Archiv für "Literatur"

Versammelte Untugenden
Oder: Nach 46 Seiten war mit “Toggle” Schluss

Es hat wohl jeder Leser seine eigene Liste von auktorialen Untugenden, die ihm die Lektüre eines Romans gründlich verleiden. Bei mir ganz oben stehen: Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge. Deswegen meide ich sowohl jede Art von Fantasy als auch die meisten Krimis, denn da bekomme ich schon vom Hingucken Pickel, weil Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge üblicherweise [...]

99 Cent

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, das Ebook sei nun endlich in den deutschen Feuilletons angekommen. Doch die Idylle trügt, denn digitale Bücher scheinen höchstens als abstraktes Phänomen interessant zu sein, anhand dessen sich über die Zukunft des Buchhandels und des Lesens im Allgemeinen schwadronieren, menetekeln oder jubilieren lässt. Als konkrete Literatur dagegen kommen Ebooks [...]

Kritiken 2011: “Der unmögliche Roman” von Zoran Živkovic

Erschienen in der Berliner Zeitung Der Mann am Schreibtisch ist ehrlich entrüstet. „Werden Sie nicht vulgär! Wir sind doch nicht im Mittelalter!“, entgegnet er seinem Gegenüber, das sich – nicht ganz zufällig, schließlich befinden wir uns im Vorzimmer der Hölle – vorsichtig nach Feuersbrünsten, Vierteilung und siedendem Öl erkundigt. Alles antiquierter Blödsinn, wie der unterweltliche [...]

Kritiken 2011: “Die Schmerzmacherin” von Marlene Streeruwitz

Erschienen in Der Freitag No. 40, 6. Oktober 2011 Keines der zahllosen Kommata, sondern ein Gedankenstrich gilt als berühmteste Interpunktion in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O…“. Dieser Gedankenstrich markiert die Ohnmacht der titelgebenden adeligen Dame – aus der sie als Schwangere erwacht. Statt allerdings metaphysische Gründe für die unbewusste Empfängnis ins Feld [...]

Kritiken 2011: “Ruß” von Feridun Zaimoglu

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 11.10.2011 Seit 1991 und offiziell noch bis zum Ende der nächsten Messperiode gilt Duisburg als wärmster Ort Deutschlands. Dass die Stadt diesen Platz nicht halten wird, hat wenig mit ihr selbst zu tun, nennt das Duisburger Symptom aber dennoch beim Namen: Kein Ruß schwärzt mehr die Hauswände und die [...]

Kritiken 2011: “Dein Name” von Navid Kermani

Wollte man über Navid Kermanis neuen Roman Dein Name schreiben, dann finge man – Sie werden schon noch verstehen warum – am besten mit den Fakten an, die ein Text wie dieser hier üblicherweise verbirgt. Etwa damit, dass die Lektüre der 1229 Seiten grob geschätzt 35 Stunden dauerte, der ehemals etwa zehn Zentimeter lange Rezensentinnen-Bleistift [...]

Diaphanes

Es gibt, da wird mir wohl fast jeder Kritiker recht geben, Verlage, die man ganz besonders schätzt. Und es gibt Verlage, die man eher links liegen lässt. Das hat nichts mit bösem Willen zu tun, sondern eher mit dessen Gegenteil: Wenn ich, nachdem ich fünf oder sechs Bücher aus dem X-Verlag gelesen habe, feststellen muss, [...]