0,03 Prozent. Oder: Abschied I

Juni 11th, 2014 § 3 comments § permalink

Es sind mittlerweile viele Theorien über das Scheitern der Krautreporter ins Kraut geschossen, und im Grunde zielen alle auf diese oder jene Weise darauf, dass sich das Projekt nicht gut genug verkauft hätte. Diesen Vorwurf finde ich merkwürdig (oder sogar ein wenig gruselig in seinem blanken Kommerzialismus), da ich eigentlich immer froh bin, wenn man mir ausnahmsweise mal nichts verkaufen will, denn das ist im Journalismus ohnehin ziemlich selten geworden. Die Werbung in eigener Sache bestimmt längst nicht nur ein paar Links hier und da, sondern redaktionelle Linien und Entscheidungen: WM-Texte gehen gerade am besten? Na gut, erfinden wir also noch ein paar Placebo-Nachrichten, in denen die Wörter „Weltmeisterschaft“ und „Fußball“ vorkommen. Für den Bericht über die deutschen Rüstungsexporte interessiert sich gerade niemand? Na, dann bald weg damit. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Leserbeteiligungsprojekten und Marketinginstrumenten ist nunmal kein Zufall, und die LeserInnen beteiligen sich ja auch entsprechend brav daran, indem sie sich allererst und mehrheitlich für jene Themen aussprechen, die sie persönlich betreffen (Wo liegt nochmal Nigeria?).

Die Krautreporter haben auf Namen und etwas später auch auf Inhalte gesetzt, so dass ich mich in meiner Entscheidung dafür oder dagegen durchaus ernst genommen fühlte. Die wollten kein Lob für ihre PR, sondern eine Anerkennung für den Journalismus, den sie darstellen. Meine Entscheidung, die Krautreporter nicht zu unterstützen, basiert denn auch genau darauf: Die Köpfe und die Themen von Krautreporter finde ich nicht spannend, ganz einfach. Man muss da auch keine einzelnen Namen nennen, jedoch promoten sich einige der AutorInnen besser, als sie denken und schreiben, jedenfalls nach meinem Geschmack. Und wenn man mal die Vornamen der viel zu wenigen weiblichen Krautreporter in order of appearence benennt – Theresa, Jessica, Theresia, Andrea Hanna, Anne, Victoria –, dann ahnt man, dass es in diesem Team nicht nur an Frauen und MigrantInnen mangelt, sondern zudem das Milieu recht klar begrenzt ist. Aber gut, Journalismus ist und bleibt offenbar ein bürgerliche Erfindung und wird im Zweifelsfall eben mit dem Bürgertum untergehen müssen, wenn er sich weiterhin so arg daran klammert.

Womit ich endlich bei meiner eigenen These über das Scheitern der Krautreporter wäre, die die Bezeichnung „These“ eigentlich gar nicht verdient hat, da es sich um nichts anderes als eine banale Wahrheit handelt: Es gibt schlichtweg nicht genug Menschen, die bereit sind, für Qualitätsjournalismus – denn als solchen begreifen sich die Krautreporter durchaus, auch wenn das böse Wort höchstens zwischen den Zeilen genannt wird – 60 Euro im Jahr auszugeben. Kurz gesagt: Die Leute interessiert´s nicht, es ist ihnen buchstäblich nichts wert. Vielleicht sollte man diese Ablehnung ebenfalls als Form der Leserbeteiligung begreifen, statt ein ums andere Mal die Krautreporter zu schelten, dass sie sich ihren potentiellen LeserInnen nicht erfolgreich genug aufgeschwatzt haben. Wir haben 50 Millionen Deutsche gefragt: Wer ist bereit, für guten Journalismus 60 Euro auszugeben? Das Ergebnis: nicht einmal 15.000, das sind umgerechnet 0,03 Prozent. Auch eine Erkenntnis.

Und nun doch noch eine kleine These am Ende: Dass viele Medienblogger sich geradezu verpflichtet fühlten, ihren Beitrag nur unter ausgestellten Schmerzen oder ostentativ widerwillig zu leisten, aber ihn dann natürlich doch zu leisten, beweist vielleicht am besten, wie wahr das Krautreporter-Scheitern ist. Die Unterstützung galt sichtlich mehr der Hoffnung auf eine Zukunft des Journalismus denn dem Projekt als solchem. Auch diese Hoffnung darf nun als enttäuscht gelten.

 

Nachtrag 30. Juni: Da in den Kommentaren bereits darauf hingewiesen wurde: Ich habe natürlich mitbekommen, dass die Krautreporter ihr selbstgestecktes Ziel erreicht haben, fände es aber falsch, meinen Text jetzt dahingehend abzuändern, da ich meine Annahme eines Scheiterns nicht nachträglich verbergen wollte.

Boko Haram

Mai 14th, 2014 § 0 comments § permalink

Endlich ist Boko Haram wieder in aller Munde, und hinter diesem Namen liest man üblicherweise in Klammern die Übersetzung „westliche Bildung verboten“. Das klingt logisch und umgehend glaubhaft als Selbstbeschreibung einer islamistischen Terrorgruppe. Allein, so einfach ist die Sache nicht; offenbar sind sich nicht einmal alle Hausa (die Ethnie, deren Sprache diese Bezeichnung entstammt) einig, was dieser Begriff eigentlich bedeuten soll. Die Schwierigkeit liegt weniger in dem Wort „Haram“ – auch wenn üblicherweise der Zusatz „nach islamischem Recht“ fehlt, obwohl es just das beschreibt: dass etwas nicht Scharia-konform ist. Es geht mithin um „boko“, ein Hausa-Wort, „originally meaning sham, fraud, inauthenticity, and such which came to represent western education and learning“ (Paul Newman). Das Wort machte also einen Bedeutungswandel durch, von „Betrug“ zu „westlicher Bildung“.

Man kann sich ungefähr denken, wann das geschah: als die britischen Kolonialisten mit jeder Menge evangelikaler Missionare im Gepäck in das Gebiet des heutigen Nigeria kamen, nach und nach Richtung Norden vordrangen, dort mächtige Kalifate unterwarfen und 1914 schließlich drei „Protektorate“ zu einem Land namens Nigeria vereinigten. Zwar hat der Westen nicht nur die muslimische Bevölkerung (die Hausa und die Fulani) betrogen, doch waren und blieben sie die einzigen, die sich nicht – wie etwa die Igbo im Südosten oder die Yoruba im Südwesten – christianisieren lassen wollten und also stets die – nicht zahlenmäßig, sondern bürokratisch – Unterlegenen waren und blieben, während das Land die wichtigen Schritte in Richtung Unabhängigkeit unternahm. Die Aussage, dass westliche Bildung im Hausa-Islam verboten ist, stellt folglich kaum mehr als eine Tautologie dar, denn „westliche Bildung“ kann im Falle Nigeria umstandslos mit dem Christentum gleichgesetzt werden. Und was das Christentum da angerichtet hat, verursacht bis heute immer wieder Bürgerkriege; der brutalste davon der Biafra-Krieg von 1967 bis 1970, dessen Urszene den aktuellen Ereignissen verdammt ähnlich sieht. Auch damals begann alles mit Pogromen gegen Andersgläubige im Norden.

Ich halte den Roman „Half of the Yellow Sun“ (der Titel bezieht sich auf die Flagge Biafras) von Chimamanda Ngozi Adichie nicht in allen Teilen für gelungen (aber das sagt sich eben so widerwärtig leicht aus einer deutschen Perspektive). Und doch wirft schon der Trailer der Verfilmung ein paar Blitzlichter auf ein Land, in dem westliche Bildung nicht verboten ist, sondern vielmehr die einzige Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs darstellt.

Meine zweite Waschmaschine
Oder: Bauknecht ist jetzt Whirlpool

April 24th, 2014 § 1 comment § permalink

Gerade als wir dachten, es erfolgreich ignorieren zu können, dass unsere Waschmaschine ganz zweifellos gefährlich klingende Geräusche machte, krachte es irgendwo in ihrem Inneren zweimal scharf und metallisch. Ich drückte hysterisch den Stopp-Knopf. Ich zog den Stecker, und damit war das Ende der Bauknecht besiegelt. Ihr Leben war kein schlechtes, auch wenn es damit begann, dass ich sie gleich bei ihrem ersten Lauf fürchterlich demütigte, indem ich vergaß, zuvor die Feststellschrauben zu entfernen. In jeder weiteren Version, die F. von dieser Geschichte erzählt, hüpft die Bauknecht noch höher (spätestens beim überübernächsten Mal wird F.´s Hand in Kopfhöhe deuten) und bedrohlicher durch unser kleines Bad. Bedienungsanleitungen sind nunmal nicht mein Ding, schon nach dem ersten Halbsatz schaltet mein Gehirn einfach ab und ich bekomme es nicht mehr in Gang, solange ich solch ein Papier in Händen halte. Gleiches gilt für Handytarife, Verträge und ähnliche bürokratische Prosa: Das sind derart langweilige Texte, dass ich sie schlichtweg nicht verstehe. Wegen eben dieser widerwilligen Unfähigkeit habe ich auch die Suche nach dem preiswertesten Waschmaschinenmodell schnell wieder aufgegeben – die Frage reduzierte sich folglich auf einen Gegensatz, dessen Ungegensätzlichkeit als typisches Merkmal unsere Tage gelten darf, nämlich auf: Mediamarkt oder Saturn? Auch die Antwort ist vermutlich ziemlich zeitgemäß: Mediamarkt, weil der ist näher. Und am besten wieder eine Bauknecht, denn die mochte ich irgendwie, und im Grunde sind ja eh alle Marken dasselbe.

Als Frau in einer Waschmaschinen-Abteilung ist man ein doppeltes Objekt der Begierde: einerseits von einkaufenden Männern, weil Waschmaschinen zu den wenigen technischen Gerät gehören, mit denen umzugehen – so die Unterstellung – Frauen gewohnter und also erfahrener sind (während Spülmaschinen lieber von Männern adoptiert werden, warum auch immer); und andererseits von Verkäufern, die mittels desselben Klischees ein Gespräch auf Augenhöhe inszenieren, allerdings ohne mit einem weiteren ‚männlichen‘ Technikverständnis konkurrieren zu müssen. Vor beidem habe ich mich ein wenig gefürchtet, denn tatsächlich haben Waschmaschinen keine besonders guten Erfahrungen mit mir, und zudem habe ich in meinem Leben noch nie eine Waschmaschine gekauft (die erste war ein Geschenk meiner Eltern, vor immerhin 12 Jahren), weshalb ich mich für durchaus anfällig für die Vorführung ‚männlichen‘ Technikverständnisses hielt.

Der Verkäufer ließ im Mediamarkt auch nicht lange auf sich warten. Allein, das war gar kein Verkäufer, sondern ein Vertreter von Samsung, der mich also gar nicht beraten, sondern mir bloß eine Samsung-Maschine verkaufen wollte. Ich weiß nicht, ob es mittlerweile zum Usus gehört, dass neben (mehr oder weniger) unabhängigen Verkäufern, deren Rat wenigstens ich in Waschmaschinenangelegenheiten unbedingt bedarf, auch Unternehmensabgesandte auf Kunden losgelassen werden, um ganz gezielt zu desinformieren. Mir war der Samsung-Mann schon vorher aufgefallen, und mir war auch aufgefallen, dass er mich ins Visier genommen hatte, weshalb ich ihn auf seine nette Frage, ob er mir helfen dürfe, gleich auf seine Samsung-Zugehörigkeit angesprochen habe. Auch habe ich ihm sofort, vermutlich etwas überfallartig, eröffnet, dass ich auf keinen Fall ein Samsung-Produkt erwerben würde, weil ich damit wiederholt schlechte Erfahrungen gemacht hatte (Mobiltelefon und Laptop). Da zog er die Technikkarte: Na, wenn ich mich auf derart subjektive Erlebnisse verließe und von Fakten nichts wissen wolle, dringe er mit seinem Expertenwissen natürlich nicht durch … Ich ließ ihn also sein Expertenwissen anhand eines Vergleichs zweier Trommeln – ich habe die Fachbegriffe vergessen, pardon, und warum die eine besser sein sollte, als die andere, weiß ich auch nicht mehr – demonstrieren und entließ ihn, da er sein nächstes Opfer bereits ausgemacht hatte.

Doch auch dieser Käufer ließ sich offensichtlich nicht für dumm verkaufen, weshalb wir beide endlich ohne den Samsung-Mann dastanden und uns gegenseitig berieten (seine Siemens hat 20 Jahre gehalten!). Dann kam eine Verkäuferin, der ich sogleich meine vermeintliche Entschiedenheit für Bauknecht kundtat. Dann der Schock: „Bauknecht ist jetzt Whirlpool“, sagte sie (nein, eigentlich sagte sie: „Bauknecht ist jetzt Wörlpuhl“). Und nun? „AEG“, sagte sie, zeigte uns eine Maschine, beriet uns – und hatte in nicht einmal fünf Minuten zwei Maschinen verkauft (der Samsung-Mann war nach fünf Minuten noch nicht einmal zu seinem Trommelvergleich gekommen) – vermutlich zu ihrer Überraschung, weil sie den anderen Käufer und mich wohl anfangs für ein Paar gehalten hatte, da wir nett beisammen standen und plauderten. Der AEG-Co-Käufer wohnt, wie wir beim quasi parallelen Ausfüllen der Bestellzettel feststellten, nur ein paar Häuser weiter. Dass wir uns noch nie gesehen haben, mag in Berlin normal sein, aber sicher nicht in München. Und vielleicht ist das das eigentlich Zeitgemäße an dieser Geschichte: Dass nun Keine-Samsung unbekannterweise gleich doppelt in derselben Straße steht.

Schon wieder komisch

April 7th, 2014 § 0 comments § permalink

Ich verstehe selbstverständlich den Affekt, der Paranoia von Katzenkrimi-Autoren öffentlich widersprechen zu wollen, wenn deren offensichtlich rassistischer und sexistischer Mist – sofern man den bisherigen Besprechungen Glauben schenken darf – zum Bestseller avanciert. Allein: ein Gutteil der Bücher in den Top Ten zeichnet sich durch Dummheit, Xenophobie, schlechtes Deutsch und eine reaktionäre Ideologie aus; es gäbe mithin vieles, dem man widersprechen müsste. Irgendwie scheint jedoch – um nur zwei Beispiele zu nennen – der antisemitische Gehalt der BIS(S)-Serie oder die rassistische Semantik vieler Lokalkrimis weniger attraktiv für Kritiker zu sein als Sachbücher von Autoren, die vorgeblich klar sagen, was sie so meinen über Deutschland, die Welt und ihren Penis (was dann nicht selten miteinander verwechselt wird).

Das Problem ist nur: der anekdotischen Evidenz, die all diese Sachbücher verbindet, ist mit dem Besteck des Kritikers und/oder des Journalisten nur sehr schwer beizukommen. Anders gesagt, in den Worten eines Germanistikprofessors: Eine solche Ideologie ist nicht dekonstruierbar, weil sie gar nicht erst auf Logik und Ratio fußt. Wohl auch deshalb gelang (meiner Meinung nach) bislang keinem eine angemessene Reaktion auf die Behauptung, in Deutschland herrsche ein „irrer Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Wie sollte man auch einem subjektiven Eindruck widersprechen, der derart offenkundig falsch ist und den Mangel an Wirklichkeitsgehalt mit Populismus und Verschwörungstheorien mehr schlecht als recht zu verschleiern versucht?

Den Vogel abgeschossen hat allerdings die ZEIT, die das Buch des Katzenkrimiautors zunächst als authentisches rühmt, das „aufrichtigen Herzens“ geschrieben wurde. Dann folgt die Schilderung dessen, wogegen sich der Katzenkrimi-Autor wendet:

Dass der Zuzug von Ausländern die Republik bunter mache, dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei, dass Frauen nicht an den Herd gehörten, dass alle Formen der Sexualität gleichwertig seien[…].

Spätestens dieser zweite Absatz macht deutlich, dass der Verfasser dieses Artikels (und mit ihm die Korrekturleser des Textes) nicht zu wissen scheint, wovon er spricht, da er dieselben Quatsch-Behauptungen aufstellt, wie der Katzenkrimi-Autor, und diesem damit implizit recht gibt, sei es bewusst oder unbewusst. Denn niemals nie seit Beginn dieser Disziplin hat die Gender-Wissenschaft behauptet, „dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei“. Es handelt sich dabei vielmehr um ein „Argument“, mit dem ihre Gegner sie zu denunzieren versuchen: Gender-Forschung leugne, dass Frauen Brüste und Männer einen Penis hätten. Das ist allerdings Schwachsinn, und zwar völliger.

Richtig in dem ZEIT-Artikel ist dagegen der Vergleich mit dem Buch Mein Kampf von Adolf Hitler – wer da einmal hineingelesen hat, kann die Parallele nur vorbehaltlos bestätigen. Umso überraschender die Pointe in der ZEIT:

Das alles ist so wüst vorgetragen, dass es schon wieder komisch ist. Mit dieser Attitüde lässt sich kein Staat machen, nicht einmal eine Splitterpartei für Überzeugungsspießer.

Das finde ich nun wirklich eine seltsame, ja vielleicht sogar feige Volte, weil der Text am Ende also vor seiner eigenen These zurückzuckt. Schließlich war es just Mein Kampf, mit dem Adolf Hitler einen Staat gemacht hat, der Menschen erst rhetorisch ausgegrenzt und sie im Anschluss ganz real industriell vernichtet hat.

Unsinn und Nachrichten

Februar 15th, 2014 § 0 comments § permalink

The Daily Beast zählt upworthy.com zur amerikanischen „New New Left“, die New York Times meint, die Seite sei „designed to spread the love for stuff that matters“, und das US-Wirtschaftsmagazin Fast Company beschreibt die Seite als „kind of like a soulful Buzzfeed“. Da ist was dran, wobei der Begriff „soulful“ die Sache nicht ganz trifft, denn die Upworthy-Macher zeichnen sich weniger durch Seele und Gefühle als vielmehr durch Haltung und eine eigene Meinung aus. Upworthy-Mitgründer und -Herausgeber Adam Mordecai zum Beispiel schreibt in seinem upworthy-Profil:

I want my gay friends to be able to get married. I want my undocumented friends to gain citizenship. I want everyone to have healthcare. I want the media to do their job. And I want politicians to learn shame.

Selbstredend schlägt sich der politische Anspruch in den Inhalten nieder; die aktuellen Aufmacher von Upworthy lauten zum Beispiel:

»Old White Guy Drops A Monster Speech On Anti-Gay Football Teams. Seriously Impressive Performance.«

»What Happens To Some Kids When They Go To Work In This Famous Industry Is Awful«

»One Of Putin’s Homophobic Spokesmen Is Shamed On ‘The Daily Show,’ And That’s The Least Awesome Part«

Nun kann man darüber streiten, ob man den massenhaften Konsum bunter Bildchen und kurzer Filmchen wirklich als politischen Diskurs begreifen kann, der infiltriert werden muss. Man kann darüber streiten, ob eine derart zerstreute Unterhaltung tatsächlich Auswirkungen auf Meinungen und Haltungen haben kann. (Ich selbst bin mir da nicht sicher, weshalb ich längst mal über Upworthy schreiben wollte.) Was man aber nicht kann: Man kann Upworthy keinesfalls als »Blödelseite« titulieren. Das würde auch nie einer machen? Oh doch, die die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel.

Anlass des SZ-Artikels ist die Tatsache, dass die Nutzerzahlen von Upworthy – nach einem geradezu unglaublichen Anstieg im vergangenen Jahr – plötzlich um die Hälfte gesunken sind. Grund dafür, das hat die SZ auch ganz brav bei Bloomberg abgeschrieben gelesen (ohne den Text zu verlinken, denn das würde die User ja nur zum Wegklicken animieren), ist eine Algorithmen-Änderung bei Facebook, denn von dort kommt durchschnittlich die Hälfte der Upworthy-Nutzer. Der Bloomberg-Text zitiert Vermutungen, dass diese Änderung ziemlich unverblümt auf Upworthy ziele – weil Facebook es entweder generell nicht goutiere, dass jemand sein Geschäftsmodell auf dem »sozialen Netzwerk« aufbaue; oder weil Facebook von Upworthy endlich auch mal Geld sehen will. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Facebook den Algorithmus ändert, und schon früher lag der monetäre Verdacht nahe, wie Bloomberg-Autorin Megan McArdle schreibt:

Then Facebook changed the rules, and suddenly those followers were worth a lot less. Meanwhile, Facebook expanded its advertising offerings, leading to suspicions that the algorithm change was aimed at making page owners pay to promote their content.

Das scheint die SZ aber genauso wenig mitbekommen oder verstanden zu haben wie die Bloomberg-Metapher des Bauens auf fremdem Grund, deshalb wird das Schrauben an den Algorithmen in der SZ etwas anders erklärt, nämlich mit einer weiteren groben Fehleinschätzung des Autors, der Upworthy-Inhalte kurzerhand zum »Unsinn« erklärt:

Mehrfach im Jahr arbeiten die Facebook-Ingenieure an den Algorithmen, zuletzt im Januar 2014. Die Änderung zuvor, Anfang Dezember, war es, die Upworthy auf Facebook aus dem Schaufenster in die Abstellkammer verbannte. Dabei hat Facebook legal und auch verständlich gehandelt – die Firma wollte weniger Unsinn und mehr ernsthafte Nachrichten verbreiten.

Es ist wahrlich bemerkenswert, wie man einen Artikel über Upworthy und Facebook schreiben kann, ohne überhaupt seriös zu erklären, was Upworthy ist, ohne wenigstens am Rande die Frage nach der Ideologie der Klickzahlen zu stellen (die bei Upworthy tatsächlich nicht alles sind) und ohne die politische Implikation der Facebook-Algorithmen auch nur marginal zu reflektieren. Ich kann ehrlich keinen Journalisten ernstnehmen, der das Geschäftsmodell seines Arbeitsgebers derart inhaliert hat, dass er nurmehr ökonomisch und kaum mehr kritisch zu denken in der Lage ist. Die Pointe des Textes verrät das ein weiteres Mal, denn auch sie handelt nicht von Information oder gar kritischem Bewusstsein, sondern einzig und allein von Marketing:

Und doch haben die Kalifornier mit dem Schritt viel weniger ihren Sinn für gute Berichterstattung bewiesen als ihre große Macht über die Nachrichtenauswahl. Für Medienunternehmen kann dies nur bedeuten, sich nicht zu sehr auf Facebook und andere Netzwerke zu verlassen. Es muss noch andere Wege geben, um in die Köpfe der Leser zu gelangen.

Ja, ja, diese Wege muss es wohl geben. Ich hätte da sogar eine Idee: Wie wär´s denn einfach mal mit weniger Unsinn und mehr ernsthaften Nachrichten?

Sicherheitheit. Oder: Perlen des Paranoiden

Juni 17th, 2013 § 0 comments § permalink

In der NZZ ist heute ein schöner und interessanter Text über die jüngste Geschichte der mittelalterlichen Handschriften von Timbuktu erschienen. Kurz gesagt geht es darum, dass das wertvolle Gut in großer Gefahr ist, weil kluge Einwohner der Stadt es vor den verschiedenen Besatzungsmächten versteckt haben. Nun lagern diese Handschriften also übers Land verteilt in unauffälligen Blechkisten und Garagen – und nehmen dabei täglich Schaden, vor allem wegen der Feuchtigkeit in den heimlichen Lagern.

Der Autor Markus M. Haefliger scheint nicht nur vor Ort und im Besonderen auch in einer solchen Bücher-Garage gewesen zu sein (im Guardian stattdessen nur eine Meldung), sondern erzählt gleichsam nebenbei noch eine andere Geschichte, die man durchaus amüsant nennen könnte. Denn die Retter der Handschriften haben ziemlich Chuzpe bewiesen, als sie die Schriftstücke den letzten Besatzern, den Jihadisten von Ansar ad-Din, als religiösen Wert vorstellten und sie in deren Schutz übergaben. Eine Aufgabe, die von den Islamisten denkbar bereitwillig und eifrig übernommen wurde – offenbar in völliger Unkenntnis des tatsächlich teils weltlichen, teils alchemistischen (und also ganz sicher nicht islamistisch korrekten) Inhalts der Texte. Haefliger zitiert in indirekter Rede Abdoulaye Cissé, einen Mitarbeiter des Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba (Ahmed-Baba-Institut): „Dies [die Manuskripte bewachen] hätten sie auch getan, und zwar so gründlich, dass ihn die Wachen bald selber nicht mehr in das Gebäude eingelassen hätten.“ Und noch ein weiteres Mal haben sich die Islamisten als schlichtweg ungeeignete Vertreter ihrer Ideologie entpuppt: Als sie ein paar tausend Manuskripte einfach übersehen haben, weil das Licht in einem Raum nicht eingeschaltet war.

Wie gesagt: Dass es sich bei den Islamisten um Idiotae gehandelt haben muss, wird nicht explizit gesagt, lässt sich aber kaum ignorieren. Ich finde den Ton jedenfalls gelungen, weil er dennoch nicht kolonialistisch und nicht islamphob daherkommt. Worauf Haefele sogar ausdrücklich hinweist, und zwar gleich im ersten Satz, ist eine gängige Fehlinterpretation, die auch ihm unterlaufen ist und er also richtigzustellen sucht (was ich schon an sich sehr löblich finde und eigentlich auch für einen feinen journalistischen Zug halte):

Anders, als dies in den Medien dargestellt worden ist oder in Berichten über die islamistische Besetzung Timbuktus im letzten Jahr suggeriert wurde (auch von diesem Korrespondenten), waren die sektiererischen Unterdrücker nicht blindlings darauf aus, die Handschriften der alten Gelehrtenstadt zu zerstören. Im Gegenteil.

Diese Formulierung „Im Gegenteil“ muss es wohl gewesen sein, die beim Perlentaucher sofort die Islam-Verbrüderungs-Alarmglocken schrillen und den Verstand in diesem Lärm verstummen ließ – obwohl das Gegenteil von „blindlings“ die Sache eigentlich eher schlimmer denn besser macht. Aber gut. In semantischer Unfähigkeit fasst man beim Perlentaucher die Stoßrichtung des Artikels also so zusammen:

Mit sehr viel Verständnis für die Islamisten, die Mali ins Chaos gestürzt hatten, erzählt Markus Haeflinger, wie Abdel Kader Haïdara und die Bibliothekare von Timbuktu ihre kostbaren Manuskripte in Sicherheitheit  [sic] brachten.

Ich weiß nicht, welchen Artikel der Verfasser der Perlentaucher-Feuilleton-Rundschau gelesen hat, aber den von Markus M. Haefliger mit Sicherheitheitheit nicht. Oder höchstens den ersten Satz davon. Das Tragische an der Geschichte: ein einigermaßen intelligenter Islamophobiker (sofern es solche gibt, ich zweifle ja daran) hätte sich aus diesem NZZ-Artikel einen richtig hässlichen und bösen und doofen Islamisten stricken können. Doch nicht einmal dazu reicht es offenbar beim Perlentaucher.

In eigener Sache: LiteraturInnen

Mai 24th, 2013 § 0 comments § permalink

Seit beinahe zehn Jahren arbeite ich als freie Autorin für diverse Print- und Onlinemedien. Gleichsam von Anfang an stand ich dabei auf zwei verschiedenen Beinen: Ich habe einerseits über Medien (aka Fernsehen und Internet) geschrieben und andererseits über Literatur. Leichter fällt mir Ersteres, auch und gerade weil es sich nicht um mein Leib- und Magenthema handelt und ich also irgendwie anders als Andere darüber zu schreiben scheine; mein Herz hängt jedoch zweifelsohne an der Literatur, und zwar mehr denn je. Ich bin, um es kurz und kulturpessimistisch zu sagen, glücklich, wenn ich ein Buch lese, und oft völlig genervt, wenn ich mehrere Stunden vor irgendeinem Bildschirm verbracht habe (außer natürlich, es handelt sich um eine Grimme-Sitzung!). Und gefühlt wird das immer schlimmer. Das Dumme ist nur: Die politische Kritik ist bei Medienthemen überaus gefragt – sowohl im Netz als auch auf Papier kann man damit relativ einfach Punkte machen –, in der Literaturkritik dagegen alles andere als en vogue.

Da ich Literatur jedoch für das vielleicht politischste (kann man dieses Wort eigentlich steigern?) Medium überhaupt halte und ohnehin schon seit Jahren vorhabe, endlich ein ordentliches Literaturblog zu beginnen, ist es „LiteraturInnen“ geworden: ein Literaturblog, das sich mit einem politischen Thema, nämlich mit Frauen und Literatur beschäftigt. Als ich mir über diese Ausrichtung klar war, war ich im Grunde bloß bass erstaunt, dass es ein solches Blog nicht längst schon gibt.

„LiteraturInnen“ ist nur bedingt als „affirmative action“ zu verstehen: Tatsächlich waren Frauen jahrhundertelang von der Produktion von Literatur ausgeschlossen und zugleich deren beliebter Gegenstand. Auch das Lesen galt für Frauen bis ins 19. Jahrhundert als gefährliche Angelegenheit. Heute dagegen sind Frauen schlechthin die Zielgruppe des Buchmarkts. Als junge, gutaussehende Autorin hat man es, so heißt es, leichter, einen Verlag zu finden denn als mittelalter Mann. Kann sich frau darüber glücklich schätzen? Oder bedeutet diese Hausse des Weiblichen womöglich just das Gegenteil? Welchen Einfluss auf das Schreiben, auf die Literatur, auf den Buchmarkt hat dieser plötzliche Sprung vom Außenseiter zum Superstar? Was hat man von so etwas wie dem „Fräuleinwunder“ zu halten? Warum kennt jeder Literaturkundige Chinua Achebe, aber kaum einer sein weibliches Pendant Buchi Emecheta? Wer ist Buchi Emecheta? Werden weibliche Autorinnen anders porträtiert und medialisiert als männliche Autoren? Schreiben, wie die berühmte Frage lautet, Frauen wirklich anders? Über all das und noch einiges mehr will ich auf „LiteraturInnen“ nachdenken.

Coming as soon as possible: www.literaturinnen.de

Schon online: der zugehörige Twitterkanal.