Da fehlt mehr als ein o

April 13th, 2013 § 2 comments § permalink

Wie wohl viele andere Menschen hat auch mich das Projekt „st_ry“ von Anfang an interessiert und fasziniert. Eine Reportage, finanziert durch crowdsourcing:

Wir glauben: Zuschauer lassen sich gute Inhalte etwas kosten – wenn sie darauf vertrauen können, dass mit ihrem Geld kein überflüssiger Schwachsinn angestellt wird.

Von den Sourcern erbittet man sich jedoch nicht nur profanes Geld, sondern echte Teilhabe:

Der Entstehungs- und Produktionsprozess ist dabei immer transparent, wird permanent aktualisiert und nachvollziehbar aufbereitet. Kein Medienkonzern, keine Politik, kein Sendergremium hat die Finger im Spiel.

Bei all diesen Sätzen klingelte bei mir nicht nur einmal die Floskel-Glocke, weil wirklich alles auftaucht, was gerade als „Zukunft des Journalismus“ begriffen werden will, und zwar gewürzt mit ein paar Prisen flockig formulierten Ressentiments. Da hätten wir jenes so simpel der Marionetterie zu verdächtigende trio infernale Wirtschaft/Politik/Bürokratie: „Kein Medienkonzern, keine Politik, kein Sendergremium hat die Finger im Spiel“; und da hätten wir noch ein hübsches Bisschen mehr Volkstribun: „… dass mit ihrem Geld kein überflüssiger Schwachsinn angestellt wird“, (Herv. von mir).

Entsprechend gespannt war ich auf die vier Themen (und v.a. deren Vorstellung), über die alle Nutzer (nicht nur die Sourcer) online abstimmen können. Sie heißen:

1. Kann das Netz die Politik heilen?

2. Mein Fleisch, mein Korn, mein Hamburger

3. Kommt digitale Liebe besser?

4. Gebt mir meine Daten zurück!

Es tut mir ehrlich leid, aber trotz der Lektüre der Mini-Exposés (bitte selbst lesen: Ich wollte die hier nicht alle vier in voller Länge zitieren) interessiert mich keines dieser Themen. Weil ich schon die Fragen nicht verstehe bzw. nicht für Fragen halte. Bzw.: Ich finde es mindestens merkwürdig, ja, sogar ziemlich betrüblich, dass ein innovatives Format thematisch gerade nicht innovativ ist, sondern nicht mehr und keine anderen inhaltlichen (nicht formalen!) Denkansätze zu bieten hat als das öffentlich-rechtliche (Netz-/Ökothemen) und das private (Selbstversuch/Ökothemen) Fernsehen, die all diese Themen nun schon mehrfach und zudem komplexer beackert haben, als die st_ry-Mini-Exposés vermuten(!) lassen. (Man muss sich dieses Glücksversprechen „keine Politik“ wirklich auf der Zunge zergehen lassen.)

Man könnte auch behaupten: st_ry ist populistisch. Ich glaube tatsächlich, dass die Form der Finanzierung bereits die Themenwahl bestimmt hat (Netzthemen für die „Netzgemeinde“). Und genau das ist es, was ich im Journalismus eigentlich gern für unzulässig halten würde. Und noch lieber möchte ich es für eine Unterschätzung der sog. „Netzgemeinde“ halten, wenn man ihr unterstellt, dass sie nur für Geschichten über eigene Anliegen, also nur zur narzisstischen Genugtuung, den Geldbeutel zückt (aber z.B. nicht für eine Reportage über ein anderes großes soziales Thema der Zeit, denn daran denen mangelt es wahrlich nicht). Allein, das fällt mir angesichts von st_ry ziemlich schwer. (Ähnlich schwer übrigens wie bei einem heutigen Artikel aus der SZ, der allererst seine diskursive Unzulänglichkeit beweist, aber unbedingt Byung-Chul Han (wiki) als Schwätzer hinstellen will.)

PS für denjenigen, den es angeht: Das mit dem weißen Anzug war unter Alkoholeinfluss gesagt, aber trotzdem sowas von richtig.

Gemischter Mist

Februar 1st, 2013 § 5 comments § permalink

Ich würde lügen, wollte ich behaupten, dass mir Verrisse keinen Spaß machen. Tatsächlich fühle ich mich überaus wohl, wenn ich mich über etwas wirklich geärgert habe und diesen Ärger auch wortreich loswerden kann. Als ich mir „Patchwork Family“ angesehen habe, um es für den epd medien zu besprechen, ist mir allerdings Spucke wie Sprache weggeblieben. Selbstredend hat das damit zu tun, dass ich zuvor noch nie wirklich einen Blick auf „Berlin, Tag und Nacht“ oder „Köln 50667“ (o.s.ä.) geworfen habe. Was ich nun fast bereue, denn die reaktionäre Banalität dieser sogenannten Scripted Reality ist wahrlich auf ganz fürchterliche Weise beeindruckend. Ich weiß ehrlich nicht, wie man als Autor dieser Storys morgens noch in den Spiegel gucken kann.

Ebenfalls im Auftrag des epd höre ich mir gerade die „Radiolegenden“-Serie von Radio Eins an, was nicht wahnsinnig spannend ist, aber doch einen schönen Moment zeugte, als Hugo Egon Balder mit Oliver Kalkofe telefonierte und Oliver Kalkofe etwas formulierte, womit ich schon länger hadere. Angesprochen auf den Wandel des Fernsehens nannte Kalkofe recht schnell, dass die Fernsehmenschen früher noch gutes Fernsehen, heute dagegen nurmehr gutes Geld machen wollten. Anders kann man sich tatsächlich nicht erklären, dass Sendungen wie „Patchwork Family“ produziert werden, die auch Produzenten und Autoren kaum für gutes Fernsehen halten können. Ich frage mich nur: Wird man heutzutage ernsthaft TV-Autor oder TV-Produzent, um so etwas herzustellen? Oder rutscht man da rein und kommt dann nicht mehr raus, weil man eben das Geld braucht? Mir kommt es manchmal fast so vor, als würde mindestens die Hälfte des deutschen Fernsehens wissentlich aus Mist bestehen. Einen #Aufschrei aber ernten Brüderle und Ulmen. Und nicht das Dschungelcamp oder der Bachelor, obwohl es Sendungen wie diese sind, die Demütigung als Welthaltung populär machen.

Mehr will ich zum #Aufschrei und zum Dschungelcamp hier auch gar nicht sagen – was einen ganz einfachen Grund hat: Ich fürchte mich vor den Reaktionen auf diese meine Meinung, die dem digitalen Mainstream vermutlich nicht entspricht. Online funktioniert so eine Schweigespirale fast noch besser, habe ich manchmal den Eindruck.

Und jetzt muss ich einen weiteren Sprung machen, der manchen vielleicht groß scheint, für mich aber ein denkbar kleiner ist: Im Deutschlandfunk – eines der wenigen Medien, das ich als solches noch ernst nehmen kann – war gestern ein Beitrag über eine Konferenz mit dem Thema „Volksgemeinschaft – Ausgrenzungsgemeinschaft“ zu hören, in dem auch Norbert Frei und Harald Welzer zu Wort kamen. Ich glaube, es war Welzer, der anmerkte, dass Shitstorms seine Alarmglocken schrillen ließen: Welzers These, dass jeder Konstruktion von „Gemeinschaft“ – womit eine Privatisierung von Gesellschaft umschrieben wäre – aggressive Tendenzen innewohne, sieht er in Shitstorms gleichsam vorbildlich verwirklicht. Ich bin immer froh, wenn jemand in Worte fassen kann, was für mich bis dato nur ein diffuses Gefühl darstellte.

Pick Down

Januar 12th, 2013 § 1 comment § permalink

Einer der Fälle von einer mehr als unglücklichen Koinzidenz von redaktionellem Inhalt und Werbung, die ich am besten erinnere, stammt aus dem Jahr 2006. In der Lüneburger Zeitung erschien damals ein Artikel über die Deportation und Ermordung der Lüneburger Sinti, und im rechten unteren Eck warb ein Energie-Unternehmen für sich mit dem Satz „E.ON sorgt schon heute für das Gas von morgen“ (Netzeitung).

Das Entsetzen über diese Kombination kann vermutlich jeder gut verstehen – zum Skandal aber taugt es imho gerade nicht. Denn jeder, der schon einmal in einer (seriösen) Redaktion gearbeitet hat, weiß genau, wie so etwas passieren kann. Zumindest bei der Süddeutschen Zeitung war es so: So lange der Redakteur die Seite baute, waren die Anzeigen ausgeblendet; erst kurz vor Schluss erfuhr man deren Inhalt. Ich halte diese Vorgehensweise auch für unbedingt geboten, weil damit wenigstens rein technisch verhindert wird, dass Anzeigen Einfluss auf die Inhalte nehmen.

Das aktuell wohl beste, weil für mich absolut nervigste Beispiel, wie es aussieht, wenn Werbung nicht einfach nur wirbt, sondern Inhalte mitgestaltet, ist meiner Meinung nach ein Schokoriegel namens Pick-Up. Man mag das natürlich als witzige Erinnerung an den Umfangreichtum des verstorbenen Dirk Bach empfinden, wenn Sonja Zietlow ihrem neuen Dschungelcamp-Ko-Moderator Daniel Hartwich immer wieder Schokoriegel anbietet. Doch die Wahrheit ist wohl mal wieder viel profaner: Das würde sie vermutlich nicht tun, wenn Bahlsen nicht genau dafür bezahlen hätte. (By the way: Auch den „Ta, Dickie“-Spot am Ende der ersten Folge fand ich überraschend lieblos; man musste imho schon ein überaus großer, also fast blinder Fan von Bach sein, um die RTL-Standard-Trauer-Formatierung – passende Sätze à la „Ich geh dann mal“, Schwarz-Weiß, Verschattungen, melancholische Musik – nicht zu bemerken, sondern ehrlich gerührt zu sein.)

Doch das Dschungelcamp ist nicht die einzige Pick-Up-Story, die uns von Bahlsen gerade erzählt wird. Auch in Matthias Schweighöfers neuen Kinofilm scheint der Kekshersteller mehr oder wenig kräftig investiert zu haben: Ob der andauernd überall laufende Werbespot für den Riegel oder den Film wirbt, weiß man eigentlich nicht zu unterscheiden; zudem scheint es mindestens eine Szene in dem Film zu geben (das suggeriert der Spot), in der Schweighöfer seinen Ko-Darsteller Milan Peschel mit einem Pick-Up über was auch immer hinwegtröstet oder den Mund stopft. Auch da wage ich die These: Diese Szene hätte es in dem Film so nicht gegeben, wenn Bahlsen nicht dafür gezahlt hätte.

Doch das sind nur zwei der Gründe, warum ich die Selbst-ist-der-Journalist-Mode gerade mit großem Argwohn betrachte. Auf Twitter zum Beispiel, wo mir nicht wenige Kollegen mit dummer Eigenwerbung auf den Keks(!) gehen, finden sich zahlreiche weitere. Versteht mich nicht falsch: Natürlich folge ich Kollegen, um zu erfahren, worüber sie gerade nachdenken und schreiben. Aber immer häufiger fällt mir auf, wie schnell einer davon seine Objektivität verrät, indem er mit typischen PR-Sätzen wie „schnell noch anmelden“ für eine Tagung unter seiner Beteiligung begeistern will oder durch die minutiöse Aufzeichnungen seiner Hin- und Herfliegerei die eigene Gefragtheit inszeniert oder noch jede Nennung seines Namens in irgendeiner Zeitung tweetet, um sich als Opinion Leader vorzustellen. Das ist Werbung und gerade kein Journalismus. Und eben darin sehe ich die Gefahr, wenn jeder sich am besten selbst vermarkten soll.

Verrat, Bruderzwist, KZ und so weiter

Januar 6th, 2013 § 0 comments § permalink

Wer hier ein wenig mitliest, der weiß natürlich längst, dass ich große Schwierigkeiten habe, Gewalt, auch psychische, als Unterhaltung zu konsumieren. Das Dschungel-Camp halte ich für ziemlich perfiden Lager-Spaß, und kein geringer Teil der Filme über den Nationalsozialismus landet bei mir im Ordner „Holocaust-Kitsch“. Letzteres ist mir so unerträglich, weil ein Genozid auf banalste Emotionen heruntergekocht wird. Ich weiß, dass diese Meinung von vielen Menschen nicht geteilt wird; bei Grimme habe ich etwa eine Kollegin ehrlich entsetzt, als ich den Film „Nicht alle waren Mörder“ als „Holocaust-Kitsch“ bezeichnet habe (was ich heute vielleicht nicht mehr tun würde).

Was ich aber bislang annahm: dass wenigstens sog. seriöse Journalisten ein wenig bedachter umgehen mit der Lust am Opfer. Tun sie offensichtlich nicht, wie ich heute feststellen musste, als ich Evelyn Rolls Besprechung des Adlon-Dreiteilers las. Dass die FAZ-Kritik von Andreas Kilb diesem Text in jedem Fall vorzuziehen ist, war mir schon nach den ersten Sätzen klar. Roll schreibt:

Adlon verpflichtet. Hotel-Faction funktioniert. Und wir haben in diesem Land wirklich große Schauspieler.

Mir gefällt weder das Wortspiel noch die Beschwörung des nationalen Talents. Ist aber auch egal, denn der Hammer folgt erst ein paar Absätze später:

Uli Edel (Buch und Regie) und Rodica Döhnert (Buch) haben in die – ohnehin schon aufregende und mit der deutschen Geschichte subtil verwobene – reale Familien- und Hotelgeschichte der Adlons den erfundenen Erzählstrang einer zweiten Familie geflochten. Sie bringt alles mit, was eine große Erzählung außerdem braucht: noch mehr Drama, ein Familiengeheimnis, Liebesgeschichten, politische Verwicklung, Verfolgung, Mord, Verrat, Bruderzwist, KZ, Ausbürgerung.

Sehen wir von dem Unsinn mit der „subtil verwobenen“ Geschichte einmal ab (Louis Adlon hat sich sehr darum bemüht, dass die SS sich in seinem Hause trifft) und lassen uns stattdessen auf der Zunge zergehen, was nach Meinung von Evelyn Roll eine „große Erzählung“ also unbedingt benötigt: „Drama, ein Familiengeheimnis, Liebesgeschichten, politische Verwicklung, Verfolgung, Mord, Verrat, Bruderzwist, KZ, Ausbürgerung“.

Ich weiß nicht, ob die SZ-Redakteure dieses in verschämte Initialen verpackte, unterschiedslos eingereihte „KZ“ einfach überlesen haben oder sie dessen Erwähnung womöglich als provokant goutieren. Ich finde es schlicht und einfach geschmacklos, die NS-Leichenfabriken gleichzusetzen mit „Familiengeheimnissen“, „Liebesgeschichten“ und so weiter, die allererst als (zudem fiktive) Abstracta genannt werden, und ein KZ also als einen Garanten unter anderen für gute Unterhaltung zu bezeichnen.

Warum auch immer kommt mir just in diesem Moment in den Sinn, wie sich Evelyn Roll einst über „politische Korrektheit“ beschwerte, weil sie Sarrazin nicht öffentlich Recht geben durfte. Und es dann doch tat:

Natürlich sagen wir: Berlin muss aufpassen, dass die Türken das nicht so mit uns machen wie die Kosovaren mit dem Kosovo, die kriegen die vielen Kinder, wir haben im Durchschnitt ein halbes Kind, und die kriegen sieben Kopftuchmädchen.

Born Originals, how comes it to pass that we die Copies?

Januar 2nd, 2013 § 3 comments § permalink

Ich muss mal wieder ein „Leider noch immer nicht gelesen“ vorausschicken, und diesmal gilt es Dirk von Gehlens Buch „Lob der Kopie“, das mir für das Folgende eventuell hilfreich sein könnte. Ich habe das Buch allerdings noch nicht einmal erworben, da ich mir davon nicht allzu viel verspreche, weil dessen Ansinnen – die Definition „eines neuen Begriffs des Originals“ – in meinen Ohren ziemlich hirnrissig klingt: Begriffe mal schnell neu definieren zu wollen, zeugt bloß von Geschichtsvergessenheit; wenn das wirklich so einfach wäre, könnte ja endlich auch mal einer die Begriffe „Krieg“, „Rassismus“ oder „Armut“ neu definieren – was das Spezialgebiet von unseriösen PolitikerInnen und geldgeilen BeraterInnen ist, aber nicht von AutorInnen, die ich gerne lese.

Das „Lob der Kopie“ fehlt mir hier also hauptsächlich, um die Gegenrede auf irgendwelche Füße zu stellen. Bleibt mir mithin nur zu versuchen, ein paar disparate Beobachtungen irgendwie zusammen zu fassen. Auslöser dieses Textes ist der ja schon vielfach empfohlene und fälschlicherweise als „Rant“ gelobte Text „Das deutsche Fernsehen wird 60 — Warum es gescheitert ist“ von Michael Reufsteck auf fernsehlexikon.de. Im Grunde beklagt Reufsteck darin, dass den Fernsehmachern die Leidenschaft fehle. In seinen Worten:

Weder beim öffentlich-rechtlichen noch im privaten Fernsehen finden sich Macher, die ein Gefühl für Fernsehen haben und nicht nur kalkulierend die sichere Bank einfordern. Produzenten haben kaum eine Chance, für ein neues, innovatives Format einen Abnehmer zu finden. Dagegen ist die Chance groß, wenn es sich um ein Überflieger-Format aus dem Ausland handelt, oder noch besser: um ein Format, das es in ähnlicher Form sogar in Deutschland schon gibt und die Zuschauerresonanz deshalb absehbar ist. Aus diesem Grund gab es so lange überall Quizsendungen, bis die Quoten einbrachen, weil die Übersättigung eingetreten war. Ebenso lief es mit Talk- und Gerichtsshows. Mit amerikanischen Forensik-Serien. Derzeit erleben die Castingshows den kollektiven Quotenrückgang, weil es einfach zu viele von ihnen gibt. Und bei den Sendern verzweifelt man, weil man auf die Zeit danach nicht vorbereitet ist. Dazu hätte man ja mal was Neues ausprobieren müssen. Alle warten nur darauf, dass jemand anderem mal ein Zufallstreffer gelingt, damit sie den dann kopieren können.

Reufstecks Vorwurf gilt allein den Machern, und vor wenigen Minuten war ich noch versucht, laut auszurufen: „Auf dem Buchmarkt ist es ganz genauso!“ Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Selbstverständlich wird auch das Lese-Publikum seit einigen Jahren mit Regionalkrimis und Vampirromanen überschwemmt. Der moralische Haken an der Sache ist allerdings: Das funktioniert, die Menschen kaufen das. Mehr noch: Wer aktuell mit einem Lektor spricht, wird sich bald eines überaus großen Mitleids nicht erwehren können, denn quasi jeder Verlag in Deutschland (und vermutlich dem Rest der westlichen Welt) bekommt sogenannte „Mummy Porn“-Manuskripte gerade tonnenweise zugeschickt. Kurz gesagt: Es sind nicht nur die Vermarkter, die immer wieder das Gleiche einfordern, sondern auch die Autoren, die immer wieder das Gleiche anbieten. Und die Leser lesen dieses Gleiche auch immer wieder (siehe „Frauenromane“). Überall nurmehr Kopien. Und dabei entsteht leider ganz und gar nichts Neues.

Letzteres darf gerne auch als Kommentar zu der Creeper-Card-Sache verstanden werden. Wie Fefe schön down-to-earth darlegt, kann man ein solches Vorgehen aus den USA nicht schnell mal nach Deutschland immigrieren. Und wenn man es doch tut, kommt es eben, wie es kommen muss: Alle kopieren nur eine hohle Emotionalität, aber keiner kreiert etwas Neues. In Fefes Worten:

Ein Dutzend Menschen haben sich auf Twitter über diese Seite [im Wiki, „mit sexistischem Dummschwall“] empört. Niemand hat den Edit-Button gefunden. Und keiner rief bei der Hotline an.

Wie Jakob Wassermann mich mit meinem Ebook-Reader versöhnte

Dezember 28th, 2012 § 4 comments § permalink

Jedes Jahr gibt es ein paar Bücher, die man sehr, sehr gerne besprochen hätte, aber schlichtweg bei keiner Zeitung unterbringt (was verschiedene Gründe haben kann: mal zieht kein Redakteur, mal handelt es sich nicht um eine sogenannte Novität, mal wollte man auch gar nicht darüber schreiben, weil man nicht kompetent genug ist). Diese Bücher bleiben gewissermaßen ‚privat‘, weil der Kritiker sich darüber nicht öffentlich äußert. Zudem hat es mit diesen Büchern oft eine besondere Geschichte auf sich, zumindest in meinem Fall, da ich tatsächlich eher selten dazu komme, ‚privat‘ zu lesen und diese Bücher also sehr bewusst auswähle. Und manchmal sind sie auch nur halbprivat, wie etwa im Fall Jakob Wassermann, von dem ich in diesem Jahr mehrere Romane gelesen habe, weil ich einen Wassermann-Spaziergang durch Fürth konzipiert und verfasst habe (für das Literaturportal Bayern). Allzu viel erwartet hatte ich nicht – entsprechend sprachlos war ich, als ich begriff, von welch bemerkenswerter Qualität Wassermanns Literatur ist. War ich also wieder einmal auf einen dieser „zu Unrecht Vergessenen“ gestoßen. Obwohl mir diese Formulierung eigentlich nicht behagt, weil ich die Literaturgeschichte nicht als juristisches Hoheitsgebiet verstehe, passt sie für Jakob Wassermann sehr gut: Wassermann wurde 1873 in Fürth geboren – für ein Kind assimilierter Juden kein schlechter Ort, denn Fürth verfügte damals über eine der größten jüdischen Gemeinden; um 1800 ist fast jeder vierte Bürger jüdischen Glaubens, 1826 wird Leopold Ullstein hier geboren, 1848 der Fürther David Morgenstern als erster jüdischer Landtagsabgeordneter ins Parlament gewählt, 1868 erfolgt die völlige Gleichstellung von jüdischen und christlichen Bürgern. Freilich gab es in Fürth dennoch Antisemitismus, davon berichtet Wassermann wiederholt in autobiografischen Werken: Ein junges Mädchen fragt etwa den Protagonisten von „Engelhart Ratgeber“ „ängstlich: ‚Ist es wahr, dass du ein Jud bist?‘ Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht aus dem Kopf.“

Aufgrund der chronischen Erfolglosigkeit des Vaters als Kaufmann – die man sich gut als Komödie vorstellen könnte, wenn sie nicht so bitter wäre – war die Familie arm. Kein schöner Zustand in einer Zeit, als sich Fürth gerade zur Industriestadt wandelte. 1835 fuhr hier die erste Eisenbahn Deutschlands, im 19. Jahrhundert vervierfachte sich die Einwohnerzahl. Noch heute fühlt man sich, wenn man durch Fürth spaziert, in diese verrußten Jahre zurückversetzt.

Jakob Wassermann, das wusste er bald, wollte Schriftsteller werden und flüchtete deshalb regelrecht nach München, in die legendäre Bohème der legendären Jahrhundertwende. Die meiste Zeit seines Lebens führte er eine äußerst prekäre Existenz; mit seiner zweiten Frau Marta zog er 1919 nach Österreich. Als 1933 seine Bücher verbrannt wurden, scheint, so beschreiben es jedenfalls die Biografen, etwas in ihm zerbrochen zu sein, weil Wassermann sein Werk nicht nur als politischen, sondern auch als pazifistischen Beitrag zur Weltgeschichte verstand. Kurz gesagt: Er hielt sich für gescheitert. Am 1. Januar 1934 erlitt er einen Schlaganfall und starb. Ein Todesdatum, das mich sofort an Irmtraud Morgner erinnert, die 1990 starb und also ebenfalls eine Zeitenwende als Schriftstellerin kaum überlebte. Schon deswegen passt auf Morgner wie auf Wassermann der Begriff „zu Unrecht vergessen“: weil man den Systemen, die sie mundtot machen wollten, nicht im Nachhinein Recht geben sollte, indem man die Verschwiegenen vergisst.

Wassermanns Romane sind teilweise noch greifbar, ich aber habe sie auf meinem (damals recht neuen) Ebook-Reader (kein Kindle!) gelesen. Weil das Programm einen Bug hatte, musste ich irgendwann einen Total-Reset (oder wie immer man das nennt) durchführen, so dass all meine Anmerkungen, die ich bei den „Juden von Zirndorf“ gemacht hatte, verschwunden waren. Meine erste schlechte Erfahrung mit dem digitalen Lesen. Die andere: Da man beim Ebook-Lesen kein Gefühl – ja, genau, ich zitiere hier die viel geschmähte Haptik – für das Buch (das ja keines ist) entwickelt, finde ich auch keine Stellen aus dem Gedächtnis wieder (da links unten, wo die Seite so einen Knick hatte), so dass ich den Roman also noch einmal werde lesen müssen.

Die schönste Erfahrung mit dem Reader hat dagegen mit dem Reader gar nicht so viel zu tun, aber sie gehört zu der Griechenlandreise, und dazu gehören viele meiner eindrücklichsten Erlebnisse dieses Jahres. Nach Athen verbrachten wir noch eine Woche in einem restaurierten Steinhäuschen im Pilion-Wald, fünf Minuten Fußweg zu einer perfekten Ägäis-Bucht. Der Herr über ein halbes Dutzend solcher Häuser, die kein Feriendorf oder ähnliches bilden, sondern lose in der kleinen Ansiedlung verteilt sind, ist ein Deutscher, genauer gesagt ein ehemaliger (Suhrkamp-)Verlagsvertreter aus dem hohen Norden. Sein eigenes Haus nennt er die Ponderosa, seine Kuh Gaddafi (erst als er uns die vorstellte, begriff ich, was er mit der Bemerkung, Assad läge schon in der Kühltruhe, gemeint hatte). Jedes seiner Häuser verfügt über eine große Bibliothek (unser Häuschen z.B. über die gesamte Insel-Verlag-Taschenbuch-Bibliothek, und wenn ich „die gesamte“ sage, dann meine ich auch die gesamte). Eines Morgens kam ich aus dem Haus, da stand er auf der Terrasse – auf der F. und ich lange Nächte verbrachten, weil Dachse, Wildschweine, Siebenschläfer, ein paar Katzen und Hunde sich allabendlich ein munteres, walnussknackendes und feigenschmatzendes Stelldichein lieferten – und beugte sich über den Ebook-Reader. „Keyserling?“, fragte er. Ich sagte: „Nein, Wassermann“ (es war der Roman „Christian Wahnschaffe“, ein großer Text!). Die Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die aufgrund des Hineinlesens in einen Text dessen Autor zu erkennen meinen (noch dazu einen wie Keyserling!), verdanke ich also dem Ebook-Reader, was mich mit dessen Macken fast versöhnt.

(Und wieder ein Text, der nie da ankam, wo er hinsollte: Eigentlich wollte ich hier mehrere ‚private‘ Bücher vorstellen, aber das muss ich wohl auf ein andermal verschieben.)

Unterschätzte Tugenden I: Korrekte Sprachverwendung

Dezember 4th, 2012 § 2 comments § permalink

Jeder macht Fehler. Klar kann man mal vergessen, in einem Satz ein überflüssiges Wörtchen zu streichen:

„Es war keine einfache Entscheidung, aber ich fühle mich mit damit wohl“

Es kann auch sein, dass mal ein Komma fehlt und damit der Sinn des Satzes verdreht wird (wer ahnt hier eigentlich was?):

Man glaubt ihm, dass er sich über das große Medieninteresse freut und ahnt: Er hat sich vorbereitet auf diesen letzten Auftritt.

Auch ein fehlendes s ist schnell übersehen:

„dann ist der nächste logische Schritt für mich, das ich sage, jetzt ist Schluss.“

Oder ein fehlendes Komma:

Das ist nicht sein Anspruch „wenn man so große Träume hat wie ich“

Und natürlich geschieht es beim Redigieren, dass Adjektive im falschen Kasus stehen bleiben:

Boys Körper ist nach 21 Jahren Training arg lädierten.

Oder auch ein Adjektiv und das zugehörige Nomen:

Sie waren immer in seiner Nähe, wenn Boy insgesamt neun internationalen Medaillen gewonnen hatte.

Aber alles in einem einzigen Artikel, der zudem nicht einmal sein eigenes Tempus in den Griff bekommen hat? Das zeugt schlicht und einfach von der Unfähigkeit, das wohl wichtigste journalistische Mittel, die Sprache, ordnungsgemäß zu benutzen. Weshalb man das mit dem Journalismus eigentlich auch gleich lassen könnte, denn unverständliche Texte werden wahrlich schon in ausreichender Menge produziert.