Tittenkritik. Oder: In Zukunft bitte ohne mich

Februar 26th, 2015 § 0 comments § permalink

Als der „Personaler“ (wie man das eben so nennt) mich im Vorstellungsgespräch fragte, ob ich – die genaue Frage war bestimmt dezenter formuliert, ich gebe sie hier also nur sinngemäß wieder – mich nur für die Stelle beworben hätte, weil ich einen unbefristeten Job im Visier hätte, lehnte ich selbstredend rundweg ab. Und nachher habe ich mich fürchterlich geärgert, sowohl über die Frage als auch über meine Reaktion: Zielte das etwa auf einen bestehenden Kinderwunsch? Und wäre es eigentlich verwerflich, wenn man die Vertragsbedingungen als Argument gelten ließe? Allein, meine Antwort damals war tatsächlich ehrlich. Ich wollte diesen Job, (fast) egal, zu welchen Bedingungen. Erst jetzt, fünf Wochen nach meinem ersten Arbeitstag, beginne ich langsam den Unterschied zu begreifen, den ich bislang gern geleugnet hatte.

Als ich begann, meine bisherigen AuftraggeberInnen über meine veränderte Situation zu informieren, erntete ich völlig andere Reaktionen, als ich erwartet hatte. Mir fiel die Entscheidung für eine Vollzeit-Festanstellung schwer, so begierig ich auch auf diesen Job war. Doch eben diese Bedenken teilte niemand. Die RedakteurInnen, für die ich tätig war, fielen mir im Gegenteil sprichwörtlich fast um den Hals, so sehr freuten sie sich für mich. Sinngemäß: Glückwunsch, da hast du gerade noch rechtzeitig den Absprung geschafft! Nun sind die Sinne geschärft, und wirklich höre ich seither gefühlt viel öfter Geschichten von (jetzt also ehemaligen) KollegInnen, aus der Medienbranche im weitesten Sinne, die sich zwar nicht gerade mit Putzen, aber doch mit Jobs über Wasser halten müssen, die ihrer Qualifikation in keiner Weise entsprechen. Langsam erkenne ich an, dass die RedakteurInnen recht hatten: Ich habe den Absprung gerade noch rechtzeitig geschafft. Welch bittere Erkenntnis über die Presse und das Verlagswesen diese Aussage darstellt, mag sich jeder selbst überlegen.

Meine Distanz zum Journalismus wächst mittlerweile täglich. Wo ich ihn früher noch verteidigt habe – à la „die müssen eben auch irgendwie überleben“ – gebärde ich mich heute moralaposteliger denn je. Wenn der Süddeutschen Zeitung wie vor kurzem für ihre Panorama-Seite nichts besseres einfällt, als die Bekleidung von Oscar-Gästen – natürlich vor allem von weiblichen; einzige Ausnahme ist der langhaarige Jared Leto – mit merkwürdigsten Argumenten abzukanzeln und sich dabei nicht einmal zu scheuen, in die übelste Machismo-Kiste zu greifen („Wofür die Corsage, wenn dann nichts drinsteckt?“) und statt Unfallmeldungen also Tittenkritik zu betreiben, verstehe ich auch ehrlich die Medien-Welt so gar nicht mehr. Oder eben: besser denn je, weshalb ich froher denn je bin, ihr nicht mehr anzugehören.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bin nun hier, als Redakteurin ehrlich bemüht um gerechte und kluge Erwachsenenbildung. Ich mache mithin genau das, was ich immer schon machen wollte. Nur: Als Journalistin ging das irgendwie nicht.

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Oder: Abschied II

Oktober 21st, 2014 § 0 comments § permalink

Am Samstag, den 18. Oktober, war wieder einer dieser Tage, wie ich sie in jüngster Zeit immer öfter erlebe. Ein Tag, an dem man morgens die Zeitung aufschlägt – und sie vor Ärger bald wieder zuschlägt, weil der Wille zur Aufklärung, den ich immer für die eigentliche Motivation von JournalistInnen gehalten habe (meinetwegen, dann nennt mich eben naiv), bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird nicht nur von der längst üblichen Schlamperei, was Rechtschreibung, Bildunterschriften und Fakten im Allgemeinen angeht, sondern vor allem von jenem Populismus, der das Gegenteil der Aufklärung darstellt und einzig und allein der Abwendung des drohenden Untergangs geschuldet ist. Viel zu viele Zeitungen und noch dringlicher deren Online-Portale scheinen wenig bis gar kein Interesse mehr an Informationsvermittlung zu hegen. Sie wollen sich verkaufen, und sonst gar nichts.

Eine Reaktion auf den zweifellos nahenden Tod der Tageszeitung präsentierte die Süddeutsche Zeitung an jenem 18. Oktober: die neue SZ am Wochenende, die ahnen lässt, wie sich die Süddeutsche Zeitung ihre Zukunft als Wochenzeitung vorstellt. Ein paar Bücher sind hinzugekommen, darunter selbstredend jener unvermeidliche „Stil“, der (genau wie fast alle Magazine von Tageszeitungen) keine andere Funktion hat, als den Werbekunden zu beweisen, dass Konsumprodukte auch redaktionell aufbereitet hübsch aussehen können. Am stolzesten ist man im SZ-Hochhaus aber vermutlich auf das, was bei der ZEIT Dossier heißt und bei der SZ also anders heißen muss und also „Buch Zwei“ heißt. Ich mag den Namen, aber das liegt offensichtlich nur daran, dass ich den Branchensprech verstehe; Freunde und Freundinnen von mir, die von der Presse keine Ahnung haben, fanden diesen Namen einfach nur doof. Ich dagegen war allererst entsetzt von dessen Aufmachung und Inhalt.

Da die SZ hier etwas Neues macht und folglich bestimmt ein wenig auf den Putz hauen wollte, darf man annehmen, dass sie sich für ihr erstes Buch Zwei einen Text ausgesucht hat, der sofort und rundherum klar macht, warum es das Buch Zwei braucht und was daran so exzeptionell ist. Die Länge allein kann und darf schließlich kein Argument sein (ist es in unseren durchformatierten Zeiten natürlich doch, ich weiß schon). Gut, um es nicht zu spannend zu machen: Das Buch Zwei handelte am 18. Oktober, bei seinem ersten Auftritt, von der Terrorgefahr in Deutschland. Schon im Untertitel wurde der Grundton angestimmt, der auch den Artikel durchzog (und eventuell den eher dünnen Informationsgehalt übertünchen sollte): Die neue Generation von Islamisten sei „so gefährlich wie nie zuvor“, heißt es da, und auch im Text wird ordentlich angstmachend geraunt. Die Hälfte jeder Seite ist mit – freilich ein Problem, das dem Thema geschuldet ist – nichtssagenden Bildern, vornehmlich von Überwachungskameras, illustriert, die gleich der Flipchart eines polizeilichen Ermittlers mit Pins und Fäden mit verschiedenen Orten auf einer Deutschlandkarte verbunden sind. Die Botschaft ist klar: Das Netz der islamistischen Bedrohung spannt sich über unser aller Vaterland!

Die Fragen, die ich angesichts des Aufstiegs des IS habe – Wie kann es sein, dass diese Ideologie so viele junge Menschen fasziniert? Warum sind Demokratie und Humanismus keine Ziele mehr? Und so weiter … – hat das Buch Zwei nicht beantwortet, und ich hatte nicht einmal den Eindruck, dass es sie überhaupt stellen wollte.

Zum Glück brachte der Postbote wenig später die Wochenendausgabe der Zürcher Zeitung, und zum Glück handelte der Aufmacher – nicht im Feuilleton oder im zweiten Buch, sondern auf der ersten Seite – von der Attraktivität des Islamismus für die Generation der 15- bis 25-Jährigen und formulierte auf seiner Suche nach Antworten kluge Gedanken, die sich arg verkürzt in den Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ fassen lassen. Es mag an mir liegen, aber: Das sind Artikel, die mich zum Nachdenken anregen. Während das Buch Zwei der SZ mich nur ärgerlich, verängstigt und uninformiert zurückgelassen hat. Es bedrückt mich ehrlich, aber für diese Art des „Journalismus“ sehe ich ganz sicher keine Zukunft. Denn wer die Leser für dumm verkauft, der muss sich nicht wundern, wenn die bald das Interesse am Lesen verlieren.

0,03 Prozent. Oder: Abschied I

Juni 11th, 2014 § 3 comments § permalink

Es sind mittlerweile viele Theorien über das Scheitern der Krautreporter ins Kraut geschossen, und im Grunde zielen alle auf diese oder jene Weise darauf, dass sich das Projekt nicht gut genug verkauft hätte. Diesen Vorwurf finde ich merkwürdig (oder sogar ein wenig gruselig in seinem blanken Kommerzialismus), da ich eigentlich immer froh bin, wenn man mir ausnahmsweise mal nichts verkaufen will, denn das ist im Journalismus ohnehin ziemlich selten geworden. Die Werbung in eigener Sache bestimmt längst nicht nur ein paar Links hier und da, sondern redaktionelle Linien und Entscheidungen: WM-Texte gehen gerade am besten? Na gut, erfinden wir also noch ein paar Placebo-Nachrichten, in denen die Wörter „Weltmeisterschaft“ und „Fußball“ vorkommen. Für den Bericht über die deutschen Rüstungsexporte interessiert sich gerade niemand? Na, dann bald weg damit. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Leserbeteiligungsprojekten und Marketinginstrumenten ist nunmal kein Zufall, und die LeserInnen beteiligen sich ja auch entsprechend brav daran, indem sie sich allererst und mehrheitlich für jene Themen aussprechen, die sie persönlich betreffen (Wo liegt nochmal Nigeria?).

Die Krautreporter haben auf Namen und etwas später auch auf Inhalte gesetzt, so dass ich mich in meiner Entscheidung dafür oder dagegen durchaus ernst genommen fühlte. Die wollten kein Lob für ihre PR, sondern eine Anerkennung für den Journalismus, den sie darstellen. Meine Entscheidung, die Krautreporter nicht zu unterstützen, basiert denn auch genau darauf: Die Köpfe und die Themen von Krautreporter finde ich nicht spannend, ganz einfach. Man muss da auch keine einzelnen Namen nennen, jedoch promoten sich einige der AutorInnen besser, als sie denken und schreiben, jedenfalls nach meinem Geschmack. Und wenn man mal die Vornamen der viel zu wenigen weiblichen Krautreporter in order of appearence benennt – Theresa, Jessica, Theresia, Andrea Hanna, Anne, Victoria –, dann ahnt man, dass es in diesem Team nicht nur an Frauen und MigrantInnen mangelt, sondern zudem das Milieu recht klar begrenzt ist. Aber gut, Journalismus ist und bleibt offenbar ein bürgerliche Erfindung und wird im Zweifelsfall eben mit dem Bürgertum untergehen müssen, wenn er sich weiterhin so arg daran klammert.

Womit ich endlich bei meiner eigenen These über das Scheitern der Krautreporter wäre, die die Bezeichnung „These“ eigentlich gar nicht verdient hat, da es sich um nichts anderes als eine banale Wahrheit handelt: Es gibt schlichtweg nicht genug Menschen, die bereit sind, für Qualitätsjournalismus – denn als solchen begreifen sich die Krautreporter durchaus, auch wenn das böse Wort höchstens zwischen den Zeilen genannt wird – 60 Euro im Jahr auszugeben. Kurz gesagt: Die Leute interessiert´s nicht, es ist ihnen buchstäblich nichts wert. Vielleicht sollte man diese Ablehnung ebenfalls als Form der Leserbeteiligung begreifen, statt ein ums andere Mal die Krautreporter zu schelten, dass sie sich ihren potentiellen LeserInnen nicht erfolgreich genug aufgeschwatzt haben. Wir haben 50 Millionen Deutsche gefragt: Wer ist bereit, für guten Journalismus 60 Euro auszugeben? Das Ergebnis: nicht einmal 15.000, das sind umgerechnet 0,03 Prozent. Auch eine Erkenntnis.

Und nun doch noch eine kleine These am Ende: Dass viele Medienblogger sich geradezu verpflichtet fühlten, ihren Beitrag nur unter ausgestellten Schmerzen oder ostentativ widerwillig zu leisten, aber ihn dann natürlich doch zu leisten, beweist vielleicht am besten, wie wahr das Krautreporter-Scheitern ist. Die Unterstützung galt sichtlich mehr der Hoffnung auf eine Zukunft des Journalismus denn dem Projekt als solchem. Auch diese Hoffnung darf nun als enttäuscht gelten.

 

Nachtrag 30. Juni: Da in den Kommentaren bereits darauf hingewiesen wurde: Ich habe natürlich mitbekommen, dass die Krautreporter ihr selbstgestecktes Ziel erreicht haben, fände es aber falsch, meinen Text jetzt dahingehend abzuändern, da ich meine Annahme eines Scheiterns nicht nachträglich verbergen wollte.

Schon wieder komisch

April 7th, 2014 § 0 comments § permalink

Ich verstehe selbstverständlich den Affekt, der Paranoia von Katzenkrimi-Autoren öffentlich widersprechen zu wollen, wenn deren offensichtlich rassistischer und sexistischer Mist – sofern man den bisherigen Besprechungen Glauben schenken darf – zum Bestseller avanciert. Allein: ein Gutteil der Bücher in den Top Ten zeichnet sich durch Dummheit, Xenophobie, schlechtes Deutsch und eine reaktionäre Ideologie aus; es gäbe mithin vieles, dem man widersprechen müsste. Irgendwie scheint jedoch – um nur zwei Beispiele zu nennen – der antisemitische Gehalt der BIS(S)-Serie oder die rassistische Semantik vieler Lokalkrimis weniger attraktiv für Kritiker zu sein als Sachbücher von Autoren, die vorgeblich klar sagen, was sie so meinen über Deutschland, die Welt und ihren Penis (was dann nicht selten miteinander verwechselt wird).

Das Problem ist nur: der anekdotischen Evidenz, die all diese Sachbücher verbindet, ist mit dem Besteck des Kritikers und/oder des Journalisten nur sehr schwer beizukommen. Anders gesagt, in den Worten eines Germanistikprofessors: Eine solche Ideologie ist nicht dekonstruierbar, weil sie gar nicht erst auf Logik und Ratio fußt. Wohl auch deshalb gelang (meiner Meinung nach) bislang keinem eine angemessene Reaktion auf die Behauptung, in Deutschland herrsche ein „irrer Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Wie sollte man auch einem subjektiven Eindruck widersprechen, der derart offenkundig falsch ist und den Mangel an Wirklichkeitsgehalt mit Populismus und Verschwörungstheorien mehr schlecht als recht zu verschleiern versucht?

Den Vogel abgeschossen hat allerdings die ZEIT, die das Buch des Katzenkrimiautors zunächst als authentisches rühmt, das „aufrichtigen Herzens“ geschrieben wurde. Dann folgt die Schilderung dessen, wogegen sich der Katzenkrimi-Autor wendet:

Dass der Zuzug von Ausländern die Republik bunter mache, dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei, dass Frauen nicht an den Herd gehörten, dass alle Formen der Sexualität gleichwertig seien[…].

Spätestens dieser zweite Absatz macht deutlich, dass der Verfasser dieses Artikels (und mit ihm die Korrekturleser des Textes) nicht zu wissen scheint, wovon er spricht, da er dieselben Quatsch-Behauptungen aufstellt, wie der Katzenkrimi-Autor, und diesem damit implizit recht gibt, sei es bewusst oder unbewusst. Denn niemals nie seit Beginn dieser Disziplin hat die Gender-Wissenschaft behauptet, „dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei“. Es handelt sich dabei vielmehr um ein „Argument“, mit dem ihre Gegner sie zu denunzieren versuchen: Gender-Forschung leugne, dass Frauen Brüste und Männer einen Penis hätten. Das ist allerdings Schwachsinn, und zwar völliger.

Richtig in dem ZEIT-Artikel ist dagegen der Vergleich mit dem Buch Mein Kampf von Adolf Hitler – wer da einmal hineingelesen hat, kann die Parallele nur vorbehaltlos bestätigen. Umso überraschender die Pointe in der ZEIT:

Das alles ist so wüst vorgetragen, dass es schon wieder komisch ist. Mit dieser Attitüde lässt sich kein Staat machen, nicht einmal eine Splitterpartei für Überzeugungsspießer.

Das finde ich nun wirklich eine seltsame, ja vielleicht sogar feige Volte, weil der Text am Ende also vor seiner eigenen These zurückzuckt. Schließlich war es just Mein Kampf, mit dem Adolf Hitler einen Staat gemacht hat, der Menschen erst rhetorisch ausgegrenzt und sie im Anschluss ganz real industriell vernichtet hat.

Sicherheitheit. Oder: Perlen des Paranoiden

Juni 17th, 2013 § 0 comments § permalink

In der NZZ ist heute ein schöner und interessanter Text über die jüngste Geschichte der mittelalterlichen Handschriften von Timbuktu erschienen. Kurz gesagt geht es darum, dass das wertvolle Gut in großer Gefahr ist, weil kluge Einwohner der Stadt es vor den verschiedenen Besatzungsmächten versteckt haben. Nun lagern diese Handschriften also übers Land verteilt in unauffälligen Blechkisten und Garagen – und nehmen dabei täglich Schaden, vor allem wegen der Feuchtigkeit in den heimlichen Lagern.

Der Autor Markus M. Haefliger scheint nicht nur vor Ort und im Besonderen auch in einer solchen Bücher-Garage gewesen zu sein (im Guardian stattdessen nur eine Meldung), sondern erzählt gleichsam nebenbei noch eine andere Geschichte, die man durchaus amüsant nennen könnte. Denn die Retter der Handschriften haben ziemlich Chuzpe bewiesen, als sie die Schriftstücke den letzten Besatzern, den Jihadisten von Ansar ad-Din, als religiösen Wert vorstellten und sie in deren Schutz übergaben. Eine Aufgabe, die von den Islamisten denkbar bereitwillig und eifrig übernommen wurde – offenbar in völliger Unkenntnis des tatsächlich teils weltlichen, teils alchemistischen (und also ganz sicher nicht islamistisch korrekten) Inhalts der Texte. Haefliger zitiert in indirekter Rede Abdoulaye Cissé, einen Mitarbeiter des Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba (Ahmed-Baba-Institut): „Dies [die Manuskripte bewachen] hätten sie auch getan, und zwar so gründlich, dass ihn die Wachen bald selber nicht mehr in das Gebäude eingelassen hätten.“ Und noch ein weiteres Mal haben sich die Islamisten als schlichtweg ungeeignete Vertreter ihrer Ideologie entpuppt: Als sie ein paar tausend Manuskripte einfach übersehen haben, weil das Licht in einem Raum nicht eingeschaltet war.

Wie gesagt: Dass es sich bei den Islamisten um Idiotae gehandelt haben muss, wird nicht explizit gesagt, lässt sich aber kaum ignorieren. Ich finde den Ton jedenfalls gelungen, weil er dennoch nicht kolonialistisch und nicht islamphob daherkommt. Worauf Haefele sogar ausdrücklich hinweist, und zwar gleich im ersten Satz, ist eine gängige Fehlinterpretation, die auch ihm unterlaufen ist und er also richtigzustellen sucht (was ich schon an sich sehr löblich finde und eigentlich auch für einen feinen journalistischen Zug halte):

Anders, als dies in den Medien dargestellt worden ist oder in Berichten über die islamistische Besetzung Timbuktus im letzten Jahr suggeriert wurde (auch von diesem Korrespondenten), waren die sektiererischen Unterdrücker nicht blindlings darauf aus, die Handschriften der alten Gelehrtenstadt zu zerstören. Im Gegenteil.

Diese Formulierung „Im Gegenteil“ muss es wohl gewesen sein, die beim Perlentaucher sofort die Islam-Verbrüderungs-Alarmglocken schrillen und den Verstand in diesem Lärm verstummen ließ – obwohl das Gegenteil von „blindlings“ die Sache eigentlich eher schlimmer denn besser macht. Aber gut. In semantischer Unfähigkeit fasst man beim Perlentaucher die Stoßrichtung des Artikels also so zusammen:

Mit sehr viel Verständnis für die Islamisten, die Mali ins Chaos gestürzt hatten, erzählt Markus Haeflinger, wie Abdel Kader Haïdara und die Bibliothekare von Timbuktu ihre kostbaren Manuskripte in Sicherheitheit  [sic] brachten.

Ich weiß nicht, welchen Artikel der Verfasser der Perlentaucher-Feuilleton-Rundschau gelesen hat, aber den von Markus M. Haefliger mit Sicherheitheitheit nicht. Oder höchstens den ersten Satz davon. Das Tragische an der Geschichte: ein einigermaßen intelligenter Islamophobiker (sofern es solche gibt, ich zweifle ja daran) hätte sich aus diesem NZZ-Artikel einen richtig hässlichen und bösen und doofen Islamisten stricken können. Doch nicht einmal dazu reicht es offenbar beim Perlentaucher.

In eigener Sache: LiteraturInnen

Mai 24th, 2013 § 0 comments § permalink

Seit beinahe zehn Jahren arbeite ich als freie Autorin für diverse Print- und Onlinemedien. Gleichsam von Anfang an stand ich dabei auf zwei verschiedenen Beinen: Ich habe einerseits über Medien (aka Fernsehen und Internet) geschrieben und andererseits über Literatur. Leichter fällt mir Ersteres, auch und gerade weil es sich nicht um mein Leib- und Magenthema handelt und ich also irgendwie anders als Andere darüber zu schreiben scheine; mein Herz hängt jedoch zweifelsohne an der Literatur, und zwar mehr denn je. Ich bin, um es kurz und kulturpessimistisch zu sagen, glücklich, wenn ich ein Buch lese, und oft völlig genervt, wenn ich mehrere Stunden vor irgendeinem Bildschirm verbracht habe (außer natürlich, es handelt sich um eine Grimme-Sitzung!). Und gefühlt wird das immer schlimmer. Das Dumme ist nur: Die politische Kritik ist bei Medienthemen überaus gefragt – sowohl im Netz als auch auf Papier kann man damit relativ einfach Punkte machen –, in der Literaturkritik dagegen alles andere als en vogue.

Da ich Literatur jedoch für das vielleicht politischste (kann man dieses Wort eigentlich steigern?) Medium überhaupt halte und ohnehin schon seit Jahren vorhabe, endlich ein ordentliches Literaturblog zu beginnen, ist es „LiteraturInnen“ geworden: ein Literaturblog, das sich mit einem politischen Thema, nämlich mit Frauen und Literatur beschäftigt. Als ich mir über diese Ausrichtung klar war, war ich im Grunde bloß bass erstaunt, dass es ein solches Blog nicht längst schon gibt.

„LiteraturInnen“ ist nur bedingt als „affirmative action“ zu verstehen: Tatsächlich waren Frauen jahrhundertelang von der Produktion von Literatur ausgeschlossen und zugleich deren beliebter Gegenstand. Auch das Lesen galt für Frauen bis ins 19. Jahrhundert als gefährliche Angelegenheit. Heute dagegen sind Frauen schlechthin die Zielgruppe des Buchmarkts. Als junge, gutaussehende Autorin hat man es, so heißt es, leichter, einen Verlag zu finden denn als mittelalter Mann. Kann sich frau darüber glücklich schätzen? Oder bedeutet diese Hausse des Weiblichen womöglich just das Gegenteil? Welchen Einfluss auf das Schreiben, auf die Literatur, auf den Buchmarkt hat dieser plötzliche Sprung vom Außenseiter zum Superstar? Was hat man von so etwas wie dem „Fräuleinwunder“ zu halten? Warum kennt jeder Literaturkundige Chinua Achebe, aber kaum einer sein weibliches Pendant Buchi Emecheta? Wer ist Buchi Emecheta? Werden weibliche Autorinnen anders porträtiert und medialisiert als männliche Autoren? Schreiben, wie die berühmte Frage lautet, Frauen wirklich anders? Über all das und noch einiges mehr will ich auf „LiteraturInnen“ nachdenken.

Coming as soon as possible: www.literaturinnen.de

Schon online: der zugehörige Twitterkanal.

Modern und jung

April 20th, 2013 § 1 comment § permalink

Ich habe den Fehler gemacht und diesen Text gelesen. Obwohl ich absolut nüchtern und durchaus bei Sinnen war, habe ich ihn nicht verstanden und musste ich ihn also noch einmal lesen. Und noch einmal. Hilft alles nichts: Noch immer habe ich nicht den blassesten Schimmer, warum es  „kriselt“ beim „DSDS-Liebespaar“ (ob das bald als Ausbildungsberuf gilt?), das offenbar aus Erwin Kintop und Lisa Wohlgemuth besteht. Da steht: „Sie wollen erst einmal Abstand. Beziehungsstatus im Moment: Es ist kompliziert.“ Dann wird Erwin Kintop zitiert: „Klar sind da noch Gefühle da, aber es ist halt kritisch in der Hinsicht, dass man halt jetzt erst mal nachdenken muss über alles.“ Fassen wir zusammen: Das mit dem Abstand ist kritisch in der Hinsicht, dass man jetzt erst mal nachdenken muss über alles. Aber über was eigentlich?

Jeder, dem es derart an Worten und Gedanken mangelt, landet früher oder später da, wo all diejenigen landen, die sich unbedingt nach Bedeutung sehnen, aber selbst leider keine ausmachen können. Genau: beim Nationalen. So auch der Autor dieses Artikels über den hinsichtlich des Nachdenkens kritischen Abstand des „DSDS-Liebespaars“. Erwin wolle in der nächsten Show mit „viel Gefühl punkten“, heißt es. Zu deren „Motto“ (das freilich kein Motto ist, denn es lautet – Achtung, festhalten – „5x Deutsch, 5x Englisch“) hat Erwin deshalb eine klare Haltung: „Beim deutschen Song, finde ich, kann man mehr Gefühl reinbringen, weil man den Text viel besser versteht als einen englischen.“

Doch damit noch lange nicht genug des kulturpolitischen Kommentars. Überhaupt, so berichtet der Artikel weiter, seien alle TeilnehmerInnen „richtig begeistert“ davon, dass auf Deutsch gesungen werde. Das ist tatsächlich überraschend, denn Deutsch zu sprechen fällt ihnen (oder eben dem Autor dieses Textes) offensichtlich ziemlich schwer:

„Deutsche Songs sind genauso geil wie englische Songs“, so die DSDS-Kandidatin Susan Albers. Superstar-Anwärterin Beatrice Egli freut sich natürlich am meisten von allen über das Motto: „Ich freu mich, dass die Menschen draußen hoffentlich merken, dass deutsche Sprache nicht altmodisch ist, sondern dass sie auch sehr modern und jung sein.“ [sic sic sic …]

Diejenigen, die sich einreden wollten, es ginge bei DSDS um Popmusik, werden nun womöglich jammern, dass gerade ein schleichender Umbau zur Schlagersendung von statten gehe. Allein, DSDS war noch nie etwas anderes als – genau: so „modern und jung“, wie man es vielleicht nur hierzulande sein kann.