Schon wieder komisch

April 7th, 2014 § 0 comments § permalink

Ich verstehe selbstverständlich den Affekt, der Paranoia von Katzenkrimi-Autoren öffentlich widersprechen zu wollen, wenn deren offensichtlich rassistischer und sexistischer Mist – sofern man den bisherigen Besprechungen Glauben schenken darf – zum Bestseller avanciert. Allein: ein Gutteil der Bücher in den Top Ten zeichnet sich durch Dummheit, Xenophobie, schlechtes Deutsch und eine reaktionäre Ideologie aus; es gäbe mithin vieles, dem man widersprechen müsste. Irgendwie scheint jedoch – um nur zwei Beispiele zu nennen – der antisemitische Gehalt der BIS(S)-Serie oder die rassistische Semantik vieler Lokalkrimis weniger attraktiv für Kritiker zu sein als Sachbücher von Autoren, die vorgeblich klar sagen, was sie so meinen über Deutschland, die Welt und ihren Penis (was dann nicht selten miteinander verwechselt wird).

Das Problem ist nur: der anekdotischen Evidenz, die all diese Sachbücher verbindet, ist mit dem Besteck des Kritikers und/oder des Journalisten nur sehr schwer beizukommen. Anders gesagt, in den Worten eines Germanistikprofessors: Eine solche Ideologie ist nicht dekonstruierbar, weil sie gar nicht erst auf Logik und Ratio fußt. Wohl auch deshalb gelang (meiner Meinung nach) bislang keinem eine angemessene Reaktion auf die Behauptung, in Deutschland herrsche ein „irrer Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Wie sollte man auch einem subjektiven Eindruck widersprechen, der derart offenkundig falsch ist und den Mangel an Wirklichkeitsgehalt mit Populismus und Verschwörungstheorien mehr schlecht als recht zu verschleiern versucht?

Den Vogel abgeschossen hat allerdings die ZEIT, die das Buch des Katzenkrimiautors zunächst als authentisches rühmt, das „aufrichtigen Herzens“ geschrieben wurde. Dann folgt die Schilderung dessen, wogegen sich der Katzenkrimi-Autor wendet:

Dass der Zuzug von Ausländern die Republik bunter mache, dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei, dass Frauen nicht an den Herd gehörten, dass alle Formen der Sexualität gleichwertig seien[…].

Spätestens dieser zweite Absatz macht deutlich, dass der Verfasser dieses Artikels (und mit ihm die Korrekturleser des Textes) nicht zu wissen scheint, wovon er spricht, da er dieselben Quatsch-Behauptungen aufstellt, wie der Katzenkrimi-Autor, und diesem damit implizit recht gibt, sei es bewusst oder unbewusst. Denn niemals nie seit Beginn dieser Disziplin hat die Gender-Wissenschaft behauptet, „dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei“. Es handelt sich dabei vielmehr um ein „Argument“, mit dem ihre Gegner sie zu denunzieren versuchen: Gender-Forschung leugne, dass Frauen Brüste und Männer einen Penis hätten. Das ist allerdings Schwachsinn, und zwar völliger.

Richtig in dem ZEIT-Artikel ist dagegen der Vergleich mit dem Buch Mein Kampf von Adolf Hitler – wer da einmal hineingelesen hat, kann die Parallele nur vorbehaltlos bestätigen. Umso überraschender die Pointe in der ZEIT:

Das alles ist so wüst vorgetragen, dass es schon wieder komisch ist. Mit dieser Attitüde lässt sich kein Staat machen, nicht einmal eine Splitterpartei für Überzeugungsspießer.

Das finde ich nun wirklich eine seltsame, ja vielleicht sogar feige Volte, weil der Text am Ende also vor seiner eigenen These zurückzuckt. Schließlich war es just Mein Kampf, mit dem Adolf Hitler einen Staat gemacht hat, der Menschen erst rhetorisch ausgegrenzt und sie im Anschluss ganz real industriell vernichtet hat.

Unsinn und Nachrichten

Februar 15th, 2014 § 0 comments § permalink

The Daily Beast zählt upworthy.com zur amerikanischen „New New Left“, die New York Times meint, die Seite sei „designed to spread the love for stuff that matters“, und das US-Wirtschaftsmagazin Fast Company beschreibt die Seite als „kind of like a soulful Buzzfeed“. Da ist was dran, wobei der Begriff „soulful“ die Sache nicht ganz trifft, denn die Upworthy-Macher zeichnen sich weniger durch Seele und Gefühle als vielmehr durch Haltung und eine eigene Meinung aus. Upworthy-Mitgründer und -Herausgeber Adam Mordecai zum Beispiel schreibt in seinem upworthy-Profil:

I want my gay friends to be able to get married. I want my undocumented friends to gain citizenship. I want everyone to have healthcare. I want the media to do their job. And I want politicians to learn shame.

Selbstredend schlägt sich der politische Anspruch in den Inhalten nieder; die aktuellen Aufmacher von Upworthy lauten zum Beispiel:

»Old White Guy Drops A Monster Speech On Anti-Gay Football Teams. Seriously Impressive Performance.«

»What Happens To Some Kids When They Go To Work In This Famous Industry Is Awful«

»One Of Putin’s Homophobic Spokesmen Is Shamed On ‘The Daily Show,’ And That’s The Least Awesome Part«

Nun kann man darüber streiten, ob man den massenhaften Konsum bunter Bildchen und kurzer Filmchen wirklich als politischen Diskurs begreifen kann, der infiltriert werden muss. Man kann darüber streiten, ob eine derart zerstreute Unterhaltung tatsächlich Auswirkungen auf Meinungen und Haltungen haben kann. (Ich selbst bin mir da nicht sicher, weshalb ich längst mal über Upworthy schreiben wollte.) Was man aber nicht kann: Man kann Upworthy keinesfalls als »Blödelseite« titulieren. Das würde auch nie einer machen? Oh doch, die die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel.

Anlass des SZ-Artikels ist die Tatsache, dass die Nutzerzahlen von Upworthy – nach einem geradezu unglaublichen Anstieg im vergangenen Jahr – plötzlich um die Hälfte gesunken sind. Grund dafür, das hat die SZ auch ganz brav bei Bloomberg abgeschrieben gelesen (ohne den Text zu verlinken, denn das würde die User ja nur zum Wegklicken animieren), ist eine Algorithmen-Änderung bei Facebook, denn von dort kommt durchschnittlich die Hälfte der Upworthy-Nutzer. Der Bloomberg-Text zitiert Vermutungen, dass diese Änderung ziemlich unverblümt auf Upworthy ziele – weil Facebook es entweder generell nicht goutiere, dass jemand sein Geschäftsmodell auf dem »sozialen Netzwerk« aufbaue; oder weil Facebook von Upworthy endlich auch mal Geld sehen will. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Facebook den Algorithmus ändert, und schon früher lag der monetäre Verdacht nahe, wie Bloomberg-Autorin Megan McArdle schreibt:

Then Facebook changed the rules, and suddenly those followers were worth a lot less. Meanwhile, Facebook expanded its advertising offerings, leading to suspicions that the algorithm change was aimed at making page owners pay to promote their content.

Das scheint die SZ aber genauso wenig mitbekommen oder verstanden zu haben wie die Bloomberg-Metapher des Bauens auf fremdem Grund, deshalb wird das Schrauben an den Algorithmen in der SZ etwas anders erklärt, nämlich mit einer weiteren groben Fehleinschätzung des Autors, der Upworthy-Inhalte kurzerhand zum »Unsinn« erklärt:

Mehrfach im Jahr arbeiten die Facebook-Ingenieure an den Algorithmen, zuletzt im Januar 2014. Die Änderung zuvor, Anfang Dezember, war es, die Upworthy auf Facebook aus dem Schaufenster in die Abstellkammer verbannte. Dabei hat Facebook legal und auch verständlich gehandelt – die Firma wollte weniger Unsinn und mehr ernsthafte Nachrichten verbreiten.

Es ist wahrlich bemerkenswert, wie man einen Artikel über Upworthy und Facebook schreiben kann, ohne überhaupt seriös zu erklären, was Upworthy ist, ohne wenigstens am Rande die Frage nach der Ideologie der Klickzahlen zu stellen (die bei Upworthy tatsächlich nicht alles sind) und ohne die politische Implikation der Facebook-Algorithmen auch nur marginal zu reflektieren. Ich kann ehrlich keinen Journalisten ernstnehmen, der das Geschäftsmodell seines Arbeitsgebers derart inhaliert hat, dass er nurmehr ökonomisch und kaum mehr kritisch zu denken in der Lage ist. Die Pointe des Textes verrät das ein weiteres Mal, denn auch sie handelt nicht von Information oder gar kritischem Bewusstsein, sondern einzig und allein von Marketing:

Und doch haben die Kalifornier mit dem Schritt viel weniger ihren Sinn für gute Berichterstattung bewiesen als ihre große Macht über die Nachrichtenauswahl. Für Medienunternehmen kann dies nur bedeuten, sich nicht zu sehr auf Facebook und andere Netzwerke zu verlassen. Es muss noch andere Wege geben, um in die Köpfe der Leser zu gelangen.

Ja, ja, diese Wege muss es wohl geben. Ich hätte da sogar eine Idee: Wie wär´s denn einfach mal mit weniger Unsinn und mehr ernsthaften Nachrichten?

Sicherheitheit. Oder: Perlen des Paranoiden

Juni 17th, 2013 § 0 comments § permalink

In der NZZ ist heute ein schöner und interessanter Text über die jüngste Geschichte der mittelalterlichen Handschriften von Timbuktu erschienen. Kurz gesagt geht es darum, dass das wertvolle Gut in großer Gefahr ist, weil kluge Einwohner der Stadt es vor den verschiedenen Besatzungsmächten versteckt haben. Nun lagern diese Handschriften also übers Land verteilt in unauffälligen Blechkisten und Garagen – und nehmen dabei täglich Schaden, vor allem wegen der Feuchtigkeit in den heimlichen Lagern.

Der Autor Markus M. Haefliger scheint nicht nur vor Ort und im Besonderen auch in einer solchen Bücher-Garage gewesen zu sein (im Guardian stattdessen nur eine Meldung), sondern erzählt gleichsam nebenbei noch eine andere Geschichte, die man durchaus amüsant nennen könnte. Denn die Retter der Handschriften haben ziemlich Chuzpe bewiesen, als sie die Schriftstücke den letzten Besatzern, den Jihadisten von Ansar ad-Din, als religiösen Wert vorstellten und sie in deren Schutz übergaben. Eine Aufgabe, die von den Islamisten denkbar bereitwillig und eifrig übernommen wurde – offenbar in völliger Unkenntnis des tatsächlich teils weltlichen, teils alchemistischen (und also ganz sicher nicht islamistisch korrekten) Inhalts der Texte. Haefliger zitiert in indirekter Rede Abdoulaye Cissé, einen Mitarbeiter des Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba (Ahmed-Baba-Institut): „Dies [die Manuskripte bewachen] hätten sie auch getan, und zwar so gründlich, dass ihn die Wachen bald selber nicht mehr in das Gebäude eingelassen hätten.“ Und noch ein weiteres Mal haben sich die Islamisten als schlichtweg ungeeignete Vertreter ihrer Ideologie entpuppt: Als sie ein paar tausend Manuskripte einfach übersehen haben, weil das Licht in einem Raum nicht eingeschaltet war.

Wie gesagt: Dass es sich bei den Islamisten um Idiotae gehandelt haben muss, wird nicht explizit gesagt, lässt sich aber kaum ignorieren. Ich finde den Ton jedenfalls gelungen, weil er dennoch nicht kolonialistisch und nicht islamphob daherkommt. Worauf Haefele sogar ausdrücklich hinweist, und zwar gleich im ersten Satz, ist eine gängige Fehlinterpretation, die auch ihm unterlaufen ist und er also richtigzustellen sucht (was ich schon an sich sehr löblich finde und eigentlich auch für einen feinen journalistischen Zug halte):

Anders, als dies in den Medien dargestellt worden ist oder in Berichten über die islamistische Besetzung Timbuktus im letzten Jahr suggeriert wurde (auch von diesem Korrespondenten), waren die sektiererischen Unterdrücker nicht blindlings darauf aus, die Handschriften der alten Gelehrtenstadt zu zerstören. Im Gegenteil.

Diese Formulierung „Im Gegenteil“ muss es wohl gewesen sein, die beim Perlentaucher sofort die Islam-Verbrüderungs-Alarmglocken schrillen und den Verstand in diesem Lärm verstummen ließ – obwohl das Gegenteil von „blindlings“ die Sache eigentlich eher schlimmer denn besser macht. Aber gut. In semantischer Unfähigkeit fasst man beim Perlentaucher die Stoßrichtung des Artikels also so zusammen:

Mit sehr viel Verständnis für die Islamisten, die Mali ins Chaos gestürzt hatten, erzählt Markus Haeflinger, wie Abdel Kader Haïdara und die Bibliothekare von Timbuktu ihre kostbaren Manuskripte in Sicherheitheit  [sic] brachten.

Ich weiß nicht, welchen Artikel der Verfasser der Perlentaucher-Feuilleton-Rundschau gelesen hat, aber den von Markus M. Haefliger mit Sicherheitheitheit nicht. Oder höchstens den ersten Satz davon. Das Tragische an der Geschichte: ein einigermaßen intelligenter Islamophobiker (sofern es solche gibt, ich zweifle ja daran) hätte sich aus diesem NZZ-Artikel einen richtig hässlichen und bösen und doofen Islamisten stricken können. Doch nicht einmal dazu reicht es offenbar beim Perlentaucher.

In eigener Sache: LiteraturInnen

Mai 24th, 2013 § 0 comments § permalink

Seit beinahe zehn Jahren arbeite ich als freie Autorin für diverse Print- und Onlinemedien. Gleichsam von Anfang an stand ich dabei auf zwei verschiedenen Beinen: Ich habe einerseits über Medien (aka Fernsehen und Internet) geschrieben und andererseits über Literatur. Leichter fällt mir Ersteres, auch und gerade weil es sich nicht um mein Leib- und Magenthema handelt und ich also irgendwie anders als Andere darüber zu schreiben scheine; mein Herz hängt jedoch zweifelsohne an der Literatur, und zwar mehr denn je. Ich bin, um es kurz und kulturpessimistisch zu sagen, glücklich, wenn ich ein Buch lese, und oft völlig genervt, wenn ich mehrere Stunden vor irgendeinem Bildschirm verbracht habe (außer natürlich, es handelt sich um eine Grimme-Sitzung!). Und gefühlt wird das immer schlimmer. Das Dumme ist nur: Die politische Kritik ist bei Medienthemen überaus gefragt – sowohl im Netz als auch auf Papier kann man damit relativ einfach Punkte machen –, in der Literaturkritik dagegen alles andere als en vogue.

Da ich Literatur jedoch für das vielleicht politischste (kann man dieses Wort eigentlich steigern?) Medium überhaupt halte und ohnehin schon seit Jahren vorhabe, endlich ein ordentliches Literaturblog zu beginnen, ist es „LiteraturInnen“ geworden: ein Literaturblog, das sich mit einem politischen Thema, nämlich mit Frauen und Literatur beschäftigt. Als ich mir über diese Ausrichtung klar war, war ich im Grunde bloß bass erstaunt, dass es ein solches Blog nicht längst schon gibt.

„LiteraturInnen“ ist nur bedingt als „affirmative action“ zu verstehen: Tatsächlich waren Frauen jahrhundertelang von der Produktion von Literatur ausgeschlossen und zugleich deren beliebter Gegenstand. Auch das Lesen galt für Frauen bis ins 19. Jahrhundert als gefährliche Angelegenheit. Heute dagegen sind Frauen schlechthin die Zielgruppe des Buchmarkts. Als junge, gutaussehende Autorin hat man es, so heißt es, leichter, einen Verlag zu finden denn als mittelalter Mann. Kann sich frau darüber glücklich schätzen? Oder bedeutet diese Hausse des Weiblichen womöglich just das Gegenteil? Welchen Einfluss auf das Schreiben, auf die Literatur, auf den Buchmarkt hat dieser plötzliche Sprung vom Außenseiter zum Superstar? Was hat man von so etwas wie dem „Fräuleinwunder“ zu halten? Warum kennt jeder Literaturkundige Chinua Achebe, aber kaum einer sein weibliches Pendant Buchi Emecheta? Wer ist Buchi Emecheta? Werden weibliche Autorinnen anders porträtiert und medialisiert als männliche Autoren? Schreiben, wie die berühmte Frage lautet, Frauen wirklich anders? Über all das und noch einiges mehr will ich auf „LiteraturInnen“ nachdenken.

Coming as soon as possible: www.literaturinnen.de

Schon online: der zugehörige Twitterkanal.

Nicht rot, sondern tot

Mai 12th, 2013 § 0 comments § permalink

Die englische Sprache kennt das Wort „drinkard“ nicht. Dennoch trägt eines der wichtigsten Bücher der nigerianischen Literatur – jenes Buch, das gemeinhin an den Anfang der schriftlichen (englischsprachigen) und womöglich deshalb international bekannt gewordenen nigerianischen Literatur gesetzt wird – den Begriff „drinkard“ im Titel. Ich spreche von Amos Tutuolas Roman „The Palm-Wine Drinkard and his Dead Palm-Wine Tapster in the Deads´ Town“. In den deutschen Übersetzungen ist von diesem Neologismus, der den Trinker („drinker“) mit dem Säufer („drunkard“) verschmilzt bzw. exakt auf der Grenze zwischen beiden zu verorten ist, nichts mehr zu hören. Auf Deutsch heißt der Roman in allen greifbaren Übersetzungen schlicht und einfach „Der Palmweintrinker“. Amazon besitzt sogar die dreiste oder eben bloß desinteressierte Respektlosigkeit, das Buch unter dem Titel „Der Palmweintrinker und sein roter Palmweinzapfer in der Totenstadt“ zu führen (bei buecher.de und booklooker dasselbe, siehe Google).

Nein, der Palmweinzapfer des nach hiesigen Kategorien zweifellos alkoholabhängigen Ich-Erzählers – „Ich trank Palmwein von morgens bis abends und von abends bis morgens. Ich konnte damals kein gewöhnliches Wasser mehr trinken, nur Palmwein“ – ist nicht rot, sondern schlicht und einfach tot, weil er von der Palme gefallen ist. Deshalb – hier würde man sagen: Er ist auf Entzug – begibt sich ja der Ich-Erzähler auf eine mehrjährige Reise, während der er für „Erste-Welt“-Verhältnisse allerlei seltsamste (aka „magische“) Abenteuer bestehen muss, um den Palmweinzapfer aus der Stadt der Toten zurückzuholen (was ihm nicht gelingt).

Nun gut, das Wort „drinkard“ mag nicht allzu leicht zu übersetzen sein (wie wäre es mit „Trinkbold“ oder „Betrinkter“ oder „Trunkener“?). Allerdings liest man in der Übersetzung von Walter Hilsbecher – immerhin nicht der Untalentierteste – gleich auf der ersten Seite noch so ein dickes Ding. Im Original bezeichnet sich das Ich als „expert palm-wine drinkard“. Hilsbecher macht daraus einen „Palmweintrinker, wie er im Buch steht“. Das ist wahrlich ein mehr als bemerkenswerter Vergleich, denn Palmweintrinker standen damals gerade in keinem Buch, da sie keinen Gegenstand der Literatur darstellten. Dass nicht wenige derjenigen, die über den Roman geschrieben haben, dessen Fundierung in der oralen Tradition betont haben, war Hilsbecher offensichtlich egal. Für ihn handelt es sich also um einen „Palmweintrinker, wie er im Buch steht“. (Ich habe bereits andere deutsche Ausgaben des Romans bestellt und bin gespannt, wie diese Stelle dort lautet.)

Mit diesem Beispiel trifft man allerdings mitten in die Debatte über dieses Buch, das 1952 erschien. Im Ausland, vor allem in den USA und in Großbritannien, wurde Tutuola dafür hoch gelobt; als Paten fungierten T.S. Eliot und Dylan Thomas. Im eigenen Land jedoch warf man ihm vor, die Vorurteile der „Ersten Welt“ über den „dunklen Kontinent“ zu bestätigen. Tatsächlich hat Tutuola den Roman nicht, wie ein Artikel korrekt bemerkt, im Englisch des 18. Jahrhunderts geschrieben, sondern in Pidgin-Englisch, dem Englisch also, das die Kolonialherren ihren Sklaven beibrachten. Tutuolas englischer Verlag Faber and Faber griff an überraschend wenigen Stellen ein, und das offenbar wirklich nur zur besseren Verständlichkeit (z.B. „at all“ statt „atal“), wie eine abgedruckte Manuskriptseite in der Erstausgabe ostentativ ausstellt.

Ob man damit die „Primitiviät“ der nigerianischen Literatur oder gerade das Gegenteil beweisen wollte, lässt sich heute freilich nicht mehr sicher sagen. Das Nachwort der deutschen Ausgabe des Verlags Wolfgang Rothe ist jedenfalls ein bemerkenswertes Beispiel für ach so gutgemeinte Völkerverständigung, die sich am Ende als pure Arroganz entpuppt. Es stammt von Janheinz Jahn, der sich ohne Frage verdient gemacht hat um die Vermittlung afrikanischer Literatur, und schwadroniert merkwürdige Dinge über den „afrikanischen Geist“ und dessen „unmittelbaren Kontakt mit dem Unbewussten“. Die finale eurozentristische Pointe, die „den Afrikaner“ endgültig als zurückgeblieben ausweist, heißt: „Sollte es uns nicht ganz gelingen [dass wir uns „in jene über-reale Welt [des Romans] hinüberschwingen“], geben wir dieses Buch getrost unseren Kindern: sie werden uns helfen.“

Dass Tutuola in „The Palm-Wine Drinkard and his Dead Palm-Wine Tapster in the Deads´ Town“ die eigenen Yourba-Mythen in die Sprache der Kolonialisten transferiert, also ganz bewusst einen „clash of cultures“ herbeiführt, scheint dagegen keiner Erwähnung wert. Auch die Tatsache, dass der Autor ganz sicher nicht der „uneducated African who came out of the bush with a manuscript under his arm“ war, hörte man damals offensichtlich nicht gern. Trotz all der Anzeichen für die explizite Schriftlichkeit des Romans – Majuskeln, Anführungszeichen, Einschübe und so weiter – beharrt auch Jahn vehement darauf, dass es sich hier um „Sprache und keine Schreibe“ handle. Ich finde leider keine Jahreszahl in dieser Ausgabe, aber man ahnt zum Glück, wie lange her und also überholt diese Worte sind.

(Ich halte im Herbst vier Vorträge über die nigerianische Literaturgeschichte und packe meine Recherche und Vorüberlegungen hier ins Blog – to whom it may concern…)

Modern und jung

April 20th, 2013 § 1 comment § permalink

Ich habe den Fehler gemacht und diesen Text gelesen. Obwohl ich absolut nüchtern und durchaus bei Sinnen war, habe ich ihn nicht verstanden und musste ich ihn also noch einmal lesen. Und noch einmal. Hilft alles nichts: Noch immer habe ich nicht den blassesten Schimmer, warum es  „kriselt“ beim „DSDS-Liebespaar“ (ob das bald als Ausbildungsberuf gilt?), das offenbar aus Erwin Kintop und Lisa Wohlgemuth besteht. Da steht: „Sie wollen erst einmal Abstand. Beziehungsstatus im Moment: Es ist kompliziert.“ Dann wird Erwin Kintop zitiert: „Klar sind da noch Gefühle da, aber es ist halt kritisch in der Hinsicht, dass man halt jetzt erst mal nachdenken muss über alles.“ Fassen wir zusammen: Das mit dem Abstand ist kritisch in der Hinsicht, dass man jetzt erst mal nachdenken muss über alles. Aber über was eigentlich?

Jeder, dem es derart an Worten und Gedanken mangelt, landet früher oder später da, wo all diejenigen landen, die sich unbedingt nach Bedeutung sehnen, aber selbst leider keine ausmachen können. Genau: beim Nationalen. So auch der Autor dieses Artikels über den hinsichtlich des Nachdenkens kritischen Abstand des „DSDS-Liebespaars“. Erwin wolle in der nächsten Show mit „viel Gefühl punkten“, heißt es. Zu deren „Motto“ (das freilich kein Motto ist, denn es lautet – Achtung, festhalten – „5x Deutsch, 5x Englisch“) hat Erwin deshalb eine klare Haltung: „Beim deutschen Song, finde ich, kann man mehr Gefühl reinbringen, weil man den Text viel besser versteht als einen englischen.“

Doch damit noch lange nicht genug des kulturpolitischen Kommentars. Überhaupt, so berichtet der Artikel weiter, seien alle TeilnehmerInnen „richtig begeistert“ davon, dass auf Deutsch gesungen werde. Das ist tatsächlich überraschend, denn Deutsch zu sprechen fällt ihnen (oder eben dem Autor dieses Textes) offensichtlich ziemlich schwer:

„Deutsche Songs sind genauso geil wie englische Songs“, so die DSDS-Kandidatin Susan Albers. Superstar-Anwärterin Beatrice Egli freut sich natürlich am meisten von allen über das Motto: „Ich freu mich, dass die Menschen draußen hoffentlich merken, dass deutsche Sprache nicht altmodisch ist, sondern dass sie auch sehr modern und jung sein.“ [sic sic sic ...]

Diejenigen, die sich einreden wollten, es ginge bei DSDS um Popmusik, werden nun womöglich jammern, dass gerade ein schleichender Umbau zur Schlagersendung von statten gehe. Allein, DSDS war noch nie etwas anderes als – genau: so „modern und jung“, wie man es vielleicht nur hierzulande sein kann.

Da fehlt mehr als ein o

April 13th, 2013 § 2 comments § permalink

Wie wohl viele andere Menschen hat auch mich das Projekt „st_ry“ von Anfang an interessiert und fasziniert. Eine Reportage, finanziert durch crowdsourcing:

Wir glauben: Zuschauer lassen sich gute Inhalte etwas kosten – wenn sie darauf vertrauen können, dass mit ihrem Geld kein überflüssiger Schwachsinn angestellt wird.

Von den Sourcern erbittet man sich jedoch nicht nur profanes Geld, sondern echte Teilhabe:

Der Entstehungs- und Produktionsprozess ist dabei immer transparent, wird permanent aktualisiert und nachvollziehbar aufbereitet. Kein Medienkonzern, keine Politik, kein Sendergremium hat die Finger im Spiel.

Bei all diesen Sätzen klingelte bei mir nicht nur einmal die Floskel-Glocke, weil wirklich alles auftaucht, was gerade als „Zukunft des Journalismus” begriffen werden will, und zwar gewürzt mit ein paar Prisen flockig formulierten Ressentiments. Da hätten wir jenes so simpel der Marionetterie zu verdächtigende trio infernale Wirtschaft/Politik/Bürokratie: „Kein Medienkonzern, keine Politik, kein Sendergremium hat die Finger im Spiel“; und da hätten wir noch ein hübsches Bisschen mehr Volkstribun: „… dass mit ihrem Geld kein überflüssiger Schwachsinn angestellt wird“, (Herv. von mir).

Entsprechend gespannt war ich auf die vier Themen (und v.a. deren Vorstellung), über die alle Nutzer (nicht nur die Sourcer) online abstimmen können. Sie heißen:

1. Kann das Netz die Politik heilen?

2. Mein Fleisch, mein Korn, mein Hamburger

3. Kommt digitale Liebe besser?

4. Gebt mir meine Daten zurück!

Es tut mir ehrlich leid, aber trotz der Lektüre der Mini-Exposés (bitte selbst lesen: Ich wollte die hier nicht alle vier in voller Länge zitieren) interessiert mich keines dieser Themen. Weil ich schon die Fragen nicht verstehe bzw. nicht für Fragen halte. Bzw.: Ich finde es mindestens merkwürdig, ja, sogar ziemlich betrüblich, dass ein innovatives Format thematisch gerade nicht innovativ ist, sondern nicht mehr und keine anderen inhaltlichen (nicht formalen!) Denkansätze zu bieten hat als das öffentlich-rechtliche (Netz-/Ökothemen) und das private (Selbstversuch/Ökothemen) Fernsehen, die all diese Themen nun schon mehrfach und zudem komplexer beackert haben, als die st_ry-Mini-Exposés vermuten(!) lassen. (Man muss sich dieses Glücksversprechen „keine Politik“ wirklich auf der Zunge zergehen lassen.)

Man könnte auch behaupten: st_ry ist populistisch. Ich glaube tatsächlich, dass die Form der Finanzierung bereits die Themenwahl bestimmt hat (Netzthemen für die „Netzgemeinde“). Und genau das ist es, was ich im Journalismus eigentlich gern für unzulässig halten würde. Und noch lieber möchte ich es für eine Unterschätzung der sog. „Netzgemeinde“ halten, wenn man ihr unterstellt, dass sie nur für Geschichten über eigene Anliegen, also nur zur narzisstischen Genugtuung, den Geldbeutel zückt (aber z.B. nicht für eine Reportage über ein anderes großes soziales Thema der Zeit, denn daran denen mangelt es wahrlich nicht). Allein, das fällt mir angesichts von st_ry ziemlich schwer. (Ähnlich schwer übrigens wie bei einem heutigen Artikel aus der SZ, der allererst seine diskursive Unzulänglichkeit beweist, aber unbedingt Byung-Chul Han (wiki) als Schwätzer hinstellen will.)

PS für denjenigen, den es angeht: Das mit dem weißen Anzug war unter Alkoholeinfluss gesagt, aber trotzdem sowas von richtig.