Die Korrekturen I

Dezember 30th, 2009 § 0

Die SZ schreibt heute über Britt Hagedorn, und in diesem Text findet sich der Halbsatz: “Zehn Jahre nachdem der Talkshowboom 1999 seinen Zenith erreicht (und dann auch ziemlich bald überschritten) hatte”.
Was will uns die Autorin damit bloß sagen? Meint sie mit “Zenith” womöglich die Konzerthalle in München? Oder jene gleichnamige Schweizer Uhrenmanufaktur? Oder gar die Zeitschrift für den Orient?
Ich habe keine Ahnung – freue mich aber, wenn an selber Stelle bald wieder über die mangelnden Rechtschreibkenntnisse des Netzes gemäkelt wird. Dann ist es nämlich womöglich an der SZ, ihren Zenit zu erreichen (und dann auch ziemlich bald zu überschreiten).

Seriendarstellerdurcheinander bei Vox

Dezember 17th, 2009 § 0

Gestern Nacht bin ich völlig vor dem Fernseher hängen geblieben, weil ich´s einfach nicht glauben wollte. Die grandiose Serie “Life” war eben vorbei, die Zigarette aber noch nicht aus, so dass bereits “Crossing Jordan” begann – was ich früher gut ansehen konnte, mich dann aber sehr zu nerven begann, da diese Serie plötzlich ebenfalls begann, die Ermittler selbst ins Zentrum der Fälle zu rücken, sie also nicht mehr nur als deren Sub-, sondern auch Objekte zu begreifen. Das war, wie ich sehe, schon vor zweieinhalb Jahren arg in Mode, da habe ich einmal für den Freitag drüber geschrieben.
“Crossing Jordan” begann also, die Pathologin Jordan – dem die Serie den hübsch zweideutigen Titel verdankt (oder war´s vice versa?) – hatte plötzlich (wie gesagt: lange nicht gesehen) eine Praktikantin an ihrer Seite. Und diese Praktikantin wurde gespielt von Jennifer Finnigan, die ich bis dato nur aus “Close to Home” kannte, das ebenfalls kurzzeitig bei Vox zu sehen war, mittlerweile aber von CBS (und damit auch von Vox) nach nur zwei Staffeln eingestellt wurde.
So weit, so gut – doch dann kam der Vater des Opfers in die Pathologie. Und der wurde gespielt von Robert Gossett, den ich bis dato nur als Commander Taylor aus “The Closer” (ebenfalls Vox) kannte. Und als mich noch darüber wunderte, begann die zweite Folge, in der eine Rettungssanitäterin die Täterin war. Und die wurde gespielt von – na, Idee? Ok: von Emily Deschanel, die mir bis dato nur als Temperance Brennan vulgo “Bones” bekannt war. In Erwartung krudester Träume habe ich den Fernseher dann endgültig ausgeschaltet. Die kamen zwar nicht, war aber trotzdem besser so.

Kalenderwoche 50

Dezember 12th, 2009 § 0

Den Montag habe ich im Sitzungssaal Raum 1120 des Bayerischen Ministeriums für Forschung, Wissenschaft und Kultur verbracht, denn dort trafen sich Zuständige, Verantwortliche und sonstwie Betroffene in Sachen Literatur aus den bayerischen Bezirken, um über das Bayerische Literaturportal zu reden und nachzudenken. Unser Konzept scheint recht gut angekommen zu sein, unverkennbar ist allerdings, dass die die öffentlichen Institutionen in Bayern sich als zunehmend überlastet empfinden (ob das stimmt oder nicht, mag ich nicht beurteilen) und deshalb wohl eher wenig werden beitragen können. Jedoch sind noch lange keine letzten Worte gesprochen, wir werden also sehen, wie die Zusammenarbeit sich am Ende tatsächlich gestalten wird. Da ich erstmals eine Arbeitsgruppe zu leiten bzw. zu moderieren und deren Ergebnisse in großer Runde vorzustellen hatte und überhaupt allerlei Fragen beantworten musste, war ich nach dieser stundenlangen konzentrierten Anspannung ziemlich kaputt. Endlich zuhause habe ich meine Besprechung des (sehr schönen!) Hörbuchs “Die Nacht ist aus Tinte gemacht”, in/auf (?) dem die Nobelpreisträgerin Herta Müller von ihrem Aufwachsen im rumänischen Banat erzählt, noch einmal durchgelesen und abgeschickt an den Freitag.

Dienstagmorgen hatte ich meinen dieswöchigen “Altpapier”-Dienst (Freitag hatte ich dafür frei), der mich gleich mehrmals in die Schweiz führte (Einstellung der Gratiszeitung News, NZZ-Text über die Artikel deutscher Journalisten über das Minarett-Volksbegehren und aus gegebenem Anlass die NZZ-Folio-Geschichte über die Historie der Gratiszeitungen). Nachdem ich den Text eingespielt, alle Links gesetzt, die Bilder hochgeladen und auf “Speichern und Veröffentlichen” geklickt hatte, erschien die Anmeldeseite von dnews (offenbar hatte ich irgendeine Zeit überschritten). Und alles war weg. Übler Schock am Morgen, gegen den nicht einmal gutes Zureden wirklich hilft, schließlich war das pünktliche Erscheinen des Altpapiers, das ich für sehr wichtig halte, damit verunmöglicht.

Abends habe ich den Stammtisch des Aufbaustudiengangs Kulturkritik sausen lassen, weil ich nach diesen eineinhalb Tagen wenig Lust & Laune zum Plaudern hatte. Zum entspannenden Brainwash wollte ich mir dann “Popstars” anschauen, das ich in den vergangenen Wochen tatsächlich brav verfolgt habe. Was soll ich sagen: Es war furchtbar. Sobald die Sendung ihren Dokusoap-Charakter verliert und nurmehr aus der – von Wiederholungen der “schönsten Momente” elend in Länge gezogenen – Show besteht, wird´s ein jedes Mal wieder schlimm (siehe auch FAZ-Fernsehblog von Peer Schader).

Am Mittwoch: Einkommenssteuer-Vorauszahlung geleistet und meine Kritik des neuen, reichlich merkwürdigen Romans “Hinterland” von Feridun Zaimoglu angefangen, aber nicht recht weit gekommen damit. Dafür habe ich mir ein paar Gedanken über den Januar-KLAPPENTEXT gemacht und deshalb endlich wieder einmal Tucholsky gelesen.

Am Donnerstag habe ich als Multitaskerin völlig versagt, als zeitgleich eine dringende E-Mail kam und eine alte Freundin mich per Facebook anchattete, während ich ein wichtiges Telefonat führte. Abends sind Max und ich dann doch nicht zur zehnseiten.de-”Eventlesung” gegangen, sondern haben einfach nur zusammen zu Abend gegessen. Dass ich deshalb das Popstars-Finale nicht anschauen konnte, hat mich so überhaupt gar nicht gestört (s.o.), dass ich es mir nicht einmal mehr nachträglich online angesehen habe.

Am Freitag habe ich mich über diesen CARTA-Text eines Journalistik-Profs (!!!) aber sowas von geärgert sowie über die neueste Facebook-Mode, irgendwelchen Proforma-Gruppen (Wir sind für das und gegen dies) beizutreten. Als wäre damit das gesellschaftliche Engagement des guten Bürgers bereits erledigt. Allerdings bin ich seltsamerweise recht früh aufgestanden und habe in Rekordzeit die Zaimoglu-Kritik vollendet und gleich abgeschickt an die Berliner Zeitung.

Heute morgen habe ich die halbe Papiermülltonne mit den Vorschauen vom Herbst 2009 gefüllt, da die ersten für Frühjahr 2010 sich hier schon langsam zu stapeln beginnen. Vielleicht werde ich heute Abend mal hinein blättern. Außerdem steht ein Text für den Freitag an, über den ich hier gar nichts verraten will, weil ich das Thema eine ganz gute Idee von mir finde, worüber ich noch nirgendwo etwas gelesen habe, obwohl´s auf nicht nur einem Silbertablett herum liegt.

P.S.: Meine aktuelle Lektüre ist 1. “Unter diesem Einfluss” von Henning Kober (aus beruflichen Gründen), das einen schönen sprachlichen Drive hat, dessen Handlung mich allerdings zunehmend langweilt, weil sie zuallererst darin besteht, durch die Welt zu gondeln und dabei viel zu kiffen und überhaupt recht krass drauf zu sein (aber sooo krass dann eben auch wieder nicht); sowie 2. Fritz Sterns “Kulturpessimismus als politische Gefahr”, weil ich genau dieses Thema für höchst brisant halte, wobei mich das Buch ziemlich enttäuscht, da Stern an Lagarde, Langbehn und van den Bruck völlig individualpsychologisch herangeht und das “Rechte” am Kulturpessimismus (meiner Meinung nach) bislang noch nicht wirklich klären konnte; sowie 3. Rudolf Lorenzens Berlin-Reportagen, die der Verbrecher Verlag unter dem Namen “Paradies zwischen den Fronten” herausgebracht hat, weil ich Lorenzen für einen der ganz großen deutschen Autoren halte – worin ich auch nicht enttäuscht wurde. Während es mich überraschte, dass Lorenzen in seinen Zeitungstexten noch lustvoller seiner Vorliebe für die Fakten frönt und diesen scheinbar naiven Ton an den Tag legt. Wie eng und folgerichtig also sein literarischer Stil mit seinem journalistischen zusammenhängt.

Aus der Spam-Reihe: Unterm Strich

Oktober 3rd, 2009 § 0

Der Kritiker Julien Louis Geoffroy scheint kein besonders gutes Ansehen genossen zu haben, laut Meyers Konversationslexikon von 1905 trug er den Beinamen “le Terrible” und “nutzte seine Stellung als Kritiker so aus, dass Dichter und Schauspieler sich durch einen Tribut gegen seine Angriffe zu sichern suchten.” Ob und wie gut das gelang, verschweigt das Lexikon höflich – und urteilt weiter: “Es fehlte ihm nicht an Geist und Witz, und wenn sein Stil oft grob und schwülstig ist, so sind seine Gedanken meist gesund und treffend. Sein ‘Commentaire sur Racine’ (Par. 1808, 7 Bde.) ist ohne Wert.” Nach Geoffroys Tod 1814 kursierte ein epigrammatischer Dialog über die Todesursache des Schrecklichen; der Unvorsichtige habe versehentlich an seiner giftigen Schreibfeder genuckelt, lautet dessen Pointe.
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Aus der Spam-Reihe: Zeichen & Wunder

September 20th, 2009 § 1

Als sich im Jahr 1982 ein paar wenig ernst gemeinte Debatten über wenig ernst gemeinte physikalische Versuchsanordnungen im elektronischen Diskussionsforum der Pittsburgher Carnegie Mellon Universität entspannen, handelte es sich dabei um „Spam“ im besten Sinne. Bereits zu dieser Zeit geisterte das Wort als Bezeichnung für vermeintlich überflüssige oder gar störende öffentliche Schriftwechsel durch die (zuerst nur lokalen) Netzwerke von Rollenspielern. Allerdings gehörte der Begriff noch nicht zum Hausgebrauch – und so wurde die für einige Teilnehmer offenbar ärgerliche Pittsburgher Angelegenheit anders gelöst: Der damals 34-jährige Informatiker Scott E. Fahlman schlug vor, den Ironiegehalt der Beiträge auf dem digitalen schwarzen Brett fortan mit Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer – :-) – zu indizieren. Obwohl es, schränkte Fahlman sogleich ein, angesichts der aktuellen Entwicklungen womöglich ökonomischer sei, Beiträge zu markieren, die keine Scherze sind. Und zwar mit dem Zeichen :-( . Damit war das Emoticon erfunden: Es hilft seither nicht nur bei der Interpretation der Online-Kommunikation, indem es die Semantik von Mimik und Gestik als Tastenkombination verfügbar macht, sondern beweist zudem ein jedes Mal wieder, wie konkretionsfähig ein Leser sein kann, wenn er in drei aneinandergereihten Satzzeichen ein Gesicht erkennt.
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Rollenspiele von Vorgestern. Casting-Shows im Fernsehen

Juni 25th, 2009 § 0

In der letzten Folge der diesjährigen Staffel von “Germany’s Text Topmodel” schwebten die drei Finalistinnen in wallenden Gewändern aus dem Himmel einer nach einem Chemiekonzern benannten “Arena” herab (”Stadion” sagt man ja nicht mehr, das klingt zu friedlich). Über eines konnte die ätherische Inszenierung freilich nur kurz hinwegtäuschen: GNTM handelt nicht von der Transzendenz weiblicher Schönheit, sondern davon, dass Heidi Klum die Körper ihrer Geschlechtsgenossinnen mit dem Eifer der mütterlichen Rivalin schindet, um individuelle Grenzen der physischen Belastbarkeit zu mangelndem Erfolgswillen umzudeuten.
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Die Black Box der Presse

Juni 6th, 2009 § 0

Wenig zu wissen bedeutet für die Presse, viel zu schreiben. Wie die Nachrichtenorgane den Absturz der Air-France-Maschine bewältigen.

Weiterlesen auf freitag.de …

Gehversuche auf unsicherem Boden
Gwendoline Riley erzählt vom Erwachsenwerden in Manchester

Mai 15th, 2009 § 0

Ans Hinfallen hat sich Esther längst gewöhnt. Schon in jüngeren Jahren hatte ihr eine Lehrerin mit Blick auf die vielen Schürfwunden den Rat gegeben, ihre Schuhe besser mit Nägeln auszustatten, um nicht dauernd den Boden unter den Füssen zu verlieren. Auch die Rückkehr ins heimische Manchester nach einem längeren Aufenthalt in den USA ist eine rutschige Angelegenheit.
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Melkvieh im schwarzen Rauschen
Die Vampire geistern wieder durch die Literatur

Mai 4th, 2009 § 0

Im Jahr 1895 werden in Berlin und Paris die ersten Kinematografen vorgestellt, etwa zur selben Zeit erfindet Sigmund Freud in Wien das Wort “Psychoanalyse”, und in London sitzt der irische Schriftsteller Abraham Stoker an dem Roman, der ihn unsterblich machen wird, “Dracula” erscheint 1897. Dass die Geschichte vom blutsaugenden Grafen so berühmt wurde, verdankt sie nicht zuletzt dem Kino. Auf der Leinwand machten sich die Untoten stets besonders gut, war dort doch ohnehin nie etwas anderes zu sehen als seltsam von ihrer Leiblichkeit erlöste Körper.

Derart wohl fühlten sich die Blutsauger in den bewegten Bildern, dass man fast meinen konnte, der moderne Mythos sei für die Literatur verloren. Falsch gedacht, denn gerade meldet er sich lautstark zurück zu Wort. Bei Viktor Pelewin zum Beispiel: Der russische Schriftsteller, den man hierzulande erst mit seinem dritten Buch “Generation P”, einer grotesken Persiflage auf die Konsumgesellschaft, richtig wahrgenommen hat, legt nach seiner Minotaurus-Umschrift “Der Schreckenshelm” (2005) und dem “Heiligen Buch der Werwölfe” (2006) nun einen Vampirroman vor, “Das fünfte Imperium”.

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Embedded bei Attac: Der faule Zauber des Als-Ob

März 28th, 2009 § 0

„All the News That’s Fit to Print“ lautet seit über 100 Jahren der Slogan der „New York Times“. Als im November 2008 die Yes Men – eine Gruppe Aktivisten, die seit Jahren im Fleisch der Marktwirtschaft herumstacheln – nach eigenen Angaben über eine Million optisch getreue Fälschungen der alten Tante in Umlauf brachten, stand stattdessen „All the News We Hope to Print“ links oben zu lesen. Zu diesen wünschenswerten Nachrichten gehörten nicht nur das Ende des Irakkriegs, die Verstaatlichung der Energiefirmen und die Anklage von George W. Bush wegen Hochverrats, sondern auch die Spalte namens „Corrections: For the record“.
In der ersten dieser Korrekturen fürs Protokoll entschuldigte man sich im Namen der „Times“ dafür, stets von „special interest“ gesprochen zu haben, wenn von den Interessen bestimmter Bürgergruppen die Rede gewesen sei, und stets vom „Nachgeben“, wenn die Politik diesen Interessen gefolgt sei – während im Zusammenhang mit Unternehmensinteressen nie von einem „Nachgeben“ die Rede gewesen sei. „Die Times bedauert, dass unser Sprachgebrauch den Eindruck erweckt haben könnte, dass die Interessen von Unternehmen wichtiger sind als jene der Bürger“, lautete der letzte Satz dieser wunderschönen wünschenswerten Nachricht. Die Yes Men kennen das Original ihrer frechen Kopie – und die Medien als solche und überhaupt – offensichtlich sehr genau. » Read the rest of this entry «