Der Kritiker Julien Louis Geoffroy scheint kein besonders gutes Ansehen genossen zu haben, laut Meyers Konversationslexikon von 1905 trug er den Beinamen “le Terrible” und “nutzte seine Stellung als Kritiker so aus, dass Dichter und Schauspieler sich durch einen Tribut gegen seine Angriffe zu sichern suchten.” Ob und wie gut das gelang, verschweigt das Lexikon höflich – und urteilt weiter: “Es fehlte ihm nicht an Geist und Witz, und wenn sein Stil oft grob und schwülstig ist, so sind seine Gedanken meist gesund und treffend. Sein ‘Commentaire sur Racine’ (Par. 1808, 7 Bde.) ist ohne Wert.” Nach Geoffroys Tod 1814 kursierte ein epigrammatischer Dialog über die Todesursache des Schrecklichen; der Unvorsichtige habe versehentlich an seiner giftigen Schreibfeder genuckelt, lautet dessen Pointe.
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Aus der Spam-Reihe: Unterm Strich
Oktober 3rd, 2009 § 0
Aus der Spam-Reihe: Zeichen & Wunder
September 20th, 2009 § 1
Als sich im Jahr 1982 ein paar wenig ernst gemeinte Debatten über wenig ernst gemeinte physikalische Versuchsanordnungen im elektronischen Diskussionsforum der Pittsburgher Carnegie Mellon Universität entspannen, handelte es sich dabei um „Spam“ im besten Sinne. Bereits zu dieser Zeit geisterte das Wort als Bezeichnung für vermeintlich überflüssige oder gar störende öffentliche Schriftwechsel durch die (zuerst nur lokalen) Netzwerke von Rollenspielern. Allerdings gehörte der Begriff noch nicht zum Hausgebrauch – und so wurde die für einige Teilnehmer offenbar ärgerliche Pittsburgher Angelegenheit anders gelöst: Der damals 34-jährige Informatiker Scott E. Fahlman schlug vor, den Ironiegehalt der Beiträge auf dem digitalen schwarzen Brett fortan mit Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer –
– zu indizieren. Obwohl es, schränkte Fahlman sogleich ein, angesichts der aktuellen Entwicklungen womöglich ökonomischer sei, Beiträge zu markieren, die keine Scherze sind. Und zwar mit dem Zeichen
. Damit war das Emoticon erfunden: Es hilft seither nicht nur bei der Interpretation der Online-Kommunikation, indem es die Semantik von Mimik und Gestik als Tastenkombination verfügbar macht, sondern beweist zudem ein jedes Mal wieder, wie konkretionsfähig ein Leser sein kann, wenn er in drei aneinandergereihten Satzzeichen ein Gesicht erkennt.
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Rollenspiele von Vorgestern. Casting-Shows im Fernsehen
Juni 25th, 2009 § 0
In der letzten Folge der diesjährigen Staffel von “Germany’s Text Topmodel” schwebten die drei Finalistinnen in wallenden Gewändern aus dem Himmel einer nach einem Chemiekonzern benannten “Arena” herab (”Stadion” sagt man ja nicht mehr, das klingt zu friedlich). Über eines konnte die ätherische Inszenierung freilich nur kurz hinwegtäuschen: GNTM handelt nicht von der Transzendenz weiblicher Schönheit, sondern davon, dass Heidi Klum die Körper ihrer Geschlechtsgenossinnen mit dem Eifer der mütterlichen Rivalin schindet, um individuelle Grenzen der physischen Belastbarkeit zu mangelndem Erfolgswillen umzudeuten.
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Die Black Box der Presse
Juni 6th, 2009 § 0
Wenig zu wissen bedeutet für die Presse, viel zu schreiben. Wie die Nachrichtenorgane den Absturz der Air-France-Maschine bewältigen.
Weiterlesen auf freitag.de …
Gehversuche auf unsicherem Boden
Gwendoline Riley erzählt vom Erwachsenwerden in Manchester
Mai 15th, 2009 § 0
Ans Hinfallen hat sich Esther längst gewöhnt. Schon in jüngeren Jahren hatte ihr eine Lehrerin mit Blick auf die vielen Schürfwunden den Rat gegeben, ihre Schuhe besser mit Nägeln auszustatten, um nicht dauernd den Boden unter den Füssen zu verlieren. Auch die Rückkehr ins heimische Manchester nach einem längeren Aufenthalt in den USA ist eine rutschige Angelegenheit.
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Melkvieh im schwarzen Rauschen
Die Vampire geistern wieder durch die Literatur
Mai 4th, 2009 § 0
Im Jahr 1895 werden in Berlin und Paris die ersten Kinematografen vorgestellt, etwa zur selben Zeit erfindet Sigmund Freud in Wien das Wort “Psychoanalyse”, und in London sitzt der irische Schriftsteller Abraham Stoker an dem Roman, der ihn unsterblich machen wird, “Dracula” erscheint 1897. Dass die Geschichte vom blutsaugenden Grafen so berühmt wurde, verdankt sie nicht zuletzt dem Kino. Auf der Leinwand machten sich die Untoten stets besonders gut, war dort doch ohnehin nie etwas anderes zu sehen als seltsam von ihrer Leiblichkeit erlöste Körper.
Derart wohl fühlten sich die Blutsauger in den bewegten Bildern, dass man fast meinen konnte, der moderne Mythos sei für die Literatur verloren. Falsch gedacht, denn gerade meldet er sich lautstark zurück zu Wort. Bei Viktor Pelewin zum Beispiel: Der russische Schriftsteller, den man hierzulande erst mit seinem dritten Buch “Generation P”, einer grotesken Persiflage auf die Konsumgesellschaft, richtig wahrgenommen hat, legt nach seiner Minotaurus-Umschrift “Der Schreckenshelm” (2005) und dem “Heiligen Buch der Werwölfe” (2006) nun einen Vampirroman vor, “Das fünfte Imperium”.
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Embedded bei Attac: Der faule Zauber des Als-Ob
März 28th, 2009 § 0
„All the News That’s Fit to Print“ lautet seit über 100 Jahren der Slogan der „New York Times“. Als im November 2008 die Yes Men – eine Gruppe Aktivisten, die seit Jahren im Fleisch der Marktwirtschaft herumstacheln – nach eigenen Angaben über eine Million optisch getreue Fälschungen der alten Tante in Umlauf brachten, stand stattdessen „All the News We Hope to Print“ links oben zu lesen. Zu diesen wünschenswerten Nachrichten gehörten nicht nur das Ende des Irakkriegs, die Verstaatlichung der Energiefirmen und die Anklage von George W. Bush wegen Hochverrats, sondern auch die Spalte namens „Corrections: For the record“.
In der ersten dieser Korrekturen fürs Protokoll entschuldigte man sich im Namen der „Times“ dafür, stets von „special interest“ gesprochen zu haben, wenn von den Interessen bestimmter Bürgergruppen die Rede gewesen sei, und stets vom „Nachgeben“, wenn die Politik diesen Interessen gefolgt sei – während im Zusammenhang mit Unternehmensinteressen nie von einem „Nachgeben“ die Rede gewesen sei. „Die Times bedauert, dass unser Sprachgebrauch den Eindruck erweckt haben könnte, dass die Interessen von Unternehmen wichtiger sind als jene der Bürger“, lautete der letzte Satz dieser wunderschönen wünschenswerten Nachricht. Die Yes Men kennen das Original ihrer frechen Kopie – und die Medien als solche und überhaupt – offensichtlich sehr genau. » Read the rest of this entry «
Druckerschwärze aus Deutschland
Der Chamisso-Preisträger Artur Becker
März 5th, 2009 § 0
Artur Becker ist wahrlich kein Dramatiker. Die Geschichte eines Doppelmords, die anderen Autoren zur ganz großen Tragödie geriete, destilliert er in seinem jüngsten Roman „Wodka und Messer“ zur halbseitigen Anekdote: „1967, als Kuba sieben Jahre alt wurde, verlor Tante Ala auf ihrer eigenen Hochzeit in Wilimy das linke Auge …“ Dass Kubas Vater zuvor seine eigene Ehefrau und deren vermeintlichen Liebhaber, Alas Bräutigam, erstach, ist nur eine Episode unter vielen anderen, nicht weniger mythisch-mirakulösen. Im Gegenlicht dieser wilden Fabulierereien erscheinen die Dialoge fast wie seltsam leblose Fremdkörper, das ungebändigte Erzählen liegt dem Schriftsteller mehr als das Inszenieren eines braven Hintereinanders von Handlung, die Gegenwart ist bei ihm zuallererst als erinnernde, als von der Vergangenheit durchsetzte präsent. » Read the rest of this entry «
KLAPPENTEXT No. 11, März 2009
Februar 27th, 2009 § 0

Verehrte Leserinnen und Leser,
wir können es noch gar nicht richtig glauben: Den Klappentext gibt es nun auch gedruckt. Endlich! sagen wir. Auch wenn wir gar nichts gegen Adobes Pdfs haben (im Gegenteil!), ist es eben doch etwas anderes, den Klappentext in tausendfacher Ausführung vor sich liegen zu sehen (zugegeben: Der Elternstolz währte nicht allzu lange, das tausendfache Verteilen brachte die dringend nötige Ernüchterung). » Read the rest of this entry «
Genial daneben
Die galoppierende Selbstreferenzialität der Medien
Februar 11th, 2009 § 0
Jetzt fangen die Blogger auch schon damit an. Die schönen Zeiten, als man Blogs noch las, um zu anderen Blogs oder Texten anderer Autoren ge- und verleitet zu werden, scheinen zu Ende zu gehen. Auch in den einstigen “Online-Tagebüchern”, die sich teilweise zu ordentlichen Aufmerksamkeitsumverteilern gemausert hatten und eben deswegen den ordentlichen Medien gefährlich zu werden drohten, greift die Unsitte des Schottendichtmachens um sich.
Nun empfehlen also nicht mehr nur “Welt Online” und “Sueddeutsche.de” vor allem die Welt-Online- respektive Sueddeutsche.de-Artikel, sondern pflegen auch immer mehr Blogs, zuallererst die eigenen Inhalte zu verlinken. “Ähnliche Artikel” nennt sich die zugehörige Funktion. Eine glatte Lüge, denn “ähnliche Artikel” meint eigene Artikel. Die Professionalisierung der Blogs bringt es offenbar mit sich, dass auch hier die thematische Selbstreferenzialität zur systematischen mutiert.
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