Pick Down

Januar 12th, 2013 § 1 comment § permalink

Einer der Fälle von einer mehr als unglücklichen Koinzidenz von redaktionellem Inhalt und Werbung, die ich am besten erinnere, stammt aus dem Jahr 2006. In der Lüneburger Zeitung erschien damals ein Artikel über die Deportation und Ermordung der Lüneburger Sinti, und im rechten unteren Eck warb ein Energie-Unternehmen für sich mit dem Satz „E.ON sorgt schon heute für das Gas von morgen“ (Netzeitung).

Das Entsetzen über diese Kombination kann vermutlich jeder gut verstehen – zum Skandal aber taugt es imho gerade nicht. Denn jeder, der schon einmal in einer (seriösen) Redaktion gearbeitet hat, weiß genau, wie so etwas passieren kann. Zumindest bei der Süddeutschen Zeitung war es so: So lange der Redakteur die Seite baute, waren die Anzeigen ausgeblendet; erst kurz vor Schluss erfuhr man deren Inhalt. Ich halte diese Vorgehensweise auch für unbedingt geboten, weil damit wenigstens rein technisch verhindert wird, dass Anzeigen Einfluss auf die Inhalte nehmen.

Das aktuell wohl beste, weil für mich absolut nervigste Beispiel, wie es aussieht, wenn Werbung nicht einfach nur wirbt, sondern Inhalte mitgestaltet, ist meiner Meinung nach ein Schokoriegel namens Pick-Up. Man mag das natürlich als witzige Erinnerung an den Umfangreichtum des verstorbenen Dirk Bach empfinden, wenn Sonja Zietlow ihrem neuen Dschungelcamp-Ko-Moderator Daniel Hartwich immer wieder Schokoriegel anbietet. Doch die Wahrheit ist wohl mal wieder viel profaner: Das würde sie vermutlich nicht tun, wenn Bahlsen nicht genau dafür bezahlen hätte. (By the way: Auch den „Ta, Dickie“-Spot am Ende der ersten Folge fand ich überraschend lieblos; man musste imho schon ein überaus großer, also fast blinder Fan von Bach sein, um die RTL-Standard-Trauer-Formatierung – passende Sätze à la „Ich geh dann mal“, Schwarz-Weiß, Verschattungen, melancholische Musik – nicht zu bemerken, sondern ehrlich gerührt zu sein.)

Doch das Dschungelcamp ist nicht die einzige Pick-Up-Story, die uns von Bahlsen gerade erzählt wird. Auch in Matthias Schweighöfers neuen Kinofilm scheint der Kekshersteller mehr oder wenig kräftig investiert zu haben: Ob der andauernd überall laufende Werbespot für den Riegel oder den Film wirbt, weiß man eigentlich nicht zu unterscheiden; zudem scheint es mindestens eine Szene in dem Film zu geben (das suggeriert der Spot), in der Schweighöfer seinen Ko-Darsteller Milan Peschel mit einem Pick-Up über was auch immer hinwegtröstet oder den Mund stopft. Auch da wage ich die These: Diese Szene hätte es in dem Film so nicht gegeben, wenn Bahlsen nicht dafür gezahlt hätte.

Doch das sind nur zwei der Gründe, warum ich die Selbst-ist-der-Journalist-Mode gerade mit großem Argwohn betrachte. Auf Twitter zum Beispiel, wo mir nicht wenige Kollegen mit dummer Eigenwerbung auf den Keks(!) gehen, finden sich zahlreiche weitere. Versteht mich nicht falsch: Natürlich folge ich Kollegen, um zu erfahren, worüber sie gerade nachdenken und schreiben. Aber immer häufiger fällt mir auf, wie schnell einer davon seine Objektivität verrät, indem er mit typischen PR-Sätzen wie „schnell noch anmelden“ für eine Tagung unter seiner Beteiligung begeistern will oder durch die minutiöse Aufzeichnungen seiner Hin- und Herfliegerei die eigene Gefragtheit inszeniert oder noch jede Nennung seines Namens in irgendeiner Zeitung tweetet, um sich als Opinion Leader vorzustellen. Das ist Werbung und gerade kein Journalismus. Und eben darin sehe ich die Gefahr, wenn jeder sich am besten selbst vermarkten soll.

Verrat, Bruderzwist, KZ und so weiter

Januar 6th, 2013 § 0 comments § permalink

Wer hier ein wenig mitliest, der weiß natürlich längst, dass ich große Schwierigkeiten habe, Gewalt, auch psychische, als Unterhaltung zu konsumieren. Das Dschungel-Camp halte ich für ziemlich perfiden Lager-Spaß, und kein geringer Teil der Filme über den Nationalsozialismus landet bei mir im Ordner „Holocaust-Kitsch“. Letzteres ist mir so unerträglich, weil ein Genozid auf banalste Emotionen heruntergekocht wird. Ich weiß, dass diese Meinung von vielen Menschen nicht geteilt wird; bei Grimme habe ich etwa eine Kollegin ehrlich entsetzt, als ich den Film „Nicht alle waren Mörder“ als „Holocaust-Kitsch“ bezeichnet habe (was ich heute vielleicht nicht mehr tun würde).

Was ich aber bislang annahm: dass wenigstens sog. seriöse Journalisten ein wenig bedachter umgehen mit der Lust am Opfer. Tun sie offensichtlich nicht, wie ich heute feststellen musste, als ich Evelyn Rolls Besprechung des Adlon-Dreiteilers las. Dass die FAZ-Kritik von Andreas Kilb diesem Text in jedem Fall vorzuziehen ist, war mir schon nach den ersten Sätzen klar. Roll schreibt:

Adlon verpflichtet. Hotel-Faction funktioniert. Und wir haben in diesem Land wirklich große Schauspieler.

Mir gefällt weder das Wortspiel noch die Beschwörung des nationalen Talents. Ist aber auch egal, denn der Hammer folgt erst ein paar Absätze später:

Uli Edel (Buch und Regie) und Rodica Döhnert (Buch) haben in die – ohnehin schon aufregende und mit der deutschen Geschichte subtil verwobene – reale Familien- und Hotelgeschichte der Adlons den erfundenen Erzählstrang einer zweiten Familie geflochten. Sie bringt alles mit, was eine große Erzählung außerdem braucht: noch mehr Drama, ein Familiengeheimnis, Liebesgeschichten, politische Verwicklung, Verfolgung, Mord, Verrat, Bruderzwist, KZ, Ausbürgerung.

Sehen wir von dem Unsinn mit der „subtil verwobenen“ Geschichte einmal ab (Louis Adlon hat sich sehr darum bemüht, dass die SS sich in seinem Hause trifft) und lassen uns stattdessen auf der Zunge zergehen, was nach Meinung von Evelyn Roll eine „große Erzählung“ also unbedingt benötigt: „Drama, ein Familiengeheimnis, Liebesgeschichten, politische Verwicklung, Verfolgung, Mord, Verrat, Bruderzwist, KZ, Ausbürgerung“.

Ich weiß nicht, ob die SZ-Redakteure dieses in verschämte Initialen verpackte, unterschiedslos eingereihte „KZ“ einfach überlesen haben oder sie dessen Erwähnung womöglich als provokant goutieren. Ich finde es schlicht und einfach geschmacklos, die NS-Leichenfabriken gleichzusetzen mit „Familiengeheimnissen“, „Liebesgeschichten“ und so weiter, die allererst als (zudem fiktive) Abstracta genannt werden, und ein KZ also als einen Garanten unter anderen für gute Unterhaltung zu bezeichnen.

Warum auch immer kommt mir just in diesem Moment in den Sinn, wie sich Evelyn Roll einst über „politische Korrektheit“ beschwerte, weil sie Sarrazin nicht öffentlich Recht geben durfte. Und es dann doch tat:

Natürlich sagen wir: Berlin muss aufpassen, dass die Türken das nicht so mit uns machen wie die Kosovaren mit dem Kosovo, die kriegen die vielen Kinder, wir haben im Durchschnitt ein halbes Kind, und die kriegen sieben Kopftuchmädchen.

Born Originals, how comes it to pass that we die Copies?

Januar 2nd, 2013 § 3 comments § permalink

Ich muss mal wieder ein „Leider noch immer nicht gelesen“ vorausschicken, und diesmal gilt es Dirk von Gehlens Buch „Lob der Kopie“, das mir für das Folgende eventuell hilfreich sein könnte. Ich habe das Buch allerdings noch nicht einmal erworben, da ich mir davon nicht allzu viel verspreche, weil dessen Ansinnen – die Definition „eines neuen Begriffs des Originals“ – in meinen Ohren ziemlich hirnrissig klingt: Begriffe mal schnell neu definieren zu wollen, zeugt bloß von Geschichtsvergessenheit; wenn das wirklich so einfach wäre, könnte ja endlich auch mal einer die Begriffe „Krieg“, „Rassismus“ oder „Armut“ neu definieren – was das Spezialgebiet von unseriösen PolitikerInnen und geldgeilen BeraterInnen ist, aber nicht von AutorInnen, die ich gerne lese.

Das „Lob der Kopie“ fehlt mir hier also hauptsächlich, um die Gegenrede auf irgendwelche Füße zu stellen. Bleibt mir mithin nur zu versuchen, ein paar disparate Beobachtungen irgendwie zusammen zu fassen. Auslöser dieses Textes ist der ja schon vielfach empfohlene und fälschlicherweise als „Rant“ gelobte Text „Das deutsche Fernsehen wird 60 — Warum es gescheitert ist“ von Michael Reufsteck auf fernsehlexikon.de. Im Grunde beklagt Reufsteck darin, dass den Fernsehmachern die Leidenschaft fehle. In seinen Worten:

Weder beim öffentlich-rechtlichen noch im privaten Fernsehen finden sich Macher, die ein Gefühl für Fernsehen haben und nicht nur kalkulierend die sichere Bank einfordern. Produzenten haben kaum eine Chance, für ein neues, innovatives Format einen Abnehmer zu finden. Dagegen ist die Chance groß, wenn es sich um ein Überflieger-Format aus dem Ausland handelt, oder noch besser: um ein Format, das es in ähnlicher Form sogar in Deutschland schon gibt und die Zuschauerresonanz deshalb absehbar ist. Aus diesem Grund gab es so lange überall Quizsendungen, bis die Quoten einbrachen, weil die Übersättigung eingetreten war. Ebenso lief es mit Talk- und Gerichtsshows. Mit amerikanischen Forensik-Serien. Derzeit erleben die Castingshows den kollektiven Quotenrückgang, weil es einfach zu viele von ihnen gibt. Und bei den Sendern verzweifelt man, weil man auf die Zeit danach nicht vorbereitet ist. Dazu hätte man ja mal was Neues ausprobieren müssen. Alle warten nur darauf, dass jemand anderem mal ein Zufallstreffer gelingt, damit sie den dann kopieren können.

Reufstecks Vorwurf gilt allein den Machern, und vor wenigen Minuten war ich noch versucht, laut auszurufen: „Auf dem Buchmarkt ist es ganz genauso!“ Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Selbstverständlich wird auch das Lese-Publikum seit einigen Jahren mit Regionalkrimis und Vampirromanen überschwemmt. Der moralische Haken an der Sache ist allerdings: Das funktioniert, die Menschen kaufen das. Mehr noch: Wer aktuell mit einem Lektor spricht, wird sich bald eines überaus großen Mitleids nicht erwehren können, denn quasi jeder Verlag in Deutschland (und vermutlich dem Rest der westlichen Welt) bekommt sogenannte „Mummy Porn“-Manuskripte gerade tonnenweise zugeschickt. Kurz gesagt: Es sind nicht nur die Vermarkter, die immer wieder das Gleiche einfordern, sondern auch die Autoren, die immer wieder das Gleiche anbieten. Und die Leser lesen dieses Gleiche auch immer wieder (siehe „Frauenromane“). Überall nurmehr Kopien. Und dabei entsteht leider ganz und gar nichts Neues.

Letzteres darf gerne auch als Kommentar zu der Creeper-Card-Sache verstanden werden. Wie Fefe schön down-to-earth darlegt, kann man ein solches Vorgehen aus den USA nicht schnell mal nach Deutschland immigrieren. Und wenn man es doch tut, kommt es eben, wie es kommen muss: Alle kopieren nur eine hohle Emotionalität, aber keiner kreiert etwas Neues. In Fefes Worten:

Ein Dutzend Menschen haben sich auf Twitter über diese Seite [im Wiki, „mit sexistischem Dummschwall“] empört. Niemand hat den Edit-Button gefunden. Und keiner rief bei der Hotline an.

Die Abschaffung des Zufalls durch D.

Dezember 30th, 2012 § 2 comments § permalink

Jedes Jahr gibt es ein paar Bücher, die man sehr, sehr gerne besprochen hätte, aber schlichtweg bei keiner Zeitung unterbringt (was verschiedene Gründe haben kann: mal zieht kein Redakteur, mal handelt es sich nicht um eine sogenannte Novität, mal wollte man auch gar nicht darüber schreiben, weil man nicht kompetent genug ist). Diese Bücher bleiben gewissermaßen ‚privat‘, weil der Kritiker sich darüber nicht öffentlich äußert. Zudem hat es mit diesen Büchern oft eine besondere Geschichte auf sich, zumindest in meinem Fall, da ich tatsächlich eher selten dazu komme, ‚privat‘ zu lesen und diese Bücher also sehr bewusst auswähle.

Mit diesen Sätzen fing der gestrige Text an, und eigentlich sollten diese „besonderen Geschichten“ auch sein Thema werden – wenn ich denn noch dazu gekommen wäre vor lauter Jakob Wassermann. Was gestern fehlte, wird also heute wenigstens teilweise nachgetragen. Ein weiteres ‚privates‘ Buch war in diesem Jahr der Roman „Die Abschaffung des Zufalls“ von Patrick McGuiness. Die Lektüre dieses Buches verdankt sich weder dem Autor (den ich zuvor nicht kannte) noch dem Thema (Sommer und Herbst 1989 in Bukarest), sondern schlicht und einfach der Tatsache, dass mir dieses Buch von jemandem empfohlen wurde, dessen Geschmack mich interessiert. Man darf das nicht unterschätzen: Wer öffentlich Bücher bespricht, der bekommt plötzlich keinerlei Literaturtipps mehr, einfach weil Freunde und Bekannte sich nicht getrauen, ihren Geschmack auf diese Weise gleichsam öffentlich machen, aus Furcht, ich würde das als banal oder oberflächlich abtun. Was natürlich Blödsinn ist: Ich finde es immer interessant, aber niemals peinlich, was Menschen lesen. Selbstverständlich, das würde ich durchaus behaupten, verrät es etwas über deren Wesen und Charakter – aber nichts, was verurteilenswert wäre (wobei ich keine Freunde habe, die Sarrazin o.ä. verteidigen; wie ich darauf reagierte, weiß ich tatsächlich nicht).

„Die Abschaffung des Zufalls“ jedenfalls stammt aus der Hand von D. – und das kam so: D. ist Verlagsvertreter in einem der wichtigsten Verlage Deutschlands und arbeitete früher bei einer der wichtigsten Buchhandlungen in München. Die Bekanntschaft beruht auch auf familiären Beziehungen, die allerdings um einige Ecken gehen und hier zu erläutern also deutlich zu weit führen würden. Heute lebt D., wenn ich mich recht erinnere, in Frankfurt; viel zu viele Jahre haben wir ihn nicht gesehen, bis wir ihn endlich – eben in seiner Rolle als Verlagsvertreter – auf der Frankfurter Buchmesse wiedertrafen. Mittlerweile ist es fast das Erste, was wir denken, wenn wir die Messe betreten: Wir müssen D. am Verlagsstand besuchen. Jedes Mal versprechen wir uns dann, dass wir uns auch unter dem Jahr einmal wiedersehen sollten – und schaffen es doch nicht. Weshalb auch auf der nächsten Buchmesse einer der ersten Gedanken wieder ihm gelten wird. Kurz gesagt: Ich würde mir nie erlauben, D. als Freund zu bezeichnen, aber auf ihn freue ich mich mit am meisten, wenn ich mich auf die Buchmesse freue, weil er ein herzlicher Mensch mit einem guten Kopf ist.

Überhaupt hat es Vorteile, ein paar Verlagsvertreter quasi ‚privat‘ zu kennen, wenn man auf der Buchmesse unterwegs ist. Das sind nämlich beinahe die einzigen, die einem nichts ‚andrehen‘ wollen. Deren Aufgabe sind die Buchhändler, weshalb sie auf den Markt noch einmal einen ganz anderen Blick haben, der mich selbstverständlich immer interessiert. Auch ihren Wert für die Verlage darf man keinesfalls unterschätzen, schließlich sind sie diejenigen an der ‚Front‘: Eine gute Kritik ist schön und gut,aber nix wert, solange der Vertreter das Buch nicht den Buchhändlern verkaufen kann.

Vertreter haben aber nicht nur jedes Mal ein Plätzchen zum Sitzen sowie Kaffee und Wasser parat – was auf der Buchmesse überlebenswichtig sein kann –, sondern auch recht umgehend die Frage „Magst Du ein Buch?“ auf den Lippen. Einfach weil sie wissen, dass die richtigen Bücher in der richtigen Peer-Group gut aufgehoben sind. Das ist der Moment, in dem ich üblicherweise um eine Empfehlung bitte, denn wenn jemand das gesamte Verlagsprogramm vom ersten bis zum letzten Wort wirklich gut kennt, dann sind das die jeweiligen Vertreter. Einfach weil sie wissen müssen, was sie da verkaufen. Das ist eine Menge Arbeit, die oft nicht gesehen wird und mich jedes Mal beeindruckt, weil sie ein relativ breites, im besten Sinne zeitgenössisches Wissen erzeugt.

D. nannte auf meine Frage erst einmal die wichtigen Bücher der Saison seines Verlags, bis ich um eine persönliche Empfehlung bat. Ohne lange zu überlegen nannte er „Die Abschaffung des Zufalls“ von Patrick McGuiness. Und genau dafür bin ich ihm dankbar: Dieser Roman erzählt vom letzten Sommer und Herbst, bevor die Diktatur in Rumänien endet, allerdings wähnt man sich eher in einer apokalyptischen Agenten-Schrulle als in einem ja quasi historischen Roman. Es beginnt damit, dass der Ich-Erzähler, ein britischer Ja-was-Eigentlich eine Stelle als Englisch-Dozent in Bukarest erhält, auf die er sich nie beworben hat, geschweige denn dass er jenes Vorstellungsgespräch geführt hätte, das immer wieder lobend erwähnt wird. Wohnung wie Büro übernimmt er von seinem mysteriösen Vorgänger  Belanger, ohne dass er Türschild oder Möbel wechselt: Er schlüpft gleichsam in dessen Identität, auch die Geliebte von Belanger wechselt einfach zu ihm. In Bukarest ist von Anfang an und ständig Leo O´Heix an seiner Seite, der nicht nur der „größte Schwarzhändler“ der Stadt ist, sondern auch an einem Buch namens „Stadt der verlorenen Wege“ schreibt: „eine urbane Elegie, ein Requiem für eine Stadt“. Bald beginnt das Ich eine Affäre mit der Politgrößten-Tochter Cilea, zudem lektoriert er die zweifachen (eine für hier, eine fürs feindliche Ausland) Memoiren des Schriftstellers Sergiu Trofim (ein Abbild des ehemals real existierenden Silviu Brucan), dann lernt er ein paar Oppositionelle kennen, die plötzlich verschwinden. Hinter den Sinn jener dauernden nächtlichen Anrufe kommt er erst spät, wie er ohnehin, so meint man, gerade noch mit dem Erzählen nachkommt, aber niemals mit dem Begreifen. Dass am Ende keineswegs die Guten von den Bösen säuberlich geschieden sind, kommt der Wahrheit dieser Zeit vermutlich deutlich näher als jede historische Auflistung der Ereignisse (Diktatur weg, Demokratie da). Im Grunde wusste ich aber, wie immer, schon nach dem ersten Absatz, dass der Rat von D. ein guter war:

Im Rumänien der 1980er Jahre war Langeweile nichts Harmloses, sondern etwas Hochbrisantes: Sie benebelte und quälte die Menschen; sie war der Grund, über den die Tage knirschten wie ein Bootskiel über den Kieselstrand. Im Westen ist Langeweile gleichbedeutend mit unerfüllter Zeit, in der man die Musik des Lebens aus den Ohren verliert. Die Langeweile in einem totalitären Staat ist etwas anderes. Sie ist die unablässige Erwartung, getrübt von der Ahnung ihrer Unerfüllbarkeit. Die Vorfreude und das Ereignis verbinden sich zu einer Endlosschleife von Spannung und Enttäuschung.

Wie Jakob Wassermann mich mit meinem Ebook-Reader versöhnte

Dezember 28th, 2012 § 4 comments § permalink

Jedes Jahr gibt es ein paar Bücher, die man sehr, sehr gerne besprochen hätte, aber schlichtweg bei keiner Zeitung unterbringt (was verschiedene Gründe haben kann: mal zieht kein Redakteur, mal handelt es sich nicht um eine sogenannte Novität, mal wollte man auch gar nicht darüber schreiben, weil man nicht kompetent genug ist). Diese Bücher bleiben gewissermaßen ‚privat‘, weil der Kritiker sich darüber nicht öffentlich äußert. Zudem hat es mit diesen Büchern oft eine besondere Geschichte auf sich, zumindest in meinem Fall, da ich tatsächlich eher selten dazu komme, ‚privat‘ zu lesen und diese Bücher also sehr bewusst auswähle. Und manchmal sind sie auch nur halbprivat, wie etwa im Fall Jakob Wassermann, von dem ich in diesem Jahr mehrere Romane gelesen habe, weil ich einen Wassermann-Spaziergang durch Fürth konzipiert und verfasst habe (für das Literaturportal Bayern). Allzu viel erwartet hatte ich nicht – entsprechend sprachlos war ich, als ich begriff, von welch bemerkenswerter Qualität Wassermanns Literatur ist. War ich also wieder einmal auf einen dieser „zu Unrecht Vergessenen“ gestoßen. Obwohl mir diese Formulierung eigentlich nicht behagt, weil ich die Literaturgeschichte nicht als juristisches Hoheitsgebiet verstehe, passt sie für Jakob Wassermann sehr gut: Wassermann wurde 1873 in Fürth geboren – für ein Kind assimilierter Juden kein schlechter Ort, denn Fürth verfügte damals über eine der größten jüdischen Gemeinden; um 1800 ist fast jeder vierte Bürger jüdischen Glaubens, 1826 wird Leopold Ullstein hier geboren, 1848 der Fürther David Morgenstern als erster jüdischer Landtagsabgeordneter ins Parlament gewählt, 1868 erfolgt die völlige Gleichstellung von jüdischen und christlichen Bürgern. Freilich gab es in Fürth dennoch Antisemitismus, davon berichtet Wassermann wiederholt in autobiografischen Werken: Ein junges Mädchen fragt etwa den Protagonisten von „Engelhart Ratgeber“ „ängstlich: ‚Ist es wahr, dass du ein Jud bist?‘ Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht aus dem Kopf.“

Aufgrund der chronischen Erfolglosigkeit des Vaters als Kaufmann – die man sich gut als Komödie vorstellen könnte, wenn sie nicht so bitter wäre – war die Familie arm. Kein schöner Zustand in einer Zeit, als sich Fürth gerade zur Industriestadt wandelte. 1835 fuhr hier die erste Eisenbahn Deutschlands, im 19. Jahrhundert vervierfachte sich die Einwohnerzahl. Noch heute fühlt man sich, wenn man durch Fürth spaziert, in diese verrußten Jahre zurückversetzt.

Jakob Wassermann, das wusste er bald, wollte Schriftsteller werden und flüchtete deshalb regelrecht nach München, in die legendäre Bohème der legendären Jahrhundertwende. Die meiste Zeit seines Lebens führte er eine äußerst prekäre Existenz; mit seiner zweiten Frau Marta zog er 1919 nach Österreich. Als 1933 seine Bücher verbrannt wurden, scheint, so beschreiben es jedenfalls die Biografen, etwas in ihm zerbrochen zu sein, weil Wassermann sein Werk nicht nur als politischen, sondern auch als pazifistischen Beitrag zur Weltgeschichte verstand. Kurz gesagt: Er hielt sich für gescheitert. Am 1. Januar 1934 erlitt er einen Schlaganfall und starb. Ein Todesdatum, das mich sofort an Irmtraud Morgner erinnert, die 1990 starb und also ebenfalls eine Zeitenwende als Schriftstellerin kaum überlebte. Schon deswegen passt auf Morgner wie auf Wassermann der Begriff „zu Unrecht vergessen“: weil man den Systemen, die sie mundtot machen wollten, nicht im Nachhinein Recht geben sollte, indem man die Verschwiegenen vergisst.

Wassermanns Romane sind teilweise noch greifbar, ich aber habe sie auf meinem (damals recht neuen) Ebook-Reader (kein Kindle!) gelesen. Weil das Programm einen Bug hatte, musste ich irgendwann einen Total-Reset (oder wie immer man das nennt) durchführen, so dass all meine Anmerkungen, die ich bei den „Juden von Zirndorf“ gemacht hatte, verschwunden waren. Meine erste schlechte Erfahrung mit dem digitalen Lesen. Die andere: Da man beim Ebook-Lesen kein Gefühl – ja, genau, ich zitiere hier die viel geschmähte Haptik – für das Buch (das ja keines ist) entwickelt, finde ich auch keine Stellen aus dem Gedächtnis wieder (da links unten, wo die Seite so einen Knick hatte), so dass ich den Roman also noch einmal werde lesen müssen.

Die schönste Erfahrung mit dem Reader hat dagegen mit dem Reader gar nicht so viel zu tun, aber sie gehört zu der Griechenlandreise, und dazu gehören viele meiner eindrücklichsten Erlebnisse dieses Jahres. Nach Athen verbrachten wir noch eine Woche in einem restaurierten Steinhäuschen im Pilion-Wald, fünf Minuten Fußweg zu einer perfekten Ägäis-Bucht. Der Herr über ein halbes Dutzend solcher Häuser, die kein Feriendorf oder ähnliches bilden, sondern lose in der kleinen Ansiedlung verteilt sind, ist ein Deutscher, genauer gesagt ein ehemaliger (Suhrkamp-)Verlagsvertreter aus dem hohen Norden. Sein eigenes Haus nennt er die Ponderosa, seine Kuh Gaddafi (erst als er uns die vorstellte, begriff ich, was er mit der Bemerkung, Assad läge schon in der Kühltruhe, gemeint hatte). Jedes seiner Häuser verfügt über eine große Bibliothek (unser Häuschen z.B. über die gesamte Insel-Verlag-Taschenbuch-Bibliothek, und wenn ich „die gesamte“ sage, dann meine ich auch die gesamte). Eines Morgens kam ich aus dem Haus, da stand er auf der Terrasse – auf der F. und ich lange Nächte verbrachten, weil Dachse, Wildschweine, Siebenschläfer, ein paar Katzen und Hunde sich allabendlich ein munteres, walnussknackendes und feigenschmatzendes Stelldichein lieferten – und beugte sich über den Ebook-Reader. „Keyserling?“, fragte er. Ich sagte: „Nein, Wassermann“ (es war der Roman „Christian Wahnschaffe“, ein großer Text!). Die Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die aufgrund des Hineinlesens in einen Text dessen Autor zu erkennen meinen (noch dazu einen wie Keyserling!), verdanke ich also dem Ebook-Reader, was mich mit dessen Macken fast versöhnt.

(Und wieder ein Text, der nie da ankam, wo er hinsollte: Eigentlich wollte ich hier mehrere ‚private‘ Bücher vorstellen, aber das muss ich wohl auf ein andermal verschieben.)

Platzhalter des Grauens

Dezember 27th, 2012 § 5 comments § permalink

Mitte Dezember hatte ich ja noch versucht, ein halbwegs gutes Wort für Martina Gercke einzulegen, indem ich das Vorhandensein verdächtig vieler Textstellen einer ähnlich banalen Story in Gerckes Roman „Holunderküsschen“ als typisches Merkmal sog. „Frauenliteratur“ vorstellte. Doch offenbar habe ich da weit gefehlt. Nun gibt es nämlich eine Videobotschaft der Autorin [Update: Der Link führt aktuell auf eine Fehlerseite, da das Video mittlerweile von der Homepage entfernt wurde], die meiner Meinung mehr enthüllt, als sie verbirgt.

Dass diese Ansprache kein regelrechtes Schuldeingeständnis werden sollte, ist klar; das wäre juristisch wohl wirklich unklug. Wie dieser Text allerdings von Anfang an die Verhältnisse zu verdrehen versucht, finde ich eher unanständig. Gercke spricht von „Ereignissen“, „die in den vergangenen Wochen ihren Lauf nahmen“, als hätte sie damit rein gar nichts zu tun. Auch wenn sie über das Plagiieren spricht, geschieht das zunächst einmal im Passiv: „Mir wurde vorgeworfen, fremde Textstellen verwendet zu haben“. Ein aktives Ich taucht dagegen auf, als Gercke behauptet, sie habe sich anlässlich des „enormen Drucks“ auf sie und ihre Familie „dazu entschlossen, meine Bücher vorübergehend aus dem Verkauf zu nehmen“. Jenseits dessen, dass man mit Plagiatsvorwürfen behaftete Bücher aus dem Verkauf nehmen sollte, weil sie mit Plagiatsvorwürfen behaftet sind, und nicht, weil deren Autoren deshalb angefeindet werden, entspricht diese Aussage ohnehin nicht der Wahrheit, zumindest wenn man dem Random House-Justitiar Rainer Dresen glauben darf, der im buchmarkt-Interview berichtete:

Als wir zahlreiche, zum Teil wörtliche Übereinstimmungen feststellen mussten, haben wir dies dem mvgverlag mitgeteilt. Dieser hat professionell und höchst ehrenwert reagiert und das Buch umgehend aus dem Vertrieb genommen.

Auch der anschließenden Behauptung von Gercke – „Ich bin froh, euch mitteilen zu können, dass die Vorwürfe auf anwaltlicher Ebene erörtert und in beiderseitigem Einvernehmen geklärt wurden“ – widerspricht Dresen aktuell, und zwar äußerst unmissverständlich:

Rainer Dresen: Mein letzter Stand war, dass mir der Gercke-Anwalt einen Einigungsvorschlag übersandte, den ich in zahlreichen Punkten abgeändert und ihm ein paar Tage vor Weihnachten zurückgeschickt habe. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm oder seiner Mandantin gehört, was ja auch ok ist, schließlich hatten wir Weihnachten, da herrscht üblicherweise Stillstand der Rechtspflege.

Buchmarkt: Von einer Einigung also keine Rede, oder?

Rainer Dresen: Wenn der Anwalt zu all meinen Vorschlägen „Ja“ sagt, ich das irgendwie auch noch von ihm erfahre, bevor ich mein Angebot wieder zurückziehe und wir beide ein Papier unterzeichnen, dann erst haben wir eine Einigung. Bisher aber habe ich nichts gehört oder gelesen und schon gar nichts unterschrieben.

Ich mag Gercke gar nicht vorwerfen, dass sie von den juristischen Dingen wenig Ahnung hat. Das Spannendste ist ohnehin, was nun folgt und Gercke als „offene und transparente“ Erklärung, „wie es überhaupt zu den beanstandeten Textstellen kommen konnte“, bezeichnet. Das ist sowas von verschlimmbessernd und verräterisch, dass es wohl wahr sein muss. Martina Gercke schildert also, wie sie die Arbeit an einem Buch beginnt (Idee, Figuren, Handlungsablauf) – und wie es dann weitergeht:

Um in dieser schwierigen Phase meiner schriftstellerischen Arbeit Handlungsabläufe kurz zu skizzieren beziehungsweise festzuhalten, habe ich gelegentlich Platzhalter benutzt. Das bedeutet, dass ich während des Schreibens leihweise Texte aus anderen Quellen benutzt habe. Diese sollten selbstverständlich bei der letzten Überarbeitung meines Manuskripts wieder entfernt werden. Zu meinem großen Bedauern habe ich an dieser Stelle handwerklich nicht sauber gearbeitet und einige Platzhalter stehen gelassen.

Das muss man sich wahrlich auf der Zunge zergehen lassen: Martina Gercke bedauert mithin nicht, dass sie ein Buch aus anderen Büchern zusammen gebastelt hat, sondern nur, dass sie diese „Platzhalter“ am Ende nicht ordentlich getilgt hat. All das gipfelt in dem Satz:

Ich habe die Platzhalter nicht bewusst stehen gelassen.

Dass Wolfgang Tischer vom Literaturcafé mittels des Hashtags #ausredenfuersabschreiben nun ein bisschen Schabernack treibt, kann ich nur zu gut verstehen. Ich weiß ehrlich auch nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll.

Küsschen des Grauens

Dezember 13th, 2012 § 2 comments § permalink

Die Kunstgattung, von der ich am wenigsten, ja, im Grunde und ehrlich gesagt gar nichts verstehe, ist die Musik. Da kenne ich mich einfach überhaupt nicht aus und kann folglich auch nie mitreden, wenn die Namen der neuesten Bands so leichthändig wie kennerisch hin und her geworfen werden. Nur ein bisschen besser sieht es in Sachen Kino aus. De facto gibt es bloß einen Namen, der mich alle Hebel in Bewegung setzen lässt, um seinen neuesten Film auf einer ordentlichen Leinwand zu sehen, und das ist Darren Aronofsky. Was der macht, verstehe ich und finde ich im besten Sinn des Wortes großes Kino; schon der Gedanke an „Requiem for a dream“ oder „The Fountain“ macht mich glücklich schaudern. Bei einigen anderen RegisseurInnen denke ich: Hm, müsstest du dir eigentlich angucken, aber dann vergesse ich es irgendwie – was wohl aussagekräftig genug ist.

Das nur vorweg, um dem jetzt Folgenden im Vorfeld die peinliche Schärfe zu nehmen: Eines der Kinoerlebnisse, an die ich mich am besten erinnere, ist „Atlantis – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ (deshalb der Vorspann, der beweisen soll, dass ich keinen ganz grottigen Geschmack habe). Das lag nicht an dem Film selbst (den fand ich damals ziemlich unerträglich), sondern an einer jungen Frau, die in der Reihe hinter uns saß. Schon in den ersten Minuten klingelte ihr Telefon. Da ahnte man, dass sie eine ganz andere Zuschauerin sein würde, denn sie grabbelte nicht verschämt nach dem Handy, um es stumm zu schalten, sondern um abzuheben und ins Telefon zu zischen: „Ich bin im Kiinooo!“ – „Im Kiiiiiiinooooo!“ Diese ‚Entfremdung‘ setzte sich auch während des Films fort. Machte eine Figur ein lächelndes Gesicht, hörte man von hinten ein leises Giggeln; und guckte eine traurig, ertönte ein mitleidig lautes „Oh!“.

Ich würde (wenn ich es nur hätte) viel Geld verwetten, dass diese Frau heute ein großer Fan der Autorin Nele Neuhaus ist, denn Neuhaus verwechselt das Erzählen von Geschichten ebenfalls mit der Aneinanderreihung von Geschmacksverstärkern, die noch dazu gerne diejenigen Klischees bedienen, die in der Schublade mit der Aufschrift „dumpf“ zu finden sind. Ich mag hier gar keine Aufzählung beginnen, denn sonst schreibe ich mich nur wieder in Rage, weil ich wirklich mit nichts schlechter umgehen kann als mit Texten, die ich für dumm halte und die meiner Meinung nach unverkennbar bösartige Züge tragen. Das mögen die AutorInnen alle gar nicht so meinen, das weiß ich schon. Aber es steht nunmal in ihren Büchern, und als Literaturkritikerin kann und muss mir herzlich egal sein, was der Autor ‚eigentlich‘ sagen wollte. Denn ich lese ja, was er geschrieben hat. Und auf der literarischen Brennsuppn, wie man hierzulande sagt, bin ich eben auch nicht dahergschwommen.

Nun versuche ich also gerade, mein Neuhaus-Trauma zu überwinden, da kommt ein Plagiatsskandal daher, der mich weder überrascht noch zur Verteidigung des Urheberrechts ansetzen lässt und mich erneut mitten in die Abgründe der deutschen Buchproduktion stürzt. Martina Gercke, eine Autorin die sich als Selfpublisherin von seichten E-Books einen Namen machte und dann bei einem Verlag unterkam, der all das auch noch druckte (verkauft sich schließlich!), soll von der deutschen Übersetzung eines anderen sog. „Frauenromans“ abgeschrieben haben. Offenbar hatten Amazon-KommentatorInnen zuerst auf die verblüffenden Parallelen aufmerksam gemacht, mittlerweile liegt ein PDF mit Vergleichsstellen vor. Und das hat es wirklich in sich. Nur ein Auszug:

Martina Gercke: Holunderküsschenmvg Verlag, München 2012 Sophie Kinsella: Sag’s nicht weiter, LieblingWilhelm Goldmann Verlag, München 2004
(2) S. 15  Zufrieden betrachte ich mein Spiegelbild im Fenster. Ja, ich sehe aus wie eine klassische Businessfrau. Meine Haare […] sind sorgfältig glatt geföhnt, ich trage dezente Perlenohrringe und eines dieser typischen, schmal geschnittenen Kostüme […]. S. 9  […] und wenn ich mein Spiegelbild so im Fenster betrachte, sehe ich doch wirklich aus wie eine Top-Businessfrau. Meine Haare sind glattgeföhnt, ich trage dezente Ohrringe […] und das raffinierte neue Jigsaw-Kostüm.
(3) S. 21 f.  Zu allem Überfluss ist mein Haar, das ich heute Morgen so sorgsam glatt geföhnt hatte, ganz kraus. Typisch! S. 17  Zu allem Überfluss ist mein Haar, das ich heute Morgen so sorgsam glatt gegelt habe, ganz kraus. Typisch.

 

Wolfgang Tischer von literaturcafe.de hat die Autorin noch im Juli dieses Jahres über ihren Erfolg befragt („Wie man einen Bestseller ohne Verlag schreibt“). Anfang Dezember, als die Beschwerden über die Dopplungen lauter wurden, fühlte er sich offenbar ein bisschen verpflichtet, die Sache zu kommentieren. Er beginnt:

Die deutsche Selfpublisher-Szene scheint ihren Skandal zu haben, der obendrein noch alle Vorurteile über Selbstverleger zu bestätigen scheint.

Das finde ich allerdings eine falsche Behauptung bzw. die übliche Eröffnung der üblichen Fantasie vom Grabenkampf, da Amazon bekanntermaßen über keine derartigen Kontrollmechanismen verfügt (obwohl das vermutlich keine allzu schwierige Angelegenheit darstellte für ein Unternehmen, das Unmengen digitalisierter Inhalte speichert und also auch vergleichen können müsste). Hier ist schließlich ein Verlag gescheitert; eines jener Unternehmen also, die sich stets und immer wieder ihrer lektorischen Qualitätsarbeit rühmen. Der Random-House-Justitiar Rainer Dresen bedankt sich im Interview mit buchmarkt.de sogar ausdrücklich bei „dem Netz“ für die Aufklärung:

Das Ermutigende an dem Fall ist doch: Über den Vorgang wurden wir aus dem Netz, von Leserinnen beider Bücher, informiert.

Tischer jedenfalls, der den Fall später als seinen „schlimmsten Irrtum“ in dem Jahr 2012 bezeichnete, scheint in seinem Kommentar ehrlich konsterniert zu sein:

Dass Martina Gercke abgekupfert haben soll, scheint mir nach wie vor unvorstellbar. Ich habe eine nette, offene und kluge Gesprächspartnerin erlebt, die selbst nach wie vor vom eigenen Erfolg überrascht zu sein schien. Ganz offen hat sie gestanden, dass sie negative Kritik sehr heftig trifft.

Dass er, wie er kurz vor diesen Sätzen zugibt, das Buch gar nicht gelesen hat, finde ich zwar mehr als merkwürdig, ja, richtiggehend unseriös. Dennoch liegt er vermutlich völlig richtig mit seiner Einschätzung. Ich kann mir gut vorstellen, dass Martina Gercke tatsächlich nicht wusste, was sie da tat (was sie, klar, nicht vor Strafe schützt). Nicht nur, weil ich andauernd mitbekomme, welch geringe Kenntnis viele Menschen vom Urheberrecht haben („das Foto ist aus dem Internet, das darf man ja nehmen“). Sondern auch, weil all diese Sätze, die sich im einen wie anderen Buch finden, selbst auf eine gewisse Art Plagiate sind. Abgeschrieben von den viel zu vielen Hirnlosigkeiten, die in den viel zu vielen Klischeeschubladen lagern.

Ich habe es leider nicht gezählt, aber wie oft in Nele Neuhaus´ neuestem Buch „Böser Wolf“ irgendein Geruch aus dem nahen Wald „strömt“, geht wahrlich auf keine Kuhhaut. AutorInnen wie Gercke, Kinsella, Neuhaus schreiben immer nur auf, was sie denken, dass man so sagt, denkt, fühlt, meint oder gar ‚empfindet‘ (das journalistische Äquivalent ist wohl der Bratwurstjournalismus). Ich wette also nochmal: Sätze wie „Sie erstarrte. Ihr Herz begann zu rasen, ihre Knie wurden weich und sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen“ oder „Dieser gutaussehende Fremde mit den irritierend blauen Augen hatte völlig unerwartet etwas in ihrem tiefsten Innern berührt“ oder „Inka war eine starke, selbstbewusste Frau, die großen Wert auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit legte“ (alle Beispiele: „Böser Wolf“) finden sich so oder so sehr, sehr ähnlich in jedem zweiten sog. „Frauenroman“. Bei keiner einzigen dieser Publikation handelt es sich nämlich um ein Original, sondern immer schon um die Fortschreibung altbekannter und oft genug restaurativer Banalitäten, die ich – zugegeben – am liebsten in keinem Verlagsprogramm und in keiner Hand einer Leserin sehen würde.