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	<title>katrin schuster &#187; Literatur</title>
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		<title>Versammelte UntugendenOder: Nach 46 Seiten war mit &#8220;Toggle&#8221; Schluss</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 21:59:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p></p>Es hat wohl jeder Leser seine eigene Liste von auktorialen Untugenden, die ihm die Lektüre eines Romans gründlich verleiden. Bei mir ganz oben stehen: Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge. Deswegen meide ich sowohl jede Art von Fantasy als auch die meisten Krimis, denn da bekomme ich schon vom Hingucken Pickel, weil Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge üblicherweise [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2012/01/15/versammelte-untugendenoder-nach-46-seiten-war-mit-toggle-schluss/' title='Versammelte Untugenden<br>Oder: Nach 46 Seiten war mit "Toggle" Schluss'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es hat wohl jeder Leser seine eigene Liste von auktorialen Untugenden, die ihm die Lektüre eines Romans gründlich verleiden. Bei mir ganz oben stehen: Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge. Deswegen meide ich sowohl jede Art von Fantasy als auch die meisten Krimis, denn da bekomme ich schon vom Hingucken Pickel, weil Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge üblicherweise zu den Königsdisziplinen dieser Genres zählen. Allerdings bekommen die beiden aktuell ernsthafte Konkurrenz von dem Roman „Toggle“, der in Sachen Klugscheißerei, Geheimnistuerei und Lexikon-Dialoge ebenfalls einige wahre Meisterleistungen vollbringt. Und das beginnt, <a href="http://www.katrinschuster.de/2011/10/04/bestseller/" target="_blank">wie immer</a>, bereits im ersten Satz: </p>
<blockquote><p>Die Bold Lane in West-Lancashire, zwanzig Meilen nördlich von Liverpool, war entgegen ihrem Namen schmal und von dichtem Buschwerk gesäumt.</p></blockquote>
<p>Ganz offensichtlich will der Autor Florian Felix Weyh uns hier mit seinen Englischkenntnissen beeindrucken – Stichwort Klugscheißerei –, und zwar auf Teufel komm raus, sonst würde er den Satz nicht derart umständlich konstruieren, dass der Leser noch einmal nach vorne springen muss, um die Bezugnahme auf den Straßennamen zu verstehen. Weyh hätte schließlich auch mit den Worten „Entgegen ihrem Namen war die Bold Lane …“ beginnen können, aber da hätte er vermutlich nur halb so viel Aufmerksamkeit für seine Weltläufigkeit bekommen.</p>
<p><a href="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2012/01/toggle.jpg"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2012/01/toggle-192x300.jpg" alt="" title="toggle" width="192" height="300" class="alignleft size-medium wp-image-929" /></a>Besonders schön daran finde ich allerdings, dass die eitle Geste peinlich in die Hose geht. Denn „bold“ bedeutet ausschließlich auf Schriften bezogen „fett“ oder „breit“, laut der drei Lexika, die ich gerade konsultiert habe (zwei verschiedene Langenscheidts und das Oxford Advanced Learner´s Dictionary), im geografischen Gebrauch jedoch „abschüssig“ oder „steil“. Und das Wort „lane“ evoziert ebenfalls keine Großzügigkeit, sondern meint im Gegenteil einen Feldweg, einen Pfad, eine Gasse, Fahrspur oder Schneise. Dass die Bold Lane „schmal und von dichtem Buschwerk gesäumt“ ist, entspricht ihrem Namen mithin voll und ganz. Und der Autor hat statt seiner Englischkenntnisse nur seine des Englischen ganz und gar nicht mächtige, dafür umso verzweifelter wirkende Hoffnung auf Bewunderung bewiesen.</p>
<p>Der oben zitierte erste Satz ist nicht Teil der ersten Kapitels, sondern Teil des Prologs, der – Stichwort Geheimnistuerei – irgendetwas von einer geheimen Aktion mit irgendwelchen GPS-Kapseln raunt, von der der Leser nichts begreift, ja: keinesfalls etwas begreifen soll und darf, damit er neugierig wird auf den Rest des Buches. Es tut mir leid, aber: Ein Autor, der mir sein Werk nicht anders als durch künstliche Verrätselungen schmackhaft machen kann, der kann mir wirklich gestohlen bleiben.</p>
<p>Fehlten noch die Lexikon-Dialoge. Damit meine ich Gespräche (worunter ich auch Selbstgespräche aka innere Monologe zählen würde), die nicht der Handlung dienen, sondern allein der Informationsvergabe. „Toggle“ ist voll davon. Nehmen wir zum Beispiel Nikolaus Holzwanger, die Hauptfigur. Irgendwann am Anfang müssen irgendwie die Fakten über diesen Mann genannt werden – nur wie? Brillante Idee: Tun wir einfach so, als ließe Holzwangers Chefin sie in einer launigen Unterhaltung fallen. Was eigentlich der Authentizität dienen soll, tut de facto genau das Gegenteil. Das ist sowas von erfunden:</p>
<blockquote><p>„Herr Doktor Holzwanger“, sagte Melissa förmlich, „Sie sind 47 Jahre alt, promovierter Mediziner, nur durch einen Zufall bei Toggle Inc. gelandet …“</p></blockquote>
<p>Sie fragen sich nun, was bitte Toggle Inc. sein soll? Das haben wir gleich, dafür gibt es schließlich die beiden Studenten, die gescannte Bücher Korrektur lesen:</p>
<blockquote><p>Dann sagte Erik: „Womit machen die eigentlich ihr Geld?“<br />
„Wer? Toggle?“<br />
Erik nickte.<br />
„Werbung“, antwortete Marco. „Hier liegt irgendwo eine Broschüre mit der Firmengeschichte rum. Spannend.“</p></blockquote>
<p>Erik ist zwar nur mäßig interessiert, doch Marco lässt sich von seiner lexikalischen Funktion nicht abbringen:</p>
<blockquote><p>„Um darauf zurückzukommen, Toggle lebt von Werbung, Nummer eins im Internet, weltweit. Umsatz irgendwas in Milliardenhöhe, Gewinne auch nicht ohne.“<br />
[…]<br />
„Die Gründer – Mann, die waren so alt wie wir! – glaubten eigentlich, nur Geld verdienen zu können, wenn sie ihre Suchtechnologie an große Firmen verkauften, für interne Datenbanken und so. Taten sie auch, aber das spielte eine untergeordnete Rolle. Denn einer kam plötzlich auf die Idee, dass man die Werbung an die Suchergebnisse anhängen könnte … und zwar so, dass sie inhaltlich zum gesuchten Thema passte. Das war der Durchbruch.“</p></blockquote>
<p>Nein, diese Worte entstammen nicht jener oben erwähnten herumliegenden Broschüre mit der Firmengeschichte, sondern dem Munde einer Figur. Behauptet zumindest der Autor – weshalb ich ihm kein Wort mehr glaube und „Toggle“ nach 46 Seiten und vermutlich für immer zur Seite lege. Dafür ist mir meine Zeit definitiv zu schade. </p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=916&amp;md5=394f658ff08d73b162e8f30c89dbd4f6" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>99 Cent</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 15:24:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Ebooks]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/buchmarkt/" rel="tag">Buchmarkt</a>, <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/ebooks/" rel="tag">Ebooks</a></p>Man könnte fast den Eindruck gewinnen, das Ebook sei nun endlich in den deutschen Feuilletons angekommen. Doch die Idylle trügt, denn digitale Bücher scheinen höchstens als abstraktes Phänomen interessant zu sein, anhand dessen sich über die Zukunft des Buchhandels und des Lesens im Allgemeinen schwadronieren, menetekeln oder jubilieren lässt. Als konkrete Literatur dagegen kommen Ebooks [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2012/01/09/99-cent/' title='99 Cent'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Man könnte fast den Eindruck gewinnen, das Ebook sei nun endlich in den deutschen Feuilletons angekommen. Doch die Idylle trügt, denn digitale Bücher scheinen höchstens als abstraktes Phänomen interessant zu sein, anhand dessen sich über die Zukunft des Buchhandels und des Lesens im Allgemeinen schwadronieren, menetekeln oder jubilieren lässt. Als konkrete Literatur dagegen kommen Ebooks nicht vor; die bibliografischen Angaben unter einer Rezension weisen stets nur die gedruckte Version aus, und Bücher, die ausschließlich digital erscheinen, meidet das Feuilleton fast wie der Teufel das Weihwasser. Das Medium bleibt sich offensichtlich treu: Informationen über einzelne Ebooks findet man niemals auf Papier, sondern ausschließlich in digitaler Form, im Internet.</p>
<p>Zwar gibt es verschiedene Blogs und Portale, die sich nicht allein dem Ebook als solchem, sondern auch den Publikationen selbst widmen. Wer aber nach einem umfassenderen Angebot an Werken und allen möglichen zugehörigen Meinungen sucht, der wird wie immer von Amazon am besten bedient. Bestsellerlisten, Kundenrezensionen, Sternchen-Rankings, und das alles sogar in doppelter Ausführung, weil der Onlinehändler, gewieft wie eh und je, die kostenlosen von den zahlungspflichtigen Ebooks trennt, da anders vermutlich die ersten fünfzig oder gar hundert Plätze von lauter 0-Euro-Sellern belegt wären und Amazon also keinerlei Gewinn aus dererlei Service zöge.</p>
<p>Zwei Erkenntnisse fördert die Lektüre dieser Listen zutage: Erstens führt sie die Notwendigkeit einer ordentlichen Pflege der Metadaten eindrücklich vor Augen, wenn sich in der Rubrik Lyrik plötzlich die Hausmärchen der Grimms oder Fontanes <em>Wanderungen durch die Mark Brandenburg</em> finden und unter Gegenwartsliteratur lauter Romane aus dem 19. Jahrhundert gelistet sind. Und zweitens ist der Preis eines Ebooks offensichtlich ein deutlich entscheidenderes Kaufargument als dessen Inhalt, denn anders als mit deren Kostenlosigkeit kann man sich kaum erklären, dass ein Autor wie Hugo Bettauer und ein Buch wie <em>Walhall. Germanischen Götter- und Heldensagen</em> von Felix Dahn gerade eine Renaissance erleben (was mich durchaus freut). In der ‚normalen‘ Ebook-Bestsellerliste sieht es kaum umsatzträchtiger aus: Ein Großteil der Ebooks kostet 99 Cent, manche gar nur 89 Cent und kein einziges mehr als 15 Euro.</p>
<p>Die 99-Cent-Preise sind kein Zufall, sondern Apples kommerziell überaus erfolgreicher Zerstückelung von Musikalben in 99-Cent-Tracks geschuldet, in die der Ebook-Markt nun seine Hoffnung ebenfalls zu setzen scheint. Häppchen sind deswegen gerade schwer en vogue, und so dringt der bislang von den meisten Verlagen als Billigindikator gemiedene 9er-Preis langsam in den Markt vor. Ständiger Gast der Amazon-Ebook-Bestsellerliste ist seit September 2011 zum Beispiel der Berliner Autor Jonas Winner, der seinen Krimi <em>Berlin Gothic</em> wie eine Serie in einzelnen Folgen verkauft, für je 89 Cent, und sich bereits über 40.000 Downloads freuen kann. Ähnliches verfolgt der Verlag Eriginals, der die Digitalisierung ebenfalls beim Wort nimmt und Kurz- bis Kürzest-Texte anbietet, die ausschließlich digital erscheinen. Da erweist sich dann allerdings auch der Grund, warum sich das Feuilleton womöglich schwer tut mit solchen Ebooks: Ruth Klügers Essay <em>Anders lesen</em> rechtfertigt durchaus jeden der 99 Cent, die er kostet – aber was gäbe es schon zu sagen über die ungeordnet notierten und miserabel pointierten Anekdötchen <em>Über Drogen und Menschen</em> des St.-Oberholz-Wirts (99 Cent für nicht einmal zehn Seiten Text) oder die gesammelten Tweets von Anke Fitz oder Anousch Müller (je 1,99 Euro für je gut 20 lose bestückte Seiten)?</p>
<p>Überhaupt: Das Wunderbare an einem Ebook ist doch nicht, dass nun billig publiziert werden kann, was man vorher vermutlich niemals in Buchform veröffentlicht hätte. Sondern die vortreffliche Bildqualität sowie die gleichsam metaphysische Leichtigkeit eines E-Readers, die ihn vor allem dafür qualifizieren, ein gedrucktes Buch von vielen hundert Seiten zu ersetzen, auf dass man fürderhin nie mehr körperliche Schmerzen vom Lesen solcher Schwergewichter davonträgt, sondern sich ganz aufs Denken konzentrieren kann. Das darf dann gerne auch mehr als 99 Cent kosten – sofern es das denn wert ist. Solange es aber an einem solchen Angebot mangelt, darf sich auch weiterhin die Münchner Stadtbibliothek freuen, dass ich mich vertrauensvoll an sie wende (20 Euro pro Jahr für eine unbegrenzte Anzahl an Seiten, sowohl digital als auch analog).</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=892&amp;md5=5a718f3aafa95ed86226a319f35352b9" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kritiken 2011: &#8220;Der unmögliche Roman&#8221; von Zoran Živkovic</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 15:37:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Lesen!]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/lesen/" rel="tag">Lesen!</a></p>Erschienen in der Berliner Zeitung Der Mann am Schreibtisch ist ehrlich entrüstet. „Werden Sie nicht vulgär! Wir sind doch nicht im Mittelalter!“, entgegnet er seinem Gegenüber, das sich – nicht ganz zufällig, schließlich befinden wir uns im Vorzimmer der Hölle – vorsichtig nach Feuersbrünsten, Vierteilung und siedendem Öl erkundigt. Alles antiquierter Blödsinn, wie der unterweltliche [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/30/kritiken-2011-der-unmogliche-roman-von-zoran-zivkovic/' title='Kritiken 2011: "Der unmögliche Roman" von Zoran Živkovic'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen in der Berliner Zeitung</em></p>
<p>Der Mann am Schreibtisch ist ehrlich entrüstet. „Werden Sie nicht vulgär! Wir sind doch nicht im Mittelalter!“, entgegnet er seinem Gegenüber, das sich – nicht ganz zufällig, schließlich befinden wir uns im Vorzimmer der Hölle – vorsichtig nach Feuersbrünsten, Vierteilung und siedendem Öl erkundigt. Alles antiquierter Blödsinn, wie der unterweltliche Beamte erklärt, denn auch die Hölle gehe mit der Zeit, „und jede Zeit hat die Hölle, die zu ihr passt. Im Moment ist es eine Bibliothek.“ Nicht-Lesen sei zwar keine Todsünde, doch ein Zusammenhang bestehe zweifellos: Hätten die Höllenbewohner mehr gelesen, wäre ihnen weniger Zeit fürs Verbrechen geblieben. Eine Erkenntnis, die sich allein dem digitalen Zeitalter verdanke: „Es ist noch niemand in die Hölle gekommen, weil er nicht gelesen hat. Das ist auch der Grund, warum wir dieses Phänomen übersehen haben, bis zur Einführung des Computers. Als wir die Verbindung, dank ihm, erkannten, konnten wir sie uns zunutze machen. Und zwar in mehrerlei Hinsicht. Man könnte sogar sagen, dass eine echte Reform der Hölle daraus hervorgegangen ist.“ Fantastische Statistik! </p>
<div id="attachment_876" class="wp-caption aligncenter" style="width: 636px"><a href="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Hortus_Deliciarum_-_Hell.jpg"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Hortus_Deliciarum_-_Hell.jpg" alt="" title="Hortus_Deliciarum_-_Hell" width="626" height="341" class="size-full wp-image-876" /></a><p class="wp-caption-text">Ausschnitt aus einer Illustration der mittelalterlichen Enzyklopädie Hortus Deliciarum</p></div>
<p>Oder besser: statistische Fantastik! Denn von der Verkehrung und Verdrehung von Kausalitäten und Normalitäten, von Fiktion und Wirklichkeit handelt nicht nur die Erzählung „Die Höllenbibliothek“, sondern handeln auch die übrigen fünf des Bandes „Die Bibliothek“, für den der serbische Autor Zoran Živkovic bereits im Jahr 2003 den World Fantasy Award erhielt: von einer Webseite, die in die Zukunft des Schriftstellers blickt, aber nur ein einziges Mal aufgerufen werden kann; von der Gesamtausgabe der Weltliteratur, die allererst ein logistisches Problem darstellt; von einer Bibliothek, in der man im eigenen Leben schmökern kann; von einem Buch, das jedes Mal, wenn man es öffnet, einen anderen nie geschriebenen Roman enthält; und schließlich von einem Buch, das „Die Bibliothek“ heißt, sechs Geschichten – nämlich jene fünf genannten sowie die eben stattfindende – enthält und mit den üblichen Methoden (Zerstückeln, Ertränken, vom Hochhaus Stürzen) einfach nicht tot zu kriegen ist.</p>
<p>Was freilich ein Glück darstellt, denn sonst wäre dieses Werk jetzt nicht endlich auch nach Deutschland gelangt. Zusammen mit vier anderen Erzählbänden des 1948 geborenen Živkovic hat der DuMont Verlag es nun nach britischem Vorbild gemeinsam in ein Buch von fast 500 Seiten gepackt und mit der Überschrift <em>Der unmögliche Roman</em> versehen. Wobei „Erzählbände“ nicht ganz der richtige Ausdruck ist. Denn Živkovic fädelt nicht einfach ein paar bunte Perlen seiner Produktion auf, sondern baut stattdessen regelrechte Zyklen. Keine Erzählung kann ohne die andere, stets sind alle so heillos ineinander verstrickt, dass die Realität außerhalb nurmehr als vage Vision am Rande aufscheint. „Zeitgeschenke“ zum Beispiel: vier Geschichten, von denen drei von Zeitreisen erzählen – bis die vierte dies alles und sich selbst gleich mit als Werk eines Schriftstellers, als bloße Fiktion enttarnt. Oder „Unmögliche Begegnungen“: fünf Geschichten über unmögliche Begegnungen – mit dem eigenen Ich, mit Gott oder mit einem Außerirdischen – plus eine sechste, in der eine literarische Figur an der Tür des Autors klopft, um ihm bei der Vollendung seines Buches „Unmögliche Begegnungen“ zu helfen, dem es ja noch an der sechsten Erzählung mangle.</p>
<p>Solche Reihen baut Živkovic in jedem Band, nur um dann doch wieder aus derselben zu tanzen, so dass in diesem Spiegelkabinett bald keiner mehr weiß, wo oben und unten, was wirklich und was erfunden ist. Vor allem der Ton dieser fortgesetzten Schilderung des gleichsam bürokratischen Umgangs mit dem Unglaublichen: Živkovic – und mit ihm seine deutschen Übersetzerinnen Margit Jugo und Astrid Philippsen – beherrscht es einfach, dem Kleinbürger wie der Malerin, dem Nerd wie dem Bibliophilen eine je eigene Stimme zu verleihen, die ihre je eigene Geschichte von Gedankenspiralen und Ordnungsobsessionen erzählt. Auch klar: <em>Der unglaubliche Roman</em> ist beileibe kein Roman, beschert aber allen Borges-Eco-Lem-Verdammten zweifellos den Himmel auf Erden.</p>
<p>Zoran Živkovic: Der unmögliche Roman. Aus dem Serbischen von Margit Jugo und Astrid Philippsen. DuMont, Köln 2011. 480 Seiten, 24,99 Euro.</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=875&amp;md5=2eefd08862e1b4480115e06350a05586" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kritiken 2011: &#8220;Die Schmerzmacherin&#8221; von Marlene Streeruwitz</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Dec 2011 10:31:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Lesen!]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/lesen/" rel="tag">Lesen!</a></p>Erschienen in Der Freitag No. 40, 6. Oktober 2011 Keines der zahllosen Kommata, sondern ein Gedankenstrich gilt als berühmteste Interpunktion in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O…“. Dieser Gedankenstrich markiert die Ohnmacht der titelgebenden adeligen Dame – aus der sie als Schwangere erwacht. Statt allerdings metaphysische Gründe für die unbewusste Empfängnis ins Feld [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/29/kritiken-2011-die-schmerzmacherin-von-marlene-streeruwitz/' title='Kritiken 2011: "Die Schmerzmacherin" von Marlene Streeruwitz'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen in Der Freitag No. 40, 6. Oktober 2011</em></p>
<p>Keines der zahllosen Kommata, sondern ein Gedankenstrich gilt als berühmteste Interpunktion in Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O…“. Dieser Gedankenstrich markiert die Ohnmacht der titelgebenden adeligen Dame – aus der sie als Schwangere erwacht. Statt allerdings metaphysische Gründe für die unbewusste Empfängnis ins Feld zu führen, gibt die Marquise lieber (man schreibt das Jahr 1800) eine Zeitungsannonce auf: Der Verursacher jener anderen Umstände, in die sie ohne ihr Wissen geraten sei, möge sich doch bitte bei ihr melden. So geschieht es, und happy end.</p>
<p><a href="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Heinrich_von_Kleist2.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-868" title="Heinrich_von_Kleist2" src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Heinrich_von_Kleist2.jpg" alt="" width="624" height="360" /></a></p>
<p>Auf nicht minder verstörende Weise zerlegt fast genau 200 Jahre später die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz den patriarchalen Mythos. Nach einer ordentlichen bürgerlichen Kleinfamilie, wie sie Kleist ins Recht setzte, kann man in ihrem neuen Roman <em>Die Schmerzmacherin.</em> – der Titel gemahnt an den Beinamen „die Schmerzensreiche“ der Heiligen Mutter Maria – lange suchen. Vater Staat tritt, wenn überhaupt, nur in der Josefsrolle auf: als impotenter Haushaltsvorstand, der sich selbst entmachtet hat.<br />
Amalie Schreiber, Streeruwitz´ Protagonistin, ist ein uneheliches Kind wie schon ihre Mutter eines war. Zwar ziert ein berühmter Künstler den Stammbaum, doch die Drogensucht der leiblichen „Betsimammi“ und das Aufwachsen bei protestantischen Pflegeeltern infizieren Amalies Lebenslauf weiterhin. „Sie war die Schmutzige. Immer war sie die Schmutzige gewesen.“ Nachdem sie ihr BWL-Studium abgebrochen hat und als Model über ein paar Laufstege getrappelt ist, wird sie von ihrer Tante, „der Marina“, die das Erbe verwaltet, zur Ausbildung bei der „Allsecura“ gedrängt. Eine international operierende private Sicherheitsfirma, moderne Partisanen, mit entsprechend perfiden „mentalen Trainingseinheiten“ – „Sie musste immer die Schwachstelle spielen“ – und Psychobürokratismen. „Es ging ja nicht darum, den Job zu machen. Es ging immer nur darum, wer, und wann, zum Verrat fähig sein könnte“: Jedes Zucken des Mundwinkels hat die vorwurfsvolle Frage zur Folge, was es da zu lachen gebe; und wenn Mentor Gregory ihren Widerstand spürt, genügt der Hinweis, „sie solle nicht vergessen, dass sie sich verpflichtet habe“.</p>
<p><a href="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Adlerbussard.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-870" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Adlerbussard.jpg" alt="" width="625" height="336" /></a></p>
<p>Dass die Welt nicht gewillt ist, das Dasein dieser Frau wahrzunehmen, erfährt man gleich zu Beginn. Amalies Auto steuert gleichsam alleine zum stets nur „compound“ genannten Trainingsgelände der Allsecura; ein Raubvogel am Straßenrand ignoriert ihr Auftauchen einfach, wendet sich sogar ab. „Sie lebte gar nicht. Wahrscheinlich lebte sie gar nicht. Sie tat nur so. Sie machte das nach. Faking, dachte sie. You are faking. Es war das Autofahren, das existierte. Sie war der Schatten davon.“ So gerät auch die Zeit der In-Existenten, die von den einen Amy, von anderen Emily, dann wieder Mali genannt wird, an dem surrealen Unort irgendwo im Niemandsland der bayerisch-tschechischen Grenze, an dem die Sprache sich aus Wörtern wie „workplace security“ und „correction officer exam“ zusammensetzt, in eine merkwürdige Schleife. Das erste Kapitel des Romans heißt „Dezember“, das zweite auch, das dritte ebenfalls. Jedoch fehlt zwischen dem ersten und dem zweiten, die beide denselben Monat meinen, ein Tag, dessen Geschehnisse Amy nicht erinnern kann – aber erahnen muss, als sie einen Monat später einen Abgang erleidet. Da ist sie wieder, die Vergewaltigung, die schon Kleist als wirksamste Kriegstechnik erkannte. Statt jedoch eine Zeitungsannonce aufzugeben, nimmt Amy die Biologie beim Wort und schickt Proben der Fehlgeburt, die sie wie ein Jesuskindlein in eine Seifenschalen-Krippe bettet, ins DNS-Labor.</p>
<p>Wo Kleist das Gebälk knirschen lässt, indem er schier endlose syntaktische Ketten baut, da schält Marlene Streeruwitz die Sätze bis aufs Subjekt-Prädikat-Objekt-Konstrukt oder zerhackt sie in ihre Einzelteile. Lässt das Verb weg, um das bloße Vorhandensein ins Licht zu rücken, oder bricht ab, auf dass die Wortläufe sich selbst vervollständigen: „Das graue Blau aus den Tälern. Stieg auf. Der Himmel dunkelviolettblau. Der Widerschein der Sonne orangefleckig auf den Wolken. Noch lange. Während längst schon die Nacht.“ Das ist der typisch punktierte Sound dieser Autorin, mit <em>Die Schmerzmacherin</em>. aber scheint er wieder einmal seinen Gegenstand gefunden zu haben. In den sprachlichen Skeletten erklingt etwas Archaisches, manchmal beinahe Animalisches, das Marlene Streeruwitz stark macht gegen die vermeintlich unverrückbaren Gesellschaftsordnungen der Sprache. Oder andersherum: Nur indem Amy ihr Allsecura-Prüfungswissen gleichsam bewusstlos aufsagt, wird sie sich am Ende eben davon lossagen können. Und Väter, ja, Väter sind dann keine mehr übrig.</p>
<p>Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 399 Seiten, 19,95 Euro.</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=866&amp;md5=ef976f682c056c4c24910584087e377c" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kritiken 2011: &#8220;Ruß&#8221; von Feridun Zaimoglu</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Dec 2011 13:34:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/lesen/" rel="tag">Lesen!</a></p>Erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 11.10.2011 Seit 1991 und offiziell noch bis zum Ende der nächsten Messperiode gilt Duisburg als wärmster Ort Deutschlands. Dass die Stadt diesen Platz nicht halten wird, hat wenig mit ihr selbst zu tun, nennt das Duisburger Symptom aber dennoch beim Namen: Kein Ruß schwärzt mehr die Hauswände und die [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/26/kritiken-2011-rus-von-feridun-zaimoglu/' title='Kritiken 2011: "Ruß" von Feridun Zaimoglu'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erschienen in der Stuttgarter Zeitung vom 11.10.2011</em></p>
<p>Seit 1991 und offiziell noch bis zum Ende der nächsten Messperiode gilt Duisburg als wärmster Ort Deutschlands. Dass die Stadt diesen Platz nicht halten wird, hat wenig mit ihr selbst zu tun, nennt das Duisburger Symptom aber dennoch beim Namen: Kein Ruß schwärzt mehr die Hauswände und die Wäsche auf der Leine; die Industrie, die Eisen zum Schmelzen bringt und Kohle bei 1400 Grad in ihre Bestandteile zerlegt, ist vor allem in Ruinen gegenwärtig. Statt Asche treibt es nun die Menschen, die einst in der Hitze der Zechen, Hochöfen und Kokereien ihr Geld verdient haben, durch die Straßen. Kalt ist es geworden.</p>
<div id="attachment_862" class="wp-caption aligncenter" style="width: 637px"><a href="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Zeche-zollern-2004.jpg"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/Zeche-zollern-2004.jpg" alt="" title="Zeche-zollern-2004" width="627" height="424" class="size-full wp-image-862" /></a><p class="wp-caption-text">Dortmunder Zeche Zollern im Jahr 2004</p></div>
<p>Auch der Schnee und der Frost, unter denen Feridun Zamoglus neuer Roman „Ruß“ das Ruhrgebiet begräbt, meinen nicht nur den meteorologischen Winter. Durch diese eingefrorene Welt treibt Renz, der ohnehin nicht mehr viel spürt, seit seine Frau von einem Einbrecher ermordet wurde, während er ohnmächtig danebenlag. Der Duisburger Arbeitersohn, der Medizin studierte und Arzt wurde, gab danach „die Arbeit im Krankenhaus auf. Hände Arme Beine taub. Bildung hat ihn nicht zum Bürger gemacht.“ Erst sein Schwiegervater riss ihn aus Suff und Lethargie, bot ihm eine Beteiligung an seinem Kiosk an. „Bald sitzt er versuchsweise im Seltershäuschen, er kotzt nicht mehr so häufig, er kämmt sich häufiger. Blasses Gesicht, Zittern, Schnappen nach Luft. Wird aber besser. Tod aufhalten, nennt Eckart das, den Tod umdribbeln.“ </p>
<p>Die Taubheit bleibt dennoch, das Leben ist aus den Fugen, alle Möbel hat Renz von den Wänden weggerückt, „nur in der Küche standen Herd und Spüle dort, wo sie stehen sollten. Die Überreste seiner Frau in der Urne. Papier und Stifte auf dem Tisch. Hemden und Hosen im Schrank. In diesen Räumen hielt er sich auf.“ In die Urne tunkt er täglich einen Finger, um Stellas Asche zu schmecken, Erinnerung an sein Versagen. Papier und Stift wiederum sind die Werkzeuge, mit denen er die Stammkunden der Bude – Hansgerd, Kallu, Norbert mit der Plastikhand: früher Kumpel, heute Trinker – als Heilige vorstellt. Jeden Morgen malt Renz Ikonen, die ihre Gesichter tragen. Der Säufer als Täufer.</p>
<p>Die Vergangenheit ist nah, die Gegenwart fern in diesem Roman. Was früher war, steht in „Ruß“ im Präsens, die vordergründige Geschichte dagegen – der Mörder seiner Frau wird aus der Haft entlassen und das Milieu fordert, dass Renz Gleiches mit Gleichem vergilt – erzählt Zaimoglu in einem frostigen Präteritum, das mit expressionistischer Härte die Welt aufzählt: „Männer, die nach Moos und billiger Zitronenseife rochen, müde Hunde an straffer Leine, junge verschweinte Kerle mit Hüftspeck in hautengen, kurzärmeligen Hemden, einen Himmel sahen sie nicht, sie müssten sich vor Verrücktheit eigentlich die Kehle aufschneiden.“ Und zwischen hinein tönt immer wieder ein anderer Text, auch typographisch unterschieden, ein Chor, der die Bergwerker zu Wort kommen lässt: „Wir träumen: Die Feuer sind nicht verloschen, die Hochöfen sind nicht ausgeblasen, die Hochofenstiche färben den Himmel rot.“</p>
<p>Den Ruß, um den nicht nur diese Verse trauern, entdeckt der Roman gleichen Namens erst spät und weit jenseits des Ruhrgebiets. Die Mörder-Jagd, der Renz nicht entkommt, weil er selbst ein Gejagter ist und die Anderen, die stets alle Strippen für ihn ziehen, ihn nicht aus den Augen lassen, führt am Ende nach Österreich. Noch einmal flüchtet Renz vor seiner Aufgabe, nach Berchtesgaden, zu Marja, die ihm nachgereist ist und mit der vielleicht irgendwann ein Wir möglich werden könnte. Die beiden geraten mitten ins Brauchtum, in den Buttermandllauf, einen Nikolaus-Umzug archaisch vermummter Gestalten, die ihre Opfer mit Ruß beschmieren. Eines dieser Urviecher bekommt Marja in die Fänge – und diesmal rettet Renz seine Frau. Deshalb darf auch Stellas Asche, die bestimmt auch ein wenig nach jener Asche schmeckt, die früher im Ruhrgebiet vom Himmel fiel, endlich ruhen. Und Feridun Zaimoglu hat dem Ruhrgebiet seine menschliche Temperatur wenigstens literarisch zurück gegeben.</p>
<p>Feridun Zaimoglu: Ruß. Kiepenheuer &#038; Witsch, Köln 2011. 267 Seiten, 18,99 Euro.</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=859&amp;md5=6fcc77dd2051c45895d270020da32c41" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kritiken 2011: &#8220;Dein Name&#8221; von Navid Kermani</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Dec 2011 13:25:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/lesen/" rel="tag">Lesen!</a></p>Wollte man über Navid Kermanis neuen Roman Dein Name schreiben, dann finge man – Sie werden schon noch verstehen warum – am besten mit den Fakten an, die ein Text wie dieser hier üblicherweise verbirgt. Etwa damit, dass die Lektüre der 1229 Seiten grob geschätzt 35 Stunden dauerte, der ehemals etwa zehn Zentimeter lange Rezensentinnen-Bleistift [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/23/lekturen-2011-dein-name-von-navid-kermani/' title='Kritiken 2011: "Dein Name" von Navid Kermani'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wollte man über Navid Kermanis neuen Roman <em>Dein Name</em> schreiben, dann finge man – Sie werden schon noch verstehen warum – am besten mit den Fakten an, die ein Text wie dieser hier üblicherweise verbirgt. Etwa damit, dass die Lektüre der 1229 Seiten grob geschätzt 35 Stunden dauerte, der ehemals etwa zehn Zentimeter lange Rezensentinnen-Bleistift währenddessen auf weniger als die Hälfte heruntergespitzt wurde und sein praktisch integrierter Radiergummi nun praktisch nicht mehr vorhanden ist (was unpraktisch ist). Anzurechnen wäre außerdem die Zeit, die es benötigte, diesen Text zu schreiben, den Sie gerade zu lesen begonnen haben. Allerdings lässt sich die Zahl der Stunden noch nicht beziffern, da wir uns gerade erst dem Ende des ersten Absatzes nähern, das wir hiermit erreicht haben.</p>
<p><a href="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/bleistift.jpg"><img class="aligncenter  wp-image-852" title="bleistift" src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/uploads/2011/12/bleistift.jpg" alt="" width="629" height="469" /></a>Schon klar, das interessiert Sie alles wenig, schließlich gilt Ihre ganze Aufmerksamkeit der Frage: Wie ist er denn nun, der neue Kermani? Allein, das lässt sich nicht auf einen schmissigen Begriff bringen, weil dieses Buch eine ziemlich schlaue und schier unfassbare Ungeheuerlichkeit darstellt. <em>Dein Name</em> handelt von einem Schriftsteller namens Navid Kermani und bezeichnet sich selbst (unter anderem) als dessen „Hauptwerk“. Und damit hat es völlig recht, denn das ist ein Roman, der vom Schreiben erzählt und übers Erzählen schreibt und die Unterschiede zwischen Wahrheit und Fiktion, Tod und Leben, Ich und Er, Christentum und Islam in sich aufhebt. Ein Roman, den es gar nicht geben dürfte, ginge es nach ihm selbst; der sich behauptet und zugleich verleugnet, der einzig um sich selbst kreist und dadurch die ganze Welt in den Blick bekommt.</p>
<p>Ohnehin ist <em>Dein Name</em> nicht ein, sondern sind das zwei Romane, die Kermani ineinander stülpt und als deren Ko-Autoren er keine Geringeren als das Sein und das Nichts engagiert hat. In dem einen, dem „Totenbuch“, schreibt ein Ich gegen den Tod an, indem es sich dessen Willkür ausliefert: Es porträtiert Menschen, die während der Arbeit an ebendiesem Buch sterben. Vor, zwischen und hinter den Nachrufen aber macht sich der Nebentext immer breiter. Versehen mit exakten Angaben über Datum und Uhrzeit (auf deren Ungenauigkeit allerdings nicht selten hingewiesen wird) wie über Zeichen- und Kilobyte-Zahlen erzählt er von den Bedingungen, unter denen der „Romanschreiber“ Navid Kermani den „Roman, den ich schreibe“, schreibt. Ein Parcours der Hindernisse, die nichts verhindern, sondern alles antreiben und ausmachen: „Fehlende Anerkennung, tiefgreifende Selbstzweifel, finanzielle Engpässe, Lohnarbeiten, die Tage von Terminen zerstückelt, die er nicht selber festlegt“, dazu der schmerzende Nerv rechts neben dem Brustwirbel und die Migräne, die wackelige Schreibtischplatte und die kaputte Waschmaschine, die redseligen Sitznachbarn in Zügen und Flugzeugen, die ältere Tochter, die hin und her kutschiert werden will, und die jüngere, die zwei Monate zu früh zur Welt kommt. Nicht zu vergessen das Büro, das wegen der anhaltenden Eheprobleme „eine Wohnung werden könnte“, dann „keine Wohnung wurde“, dann doch „wieder eine Wohnung zu werden droht“, schließlich aber doch „keine Wohnung mehr wird“, weil nicht der Romanschreiber, sondern seine Ehefrau auszieht.</p>
<p>Das Begehren, einen Text auf seine Entstehungswirklichkeit hin durchsichtig zu machen, fällt freilich auf ihn selbst zurück: „Am liebsten würde er auch die Tippfehler bewahren. Wenn ihm ein Absatz nicht gefällt, streicht er ihn nicht, sondern schreibt im nächsten Absatz, daß der vorige ihm nicht gefallen hat. Nichts geht verloren, alles ist wert, aufbewahrt zu werden, alles von gleichem Gewicht, das Heilige und die Waschmaschine.“ Den „Vorsatz: nichts zu tun nur wegen des Romans, den ich schreibe“, hat der Romanschreiber ebenfalls bald gefasst. Eine Festanstellung lehnt er trotzdem ab, denn „ein Beruf passt nicht in den Roman, den ich schreibe.“ Seine Scheidung jedoch wendet er nicht ab, obwohl er sie „weder auf Erden noch im Roman gebrauchen kann“ (Letzteres ist natürlich gelogen).</p>
<p>Familie und Freunde, lebende wie tote Schriftsteller und deren Autorschaftskonzepte, Reisen nach Kaschmir, Afghanistan, Lampedusa, Nachdenken über Deutschland und den Iran, Lektüre und Lektorat der „Selberlebensbeschreibung“ seines Großvaters und später auch der Autobiografie seiner Mutter: Kermani nimmt das Subjekt als Unterworfenes beim Wort, wenn er Identität aus den Beschreibungen seiner Gegenüber, aus den Spiegelungen im Blick der Anderen, zusammensetzt und im Verschwinden zu fassen versucht. Tourt der Romanschreiber durch die Lande, um über Integration zu sprechen, dann ist von ihm nur als „der Handlungsreisende“ oder gleich als „der Islam“ die Rede. Im Kreise seiner Brüder heißt er nur „der Jüngste“, bei der Krebsuntersuchung „die Nummer 8581“. Auch alle Anderen treten je nur in ihrer Funktionalität auf, seine Frau ist „die Frau“, ein Freund „der Musiker“, ein Kollege „der berühmte Schriftsteller“. Manche von ihnen sterben, während „Dein Name“ entsteht; ihnen begegnet man ein zweites Mal – wenn sie zu einem Kapitel des Totenbuchs geworden sind. Dann erst nennt der Autor sie bei ihrem Namen, weil sie endlich keine weltliche Rolle mehr zu spielen haben.</p>
<p>Nachdem <em>Dein Name</em> die Zeit, das Ich, den Tod, die Wirklichkeit und den Leser – „Indem er Sie ignoriert, sind Sie schon da“ – dekonstruiert hat, knöpft er sich zu guter Letzt auch noch sich selbst vor. Als ein Verleger gefunden, das Buch überarbeitet und fertig geschrieben werden will, erfährt man, was alles hinzuerfunden und verschwiegen, umdatiert, dramatisiert und umbenannt wurde. Nicht einmal der Titel „Dein Name“ stammt laut <em>Dein Name</em> von dem Autor, der sein Buch lieber „In Frieden“ oder „Das Leben seines Großvaters“ oder „Der Riesenknödel“ nennen wollte. Und obwohl die Wahrheit bei Kermani – so viel Metaphysiker steckt dann doch in diesem Autor – immer jenseits der Buchstaben liegt, aus denen sich die Wirklichkeit zusammensetzt, will eine Wahrheit hier noch unbedingt ausgesprochen, ja, für die Ewigkeit festgehalten werden: Wer in Zukunft die besten Schriftsteller des Landes beim Namen nennt, der wird sich hoffentlich hüten, einen gewissen Romanschreiber unerwähnt zu lassen.</p>
<p>Navid Kermani: Dein Name. Hanser Verlag, München 2011. 1229 Seiten, 34,90 Euro.</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=849&amp;md5=4f147057ce28507202367d2adcfe3a4d" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Diaphanes</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Dec 2011 00:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>
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		<category><![CDATA[Verlage]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/buchmarkt/" rel="tag">Buchmarkt</a>, <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/diaphanes/" rel="tag">Diaphanes</a>, <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/verlage/" rel="tag">Verlage</a></p>Es gibt, da wird mir wohl fast jeder Kritiker recht geben, Verlage, die man ganz besonders schätzt. Und es gibt Verlage, die man eher links liegen lässt. Das hat nichts mit bösem Willen zu tun, sondern eher mit dessen Gegenteil: Wenn ich, nachdem ich fünf oder sechs Bücher aus dem X-Verlag gelesen habe, feststellen muss, [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/20/diaphanes/' title='Diaphanes'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt, da wird mir wohl fast jeder Kritiker recht geben, Verlage, die man ganz besonders schätzt. Und es gibt Verlage, die man eher links liegen lässt. Das hat nichts mit bösem Willen zu tun, sondern eher mit dessen Gegenteil: Wenn ich, nachdem ich fünf oder sechs Bücher aus dem X-Verlag gelesen habe, feststellen muss, dass mir kein einziges davon wirklich gut gefallen hat, dann bespreche ich Bücher aus dem X-Verlag eben lieber nicht mehr, da dessen Lektor offenbar einen ganz anderen Geschmack hat als ich, aber jedem Buch doch in jedem Fall der beste Wille eines Rezensenten entgegen gebracht werden sollte. Und manchmal gibt es ja auch den schönen Fall, dass man sich – üblicherweise, wenn der Lektor wechselt – wieder mit dem X-Verlag anfreunden kann. Meine Beispiele dafür sind Suhrkamp und die DVA: Mit deren belletristischem Programm hatte ich lange Schwierigkeiten, aber seit einiger Zeit bin ich immer wieder aufs Schönste überrascht. Suhrkamp hat dank Bierbichler, Schalansky, Maier etc. gerade einen tollen Herbst hinter sich; und die DVA darf sich auf ein großartiges Frühjahr freuen, denn dann erscheint Tom McCarthy Roman „K“ in ihrem Programm.</p>
<p>Obwohl ich mich sehr auf dieses Buch und auf die erhöhte und hoch verdiente Aufmerksamkeit, die diesem Autor aufgrund des Erscheinens in einem ‚großen‘ Verlag zuteil werden wird, freue, hat mich doch auch ein wenig Wehmut ereilt, als ich die Annonce in der DVA-Vorschau sah. Denn die deutsche Übersetzung von McCarthys erstem Roman „8½ Millionen“ (<a href="../2010/12/20/8-%C2%BD-millionen-von-tom-mccarthy/">hier meine Rezension</a>, ursprünglich entstanden für dnews.de) ist im <a href="http://www.diaphanes.de/scripts/start.php" target="_blank">Diaphanes Verlag</a> erschienen. Und der gehört zu jenen oben an erster Stelle genannten Verlage, die ich ganz besonders schätze. So sehr, dass mir mittlerweile völlig egal ist, welcher Name und welcher Titel auf dem Cover steht, solange nur „Diaphanes“ darauf steht, und ich also blind in deren belletristisches Regal greifen und dabei völlig sicher sein kann, dass ich es mindestens sehr gut und wahrscheinlich sogar ganz großartig finden werde. Die Prosa, die bei Diaphanes erscheint, trifft meine Erwartungen an gute Literatur einfach zu hundert Prozent.</p>
<p>Dazu muss man sagen: Der Verlag hat die Belletristik erst vor einigen Jahren ins Programm genommen. Ich wurde zuerst durch Bekannte auf ihn aufmerksam gemacht, die in der zeitgenössischen Philosophie und Kulturwissenschaft bewandert sind. Bis zur Gründung von Diaphanes im Jahr 2001 schien dieses Feld eigentlich unter ein paar bekannten Namen aufgeteilt: Da gab es Merve und Passagen, dann noch die Wissenschaft bei Suhrkamp und ein paar kleinere dazwischen und daneben, die aber eher selten ins Gespräch kamen. Und dann trat plötzlich Diaphanes auf, und zwar mit einem Programm, das Merve, Passagen und Suhrkamp doch ins Schwitzen bringen konnte. Ich zitiere hier mal die Wikipedia (die Anzahl der Links in dem Textabschnitt sagt eigentlich schon alles):</p>
<blockquote><p>Der Verlag wurde zuerst bekannt mit seiner Reihe „Transpositionen“, in der er Erstübersetzungen wichtiger zeitgenössischer französischer und italienischer Philosophen vorlegte, darunter <a title="Alain Badiou" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alain_Badiou">Alain Badiou</a>, <a title="Jean-Luc Nancy" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Luc_Nancy">Jean-Luc Nancy</a>, <a title="Jacques Rancière" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Ranci%C3%A8re">Jacques Rancière</a> und <a title="Giorgio Agamben" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Giorgio_Agamben">Giorgio Agamben</a>.</p>
<p>Einen großen Erfolg erlebte diaphanes 2011 mit der wissenspoetologischen Kapitalismusstudie „Das Gespenst des Kapitals“ des Literaturwissenschaftlers <a title="Joseph Vogl" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Vogl">Joseph Vogl</a>.</p>
<p>Weitere wichtige Autoren sind: <a title="Louis Althusser" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Althusser">Louis Althusser</a>, <a title="Maurice Blanchot" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Blanchot">Maurice Blanchot</a>, <a title="Judith Butler" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Butler">Judith Butler</a>, <a title="Jean Cavaillès" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Cavaill%C3%A8s">Jean Cavaillès</a>, <a title="Stanley Cavell" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stanley_Cavell">Stanley Cavell</a>, <a title="Simon Critchley" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Critchley">Simon Critchley</a>, <a title="Hubert Damisch" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hubert_Damisch">Hubert Damisch</a>, <a title="Georges Didi-Huberman" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Georges_Didi-Huberman">Georges Didi-Huberman</a>, <a title="Roberto Esposito" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Roberto_Esposito">Roberto Esposito</a>, <a title="Tim Etchells" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tim_Etchells">Tim Etchells</a>, <a title="François Jullien" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Jullien">François Jullien</a>, <a title="Alexander Kluge" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Kluge">Alexander Kluge</a>, <a title="Philippe Lacoue-Labarthe" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Philippe_Lacoue-Labarthe">Philippe Lacoue-Labarthe</a>, <a title="Emmanuel Levinas" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Levinas">Emmanuel Levinas</a>, <a title="Jean-François Lyotard" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Fran%C3%A7ois_Lyotard">Jean-François Lyotard</a>, <a title="Louis Marin" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Marin">Louis Marin</a>, <a title="Tom McCarthy" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_McCarthy">Tom McCarthy</a>, <a title="Erwin Panofsky" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Erwin_Panofsky">Erwin Panofsky</a>, <a title="Claus Pias" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Claus_Pias">Claus Pias</a>, <a title="Michail Ryklin" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Ryklin">Michail Ryklin</a>, <a title="Eric L. Santner (Seite nicht vorhanden)" href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Eric_L._Santner&amp;action=edit&amp;redlink=1">Eric L. Santner</a>, <a title="Fritz Saxl" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Saxl">Fritz Saxl</a>, <a title="Reiner Schürmann" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Reiner_Sch%C3%BCrmann">Reiner Schürmann</a>, <a title="Gilbert Simondon" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gilbert_Simondon">Gilbert Simondon</a>, <a title="Gayatri Chakravorty Spivak" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Chakravorty_Spivak">Gayatri Chakravorty Spivak</a>, <a title="Bernard Stiegler" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Stiegler">Bernard Stiegler</a>, <a title="Tiqqun" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tiqqun">Tiqqun</a>, <a title="Michael Turnheim" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Turnheim">Michael Turnheim</a>, <a title="Aby Warburg" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Aby_Warburg">Aby Warburg</a>, <a title="Simone Weil" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Simone_Weil">Simone Weil</a> und <a title="Alenka Zupan?i?" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alenka_Zupan%C4%8Di%C4%8D">Alenka Zupan?i?</a>.</p></blockquote>
<p>Insofern habe ich gerne zugegriffen, als ich erfuhr, dass Diaphanes auch Romane ins Programm genommen hatte. So lernte ich den großartigen Tom McCarthy kennen und die im besten und ohnehin jedem Sinne verrückten Erzählungen des Theatermachers Tim Etchells (<a href="../2009/12/20/%E2%80%9Eendland-stories-von-tim-etchells/">hier meine Besprechung</a>) und auch Angelika Meier, deren Roman „England“ ich leider nie besprochen habe – was andererseits vielleicht gar nicht so schlecht ist, denn den finde ich sowas von wahnsinnig und wahnsinnig gut und schlau und unterhaltsam, dass mir fast die Worte dafür fehlen. Und diese Autorin gibt mir zuletzt auch noch eine Pointe für diesen Text hier: Dass Tom McCarthy nicht mehr bei Diaphanes erscheint, ist zwar schade, wird für mich aber dadurch absolut wettgemacht, dass im Frühjahr 2012 der nächste Roman von Angelika Meier namens „Heimlich, heimlich mich vergiss“ bei Diaphanes herauskommt. Schon der Text in der Vorschau macht mich so richtig kirre, dass ich´s kaum erwarten kann, das Ding endlich in Händen zu halten:</p>
<blockquote><p>[…] Dr. Franz v. Stern, als Arzt selbstverständlich mit einer zusätzlichen Hirnrindenschicht und einem Mediator zwischen den Rippen ausgestattet, versagt als Referent in eigener Sache: Unfähig, den Eigenbericht zu schreiben, den seine Klinikleitung ihm abverlangt, erzählt der Arzt sich zurück in seine Vergangenheit […]</p></blockquote>
<p>So ist das bei Angelika Meier nämlich immer: Da bekommt man eine Story mit einer Selbstverständlichkeit vor den Latz geknallt, dass einem Hören und Sehen und überhaupt alle Sicherheiten, vor allem jene namens Sprache und Subjektivität, gründlich vergehen.</p>
<p>Außerdem erscheint &#8211; für die, die mir mein Lob immer noch nicht glauben wollen &#8211; bei Diaphanes im kommenden Frühjahr nicht nur eine Broschur- (also billigere) Ausgabe von McCarthys „8½ Millionen“, sondern auch eine Neuauflage des wirklich dringend fehlenden „W oder die Kindheitserinnerung“ von Georges Perec. Dass der Verlag tatsächlich mit traumwandlerischer Sicherheit immer wieder die richtige verlegerische Entscheidung im absolut richtigen Moment trifft, beweist zudem die neue Reihe „diaphanes booklet“, die mit drei Titeln startet: Diese Bücher sind schmale Bändchen mit je gut 100 Seiten, die je einen Essay über – wie brillant ist das denn! – eine wichtige Fernsehserie enthalten. Diedrich Diederichsen (richtig, der fehlte noch in dem in der Wikipedia aufgefächerten Verlags-Portfolio) schreibt über „The Sopranos“, Daniel Eschkötter über „The Wire“ und Simon Rothöhler (zugleich der Herausgeber der Reihe) über „The West Wing“.</p>
<p>Insofern: Glückwunsch, Diaphanes, zum zehnten Geburtstag! Obwohl Du Glück dank so viel verlegerischer Intelligenz und Tugend eigentlich gar nicht nötig hast.</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=841&amp;md5=7c6633606d4892d4ccf16e4e68a1e840" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Ein Sortiment ist ein Sortiment ist ein Sortiment</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Dec 2011 11:30:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/buchmarkt/" rel="tag">Buchmarkt</a></p>Gratulationen erhalten Buchhändler üblicherweise eher selten. Doch seit dem ersten Dezember-Wochenende wollen die Kunden der Buchhandlung Lehmkuhl immer wieder ihre Glückwünsche loswerden. Weil sie alle einen Fernsehbeitrag gesehen (oder wenigstens davon gehört) haben, in dem der Lehmkuhl-Buchhändler Marc Schürhoff erklärt, dass und warum man das Buch „Vorerst gescheitert“ des ehemaligen Wirtschaftsministers (2009-2009) und ehemaligen Verteidigungsministers [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/18/ein-sortiment-ist-ein-sortiment-ist-ein-sortiment/' title='Ein Sortiment ist ein Sortiment ist ein Sortiment'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gratulationen erhalten Buchhändler üblicherweise eher selten. Doch seit dem ersten Dezember-Wochenende wollen die Kunden der Buchhandlung Lehmkuhl immer wieder ihre Glückwünsche loswerden. Weil sie alle einen <a href="http://www.youtube.com/watch?v=XsUQ-Sp_orE" target="_blank">Fernsehbeitrag</a> gesehen (oder wenigstens davon gehört) haben, in dem der Lehmkuhl-Buchhändler Marc Schürhoff erklärt, dass und warum man das Buch „Vorerst gescheitert“ des ehemaligen Wirtschaftsministers (2009-2009) und ehemaligen Verteidigungsministers (2009-2011) und ehemaligen Doktortitelträgers (2007-2011) Karl-Theodor zu Guttenberg nicht vorrätig habe: „Ich habe die Auslassungen in der ZEIT gelesen und finde dieses Buch außerordentlich peinlich. Wir haben einfach für uns im Laden gedacht: Das müssen wir nicht verkaufen. Wir haben auch Dieter Bohlen nicht verkauft.“</p>
<p>Die Aufregung, die darauf folgte, war überraschend groß. Selbst dem Branchenverbandsblättchen Börsenblatt war die Sache eine <a href="http://www.boersenblatt.net/464827/" target="_blank">Meldung</a> wert, und sogar die Süddeutsche Zeitung entblödete sich nicht, in einem <a href="http://www.sueddeutsche.de/muenchen/buchhandlung-verzichtet-auf-guttenberg-buch-ganz-viel-heisse-luft-1.1228486" target="_blank">Interview</a> die völlig hirnrissige Frage zu stellen, ob es nicht „anmaßend“ sei, „dem Leser vorschreiben zu wollen, was er kaufen soll“. Zum Glück blieb Schürhoff cool und professionell: „Nein. Die Autobiographie von Dieter Bohlen hatten wir auch nicht im Angebot, weil sie uns zu blöd war. Es ist alltägliche buchhändlerische Arbeit, ein gutes Sortiment zusammenzustellen – empfehlenswerte Bücher, die uns wichtig erscheinen, bewegen und Relevanz haben.“</p>
<p>Und damit hat er völlig recht: Es gibt nicht Normaleres und Unerlässlicheres für einen Buchhändler als die Zusammenstellung eines Sortiments, das er seinen Kunden mit bestem Wissen und Gewissen anbietet und empfiehlt. Eben daher rührt schließlich der Begriff „Sortimentsbuchhandlung“. Dass man dafür Gratulationen erntet, ist mithin verwunderlich, sorgt aber wenigstens für die nötige Aufmerksamkeit, die der Sortimentsbuchhandel gut gebrauchen kann angesichts der großen Ketten und der Onlineshops, die die Oberhand zu gewinnen drohen, obwohl sie ihre Auswahl gerade nicht nach qualitativen Kriterien unternehmen, sondern ihre besten Plätze schlicht und einfach an den Meistbietenden vermieten. Und nur so werden kleine und mittelständische Unternehmen den durch Ebooks oder andere mediale Aufmerksamkeiten verursachten Wandel auch überstehen können: Indem sie ihre Aufgabe als Sortimentsbuchhandlungen beim Wort und ihre Kunden, die sich auf der Suche nach guter Literatur befinden, ernst nehmen.</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=834&amp;md5=6c0da4be1580ccfaa9631d44117c8635" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Über &#8220;Silbermann&#8221; von Jacques de Lacretelle</title>
		<link>http://www.katrinschuster.de/2011/12/07/uber-silbermann-von-jacques-de-lacretelle/</link>
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		<pubDate>Wed, 07 Dec 2011 18:07:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Lesen!]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/lesen/" rel="tag">Lesen!</a></p>Mit Vorsicht und einem die Leser einschließenden „Wir“ nähern sich die Übersetzer Irène Kuhn und Ralf Stamm in ihrem Nachwort zu dem Roman Silbermann von Jacques de Lacretelle der Frage nach den Gründen des Antisemitismus. „Wir wären, wohl nicht nur aus Bequemlichkeit, dankbar, wenn uns jemand in kurzen Worten erklären könnte, warum die Juden 2000 [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/07/uber-silbermann-von-jacques-de-lacretelle/' title='Über "Silbermann" von Jacques de Lacretelle'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Vorsicht und einem die Leser einschließenden „Wir“ nähern sich die Übersetzer Irène Kuhn und Ralf Stamm in ihrem Nachwort zu dem Roman <em>Silbermann</em> von Jacques de Lacretelle der Frage nach den Gründen des Antisemitismus. „Wir wären, wohl nicht nur aus Bequemlichkeit, dankbar, wenn uns jemand in kurzen Worten erklären könnte, warum die Juden 2000 Jahre lang verfolgt wurden – fast überall. Diese kurze Erklärung gibt es nicht, kann es nicht geben.“ Und doch wird das Kind beim Namen genannt, da der Hinweis auf die 2000 Jahre den Ursprung wenigstens des christlichen Antisemitismus recht genau markiert: Seit Jesus ans Kreuz genagelt wurde, wirft man den Juden mehr oder weniger ausdrücklich vor, dass sie den Messias auf dem Gewissen haben.</p>
<p>Jacques de Lacretelle wurde ein Jahr vor dem späteren „Führer“ der Deutschen geboren. Als er <em>Silbermann</em> schrieb, ahnte er wohl genauso wenig wie jeder andere, wo diese Führung enden würde. 1922 wurde der Roman in Frankreich publiziert, zwei Jahre später erstmals ins Deutsche übersetzt und dann vergessen, vor allem hierzulande – bis 2011, da der <a href="http://www.lilienfeld-verlag.de/" target="_blank">Lilienfeld Verlag</a> ihn noch einmal in neuer Übersetzung und galanter Ausstattung präsentiert. <em>Silbermann</em> erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei fünfzehnjährigen Schülern, kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die Beziehung der beiden währt nur ein Jahr, weil der eine, David Silbermann, anschließend in die USA auswandert, da er die zahlreichen, andauernden und brutaler werdenden antisemitischen Anfeindungen seiner Mitschüler nicht mehr ertragen will. Über zehn Seiten erstreckt sich sein Abschiedsmonolog, der von den Verletzungen zeugt, die man seinem Stolz zugefügt hat. „Hör gut zu, was ich dir jetzt sage“, wirft Silbermann endlich dem Ich-Erzähler ins Gesicht: „Das Wort vom auserwählten Volk, das ist nicht etwa ein Hirngespinst aus Prophetenmund, das ist eine ethnologische Wahrheit, mit der ihr euch abfinden müsst.“</p>
<p>Bemerkenswerter als Lacretelles Unbedarftheit hinsichtlich der Klischees, für die man heute, nach der Shoah, selbstredend hellhöriger ist als man damals war, ist ohnehin, wie der Autor die Freundschaft der beiden Jugendlichen begründet. In den Augen des Erzählers erscheint Silbermann von Anfang an als Messias, der zwar nicht Wasser in Wein verwandelt, aber doch die Verwirklichung der Buchstaben begeht: Als Silbermann im Unterricht Verse aus Jean Racines Drama <em>Iphigenie</em> vorträgt, ist der Ich-Erzähler „wie von einer plötzlichen Erleuchtung getroffen … diese Worte nahmen in meinem Geist zum ersten Mal Gestalt an und wurden zu einem Bild.“ Und so beschließt dieser Junge die Apotheose des David Silbermann, beschließt er, „mich ganz seinem Glück zu widmen, um durch dieses Opfer die Angriffe des Bösgesinnten zu sühnen“. In dieser Rolle des Jüngers gefällt er sich so sehr, dass er nur zu gerne alles opfert, um seiner „Sendung“ gerecht zu werden: „Und ich, während ich so an seiner Seite schritt, in die Schande verstrickt, ich labte mich an meinem köstlichen Gefühl. ‚Ich opfere ihm alles‘, sagte ich mir, ‚die Zuneigung meiner Freunde, den Gehorsam gegenüber meinen Eltern und selbst meine Ehre.‘ Ich rief mir diese Opfer vor Augen, und ein gewaltiger Atem schwellte meine Brust“.</p>
<p>Vielleicht mit einer Ahnung im Herzen, jedoch ohne es zu wissen, zeichnet Lacretelle hier sehr genau, wie nahe Anti- und Philosemitismus manchmal beieinander liegen: Wenigstens die deutschen Leser dürfte die Rhetorik bekannt vorkommen, denn genau mit denselben Vokabeln von Ehre, Opfer und Gehorsam stattete das „Dritte Reich“ die eigene Ideologie aus. Womit Lacretelle auch gleich noch einen Hinweis auf die subkutanen Beziehungen zwischen Christentum und Nationalsozialismus liefert. Selbst die „Stunde Null“ scheint in dieser Erzählung bereits literarisch reflektiert: Nachdem Silbermann das Land verlassen hat, ist alles wie zuvor; die Eltern schließen den verlorenen Sohn wieder in die Arme, die Zeit mit Silbermann wird einfach verdrängt. Nicht einmal die Karikatur des früheren Freundes erregt noch den Ärger des Erzählers, statt Epiphanie herrscht wieder bloße Mimesis: „Wirklich sehr ähnlich“, lautet sein trockener Kommentar über die Zeichnung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Jacques de Lacretelle: Silbermann. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Irène Kuhn und Ralf Stamm. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2011. Lilienfeldiana Band 10. 184 Seiten, € 19,90.</em></p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=818&amp;md5=40963fdc4f57e3c856f4ce693f653272" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Analog oder digital? Am besten beides.</title>
		<link>http://www.katrinschuster.de/2011/12/06/analog-oder-digital-am-besten-beides/</link>
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		<pubDate>Tue, 06 Dec 2011 18:17:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>katrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Ebook]]></category>

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		<description><![CDATA[<table cellpadding='10'><tr><td valign='top' align='left'><p>Kategorie <a href="http://www.katrinschuster.de/category/literatur/" title="Alle Artikel in Literatur ansehen" rel="category tag">Literatur</a></p><p>Tags: <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/buchmarkt/" rel="tag">Buchmarkt</a>, <a href="http://www.katrinschuster.de/tag/ebook/" rel="tag">Ebook</a></p>Heute war auf der Facebook-Pinnwand des Berliner Verbrecher Verlags eine Meldung zu lesen, die viele vor einigen Monaten niemals für möglich gehalten hätten. Sie lautete: So, gerade haben wir die dritte Auflage des ersten Bandes der Mühsam Tagebücher in Druck gegeben. Ein paar Exemplare aus der 2. Auflage sind noch lieferbar – und man sollte [...]<table width='100%'><tr><td align=right><p><b>(<a href='http://www.katrinschuster.de/2011/12/06/analog-oder-digital-am-besten-beides/' title='Analog oder digital? Am besten beides.'>Weiterlesen ...</a>)</b></p></td></tr></table></td><td valign='top'></td></tr></table>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute war auf der <a href="http://www.facebook.com/pages/Verbrecher-Verlag/142299145802858" target="_blank">Facebook-Pinnwand des Berliner Verbrecher Verlags</a> eine Meldung zu lesen, die viele vor einigen Monaten niemals für möglich gehalten hätten. Sie lautete:</p>
<blockquote><p>So, gerade haben wir die dritte Auflage des ersten Bandes der Mühsam Tagebücher in Druck gegeben.<br />
Ein paar Exemplare aus der 2. Auflage sind noch lieferbar – und man sollte sich sputen mit der Bestellung, sollte man den Band garantiert vor Weihnachten im Postkasten beziehungsweise in der Buchhandlung vorfinden wollen!</p></blockquote>
<p>Das Besondere daran ist nicht allein die Tatsache, dass ein Buch aus einem kleinen Verlag, das noch dazu satte 28 Euro kostet, in die dritte Auflage geht, sondern dass es sich ausgerechnet um dieses Buch handelt. Denn Mühsams Tagebücher kann man im Volltext auch kostenlos und zudem in einer recht gut gemachten WWW-Ausgabe lesen, nämlich auf der zur Edition gehörigen Website <a href="http://www.muehsam-tagebuch.de/">www.muehsam-tagebuch.de</a>. Nicht wenige haben den Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier für verrückt oder lebensmüde erklärt oder wenigstens laut Zweifel angemeldet, als er verkündete, dass die Tagebücher Mühsams sowohl in einer gedruckten Lesefassung als auch in einer digitalen Version erscheinen werden, Letztere keinen Cent kosten und noch dazu umfangreicher als Erstere sein wird.</p>
<p>Doch Sundermeier ist, siehe oben, nicht auf den analogen Exemplaren sitzen geblieben, sondern darf im Gegenteil einen Erfolg verbuchen. Und das lässt sich nicht allein durch die Aufmerksamkeit erklären, die dem ungewöhnlichen Projekt zuteil geworden ist (u.a. auch von mir, siehe <a href="http://www.freitag.de/kultur/1127-zur-ck-im-hypertext">„Zurück im Hypertext“</a>) und freilich auf die Sprünge geholfen hat: Immer wieder stellen Studien fest, dass Menschen, die kulturelle Produkte kostenlos konsumieren (sei´s legal oder illegal), eher mehr denn weniger Geld für kulturelle Produkte ausgeben als andere Menschen. Zu dem Ergebnis kam soeben auch der Schweizer „Bericht des Bundesrats zur unerlaubten Werknutzung über das Internet“ (<a href="http://www.ejpd.admin.ch/content/dam/data/pressemitteilung/2011/2011-11-30/ber-br-d.pdf" target="_blank">PDF</a>, <a href="http://www.e-book-news.de/schweiz-pro-internet-freiheit-musik-und-filmdownloads-bleiben-straffrei" target="_blank">via e-book-news.de</a>), der sich auf eine niederländische Studie stützt, in der unter anderem festgestellt wurde,</p>
<blockquote><p>dass sich das Kaufverhalten von Tauschbörsennutzern nur minim von demjenigen anderer Personen unterscheidet; im Falle von Filmen und Spielen nehmen Tauschbörsennutzer gar mehr legale Angebote in Anspruch als Leute, die keine Tauschbörsen nutzen.</p></blockquote>
<p>Für die Buchbranche bedeutet das: Sie muss sich stärker in der Schaffung von legalen Angeboten engagieren, statt weiter auf die Verhinderung einer so genannten „Kostenlos-Kultur“ zu setzen. Verlage müssen das Verhältnis von analog und digital produktiv machen (siehe Mühsams Tagebücher), statt die Mauern ständig höher zu ziehen. Schließlich ist es kaum verwunderlich, wenn Ebooks ohne DRM attraktiver sind, da DRM all das verunmöglicht, was man an gedruckten Büchern so schätzt: dass man sie verleihen, verschenken, verkaufen kann. Und schließlich ist es kaum verwunderlich, dass Ebooks illegal geladen werden, wenn man für die digitale Version eines Buches, das man analog bereits erworben hat, noch einmal bezahlen soll.</p>
<p>Das haben nun offensichtlich auch die Verlage Haffmans &amp; Tolkemitt und Rogner &amp; Bernhard verstanden, denn sie machen die elende Entscheidung Entweder-Buch-Oder-Ebook endlich überflüssig, indem sie ein Sowohl-als-Auch anbieten, das eben nicht doppelt so viel kostet (<a href="http://www.boersenblatt.net/464894">Börsenblatt-Meldung</a>). Mit ihrem Frühjahrsprogramm starten beide die <a href="http://haffmans-tolkemitt.de/2011/12/05/weltneuheit-hardcoverplus/" target="_blank">Reihe HardcoverPlus</a>: Jedes gedruckte Buch, das in dieser Reihe erscheint, enthält einen Code, mit dem man sich die Ebook-Version kostenlos herunterladen kann (nur einmal und versehen mit einem Wasserzeichen). Der Pressetext ist in beiden Vorschauen derselbe (da beide wenigstens teilweise unter der Decke von Zweitausendeins stecken), und er leuchtet unmittelbar ein:</p>
<blockquote><p>Nach einem Tag am Bildschirm im Bett in einem echten Buch lesen. Auf dem Weg zur Arbeit im Reader weiter. Bücher, die man liebt, wie eh und je im Regal haben. Zwanzig Bücher auf dem Reader in den Urlaub mitnehmen. Bücher auch weiterhin verschenken können: Das ist HardcoverPlus.</p></blockquote>
<p>Ich möchte behaupten: Das wird sich lohnen &#8211; nicht nur für die Leser, sondern vor allem auch für Haffmans &amp; Tolkemitt und Rogner &amp; Bernhard.</p>
 <p><a href="http://www.katrinschuster.de/?flattrss_redirect&amp;id=797&amp;md5=1aca7a4a68eef81d01770268a1993fec" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.katrinschuster.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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