Ärger mit Exkurs

Mai 9th, 2012 § 2 comments

Ein befreundeter Verleger schilt mich oft naiv, weil ich Bücher, die ich bespreche, von der ersten bis zur letzten Seite durchlese und davon ausgehe, dass meine Kollegen das auch tun. Dieser Verleger kann alle Rezensenten und die Bücher, die sie zwar besprochen, aber offensichtlich nur quergelesen haben, beim Namen nennen. Und das sind keine unbekannten Namen. Dass dabei nicht nur keine ernsthaften, sondern meist auch eher positive Kritiken zustande kommen, versteht sich von selbst: Einen Roman zu verreißen, den man nur halb gelesen hat, getrauen sich wohl nur die wenigsten (jedenfalls ohne auf die unvollständige Lektüre hinzuweisen).

Selbst wenn ein Kritiker das jeweilige Buch komplett gelesen hat, steht in seinem Artikel oft eine Menge Unsinn – das ist zumindest meine Erfahrung. Wie viel Unbildung und Unkreativität unter Literaturkritikern, die von Sprache doch eine Ahnung haben sollten, herrscht, ist wahrlich unglaublich. Klar: Jedem geht mal ein Text daneben, auch ich war schon oft unzufrieden mit meinen Texten, weil ich das Gefühl hatte, nicht alles Wichtige gesagt oder dem Buch nicht Genüge getan zu haben. Aber dieses fade Blabla, das man viel zu oft liest, habe ich, glaube ich zumindest, sehr selten abgeliefert (allerdings behauptet das vermutlich jeder von sich). Und wenn doch, dann hat das meiner Meinung nach in den meisten Fällen mit den Büchern zu tun gehabt: Über sehr schlechte und sehr gute Bücher schreibe ich sehr gern und deshalb meistens auch ganz gute Texte. Nach der Lektüre eines So-lala­-Romans dagegen entsteht nicht selten ein So-Lala-Artikel. Zudem gibt es da immer ein wenig Unsicherheit im Urteil; die rührt aus der Tatsache, dass man als Literaturkritiker heutzutage kaum mehr guten Gewissens Vergleiche und Superlative gebrauchen kann. Einfach weil es unmöglich ist, alle Bücher zu lesen, die pro Halbjahr auf den Markt kommen, und das Risiko, dass man ausgerechnet das außergewöhnlichste, tollste, wichtigste übersieht, stetig zu wachsen scheint. Was ich mit all dem sagen will: Ja, die Literaturkritik macht tatsächlich gerade nicht viel her, und zu einem Gutteil ist sie selbst daran schuld.

In dieser Woche stieß ich nun auf ein Interview, das Kathrin Passig mit der Buch-PR-Agentin Gesine von Prittwitz geführt hat und das von der anderen Seite auf die Kritik zielt. Kritiken, so behauptet von Prittwitz in dem Gespräch, seien ein schmutziges Geschäft: „Bücher, deren Verlag keine Anzeige schaltet, haben einfach null Chancen, rezensiert zu werden.“ Das ist, pardon, Blödsinn. Ich weiß nicht, von welchen Büchern und welchen Zeitungen sie spricht, aber ich habe bereits eine Reihe von Büchern besprochen, deren Verlage keine Anzeige geschaltet haben; und diese Texte sind auch erschienen, auch wenn der Verlag keine Anzeige geschaltet hat. Zudem dürfte nach dieser Logik kein einziger Kleinverlag jemals in einer größeren Zeitung besprochen werden, denn denen fehlt schlichtweg das Geld, um Anzeigen zu schalten. Seltsamerweise werden sie aber besprochen – womit die Aussage von Gesine von Prittwitz ihren Mangel an Wahrheitsgehalt bereits entblößt hätte.

Exkurs: Von den zwei Monaten meines Praktikums in der SZ-Medienredaktion habe ich vor allem eine Anekdote in Erinnerung, die natürlich wunderbar zu meinem Idealismus passt, aber dennoch wahr ist: Ich hatte einen Text über die INSM geschrieben, es war kurz vor fünf, also kurz vor Druckfreigabe, und einer – es war entweder Christopher Keil oder Hans-Jürgen Jakobs – fragte: „Schalten die eigentlich Anzeigen bei uns?“ Ich zuckte die Schultern, und er sagte grinsend: „Na, dann tun sie das wohl bald nicht mehr.“ Das war kein ironischer Gestus, sondern ernst gemeint. Nicht erst seit diesem Erlebnis ärgern mich Pauschalurteile über den „heutigen Journalismus“ so fürchterlich.

Gesine von Prittwitz mag schon recht haben, dass ein Großteil der Szene viel zu verflochten ist, aber das ist weniger finanziell, sondern vielmehr personell (jeder kennt jeden und ist deshalb nett zu jedem). Eine Aussage wie oben zu publizieren, finde ich deshalb, gelinde gesagt, unglücklich, weil sie eine persönliche Erfahrung als Tatsache vorstellt, die angeblich ach so bestens bekannt sei. Eine Debatte über Sinn und Unsinn von Literaturkritik führe ich sehr gerne und halte ich durchaus für dringend angebracht, weil auch mir die qualitativen Mängel horrend erscheinen. Aber korrekte Fakten wären dafür in jedem Fall die Grundvoraussetzung.

P.S. vom 10. Mai: Gesine von Prittwitz meint auch die Ursache dieser Fehlentwicklung erkannt zu haben: „Es lebt ja kein Printmedium mehr vom Verkauf. Die leben von den Anzeigen.“ Das ist, pardon Nummer zwei, ebenfalls Blödsinn, denn große Printmedien haben noch nie vom Verkauf gelebt, sondern immer schon von den Anzeigen.

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