundverständnis in Abrede stellen, das aus der Erfahrung des „Dritten Reichs“ resultiert. Zugegeben: Wirklich wohl fühlte ich mich bei der Verteidigung dieser Position schon damals nicht, und das tue ich auch heute noch nicht, auch weil ich die Argumente des Kollegen eigentlich aus meinem eigenen Mund erwartet hätte.

Ich denke oft an dieses Gespräch, das rumort weiter, was wohl das Beste ist, was man über ein Gespräch sagen kann. Auch heute kam es mir wieder in den Sinn, da ich mich durch eine kleine Debatte über Literaturkritik gelesen habe. Ich will jetzt gar nicht „Amerika, du hast es besser!“ seufzen oder das Eine über den Klee loben und das Andere klein machen, aber die Differenz ist doch grotesk genug, dass ich sie hier benennen möchte: Während also Guardian, Slate, New Yorker und New York Times über den Einfluss von Twitter und Facebook auf Autoren und Kritiker bzw. über das Wesen von Kritik an sich nachdenken und diskutieren, sieht es hierzulande so aus:

Die Google-Suche „Steinfeld Schirrmacher Sturm“ liefert aktuell 13.900 Ergebnisse. Selbst wenn sich viele der Links auf denselben Text, etwa eine Pressemeldung, beziehen, bleiben immer noch mehrere tausend Artikel. Ich gebe gerne zu, dass ich nur etwa zehn davon gelesen habe – wage aber dennoch die Behauptung, dass sich unter diesen 13.900 Ergebnissen höchstens zwei finden, die mir etwas bedeuten, die mir etwas sagen, das ich noch nicht weiß, oder die wenigstens derart gut geschrieben sind, dass das Lesen so viel Freude bereitet, dass man über den Mangel an Intellektualität und/oder Neuigkeit hinweg sehen könnte.

Für den Aufreger, der bald darauf folgte, gilt ungefähr dasselbe. Dieter Moor hat für seine Sendung „Titel Thesen Temperamente“ einen Gag von der Satireseite Der Postillon geklaut – und als sich die ttt-Redaktion auf ihrer Facebook-Seite dafür nicht umgehend und knierutschend genug entschuldigte, standen die Moralrichter über Gut und Böse in den Kommentaren gleich Schlange, gerne auch mit Hinweis auf den eigenen Ausstoß zum Thema: „Diese Reaktion ist stillos und peinlich. Noch dazu, da Dieter Moor selbst sich ja für eine Verschärfung des Urheberrechts einsetzt. Ich hab da mal was aufgeschrieben …“. Nicht dass die Sache nicht den Anfang eines spannenden Blog-Artikels, etwa über Satire und Plagiat oder über Kulturkürzungen und Contentmangel oder oder oder, darstellen könnte! Schreibt aber keiner. Stattdessen: „Halten wir also fest: Ein Unterzeichner von ‚Wir sind Urheber‘ tritt die geistige Leistung von anderen mit Füßen.“ Jessas!

Insofern kam Markus Beckedahl mit seinem Text über das Nervpotential von Kommentaren auch mir gerade recht. Ich würde nur zu gerne einen Versuch machen, den es leider nicht geben kann, für den ich allerdings mein spärliches Vermögen aufs Spiel setzen würde: Ich würde wetten, dass Beckedahl seinen Text, wenn eben nicht er selbst ihn geschrieben hätte, sondern einer seiner imaginierten Gegner, gründlich abwatschen würde als eine dieser ‚typischen‘ ‚internetfeindlichen‘ Äußerungen. So wie er es auch in seinem Buch „Die digitale Gesellschaft“ gerne macht. Netzkritische Journalisten, heißt es da, fürchteten bloß um ihre Meinungsführerschaft, Jugendschützern sei es wohl am liebsten, wenn „das Internet einfach abgeschaltet oder zumindest unbenutzbar gemacht würde“, die Musikindustrie sei der „erbittertste Gegner des Netzes“ und so weiter. Lauter mediale Missverständnisse also, und das in einem Buch, das sich „Die digitale Gesellschaft“ nennt (und das auch sozialwissenschaftlich mehr als schwach auf der Brust ist). Das als schlichte Stimmungsmache zu beschreiben, finde ich ehrlich fast zu harmlos.

Womit ich wieder am Anfang wäre, bei der Debatte in den US-Blogs, die auch davon handelt, wie böse ein Kritiker sein darf. Denn zu „Die digitale Gesellschaft“ war ich in meiner Besprechung alles andere als nett, da ich dieses Buch tatsächlich für eine Ansammlung aus Eigenwerbung, Ressentiments und Wissenslücken halte. Letzteres kann man als Kritiker natürlich belegen, bei den Ressentiments und der Eigenwerbung ist das dagegen schon schwieriger oder eben, wie es so schön heißt, subjektiver. Wollte man da wirklich wasserdicht argumentieren, wäre es keine 5.000-Zeichen-Kritik mehr, sondern eine rhetorische Hausarbeit. Ich traute mir das zwar zu, aber dafür gibt es schlichtweg keinen Platz – was ich auch nicht allzu bedauerlich finde, da ich gar keine Lust habe, eine 15-seitige Arbeit über ein meiner Meinung nach schlechtes Buch zu schreiben. Also spitze ich zu, verkürze und werde polemisch. Die Frage, ob das zulässig ist oder nicht, stelle ich mir währenddessen andauernd. Beantworten kann ich sie immer noch nicht, werde ich vielleicht auch nie, aber das gehört wohl dazu. Immerhin gibt es britische und amerikanische Kritker, die sich Ähnliches fragen – während in deutschsprachigen Medien ein paar merkwürdige Scheindebatten geführt werden, die ich schlichtweg nicht verstehe.

Ein Toter namens Meier

August 14th, 2012 § 0 comments § permalink

James O. Incandenza zum Beispiel. Oder Serge Karrefax. Nicht zu vergessen Theodor Leudoldt. Ganz zu schweigen von Leopold Bloom, Adrian Leverkühn, Wilhelm Meister und so weiter, um nur die einprägsamsten zu nennen. Oder anders gesagt: Jede Figur eines Romans muss einen Namen haben, in dem sich das Werk auf die eine oder andere Weise verdichtet. Einen, genau, sogenannten „sprechenden“ Namen. Da das nicht nur für die Protagonisten, sondern üblicherweise auch für den Rest des Personals gilt, wundert man sich doch, wenn ein Toter in einem Krimi „Christian Meier“ heißt. Nichts gegen fade Namen (ich trage selbst einen solchen), schließlich sind die kaum weniger gut lesbar. Ich würde den Namen „Christian Meier“ also als Hinweis verstehen, dass hier ein Durchschnittsmensch in jedem Sinn gestorben ist, quasi die männliche Version von Erika Mustermann.

Und damit liege ich damit offensichtlich gründlich daneben. Denn der tote Christian Meier aus dem Krimi „Der Sturm“ eines Autors namens Per Johansson sieht laut Bericht von Richard Kämmerlings in der Welt offenbar dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher verblüffend ähnlich. Und als sich Kämmerlings deshalb fragte, wer denn eigentlich dieser Per Johansson ist, merkte er bald: Den gibt es gar nicht. Genauso wenig wie die angebliche schwedische Übersetzerin. Und da reifte in ihm langsam der Verdacht, wer da seine Feder im Spiel haben könnte. Kurz gesagt: Kämmerlings verdächtigt den ehemaligen FAZ-Redakteur und heutigen SZ-Feuilleton-Chef Thomas Steinfeld, mindestens Co-Autor des Krimis „Der Sturm“ zu sein. Der S. Fischer Verlag hat mittlerweile eingeräumt, „das Spiel mit der Anonymität übertrieben zu haben“, wie es auf Welt Online heißt. Auf der Website des Verlags findet sich dennoch weiterhin ein Foto von Per Johansson, der zugegebenerweise nicht existiert, sowie eine Biografie, die durch ihre Buhlerei um Hipness natürlich ins Auge sticht, wenn man weiß, dass sie von A bis Z erfunden ist:

Per Johansson wurde 1962 in Malmö geboren und wuchs in der Nähe von Osby auf. Er studierte Elektrotechnik in Stockholm und arbeitete mehrere Jahre im Anlagenbau, bevor er Anfang der neunziger Jahre nach Berlin ging, um seinen künstlerischen Interessen nachzugehen: der Fotografie und dem Kurzfilm. Daneben baute er eine Firma auf, die sich hauptsächlich mit der Entwicklung von Homepages für Künstler und künstlerische Organisationen beschäftigt. Per Johansson lebt heute in Berlin und in der Nähe von Osby, wo er einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. „Der Sturm“ ist sein erster Roman.

Ein Schwede in Berlin, der was mit Internet macht und Krimis schreibt: Da ist wirklich alles drin, was in ist (oder dafür gehalten wird). Dass für diesen Krimi mit zwei Zitaten berühmter Autoren geworben wird –

„Stark. Einzigartig und unterhaltsam. Dicht liegt das Geheimnis über diesem Kriminalroman wie der Herbstnebel über den schwedischen Wäldern.“ Håkan Nesser

„Der beste und intelligenteste Kriminalroman, den ich seit langer Zeit gelesen habe.“ Orhan Pamuk

– wirft kein besseres Licht auf das Geschäft mit der Literatur. Jenseits des „Kultur-Kampfs“, den Spiegel Online (wer auch sonst?) aus der Kämmerlings-Entdeckung machen will, bedeutet es einiges über den – ohje – Zustand des nicht nur deutschen Buchmarkts. Solche Zitate sind mittlerweile üblich und bei Verlagen, so zumindest mein Gefühl, deutlich beliebter als Zitate von Kritikern, die in Deutschland zwar zu viel loben, aber meist eben verschwurbelter als mit Superlativen und Adjektiven wie „einzigartig“ und „unterhaltsam“. Sowohl das Pamuk- als auch das Nesser-Zitat, so meine Vermutung, stammen nicht aus deren Feder oder Mund, sondern aus dem Kopf eines Mitglieds der Fischer-Presseabteilung, die sich das dann vom jeweiligen Autor ‚abzeichnen‘ lässt. Ist im Grunde auch gleichgültig, wie dieser Vorgang von statten geht, denn ich halte die Grenze zwischen Kunst und Marketing in jedem Fall überschritten: Autoren sollten meiner Meinung nach nicht für ihren Verlag Werbung machen (müssen). Das wird nämlich irgendwann peinlich – zum Beispiel, wenn Orhan Pamuk ein vermutlich eher belangloses Buch als bestes und intelligentestes lobt, das er seit langer Zeit gelesen hat.

Und was den toten Christian Meier betrifft: Sollte dahinter wirklich die SZ in welcher Form auch immer stecken, dann muss ich ein weiteres Mal der FAZ den Sieg zusprechen. Ich lese die Süddeutsche als Münchnerin und also quasi Pflicht-Abonnentin natürlich deutlich öfter als die FAZ, aber so gerne wie früher lese ich sie nicht mehr, weil ihr, gerade in meinem Stammressort, dem Feuilleton, irgendwie die Ideen fehlen. Den Kulturteil in digitalen Zeiten bekommen sowohl die FAZ als auch Der Freitag (disclosure: für den ich viel schreibe) meiner Meinung nach um einiges besser hin. Wenn „Der Sturm“ also die Antwort auf das Mehr an Inspiration in Frankfurt und Berlin sein soll, dann hätte die FAZ schon wieder gewonnen, denn ein „Christian Meier“, der einem Frank Schirrmacher wie aus dem Gesicht geschnitten ist, zeugt wahrlich von einem ziemlich großen lack of fantasy and inspiration. Und sollte es Schirrmachers eigene Idee gewesen sein, sich selbst literarisch um die Ecke zu bringen und den Verdacht auf die Konkurrenz zu lenken, dann bekäme er von mir sogar die doppelte Punktzahl.

Matthias Senkel: „Frühe Vögel“

Juli 31st, 2012 § 0 comments § permalink

Gegen große Erzähler lässt sich selbstredend nichts einwenden. Ich persönlich aber, und das ist kein Geheimnis, habe eine sehr, sehr große Schwäche für literarische Experimente (die von einigen gerne als bloße ‚Spielereien‘ belächelt werden). Insofern war ich mir schon vorher recht sicher, dass mir Matthias Senkels Debütroman „Frühe Vögel“ gefallen wird, da es sich um ein herrlich verqueres Buch handelt. Allerdings schätze ich das Experiment natürlich nicht per se; es muss schon irgendeinen Sinn haben. Und gerade das gelingt Senkel meiner Meinung nach auf besonders kluge Art und Weise.

Kurz gesagt erzählt der Roman die Geschichte einer fluglustigen Familie; im Zentrum steht ein gewisser Theodor Leudoldt – wobei man hinsichtlich dieses Romans gerade nicht von einem Zentrum sprechen sollte, denn just solchem Zentrismus widerspricht Senkel vehement. Das gefällt mir überaus gut, schließlich handelt dieses Buch gewisser Weise auch von astronomischen Ordnungen, und denen hat man in der Vergangenheit allzu gerne zentristische Strukturen untergeschoben – nur um diese Sichtweise bald wieder revidieren zu müssen.

Zudem bemerkenswert, wie der Autor diese Systeme unterminiert: Er spielt ausgerechnet die Literatur gegen die Sprache aus, einer der mithin heikelsten Unternehmungen der Literatur. Zwei Kapitel dieses Buches nämlich gliedern sich in einzelne Abschnitte, die jedoch von Senkel nicht chronologisch, sondern entsprechend ihrer stichwortartigen Überschriften alphabetisch geordnet wurden. Man ist also dauernd am hin und her Blättern („weiter bei ‚Fesselballon‘“…), was den charmanten Nebeneffekt hat, dass man nie genau weiß, wie viel von diesem Kapitel man nun eigentlich schon gelesen hat. Gleichsam nebenbei spielte Senkel also auch noch ein analoges As aus: Im Netz genügte ein Klick, und man wäre beim nächsten Stichwort, ohne dass man die Differenz zwischen literarischer Chronologie und ‚sinnlosem‘ Alphabet überhaupt bemerken würde. Senkel dagegen verpflichtet den Leser aufs Blättern – eine Tätigkeit, die man in dieser Intensität nurmehr selten erfährt.

Zu guter Letzt muss ich noch eines zurücknehmen, was man womöglich falsch verstehen könnte: Dass ein Schriftsteller sich nicht zwischen Erzählen und ‚Spielerei‘ entscheiden muss, beweist Matthias Senkel eindrücklich. Denn der 1977 geborene Autor ist ein großartiger Erzähler. Den anachronistischen Duktus hat er perfekt drauf, ohne sich darüber lustig zu machen, aber mit dennoch ziemlich angenehmem Talent für hübsche Pointen, über die ich mich auch jetzt noch amüsieren kann, weil er sie vor allem aus der Metaphorik sowie den zeitgenössischen Diskursen und eben nicht aus dem vermeintlich ach so echten Leben zieht. Und wie immer beweist wieder einmal bereits der erste Satz, dass „Frühe Vögel“ ein unbedingt empfehlenswertes Buch ist. Der lautet nämlich:

„– draußen.

Dieser Roman beginnt also mit einem Anführungszeichen, einem Gedankenstrich und einer Deixis. Letzteres bringt die Sehnsucht der Schrift nach dem Anderen (der Realität, dem Jenseits etc.) bestens auf den Punkt, während das Anführungszeichen die Medialität des Ganzen und der Gedankenstrich die Stille bzw. das Ungehörte am Ursprung (vor dem Einsetzen des Romans) markiert.

Was ich mit alldem sagen will: Bitte lesen, denn das ist ein klasse Roman und noch dazu ein großer Spaß.

Von unten nach oben

Juni 19th, 2012 § 0 comments § permalink

Es wäre gelogen, wollte ich behaupten, dass der Ärger mit jenem Autor nichts an meinem Schreiben geändert hätte. Fakt ist: Seither schreibe ich irgendwie schizophrener. Während ich so denke und notiere, sitzt auf meiner Schulter die andauernde Furcht vor der Wiederholung eines solchen Falls, die jeden Satz nach Stellen scannt, über die sich wer auch immer warum auch immer beschweren könnte. Allerdings fallen dieser Furcht die Einschätzungen ziemlich schwer, weil sie einerseits keine Ahnung von der Juristerei hat und andererseits begriffen hat, dass allein die Drohung mit dem Gesetz genügt, damit jemand ein Recht bekommt, das ein Gericht ihm wohl kaum je zugestanden hätte. Was nicht bedeutet, dass man sein eigenes Handeln nicht dennoch ordentlich abklopft, ob es auch wirklich – um´s ganz altmodisch zu sagen – reinen Gewissens und aufrechter Moral ist.

Nun habe ich gerade den neuesten Blog-Artikel von Georg Seeßlen gelesen, der ein weiteres Mal die ‚Opfer‘-Perspektive stark macht. Was ich sehr ernst nehme, denn meine journalistische (ich habe Seeßlen nie persönlich kennen gelernt) Hochschätzung von Georg Seeßlen ist so gut wie grenzenlos. Dieser Autor steht bei mir fast auf derselben Stufe wie Adorno: gebildet, klug, inspiriert, präzise und politisch – das sind meiner Meinung nach die Merkmale eines guten Textes, und dadurch haben sich die Seeßlen-Texte, die ich kenne, immer ausgezeichnet. Das ist blinde Verehrung, genau. Insofern nehme ich mir die Worte, die er in seinem Blog-Artikel über Kritik sagt, durchaus zu Herzen. Seeßlen schreibt (natürlich unter anderem):

Wenn ein „mächtigeres“ Medium ein Produkt eines weniger mächtigen Mediums oder weniger mächtige Autoren kritisiert, dann bedeutet das auch eine mal mehr mal weniger empfindliche ökonomische Einbuße. Jeder Kritiker muss wissen, dass er mit seiner Kritik dem Kritisierten Schaden zufügt. Deswegen verlangen wir, eigentlich, von Kritikern einige besondere Eigenschaften: Handwerkliche Sauberkeit, moralische Reflexion und ein politisches Bewusstsein. Denn jede Kritik ist auch eine politische Geste, ein Austausch von Macht. Der Verriss ist eine wunderschöne, wenn auch etwas bösartige Kunst, doch wer die Geschichte der großen Verrisse studiert, wird feststellen, wie genau man sich dabei nicht nur die Waffen, sondern auch den Gegner anschauen muss. Der gute Verriss geht von unten nach oben, der Zensurenverriss natürlich in umgekehrter Richtung: Setzen, fünf! Der gute Verriss ist eine treffende Frechheit gegen ein unterdrückendes System, der schlechte, nun eben, der Hieb des Systems gegen seine Kritik.

Mir geht es weniger um die erste Hälfte des Abschnitts, da dessen erster Satz, soweit ich weiß, faktisch nicht ganz richtig ist (ob gut oder schlecht ist für den Verkauf relativ gleichgültig: gekauft wird, was in den Medien vorkommt oder in den Buchhandlungen in Stapeln präsentiert wird; bei unbekannten Büchern ist eine schlechte Kritik sogar besser für den Verkauf, will eine Studie herausgefunden haben), und die folgenden Sätze ungefähr dem entsprechen, was mein Ressortleiter mir antwortete, als ich meiner Entrüstung über den eingangs erwähnten Fall Ausdruck verlieh.

Mir geht es vielmehr um die Oben-Unten-Klassifizierung. Die erklärt zumindest meine Allergie gegen jene pädagogischen Rezensionen, die keine Argumente vorbringen, sondern Tadel austeilen. Und sie erklärt in der Umkehrung, warum man mit Kleinverlagen und Debütanten vielleicht etwas ‚gnädiger‘ ist als mit Random House und Martin Walser. Allerdings frage ich mich schon immer, ob das richtig ist: Sollten solche extra-literarischen Kategorien wirklich eine Rolle spielen in einer Literaturkritik? Muss man zu prekären Existenzen ‚netter‘ sein als zu gesättigten? Ich glaube, bei mir ist das so. Aber bislang fand ich das eigentlich immer falsch; ich hielt mich quasi für korrumpiert von meiner grundsätzlichen Sympathie vor allem für Idealisten (weniger für Anfänger); ich weiß auch nicht, ob dieser Vertrauensvorschuss den Autoren und Verlagen gegenüber wirklich fair ist, da die ewige Betitelung als „Kleinverlag“ auch bedeuten kann, dass der derart Bezeichnete gar nicht erst als echte Konkurrenz wahrgenommen wird.

Dass Seeßlen diese diffuse Sympathie zur Haltung erhebt, verschafft mir die Erleichterung der Erkenntnis: Wovor es mich immer gegraust hat, weil ich es ebenfalls für unseriös hielt, war das Betreiben von Literaturpolitik – und nun muss ich wohl endlich mal einsehen, dass man als Literaturkritiker immer schon Literaturpolitik betreibt, ob man will oder nicht, und sich also besser aktiv darum kümmern sollte. Vielleicht war das meinen Texten sogar früher klar als mir; die Verve und die polemische Dichte, ja, die aufrechte Wut meiner (wenigen) Verrisse sprechen jedenfalls dafür. Tatsächlich halte ich meine bösartigen Texte für mehr als bloße Selbstverteidigungen: Ich mag einfach nicht in einer Gesellschaft leben, in der Bücher, die von minderwertigen Rassen handeln, die Frauenfußball als behindert etikettieren, die dem Juden Adorno einen genetischen Mangel ans Bein binden, zu Bestsellern avancieren. Ich hoffe, das ist es, was Seeßlen mit „von unten nach oben“ meint. Andernfalls müsste ich dem Laien-Juristen auf meiner Schulter endgültig die Tastatur überlassen und wäre ich zudem das erste Mal anderer Meinung als Seeßlen. Und das kann ja eigentlich gar nicht sein.