Männer für Mauser

Mai 28th, 2016 § 0 comments § permalink

Ich weiß nicht, wie viele Leserbriefe zur Berichterstattung über den Prozess gegen den ehemaligen Rektor der Münchner Musikhochschule wegen sexueller Nötigung bei der Süddeutschen Zeitung eingegangen sind und ob darunter auch welche waren, die sich für die Klägerinnen ausgesprochen haben. Publiziert hat sie SZ jedenfalls nur solche, die das Urteil für ein Unding halten – die entsprechende Überschrift gab es gratis dazu: „Münchens Kulturwelt ist entsetzt“. Die Auswahl der Briefe mag auch populistischen Kriterien gehorcht haben, denn unter den Schreibern finden sich drei prominente Namen, und derjenige mit den meisten akademischen Titeln erhielt denn auch die farbliche Hervorhebung.

SZ_MauserMichael Krüger, Hans Magnus Enzensberger und Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer sprechen sich also entschieden für Siegfried Mauser und gegen die Rechtmäßigkeit des Urteils aus – obwohl sie, das unterstelle ich hier mal, dem Prozess nicht beigewohnt haben und die Aussagen der Nebenklägerinnen also höchstens aus der Zeitung kennen.

Über das „Frauenproblem“ der Bayerischen Akademie der Schönen Künste – dessen Präsident Borchmeyer einmal war und Krüger aktuell ist – habe ich mich bereits an anderer Stelle geäußert, daher hier nur kurz zusammengefasst (und ohne manche kolportierten Äußerungen der beiden Herren über die Weiblichkeit weiterzuplappern): Sowohl Programm als auch die Zusammensetzung der Mitglieder der Akademie lässt darauf schließen, dass Frauen vielleicht Objekt der Schönen Künste sein können, aber lieber nicht deren Subjekt. Dass Borchmeyer dementsprechend die patriarchalen Machtstrukturen in universitären Einrichtungen abstreitet und damit gleich im selben Atemzug die Aussage der Frau in Zweifel zieht, überrascht mich deshalb wenig.

Doch dass eine Professorin sich erst fast sieben Jahre nach der angeblichen sexuellen Nötigung zur Anzeige entschließt, um sich als ,Untergebene‘ des Rektors keine beruflichen Nachteile einzuhandeln – also erst auf sein Ausscheiden aus dem Amt warten musste -, leuchtet mir ganz und gar nicht ein.

Nun kenne ich weder den Angeklagten noch die beiden Nebenklägerinnen, deshalb kann ich nicht einschätzen, ob sich da tatsächlich jemand gegen Mauser verschworen hat. Natürlich kann es sein, dass jemand Rache üben wollte. Hans Magnus Enzensberger allerdings hegt da keinerlei Zweifel, schließlich weiß er bestens Bescheid über das typisch weibliche Verhalten:

Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen. Sie wissen sich der überforderten Justiz virtuos zu bedienen.

Wie schrieb der Focus noch so schön? Genau:

Jeder zweite Frauenmord wird vom Partner verübt.

Welch hübsche Metapher Enzensberger dafür wohl fände? Und wie entsetzt ist eigentlich Münchens Frauenwelt? Ach, stimmt, darum geht es hier ja gar nicht.

Tittenkritik. Oder: In Zukunft bitte ohne mich

Februar 26th, 2015 § 0 comments § permalink

Als der „Personaler“ (wie man das eben so nennt) mich im Vorstellungsgespräch fragte, ob ich – die genaue Frage war bestimmt dezenter formuliert, ich gebe sie hier also nur sinngemäß wieder – mich nur für die Stelle beworben hätte, weil ich einen unbefristeten Job im Visier hätte, lehnte ich selbstredend rundweg ab. Und nachher habe ich mich fürchterlich geärgert, sowohl über die Frage als auch über meine Reaktion: Zielte das etwa auf einen bestehenden Kinderwunsch? Und wäre es eigentlich verwerflich, wenn man die Vertragsbedingungen als Argument gelten ließe? Allein, meine Antwort damals war tatsächlich ehrlich. Ich wollte diesen Job, (fast) egal, zu welchen Bedingungen. Erst jetzt, fünf Wochen nach meinem ersten Arbeitstag, beginne ich langsam den Unterschied zu begreifen, den ich bislang gern geleugnet hatte.

Als ich begann, meine bisherigen AuftraggeberInnen über meine veränderte Situation zu informieren, erntete ich völlig andere Reaktionen, als ich erwartet hatte. Mir fiel die Entscheidung für eine Vollzeit-Festanstellung schwer, so begierig ich auch auf diesen Job war. Doch eben diese Bedenken teilte niemand. Die RedakteurInnen, für die ich tätig war, fielen mir im Gegenteil sprichwörtlich fast um den Hals, so sehr freuten sie sich für mich. Sinngemäß: Glückwunsch, da hast du gerade noch rechtzeitig den Absprung geschafft! Nun sind die Sinne geschärft, und wirklich höre ich seither gefühlt viel öfter Geschichten von (jetzt also ehemaligen) KollegInnen, aus der Medienbranche im weitesten Sinne, die sich zwar nicht gerade mit Putzen, aber doch mit Jobs über Wasser halten müssen, die ihrer Qualifikation in keiner Weise entsprechen. Langsam erkenne ich an, dass die RedakteurInnen recht hatten: Ich habe den Absprung gerade noch rechtzeitig geschafft. Welch bittere Erkenntnis über die Presse und das Verlagswesen diese Aussage darstellt, mag sich jeder selbst überlegen.

Meine Distanz zum Journalismus wächst mittlerweile täglich. Wo ich ihn früher noch verteidigt habe – à la „die müssen eben auch irgendwie überleben“ – gebärde ich mich heute moralaposteliger denn je. Wenn der Süddeutschen Zeitung wie vor kurzem für ihre Panorama-Seite nichts besseres einfällt, als die Bekleidung von Oscar-Gästen – natürlich vor allem von weiblichen; einzige Ausnahme ist der langhaarige Jared Leto – mit merkwürdigsten Argumenten abzukanzeln und sich dabei nicht einmal zu scheuen, in die übelste Machismo-Kiste zu greifen („Wofür die Corsage, wenn dann nichts drinsteckt?“) und statt Unfallmeldungen also Tittenkritik zu betreiben, verstehe ich auch ehrlich die Medien-Welt so gar nicht mehr. Oder eben: besser denn je, weshalb ich froher denn je bin, ihr nicht mehr anzugehören.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bin nun hier, als Redakteurin ehrlich bemüht um gerechte und kluge Erwachsenenbildung. Ich mache mithin genau das, was ich immer schon machen wollte. Nur: Als Journalistin ging das irgendwie nicht.

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Oder: Abschied II

Oktober 21st, 2014 § 0 comments § permalink

Am Samstag, den 18. Oktober, war wieder einer dieser Tage, wie ich sie in jüngster Zeit immer öfter erlebe. Ein Tag, an dem man morgens die Zeitung aufschlägt – und sie vor Ärger bald wieder zuschlägt, weil der Wille zur Aufklärung, den ich immer für die eigentliche Motivation von JournalistInnen gehalten habe (meinetwegen, dann nennt mich eben naiv), bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird nicht nur von der längst üblichen Schlamperei, was Rechtschreibung, Bildunterschriften und Fakten im Allgemeinen angeht, sondern vor allem von jenem Populismus, der das Gegenteil der Aufklärung darstellt und einzig und allein der Abwendung des drohenden Untergangs geschuldet ist. Viel zu viele Zeitungen und noch dringlicher deren Online-Portale scheinen wenig bis gar kein Interesse mehr an Informationsvermittlung zu hegen. Sie wollen sich verkaufen, und sonst gar nichts.

Eine Reaktion auf den zweifellos nahenden Tod der Tageszeitung präsentierte die Süddeutsche Zeitung an jenem 18. Oktober: die neue SZ am Wochenende, die ahnen lässt, wie sich die Süddeutsche Zeitung ihre Zukunft als Wochenzeitung vorstellt. Ein paar Bücher sind hinzugekommen, darunter selbstredend jener unvermeidliche „Stil“, der (genau wie fast alle Magazine von Tageszeitungen) keine andere Funktion hat, als den Werbekunden zu beweisen, dass Konsumprodukte auch redaktionell aufbereitet hübsch aussehen können. Am stolzesten ist man im SZ-Hochhaus aber vermutlich auf das, was bei der ZEIT Dossier heißt und bei der SZ also anders heißen muss und also „Buch Zwei“ heißt. Ich mag den Namen, aber das liegt offensichtlich nur daran, dass ich den Branchensprech verstehe; Freunde und Freundinnen von mir, die von der Presse keine Ahnung haben, fanden diesen Namen einfach nur doof. Ich dagegen war allererst entsetzt von dessen Aufmachung und Inhalt.

Da die SZ hier etwas Neues macht und folglich bestimmt ein wenig auf den Putz hauen wollte, darf man annehmen, dass sie sich für ihr erstes Buch Zwei einen Text ausgesucht hat, der sofort und rundherum klar macht, warum es das Buch Zwei braucht und was daran so exzeptionell ist. Die Länge allein kann und darf schließlich kein Argument sein (ist es in unseren durchformatierten Zeiten natürlich doch, ich weiß schon). Gut, um es nicht zu spannend zu machen: Das Buch Zwei handelte am 18. Oktober, bei seinem ersten Auftritt, von der Terrorgefahr in Deutschland. Schon im Untertitel wurde der Grundton angestimmt, der auch den Artikel durchzog (und eventuell den eher dünnen Informationsgehalt übertünchen sollte): Die neue Generation von Islamisten sei „so gefährlich wie nie zuvor“, heißt es da, und auch im Text wird ordentlich angstmachend geraunt. Die Hälfte jeder Seite ist mit – freilich ein Problem, das dem Thema geschuldet ist – nichtssagenden Bildern, vornehmlich von Überwachungskameras, illustriert, die gleich der Flipchart eines polizeilichen Ermittlers mit Pins und Fäden mit verschiedenen Orten auf einer Deutschlandkarte verbunden sind. Die Botschaft ist klar: Das Netz der islamistischen Bedrohung spannt sich über unser aller Vaterland!

Die Fragen, die ich angesichts des Aufstiegs des IS habe – Wie kann es sein, dass diese Ideologie so viele junge Menschen fasziniert? Warum sind Demokratie und Humanismus keine Ziele mehr? Und so weiter … – hat das Buch Zwei nicht beantwortet, und ich hatte nicht einmal den Eindruck, dass es sie überhaupt stellen wollte.

Zum Glück brachte der Postbote wenig später die Wochenendausgabe der Zürcher Zeitung, und zum Glück handelte der Aufmacher – nicht im Feuilleton oder im zweiten Buch, sondern auf der ersten Seite – von der Attraktivität des Islamismus für die Generation der 15- bis 25-Jährigen und formulierte auf seiner Suche nach Antworten kluge Gedanken, die sich arg verkürzt in den Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ fassen lassen. Es mag an mir liegen, aber: Das sind Artikel, die mich zum Nachdenken anregen. Während das Buch Zwei der SZ mich nur ärgerlich, verängstigt und uninformiert zurückgelassen hat. Es bedrückt mich ehrlich, aber für diese Art des „Journalismus“ sehe ich ganz sicher keine Zukunft. Denn wer die Leser für dumm verkauft, der muss sich nicht wundern, wenn die bald das Interesse am Lesen verlieren.

0,03 Prozent. Oder: Abschied I

Juni 11th, 2014 § 3 comments § permalink

Es sind mittlerweile viele Theorien über das Scheitern der Krautreporter ins Kraut geschossen, und im Grunde zielen alle auf diese oder jene Weise darauf, dass sich das Projekt nicht gut genug verkauft hätte. Diesen Vorwurf finde ich merkwürdig (oder sogar ein wenig gruselig in seinem blanken Kommerzialismus), da ich eigentlich immer froh bin, wenn man mir ausnahmsweise mal nichts verkaufen will, denn das ist im Journalismus ohnehin ziemlich selten geworden. Die Werbung in eigener Sache bestimmt längst nicht nur ein paar Links hier und da, sondern redaktionelle Linien und Entscheidungen: WM-Texte gehen gerade am besten? Na gut, erfinden wir also noch ein paar Placebo-Nachrichten, in denen die Wörter „Weltmeisterschaft“ und „Fußball“ vorkommen. Für den Bericht über die deutschen Rüstungsexporte interessiert sich gerade niemand? Na, dann bald weg damit. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Leserbeteiligungsprojekten und Marketinginstrumenten ist nunmal kein Zufall, und die LeserInnen beteiligen sich ja auch entsprechend brav daran, indem sie sich allererst und mehrheitlich für jene Themen aussprechen, die sie persönlich betreffen (Wo liegt nochmal Nigeria?).

Die Krautreporter haben auf Namen und etwas später auch auf Inhalte gesetzt, so dass ich mich in meiner Entscheidung dafür oder dagegen durchaus ernst genommen fühlte. Die wollten kein Lob für ihre PR, sondern eine Anerkennung für den Journalismus, den sie darstellen. Meine Entscheidung, die Krautreporter nicht zu unterstützen, basiert denn auch genau darauf: Die Köpfe und die Themen von Krautreporter finde ich nicht spannend, ganz einfach. Man muss da auch keine einzelnen Namen nennen, jedoch promoten sich einige der AutorInnen besser, als sie denken und schreiben, jedenfalls nach meinem Geschmack. Und wenn man mal die Vornamen der viel zu wenigen weiblichen Krautreporter in order of appearence benennt – Theresa, Jessica, Theresia, Andrea Hanna, Anne, Victoria –, dann ahnt man, dass es in diesem Team nicht nur an Frauen und MigrantInnen mangelt, sondern zudem das Milieu recht klar begrenzt ist. Aber gut, Journalismus ist und bleibt offenbar ein bürgerliche Erfindung und wird im Zweifelsfall eben mit dem Bürgertum untergehen müssen, wenn er sich weiterhin so arg daran klammert.

Womit ich endlich bei meiner eigenen These über das Scheitern der Krautreporter wäre, die die Bezeichnung „These“ eigentlich gar nicht verdient hat, da es sich um nichts anderes als eine banale Wahrheit handelt: Es gibt schlichtweg nicht genug Menschen, die bereit sind, für Qualitätsjournalismus – denn als solchen begreifen sich die Krautreporter durchaus, auch wenn das böse Wort höchstens zwischen den Zeilen genannt wird – 60 Euro im Jahr auszugeben. Kurz gesagt: Die Leute interessiert´s nicht, es ist ihnen buchstäblich nichts wert. Vielleicht sollte man diese Ablehnung ebenfalls als Form der Leserbeteiligung begreifen, statt ein ums andere Mal die Krautreporter zu schelten, dass sie sich ihren potentiellen LeserInnen nicht erfolgreich genug aufgeschwatzt haben. Wir haben 50 Millionen Deutsche gefragt: Wer ist bereit, für guten Journalismus 60 Euro auszugeben? Das Ergebnis: nicht einmal 15.000, das sind umgerechnet 0,03 Prozent. Auch eine Erkenntnis.

Und nun doch noch eine kleine These am Ende: Dass viele Medienblogger sich geradezu verpflichtet fühlten, ihren Beitrag nur unter ausgestellten Schmerzen oder ostentativ widerwillig zu leisten, aber ihn dann natürlich doch zu leisten, beweist vielleicht am besten, wie wahr das Krautreporter-Scheitern ist. Die Unterstützung galt sichtlich mehr der Hoffnung auf eine Zukunft des Journalismus denn dem Projekt als solchem. Auch diese Hoffnung darf nun als enttäuscht gelten.

 

Nachtrag 30. Juni: Da in den Kommentaren bereits darauf hingewiesen wurde: Ich habe natürlich mitbekommen, dass die Krautreporter ihr selbstgestecktes Ziel erreicht haben, fände es aber falsch, meinen Text jetzt dahingehend abzuändern, da ich meine Annahme eines Scheiterns nicht nachträglich verbergen wollte.

Boko Haram

Mai 14th, 2014 § 0 comments § permalink

Endlich ist Boko Haram wieder in aller Munde, und hinter diesem Namen liest man üblicherweise in Klammern die Übersetzung „westliche Bildung verboten“. Das klingt logisch und umgehend glaubhaft als Selbstbeschreibung einer islamistischen Terrorgruppe. Allein, so einfach ist die Sache nicht; offenbar sind sich nicht einmal alle Hausa (die Ethnie, deren Sprache diese Bezeichnung entstammt) einig, was dieser Begriff eigentlich bedeuten soll. Die Schwierigkeit liegt weniger in dem Wort „Haram“ – auch wenn üblicherweise der Zusatz „nach islamischem Recht“ fehlt, obwohl es just das beschreibt: dass etwas nicht Scharia-konform ist. Es geht mithin um „boko“, ein Hausa-Wort, „originally meaning sham, fraud, inauthenticity, and such which came to represent western education and learning“ (Paul Newman). Das Wort machte also einen Bedeutungswandel durch, von „Betrug“ zu „westlicher Bildung“.

Man kann sich ungefähr denken, wann das geschah: als die britischen Kolonialisten mit jeder Menge evangelikaler Missionare im Gepäck in das Gebiet des heutigen Nigeria kamen, nach und nach Richtung Norden vordrangen, dort mächtige Kalifate unterwarfen und 1914 schließlich drei „Protektorate“ zu einem Land namens Nigeria vereinigten. Zwar hat der Westen nicht nur die muslimische Bevölkerung (die Hausa und die Fulani) betrogen, doch waren und blieben sie die einzigen, die sich nicht – wie etwa die Igbo im Südosten oder die Yoruba im Südwesten – christianisieren lassen wollten und also stets die – nicht zahlenmäßig, sondern bürokratisch – Unterlegenen waren und blieben, während das Land die wichtigen Schritte in Richtung Unabhängigkeit unternahm. Die Aussage, dass westliche Bildung im Hausa-Islam verboten ist, stellt folglich kaum mehr als eine Tautologie dar, denn „westliche Bildung“ kann im Falle Nigeria umstandslos mit dem Christentum gleichgesetzt werden. Und was das Christentum da angerichtet hat, verursacht bis heute immer wieder Bürgerkriege; der brutalste davon der Biafra-Krieg von 1967 bis 1970, dessen Urszene den aktuellen Ereignissen verdammt ähnlich sieht. Auch damals begann alles mit Pogromen gegen Andersgläubige im Norden.

Ich halte den Roman „Half of the Yellow Sun“ (der Titel bezieht sich auf die Flagge Biafras) von Chimamanda Ngozi Adichie nicht in allen Teilen für gelungen (aber das sagt sich eben so widerwärtig leicht aus einer deutschen Perspektive). Und doch wirft schon der Trailer der Verfilmung ein paar Blitzlichter auf ein Land, in dem westliche Bildung nicht verboten ist, sondern vielmehr die einzige Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs darstellt.

Meine zweite Waschmaschine
Oder: Bauknecht ist jetzt Whirlpool

April 24th, 2014 § 4 comments § permalink

Gerade als wir dachten, es erfolgreich ignorieren zu können, dass unsere Waschmaschine ganz zweifellos gefährlich klingende Geräusche machte, krachte es irgendwo in ihrem Inneren zweimal scharf und metallisch. Ich drückte hysterisch den Stopp-Knopf. Ich zog den Stecker, und damit war das Ende der Bauknecht besiegelt. Ihr Leben war kein schlechtes, auch wenn es damit begann, dass ich sie gleich bei ihrem ersten Lauf fürchterlich demütigte, indem ich vergaß, zuvor die Feststellschrauben zu entfernen. In jeder weiteren Version, die F. von dieser Geschichte erzählt, hüpft die Bauknecht noch höher (spätestens beim überübernächsten Mal wird F.´s Hand in Kopfhöhe deuten) und bedrohlicher durch unser kleines Bad. Bedienungsanleitungen sind nunmal nicht mein Ding, schon nach dem ersten Halbsatz schaltet mein Gehirn einfach ab und ich bekomme es nicht mehr in Gang, solange ich solch ein Papier in Händen halte. Gleiches gilt für Handytarife, Verträge und ähnliche bürokratische Prosa: Das sind derart langweilige Texte, dass ich sie schlichtweg nicht verstehe. Wegen eben dieser widerwilligen Unfähigkeit habe ich auch die Suche nach dem preiswertesten Waschmaschinenmodell schnell wieder aufgegeben – die Frage reduzierte sich folglich auf einen Gegensatz, dessen Ungegensätzlichkeit als typisches Merkmal unsere Tage gelten darf, nämlich auf: Mediamarkt oder Saturn? Auch die Antwort ist vermutlich ziemlich zeitgemäß: Mediamarkt, weil der ist näher. Und am besten wieder eine Bauknecht, denn die mochte ich irgendwie, und im Grunde sind ja eh alle Marken dasselbe.

Als Frau in einer Waschmaschinen-Abteilung ist man ein doppeltes Objekt der Begierde: einerseits von einkaufenden Männern, weil Waschmaschinen zu den wenigen technischen Gerät gehören, mit denen umzugehen – so die Unterstellung – Frauen gewohnter und also erfahrener sind (während Spülmaschinen lieber von Männern adoptiert werden, warum auch immer); und andererseits von Verkäufern, die mittels desselben Klischees ein Gespräch auf Augenhöhe inszenieren, allerdings ohne mit einem weiteren ‚männlichen‘ Technikverständnis konkurrieren zu müssen. Vor beidem habe ich mich ein wenig gefürchtet, denn tatsächlich haben Waschmaschinen keine besonders guten Erfahrungen mit mir, und zudem habe ich in meinem Leben noch nie eine Waschmaschine gekauft (die erste war ein Geschenk meiner Eltern, vor immerhin 12 Jahren), weshalb ich mich für durchaus anfällig für die Vorführung ‚männlichen‘ Technikverständnisses hielt.

Der Verkäufer ließ im Mediamarkt auch nicht lange auf sich warten. Allein, das war gar kein Verkäufer, sondern ein Vertreter von Samsung, der mich also gar nicht beraten, sondern mir bloß eine Samsung-Maschine verkaufen wollte. Ich weiß nicht, ob es mittlerweile zum Usus gehört, dass neben (mehr oder weniger) unabhängigen Verkäufern, deren Rat wenigstens ich in Waschmaschinenangelegenheiten unbedingt bedarf, auch Unternehmensabgesandte auf Kunden losgelassen werden, um ganz gezielt zu desinformieren. Mir war der Samsung-Mann schon vorher aufgefallen, und mir war auch aufgefallen, dass er mich ins Visier genommen hatte, weshalb ich ihn auf seine nette Frage, ob er mir helfen dürfe, gleich auf seine Samsung-Zugehörigkeit angesprochen habe. Auch habe ich ihm sofort, vermutlich etwas überfallartig, eröffnet, dass ich auf keinen Fall ein Samsung-Produkt erwerben würde, weil ich damit wiederholt schlechte Erfahrungen gemacht hatte (Mobiltelefon und Laptop). Da zog er die Technikkarte: Na, wenn ich mich auf derart subjektive Erlebnisse verließe und von Fakten nichts wissen wolle, dringe er mit seinem Expertenwissen natürlich nicht durch … Ich ließ ihn also sein Expertenwissen anhand eines Vergleichs zweier Trommeln – ich habe die Fachbegriffe vergessen, pardon, und warum die eine besser sein sollte, als die andere, weiß ich auch nicht mehr – demonstrieren und entließ ihn, da er sein nächstes Opfer bereits ausgemacht hatte.

Doch auch dieser Käufer ließ sich offensichtlich nicht für dumm verkaufen, weshalb wir beide endlich ohne den Samsung-Mann dastanden und uns gegenseitig berieten (seine Siemens hat 20 Jahre gehalten!). Dann kam eine Verkäuferin, der ich sogleich meine vermeintliche Entschiedenheit für Bauknecht kundtat. Dann der Schock: „Bauknecht ist jetzt Whirlpool“, sagte sie (nein, eigentlich sagte sie: „Bauknecht ist jetzt Wörlpuhl“). Und nun? „AEG“, sagte sie, zeigte uns eine Maschine, beriet uns – und hatte in nicht einmal fünf Minuten zwei Maschinen verkauft (der Samsung-Mann war nach fünf Minuten noch nicht einmal zu seinem Trommelvergleich gekommen) – vermutlich zu ihrer Überraschung, weil sie den anderen Käufer und mich wohl anfangs für ein Paar gehalten hatte, da wir nett beisammen standen und plauderten. Der AEG-Co-Käufer wohnt, wie wir beim quasi parallelen Ausfüllen der Bestellzettel feststellten, nur ein paar Häuser weiter. Dass wir uns noch nie gesehen haben, mag in Berlin normal sein, aber sicher nicht in München. Und vielleicht ist das das eigentlich Zeitgemäße an dieser Geschichte: Dass nun Keine-Samsung unbekannterweise gleich doppelt in derselben Straße steht.

Schon wieder komisch

April 7th, 2014 § 0 comments § permalink

Ich verstehe selbstverständlich den Affekt, der Paranoia von Katzenkrimi-Autoren öffentlich widersprechen zu wollen, wenn deren offensichtlich rassistischer und sexistischer Mist – sofern man den bisherigen Besprechungen Glauben schenken darf – zum Bestseller avanciert. Allein: ein Gutteil der Bücher in den Top Ten zeichnet sich durch Dummheit, Xenophobie, schlechtes Deutsch und eine reaktionäre Ideologie aus; es gäbe mithin vieles, dem man widersprechen müsste. Irgendwie scheint jedoch – um nur zwei Beispiele zu nennen – der antisemitische Gehalt der BIS(S)-Serie oder die rassistische Semantik vieler Lokalkrimis weniger attraktiv für Kritiker zu sein als Sachbücher von Autoren, die vorgeblich klar sagen, was sie so meinen über Deutschland, die Welt und ihren Penis (was dann nicht selten miteinander verwechselt wird).

Das Problem ist nur: der anekdotischen Evidenz, die all diese Sachbücher verbindet, ist mit dem Besteck des Kritikers und/oder des Journalisten nur sehr schwer beizukommen. Anders gesagt, in den Worten eines Germanistikprofessors: Eine solche Ideologie ist nicht dekonstruierbar, weil sie gar nicht erst auf Logik und Ratio fußt. Wohl auch deshalb gelang (meiner Meinung nach) bislang keinem eine angemessene Reaktion auf die Behauptung, in Deutschland herrsche ein „irrer Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Wie sollte man auch einem subjektiven Eindruck widersprechen, der derart offenkundig falsch ist und den Mangel an Wirklichkeitsgehalt mit Populismus und Verschwörungstheorien mehr schlecht als recht zu verschleiern versucht?

Den Vogel abgeschossen hat allerdings die ZEIT, die das Buch des Katzenkrimiautors zunächst als authentisches rühmt, das „aufrichtigen Herzens“ geschrieben wurde. Dann folgt die Schilderung dessen, wogegen sich der Katzenkrimi-Autor wendet:

Dass der Zuzug von Ausländern die Republik bunter mache, dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei, dass Frauen nicht an den Herd gehörten, dass alle Formen der Sexualität gleichwertig seien[…].

Spätestens dieser zweite Absatz macht deutlich, dass der Verfasser dieses Artikels (und mit ihm die Korrekturleser des Textes) nicht zu wissen scheint, wovon er spricht, da er dieselben Quatsch-Behauptungen aufstellt, wie der Katzenkrimi-Autor, und diesem damit implizit recht gibt, sei es bewusst oder unbewusst. Denn niemals nie seit Beginn dieser Disziplin hat die Gender-Wissenschaft behauptet, „dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei“. Es handelt sich dabei vielmehr um ein „Argument“, mit dem ihre Gegner sie zu denunzieren versuchen: Gender-Forschung leugne, dass Frauen Brüste und Männer einen Penis hätten. Das ist allerdings Schwachsinn, und zwar völliger.

Richtig in dem ZEIT-Artikel ist dagegen der Vergleich mit dem Buch Mein Kampf von Adolf Hitler – wer da einmal hineingelesen hat, kann die Parallele nur vorbehaltlos bestätigen. Umso überraschender die Pointe in der ZEIT:

Das alles ist so wüst vorgetragen, dass es schon wieder komisch ist. Mit dieser Attitüde lässt sich kein Staat machen, nicht einmal eine Splitterpartei für Überzeugungsspießer.

Das finde ich nun wirklich eine seltsame, ja vielleicht sogar feige Volte, weil der Text am Ende also vor seiner eigenen These zurückzuckt. Schließlich war es just Mein Kampf, mit dem Adolf Hitler einen Staat gemacht hat, der Menschen erst rhetorisch ausgegrenzt und sie im Anschluss ganz real industriell vernichtet hat.