Ich habe leider keine Statistiken darüber aufgestellt, aber manchmal kommt es mir doch so vor, als gehorchte die Kritik an der Kritik auch irgendwelchen saisonalen Gesetzen. Diesen Winter jedenfalls tritt sie wieder verstärkt auf (war das auch im vergangenen Winter so?). Wenn´s von draußen kalt heranweht, kühlt man eben langsam nach innen durch, und dann friert´s einen – das kenne ich auch – plötzlich umso doller angesichts des Blödsinns und/oder der Gemeinheiten, die man in manchen Zeitungen so zu lesen bekommt.
Den Auftakt bildete, soweit ich das im Blick habe, Oliver Gehrs in der November-2009-Ausgabe des Medium Magazins (frei online im Dummy Blog), “Hört bloß auf zu loben!” lautete die Überschrift, unter der er sich über all die elenden Superlative ausließ, die Literaturkritiker so gerne verwenden. Es geht darin auch im Bolanos “2666″, und in dem Fall muss ich ihm durchaus Recht geben: Das ist ein dolles Buch, keine Frage – aber ein “Meilenstein der literarischen Evolution” (ZEIT)? Hm. Auch finde ich – im Gegensatz zu Felicitas von Lovenberg (FAZ) – keinesfalls, dass man “für 2666 […] eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführen” muss (”bolanoesk” schlug von Lovenberg, wie einfallslos, vor).
Gehrs schreibt:
Ich weiß nicht, was los wäre, wenn sich andere Redaktionen mit solcher Inbrunst des Schwelgens hingeben würden. Wenn der Sportredakteur von einem Fußballspiel berichtete, wie es noch nie eins gegeben hat, der Autotester von einem Wagen, der mit Worten nicht mehr zu beschreiben ist, der Politikredakteur von einer Rede, die einen nicht mehr loslässt und der Medienjournalist von einer Sendung, die Geschichte schreiben wird.
Und da weist er auf ein Problem hin, das er dann leider nicht weiter ausführt. Ich glaube nämlich, der ganze Überschwang der Literaturkritiker rührt auch daher, dass sie sich bewusst oder unbewusst auch als Agenten der Literatur im Allgemeinen – und damit auch des Buchmarktes – sehen. Dass sie also glauben, sie müssten ihre Leser vom Lesen (i.e. Kaufen) an sich überzeugen, weil das ja keiner mehr tue (im Gegensatz zum Fußballspielegucken und Autofahren). Dass sie daran auch indirekt schuld sind, weil sie jedes Buch wieder über den Klee loben und sich der Leser folglich gar nicht mehr auskennen KANN, übersehen sie dabei geflissentlich. Wie auch – meine Meinung -, dass man sich bei Nicht-Lesern besser nicht anbiedern sollte.
Nicht weniger problematisch ist die Tatsache, dass manche Redakteure (nicht alle!) etwas anderes als überschwänglich Positives gar nicht mehr sehen wollen. Ich habe mit meinen Chefinnen da großes Glück, die wollen wirklich über die Bücher sprechen und keine Tipp-Texte. Nur einmal erging es mir anders, und das war ausgerechnet bei den LITERATUREN der Fall, von denen ich dachte, dass sie den Diskurs über Literatur tatsächlich führen wollten. War aber nicht so: Als ich im Vorgespräch über eine Kritik sagte, das Buch sei Kitsch (oder so ähnlich), hatte ich den Auftrag zur Besprechung auch schon verloren. Und Geld habe ich für die Lektüre natürlich auch keines bekommen. (Der Text erschien dann glücklicherweise in der Berliner, ich habe gute Chefinnen wie gesagt.)
Womit wir bei der zweiten Kritik an der Kritik wären, bei Jörg Sundermeiers “Warum es dicke Bücher schwer haben” in der Jungle World. Wenn ich mit dem Verleger nicht schon vorher einmal über dieses Thema geredet hätte, würde ich wohl jetzt in all meiner traurigen Naivität vor seinem Artikel sitzen. Sundermeier behauptet, dass Kritiker Bücher oft gar nicht komplett lesen; beim Buch eines Autors aus seinem Bekanntenkreis, das 1000 Seiten fasse (und sich entsprechend schwer tat, einen Verlag zu finden), hätten einige Rezensenten “sogar beim Verlag nach einer Kurzzusammenfassung ersucht”. Ich kann´s immer noch nicht glauben, ehrlich. Woher das kommt, ist allerdings einfach. Sundermeier:
1 000 Seiten anspruchsvolle Literatur wollen erstmal gelesen sein. Der Literaturkritiker, die Radioreporterin, der Experte vom Fernsehen, sie alle werden nach Zeilen und Sendezeit bezahlt, der Aufwand muss sich lohnen, und ein dünnes Bändchen liest sich nun mal schneller weg als ein dicker Wälzer. Wer vom Zeilengeld leben muss, liest und bespricht lieber viele anspruchslose Romane im Monat als nur einen anspruchsvollen.
Doch geht es ihm nicht nur um die ökonomischen Zwänge, sondern auch um die Qualität:
Leider sind die Kritiken nicht selten allein deshalb “meinungsstark” geschrieben, weil sich der Kritiker als kritischer Geist auszuweisen versucht. Der Kritiker bewirbt sich also selbst. Generell gilt: An die Stelle von textlichen Kriterien treten geschmäcklerische Urteile, auf die Einordnung in das Werk des Autoren wird zugunsten des Porträts verzichtet, manch ein kritischer Einwurf wird gleich ganz zugunsten der Nacherzählung des Medienspektakels um das Buch geopfert.
Womit wir bei der dritten Kritik an der Kritik wären, bei Torsten Körners Artikel “In der Spottgemeinschaft” aus der Funkkorrespondenz, der sich anlässlich von Dieter Wedels Fernsehfilm “Gier” über die Mechanismen der Medienkritik erregt.
Richtig ist daran, dass viel geätzt wird, viel Spott ausgeschüttet wird, was manchmal wahrlich unangenehm bis peinlich ist. Die Beispiele, die Körner aus der SZ nennt, haben mich auch gegruselt. Nur ist sein Text selbst alles andere als konsequent. Erst lobt der Autor Wedel dafür, dass er überhaupt noch anspruchsvolles Fernsehen mache – das hat aber meiner Meinung nach mit Kritik nichts zu tun, ein Werk will doch an den eigenen Ansprüchen gemessen werden, und nicht daran, dass es unter den Schlechten noch das Beste ist; sonst müsste man über den Boulevard ja kein Wort mehr verlieren, und das hielte ich für ziemlich falsch. Dann sagt Körner außerdem, dass man Person und Werk auseinander halten soll – was er ja gerade im Eingang seines Textes nicht gemacht hatte.
Die grundlegende These ist jedenfalls, und damit geht er beinahe mit Sundermeier d´accord, dass die Kritiker selbst den Mechanismen des Marktes gehorchen:
“Sie selbst müssen ihre Kritiken als Events anlegen, sie müssen auf Teufel komm raus unterhalten, sie sind vielfach eher Entertainer als Kritiker, sie verhalten sich zu ihrem Gegenstand eher wie Dieter Bohlen sich zu den Kandidaten seiner Castingshows verhält, sie klopfen Sprüche, gehobene Sprüche freilich.”
Hm. Also: Ja, unterhalten mag ich mit meinen Texten auch, und das mag auch Torsten Körner, würde ich annehmen. Sonst hätte er seine Argumente ja in Form von Stichpunkten und ohne jegliche Metaphorik präsentieren können. Hat er aber nicht gemacht, so nüchtern ist er dann doch nicht (z.B. schreibt er “Wedel ist auf jeden Fall kein Kerlchen, wie es viel zu viele gibt in diesem Geschäft. Er ist immer noch ein Kerl, der letzte Sonnenbrillenfürst unter Deutschlands kleinem Film- und Fernsehhimmel.”).
Zudem sieht er nicht, dass dieser Spott und dieses Ätzen gerade den Versuch darstellt, gegen diese ganze Sender-PR zu opponieren, indem man demonstriert, dass man eine eigene, i.e. andere Meinung hat. Dass also, wie Körner prinzipiell fordert, der Medienbetrieb auf diese quasi spiegelnde Weise in die Kritiken einfließt. Das ist falsch, keine Frage, weil es eben nicht mehr unabhängig ist. Ich glaube jedoch, Körner versteht das zu wenig systemisch – schließlich ist auch die Kritik Teil des Betriebs und insofern dessen Mechanismen natürlich ebenfalls unterworfen. Die SZ muss eben auch Quote machen. (Aber ja: Ein bisschen mehr Mühe könnte man sich dabei manchmal schon geben.)
Ich glaube ohnehin, das Problem ist von anderer systemischer Natur. Das macht das Beispiel von Felicitas von Lovenberg ja unmissverständlichst klar: Im Journalismus geht es nicht mehr (nur?) um die Leser, sondern darum, in die Geschichte einzugehen, indem man z.B. eine neue Bezeichnung in die Literaturgeschichte einführt. Das heißt: an der ganz großen Historie mitschreibt. Die Eitelkeit ist eben ein schmaler Grat: Ohne wird man kaum Journalist werden, aber zuviel davon sorgt dafür, dass man sich eigentlich nicht mehr als solcher bezeichnen dürfte. Und unter den heutigen Bedingungen der quasi epidemisch verbreiteten Aufmerksamkeitsdefizitstörung wird dieser Grat tatsächlich immer schmäler. Aber es gibt ihn durchaus noch.

