So verdruckst sind nicht einmal Zuhälter

Februar 25th, 2012 § 0 comments § permalink

Sie wollten Schmerzensgeld – und bekamen stattdessen ein paar hundert Euro Statistenhonorar: Der Fall eines Münchner Ehepaars, das zufällig von der eigenen Tochter in einer RTL2-Reportage über Swinger-Clubs entdeckt wurde, weil man vergessen hatte, die Gesichter zu verpixeln, hat in der vergangenen Woche für einiges Schmunzeln gesorgt. Noch in diesem aktuellen Urteil erklingt das ferne Echo der BRD-Strafrechtsreform der 1960er und 1970er Jahre, dessen zentrale Botschaft der SPD-Abgeordnete Adolf Müller-Emmert in seiner Funktion als Vorsitzender des Sonderausschusses für die Große Strafrechtsreform im Juni 1973 auf den Punkt brachte: „Der Staat ist nicht der Vormund unserer Gesellschaft.“

Vor allem nicht, wenn es um Sex geht. Die Paragraphen, die damals ins Wanken gerieten, avancierten dank der Medien zu Chiffren einer moralischen Auseinandersetzung. Im Mai 1969 prangte „§175: Das Gesetz fällt – bleibt die Ächtung?“ auf dem Titelblatt des Spiegel; zwei Jahre später schrieb der „Stern“ mit einem Cover über den §218 Geschichte. Auch Prostitution und Pornografie wurden damals weiter entkriminalisiert (oder eben: privatisiert). Rundum erneuert, im Grunde abgeschafft, wurde in diesem Zuge auch der Kuppelei-Paragraph §180, der zu seiner Zeit ebenfalls in aller Munde war, in der Folge jedoch deutlich schneller Patina ansetzte als die §§ 175 und 218.

Im TV dagegen feierte die Kuppelei schon wenig später fröhliche Urständ. Und dieses Fest geriert sich seither immer rauschender. Herzblatt-Kandidaten, Bauern, Schwiegertöchter, Bachelor: Man kann es nennen, wie man will – Hauptsache, das Fernsehen führt Regie, wenn der passende Sexualpartner selektiert wird. Selbst „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) ist aktuell schwer damit beschäftigt, den Zuschauern Hoffnung auf sexuelle Beziehungen zwischen den Kandidaten zu machen; vermutlich diente das Duett-Singen von vorneherein nichts anderem als deren Anstiftung. Je weiter der Partnervermittlungsmarkt ins WWW abwandert, desto eifriger scheint man mithin daran festzuhalten, damit die Kuppelei sich ja nicht wieder in die individuelle Verantwortlichkeit zurückzieht, in welche die Strafrechtsreform sie einst verwiesen hatte. Damals gab es eben noch kein Privatfernsehen, das diese Strafrechtsreform schnell als sein Geschäftsmodell entdeckte: Indem der Sex zur Privatsache erklärt wurde, qualifizierte er sich erst für die öffentliche Zurschaustellung.

Darüber müsste man auch gar nicht traurig sein – wenn die Erzählmodelle und Metaphern nicht stetig banaler würden und mehr über die Regisseure solcher Sendungen als über deren Teilnehmer verrieten. Weiterlesen auf vocer.org …

Worüber reden wir hier eigentlich?

Februar 12th, 2012 § 0 comments § permalink

[Erste Ausgabe meiner Kolumne „Röcke wie Hosen“ auf dem Mediendebattenportal vocer.org]

Ganz offensichtlich besteht Diskussionsbedarf. Als Anfang Januar in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Text erschien, der die Verweichlichung der jungen Männer von heute beklagte, hagelte es Kommentare, Blog-Artikel, Glossen und sogar offene Briefe. Der Strom der Meinungen fließt mittlerweile zwar ein wenig ruhiger, versiegt ist er allerdings noch immer nicht. Der Kommentarthread unter dem Artikel wächst gleichsam täglich weiter an, aktuell umfasst er 46 Seiten mit über 360 Beiträgen.

Das Verhältnis der Geschlechter ist ein reizendes Thema, in jedem Sinne – und deshalb kommt es meistens nur verbrämt zu Wort. Auch die „Zeit“-Autorin Nina Pauer schreibt nicht von irgendwelchen jungen Männern und Frauen, auch nicht von einem jungen Mann und einer jungen Frau, sondern von der jungen Frau und deren Missmut über den jungen Mann. Als gäbe es nur einen Vertreter der jeweiligen Gattung und befänden wir uns also am Anfang aller Tage, im Paradiesgärtlein bei Adam und Eva, da ein Exemplar tatsächlich noch genügte, um Rückschlüsse aufs Ganze zu ziehen.


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Wenn Frauen verschwinden

Januar 3rd, 2012 § 4 comments § permalink

Ich hatte mich schon am 29. Dezember des vergangenen Jahres geärgert, mit welch raunender Entrüstung Spiegel Online über die Retusche eines Fotos vom Staatsbegräbnis in Nordkorea berichtete. Und es dann wieder vergessen, wenn heute nicht „6 vor 9“ einen etwas nüchterneren Beitrag über dasselbe Thema auf 20minuten.ch verlinkt hätte. In der zugehörigen Bildergalerie (einer ausnahmsweise sehr guten, da sehr gut und informativ aufbereiteten) kommen dann endlich auch jene Fälle vor, die keine Einzelfälle darstellen, sondern gängige Praxis sind, aber in den Augen der Presse dennoch beinahe nie zum Thema taugen: die Photoshop-Retuschen weiblicher Körper nämlich.

Das Missverhältnis ist wahrlich grotesk: Wenn Männer von Bildern verschwinden, holt Spiegel Online all seine moralischen Gesten aus der Klamottenkiste, um den Vorgang als öffentlichen Betrug an der Wahrhaftigkeit vorzustellen; daran aber, dass täglich dutzende Busen vergrößert, dutzende Frauen-Hüften verschmälert, dutzende Frauen-Hintern verkleinert und dutzende Frauen-Beine verlängert werden, scheint sich kaum einer zu stören. Als handelte es sich bei dieser Verunstaltung weiblicher Körper nicht um eine politische Handlung. Aber wie käme man denn auf die Idee? Es muss wohl daran liegen, dass die meisten Redaktionen vor allem aus Männern bestehen, denen solche Dinge einfach nicht auffallen oder einfach zu gut gefallen, um dagegen Einspruch zu erheben. Schon klar: Die minderjährige Emma Watson turnt mit ein bisschen mehr Oberweite einfach mehr an als mit einer Körbchengröße kleiner als A. Und wenn ein bisschen weibliches Fleisch hier und da verschwindet, wird das offensichtlich auch mit Befriedigung (im wahrsten Sinn des Wortes) wahrgenommen.

Was für mich eigentlich einen hinreichenden Grund darstellt, auch in Medienredaktionen die Quote einzuführen – in der Hoffnung, dass dann vielleicht irgendwann mal Schluss ist mit der Konstruktion von Frauenbildern, die uns realen Frauen das Leben täglich schwer machen (obwohl die weiblichen Redaktionen von Frauenzeitschriften diese Hoffnung nicht gerade bestätigen, ich weiß). Und dabei meine ich nicht nur die schmale Hüfte, den kleinen Arsch und den vollen Busen, die so erfolgreich und nachhaltig als Ideale vorgestellt werden, dass die Zahl der Essstörungen und der Schönheitsoperation stetig steigt, sondern die Demütigung, die es für jede Frau bedeutet, ihre Geschlechtsgenossinnen täglich als Objekte männlicher Lust vorgeführt zu bekommen. Um es mit Sibylle Berg zu sagen, deren Spiegel-Online(!)-Kolumne ich jedem hier ans Herz legen möchte:

Ich will nicht, dass die Hälfte der Erdbevölkerung zur Lustbefriedigung der anderen bereit steht, ich will keine nackten Frauen auf Tageszeitungen, ich will keine Pornos, ich will den ganzen Dreck nicht, der nahe legt, mich als Ware zu betrachten. (Aus der Folge „Männer, ich habe es satt!“)

Die natürliche Ordnung

Juli 15th, 2011 § 1 comment § permalink

Mit dem Begriff „Lügenfernsehen“ ist der so genannten Scripted Reality meiner Meinung nach nicht beizukommen. Denn das impliziert, dass hinter der Erfindung irgendeine Wirklichkeit existierte. Tut sie aber nicht. Zumindest nicht mehr als hinter jeder Tatort-Folge oder Vorabendsoap, während der man sich manchmal ebenfalls vor der minderen Qualität der Schauspielerei gruselt. Wieso also einen Unterschied machen? Vor allem da eine derartige Differenzierung blind macht für die Semantik dieser Art des Fernsehens – und gleichsam als Entschuldigung dafür dient.

Denn klar ist doch: Was die so genannte Scripted Reality erzählt, ist einzig und allein den Hirnen beziehungsweise den Geschlechtsteilen (was manche offensichtlich nicht unterscheiden können) ihrer Verfasser geschuldet und hat mit der Realität am besten so wenig wie möglich zu tun. Es handelt sich um pure Fiktion, die nunmal nichts über die Wirklichkeit, dafür umso mehr über die Ideologie ihrer Autoren besagt. Und da kann man dann mal sehen, wo diejenigen, die in Deutschland an der Öffentlichkeit mitschreiben und mitverdienen, so unbedingt, ja geradezu zwanghaft die Konfliktpotentiale verortet sehen möchten. Denn die Botschaften der sog. Scripted Reality sind ziemlich unmissverständlich: Die soziale Unordnung, von der sie ein jedes Mal wieder handelt, ist in den meisten Fällen entweder auf einen Menschen mit Migrationshintergrund oder auf einen vermeintlichen Fehler in der Genealogie (Adoption, Stiefvater, jüngere Frau etc.) zurück zu führen.

Wo die angeblich „natürliche Ordnung“ der Genealogie (deutsch und heterosexuell bis dass der Tod euch scheidet) in Gefahr ist, da ist die Scripted Reality mithin nicht weit, um diese Gefahr in ihren buntesten Farben auszumalen. Die angebliche Realität dahinter ist – man kennt es ja leider viel zu gut – nur die billige Ausrede, um diese Behauptung von der Notwendigkeit einer biologisch und ethnisch einwandfreien Fortpflanzung unters Volk zu bringen. Ich muss zugeben: Angesichts solcher Phantasmen ist mir das manchmal etwas peinliche Bemühen des Tatorts um Ethno-Mainstreaming in jedem Fall sympathischer. Mir ist nur unklar, warum die sog. Scripted Reality Geschichten erzählen darf, die umgehend einen Sturm der Entrüstung auslösten, wenn sie in einem Tatort erzählt würden. Aber das ist eben der große Irrtum der Fernsehkritik: dass Trash weniger zu sagen hat als Qualitätsfernsehen. Ich fürchte sogar, es ist genau umgekehrt.

P.S.: Es möchte mir bitte keiner dieser so genannten Autoren der so genannten Scripted Reality erzählen, dass irgendwer da oben solche Storys verlangt, weil irgendwer da unten sich angeblich gerne solche Storys ansieht. Dieser Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen, ist ja ebenfalls nicht ganz neu.

Ich mach‘ mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt

Juni 16th, 2011 § 43 comments § permalink

Ich greife Autoren eigentlich ungern namentlich an, aber diesmal geht es leider nicht anders. Zur Vorgeschichte: Im Jahr 2008 lief der Dokumentarfilm „Kinder der 68er – Erben der Revolte“, den ich für den FREITAG besprochen habe. Der Name Mariam Lau sagte mir damals selbstredend etwas, gelesen hatte ich von ihr bis dato jedoch so gut wie nichts. Und danach noch weniger, denn seit diesem Film ist sie mir gründlich unsympathisch, wie man dem Ausschnitt aus meinem Artikel darüber vielleicht entnehmen kann:

Mit seinem Vortrag über das Schah-Regime gab ihr Vater [Bahman Nirumand] 1967 den Studenten die Argumente ihrer Proteste in die Hand, seine Tochter arbeitet heute bei der Zeitung Die Welt – bei der „Springer-Presse“ also, die den 68ern von Anfang an ein Dorn im Auge war. „Eine Stimme der Dritten Welt“ unterzeichnete Nirumand seine Zeitungsartikel damals, „das war die Rolle, die mein Vater spielte“, urteilt Mariam Lau belächelnd – als wäre es gar nicht denkbar, dass Bahman Nirumand sich selbst so gesehen hat. Mit links will Lau sichtlich nichts zu tun haben; „da bin ich Gott sei Dank verschont geblieben“, freut sie sich gleich zweimal, als die Rede auf die anti-autoritäre Erziehung kommt. Auch macht sie eine Differenz zwischen „links“ (die Anderen) und „klar sehen“ (sie selbst) auf.

Wie klar sie politisch sieht, kann man in der aktuellen ZEIT lesen, für die Lau mittlerweile schreibt. Eine Doppelseite im Feuilleton ist dem Feminismus gewidmet, den Auftakt links oben bildet Laus Text „Was ist schiefgelaufen?“, die Unterzeile lautet: „Warum ich Heidi Klum hasse – und meine Tochter ‚Germany´s next Top-Model‘ trotzdem sehen darf“. Die Erklärung, warum Mariam Lau Heidi Klum hasst, kann man sich denken: Es sind die bekannten und richtigen Argumente gegen GNTM (hier als GNT abgekürzt, warum auch immer), jedoch eher verhalten und mit einigen Fragezeichen in Worte gefasst. Spannender ist dagegen die Erklärung, warum ihre Tochter die Sendung „trotzdem“ sehen darf. Erstens, so Mariam Lau in meinen Worten, ist Anna ein selbstbewusstes Mädchen. Das will ich ihr auch gerne glauben, denn ohnehin ist es das Zweitens, das mich die vergangenen Stunden derart in Rage versetzte, dass ich mich erst einmal beruhigen wollte (was bislang noch nicht so gut geklappt hat). Mariam Lau schreibt:

Zweitens – und das dürfte der tiefere Grund dafür sein, dass ich mir keine Sorgen mache – sind Anna und ihre Freundinnen Mittelschichtskinder, die beste Aussichten haben, selbst auch wieder Mittelschicht zu werden. Die Mädchen auf dem Catwalk aber sind oft Friseurinnen, Hauptschülerinnen und Töchter von Migranten, die sich von Heidi und ihrem Dschungelcamp den schnellen Aufstieg ohne lästigere Paukerei erhoffen.

Und da weiß ich dann wirklich nicht mehr, wo ich mit dem Ausräumen der unappetitlichen Schubladen anfangen soll. Versuchen wir´s ganz nüchtern: Erstens haben Mittelschichtskinder heute wahrlich nicht die besten Chancen, Mittelschicht zu werden, da es diese Mittelschicht schon bald nicht mehr geben könnte, wie uns Wirtschaftswissenschaftler desöfteren bedeuten (und ich mir angesichts dieses Artikels fast wünsche). Zweitens – und das dürfte der tiefere Grund dafür sein, dass ich mir Sorgen über Frau Laus Befähigung mache – sind die GNTM-Kandidatinnen beileibe nicht ‚faule Unterschicht‘, im Gegenteil ist die diesjährige Gewinnerin laut Pro Sieben BWL-Studentin (allerdings, das stimmt, mit Migrationshintergrund, und eine solch nicht-deutsche Genese gilt Mariam Lau ja offenbar ebenfalls als Ausweis für Bildungsfaulheit); und sogar eine Stammzellenforscherin befand sich dieses Jahr unter den Top 15. Soll heißen: Da wollte wohl jemand den schnellen journalistischen Aufstieg ohne lästige Paukerei.

Dass „Friseurinnen, Hauptschülerinnen und Töchter von Migranten“ – diese Reihung, die gleichsam nebenbei die Abstammung ins Spiel bringt, muss man sich wirklich mehrmals auf der Zunge zergehen lassen! – oft keine anderen Chancen auf den gesellschaftlichen Aufstieg als per GNTM, DSDS und so weiter haben, weil Ober- und Mittelschicht mithilfe ihrer Bildungsbiopolitik alles daran setzen, sie bloß nicht nach oben durchdringen zu lassen, kommt Mariam Lau gar nicht erst in den Sinn (schon klar: Wer etwas wirklich will, der schafft das auch – da sind sich Klum und Lau vermutlich absolut einig). Besser gesagt: Genau darüber scheint sie sich im Grunde zu freuen. Schließlich sichern einzig solche Aufstiegsblockaden ihrer Tochter auch weiterhin die „besten Chancen“, ebenfalls Mittelschicht zu werden. Die Chance also, auch später zu denjenigen zu gehören, die sich stets so köstlich amüsieren, wenn wieder einmal ein paar „Friseurinnen, Hauptschülerinnen und Töchter von Migranten“ verzweifelt versuchen, sich nach oben casten zu lassen, und daran wieder einmal scheitern, weil: falsche Gene, Pech gehabt.

Das Adjektiv „asozial“ hat laut Duden online übrigens die folgenden Bedeutungen:
1. unfähig zum Leben in der Gemeinschaft, sich nicht in die Gemeinschaft einfügend; am Rand der Gesellschaft lebend
2. (meist abwertend) die Gemeinschaft, Gesellschaft schädigend
3. (umgangssprachlich abwertend) ein niedriges geistiges, kulturelles Niveau aufweisend; ungebildet und ungehobelt

Die dritte Definition hat sich leider durchgesetzt, weil man damit immer die Anderen so wunderbar als selbst schuld brandmarken kann. Ich bevorzuge die zweite, nicht nur weil sie der ursprünglichen Definition näher liegt, sondern auch weil sie hier einfach besser passt. Und da ich eine angeblich linksliberale(!) Zeitung(!), in der solche Artikel erscheinen, nicht mehr im Hause haben mag, werde ich mein Abo zum nächstmöglichen Zeitpunkt kündigen.

Die Lust am Lager

Januar 25th, 2011 § 5 comments § permalink

Die zweifellos erfolgreichste räumliche Ordnung des aktuellen Fernsehens ist das Lager. Ganz gleich, ob man den jeweiligen Raum nun als „Bandhouse“, „Dschungelcamp“ oder „Model-WG“ tituliert: Dort herrscht der Ausnahmezustand. Es gelten keine Gesetze, sondern Regeln, die von einem einzelnen Souverän jederzeit und ohne Wissen der ihnen Unterworfenen geändert werden können, und Verträge, die es nach Einschätzung mancher Juristen zur Sittenwidrigkeit nicht allzu weit haben. Dass solche Unterminierungen der Judikative nicht neu sind (Foucault lesen lohnt immer), sondern beinahe schon TVs Lieblingsbeschäftigung, weiß man von den so genannten Gerichtsshows. Wo Privatfernsehen drauf steht, ist eben auch Privatfernsehen drin: Alles Öffentliche wird von „den Privaten“ konsequent privatisiert. Was die Zuschauer des Lager-Fernsehens bald für Forderungen stellen werden, nachdem die Gerichte längst über die Folgen der Gerichtsshows und Crime-Serien klagen (CSI-Effekt), mag man sich lieber nicht vorstellen.

Das Lager als „nómos“, als Einheit von Ordnung und Verortung, der Moderne ist eines der großen Themen des italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Den modernen Staaten liegt laut Agamben nicht der Mensch als freies und bewusstes politisches Subjekt zugrunde,

sondern vor allem sein nacktes Leben, die einfache Geburt, die als solche im Übergang vom Untertan zum Bürger vom Prinzip der Souveränität eingesetzt wird. Die implizite Fiktion besteht darin, dass die Nativität unmittelbar Nation wird, so dass es zwischen den beiden Begriffen keinen Abstand geben kann.

Mit Flüchtlingen ist ein solches Konzept erwartungsgemäß überfordert, weil Geburt und Nation bei ihnen nicht mehr zusammenpassen – weshalb diese displatzierten Personen nur im Un-Ort des Lagers aufgehoben werden können. Das gilt auch für jene, bei denen die mediale Gleichung von Prominenz und Präsenz nicht mehr aufgeht und die man deshalb als B- oder C-Promis bezeichnet. Agamben definiert das Lager als „stabile räumliche Einrichtung, in der jenes nackte Leben wohnt, das in wachsendem Maße nicht mehr in die Ordnung eingeschrieben werden kann.“

Zwischen echten Lagern und TV-Lagern besteht freilich ein Unterschied, ich will hier keinesfalls irgendwelche Vergleiche ziehen. Nur passen Agambens Analysen tatsächlich peinlich genau auf die Fernseh-Lager, deren Insassen ihr psychisches und physisches Leiden ja nicht spielen, sondern durchweg real erleben. In dem Kapitel „VP“ erzählt Agamben etwa von Todeskandidaten, die man in den USA als Versuchspersonen missbrauchte mit dem Versprechen, das Urteil zu mildern, sofern sie überlebten. Ganz wie die Insassen der TV-Lager mussten auch jene einen Vertrag unterzeichnen, in dem sie die volle Verantwortung für ihre Teilnahme übernehmen. Und wie die Macher der TV-Lager beriefen sich auch jene Ärzte am liebsten auf dieses Schwarz-auf-Weiß-Einverständnis. Über den Körper jener Versuchspersonen sagt Agamben: „Das Experiment kann ihn wie ein Sühneritual dem Leben zurückerstatten […] oder endgültig dem Tod übereignen, dem er bereits angehört.“ Ersetzt man „Leben“ durch „Prominenz“ und „Tod“ durch „Vergessen“, dann taugt das als ziemlich perfekte Beschreibung des Lager-TV-Versprechens.

Was ich deswegen nicht mehr hören kann, ist dieses „Ist schon okay, wenn ihr das guckt, das tue ich doch auch“ der Journalisten, das sich mittlerweile als Umgang mit solchen Sendungen durchgesetzt hat. Denn gerade Zynismus scheint mir in diesen Fällen keine angemessene Haltung, und ein Journalist, der solche Äußerungen ernst meint, hat imho seinen Beruf komplett verfehlt. (Andererseits wundert mich eigentlich nichts mehr, nachdem ich vor einiger Zeit las, wie sich eine SZ-Redakteurin über „politische Korrektheit“ beschwerte, weil sie Sarrazin – auch so eine Folge der Nativität-Nation-Gleichung – nicht öffentlich Recht geben darf. Und es dann doch tat: „Natürlich sagen wir: Berlin muss aufpassen, dass die Türken das nicht so mit uns machen wie die Kosovaren mit dem Kosovo, die kriegen die vielen Kinder, wir haben im Durchschnitt ein halbes Kind, und die kriegen sieben Kopftuchmädchen“).

Was außerdem hinzugefügt werden muss für all jene, die die Intellektualität von Bach und Zietlow loben, nur weil sie Sartre zitieren können: Dafür waren auch Lageraufseher immer schon bekannt.

Nachtrag am 27.1.: Der Versuch der Löschung der Identität mittels Entzug des Namens („Sarah Dingens“) passt auch sehr schön ins Bild.